Madurai

Seien wir mal ehrlich. Die meisten Besuchern kommen nach Madurai, weil sie den Tempelbezirk sehen wollen. Das ist bei Indern nicht anders, als bei den ausländischen Gästen. Der Schreiber dieses Berichtes, selbst ein klerikalen Monumenten gegenüber eher zurückhaltender Zeitgenosse, gibt zerknirscht zu, beeindruckt gewesen zu sein, von dem, was er da erblicken konnte. Ja, die Planerin unserer Routen und Ziele hat gut daran getan, diese Stadt anzusteuern.

Der Minakshi Tempelbezirk, rechteckig angelegt, bildet die spirituelle und logistische Mitte der Altstadt. Jede Himmelsrichtung ist mit einem beindruckenden Tor bestückt, sogenannten Gopurams, die pyramidenartig aufragen bis zu einer Höhe von 60 Metern. Diese Türme sind über ihre gesamte Fläche mit Figuren geschmückt, farbig, fantasievoll, irgendwie märchenhaft. Diese Wimmelbilder laden zum Betrachten ein, manche Menschen wohl auch zu arithmetischen Spielereien, so dass wir heute wissen, dass bis zu 1.551 Figuren auf so einem Bauwerk Platz finden. Begonnen hatten die tamilischen Ureinwohner mit dem Bau im 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und sie sind noch heute mit seiner Pflege und Restaurierung beschäftigt.

Nicht nur von außen ist die Anlage ein Augenschmaus. Der gesamte Tempelbezirk kann besichtigt werden, unter den üblichen Bedingungen, also barfuß, demütig und bar jeder Kamera. Ausgenommen selbstredend hinduistische Besucher, die locker mit Handys und Tablets gerüstet, die strengen Kontrollen passieren dürfen. Wenn man sich verkneift, diese unterschiedliche Behandlung von in- und ausländischen Besuchern kritisch zu bewerten, kann der Rundgang durch die für uns zugänglichen Teile des Tempels recht interessant werden. Es gibt prächtig ausgestattete Säulenhallen zu bestaunen, ikonenhafte Wand- und Deckenfresken und natürlich in jedem Winkel Schreine, mit kunstvollen Darstellungen hinduistischer Gottheiten. Da die Tempel noch für Gottesdienste aktiv genutzt werden, sind die Innenräume durchzogen vom Duft der Räucherstäbchen und vom Klang der heiligen Gesänge, was natürlich für eine tolle Stimmung sorgt. Um es abzurunden präsentiert das Museum im Innenbereich, der von jedem besichtigt werden kann, eine beeindruckende Sammlung von Exponaten aus der langen Geschichte des Minakshi Tempels.

Jeder Besucher wird es schätzen: Um die Anlage herum führt ein Gürtel verkehrsberuhigter Straßen, die im Prinzip für Fahrzeuge gesperrt sind und es ermöglichen, relativ unbelästigt die gesamte Anlage zu umwandern. Hier haben wir auch zum ersten Mal das Papageien-Orakel erleben können. Garantiert trifft jeder auch auf mindestens einen listigen Menschen, der anbietet, von einer nahegelegenen, höheren Terrasse aus, in den Tempel hinein zu fotografieren. Alles ganz umsonst. Der Weg hinauf auf die Aussichtsplattform führt durch wenigstens 3 Stockwerke Kunsthandwerk und Kitsch. Schwer zu schätzen, wie hoch die Quote der Besucher ist, die sich im unvermeidlichen Verkaufsgespräch „only looking“ breitquatschen lassen und mit einem Andenken wieder heraus kommen, das sie eigentlich gar nicht vorhatten zu erwerben. Wie üblich konnten wir dieser Versuchung widerstehen, haben dafür aber in der Tempelgasse der Schneider und Stoffhändler kräftig zugeschlagen. Freiwillig!

Wer mit Bedacht sein Hotel gewählt hat, kommt abends noch zu einem herrlichen Ausblick auf die Anlage und mit Glück erlebt man ihn bei einem kalten Bier im Rot der untergehenden Sonne.

Madurai ist so etwas wie ein umgekehrtes Überraschungsei. Meist stößt man erst nach Erforschung der im Kern liegenden Altstadt in die Außenbezirke vor. Sie lassen ahnen, dass dort Stadtviertel sind, die modern gestaltet sind und durchaus angenehm wirken. Wer noch weiter in die Peripherie eindringt wird sogar bei den richtig großen Überraschungen landen. Alle reden vom Minakshi Tempel, aber warum spricht kaum einer von der Anlage Thiruparankundam?

Stilistisch ähnelt dieser Tempel, der der Gottheit Murugan gewidmet ist, dem Haupttempel in Madurai. Aber hier ist alles ganz anders, jedenfalls für den unbedarften, westlichen Besucher. Fotografieren ist, bis auf ganz wenige Ausnahmen, im inneren Bereich gestattet. Die Kamera muss nicht abgegeben werden; das Versprechen, auf Fotos zu verzichten, wird einem geglaubt. Auch dürfen Nichthindus hier sakralen Zeremonien beiwohnen, Pujas werden offen praktiziert. Alle für die Hindus wichtigen Götter werden hier neben Murugan, der besonders von den Tamilen verehrt wird, präsentiert. Der Gang durch den Tempel, dessen ältesten Bereiche bereits im 6. Jahrhundert tief in den Felsen hineingebaut wurden, ist ein klaustrophobisches Vergnügen, wenn man sich den Pilgerreihen anschließt, die durch Säulenreihen und enge Gänge in das Innere des Heiligtums strömen. Kleine Anmerkung für den Kenner: nur hier sind die traditionellen Reittiere Nandi, Ratte und Pfau zusammen zu sehen.

Dass Religion in Indien ein gigantisches Geschäftsmodell ist, das lebt und enorme Profite abwirft, konnten wir bei unserem Besuch hautnah erleben. P1120793Einmal in der Woche werden hier alle Opferstöcke des Tempels von einer Kommission Offizieller geleert, die den Inhalt in Kisten umschüttet und zu einem zentralen Zählplatz bringt, wo die Einnahmen von vielen fleißigen Freiwilligen öffentlich sortiert, gebündelt und gezählt werden. Bei den Bergen aus Banknoten und Münzen, die immer höher wurden, fehlte nur noch ein hinduistischer Dagobert Duck, um im Geldsegen ein Vollbad zu nehmen. Tja, Glauben lohnt sich halt immer noch, in diesem unglaublichen Land.

Wie wir hierher kamen und was wir sonst noch erlebten!

Unser Tipp für Madurai: Wir haben im Hotel Supreme übernachtet; mit tollem Blick auf die Stadt vom Dachterrassen-Restaurant aus!

Kap Komorin / Kanyakumari

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