Ratnagiri, Udayagiri und Lalitgiri

Indien ist alles andere als langweilig, das gilt auch für seine Vergangenheit. Wer hier unterwegs ist, wird es kaum schaffen, nicht mit ihr konfrontiert zu werden. Am besten befasst man sich damit proaktiv, dafür reicht ein wenig Phantasie, Neugier, Lust an Unternehmungen und die richtige Mischung aus Sehenswürdigkeiten. Obwohl wir nicht zu den Leuten gehören, die verbissen jeden Tempel und jede Ruine gesehen haben müssen, nehmen wir uns gerne die Zeit, die herausragenden Monumente anzuschauen, die auf unserem Weg liegen und scheuen dazu auch keine Umwege. Wann ist man schon mal wieder hier? Und Kultur zum Anfassen und Drinherumlaufen ist allemal packender als trockenes Bücherwissen.

Odisha, das erleben wir gerade hautnah, ist heute hauptsächlich vom Hinduismus geprägt. Allerdings hat die Region eine interessante buddhistische Vergangenheit, die großartige Spuren hinterlassen hat, die nur entdeckt werden wollen. So entstanden während verschiedener Perioden buddhistischer Kultur im 8. -10. Jahrhundert n.Ch. im heutigen Odisha, Kloster- und Tempelanlagen, die nach ihrer Zerstörung erst vor wenigen Jahrzehnten wieder ausgegraben wurden.

Um diese erstaunlichen Denkmäler zu sehen, reist man in den Jajpur Distrikt, der etwa 60 km nordöstlich von Cuttack liegt. Konkreter, zu den 3 Dörfern Ratnagiri, Lalitgiri und Udayagiri, die manchmal auch als das „diamantene Dreieck“ bezeichnet werden. Entweder als Tagesausflug von Bhubaneswar oder Puri aus, besser aber mit Übernachtung. Hotels gibt es in der näheren Umgebung und es empfiehlt sich, die Besichtigungen nicht im Eiltempo, sondern mit buddhistischer Gelassenheit zu genießen. Es lohnt sich.

Lalitgiri, das wir zuerst sehen, präsentiert sich als weitläufiges Freiluftmuseum, mit relativ hohen Eintrittspreisen für Ausländer. Außerdem müssen wir beim Eintritt den Reisepass vorlegen. Dass 200 INR pro Person verlangt werden, das zehnfache des Preises, den Einheimische bezahlen, ist zwar unschön aber so fest ins Bewusstsein indischer Offizieller gemeisselt, dass daran keine Diskussion etwas verändern würde. Ob sich das mit der angeblichen Notwendigkeit einer Kontrolle unserer Reisepapiere ebenso verhält, können wir nicht herausfinden; eine finale Klärung bräuchte mehr Zeit, als unser Visum für Indien hergibt.

Die Anlage ist schön hergerichtet, parkähnlich, mit vielen Grünflächen und prächtigen Bäumen. Trotzdem wirkt sie eher abstrakt und minimalistisch, da die Ausgrabungen hier keine vollständig erhaltenen Bauten zu Tage befördert haben, sondern vorwiegend grundrissähnliche Strukturen

Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass keine Statuen und Reliefe an ihrem ursprünglichen Fundort belassen wurden, sondern in einem eigenen Museum versammelt sind. Bedauerlicherweise dürfen diese sehenswerten Exponate nicht fotografiert werden. Für uns archäologischen Laien, die wir gerne einen Eindruck mitnehmen möchten, wie die Gebäude und Exponate im Kontext wirken, schmälert diese Trennung von Architektur und bildnerischer Kunst ein wenig den Erlebniswert.

Emotional berührender ist der hervorragend wiederhergestellte Stupa, etwas abseits auf einer kleinen Anhöhe, der tatsächlich mehr von der spirituellen Atmosphäre vermitteln kann, die hier einst geherrscht haben muss.

Ganz anders erleben wir Udayagiri. Die Ausgrabungsstätte wird sich über kurz oder lang wohl ähnlich wie Lalitgiri entwickeln. Sie ist bereits umzäunt, was auf jeden Fall Sinn macht, um den antiken Ort vor Vandalismus zu schützen. Allerdings ist bei unserem Besuch das merkantile Herz des Sightseeing-Tourismus – das Kassenhäuschen – noch nicht erbaut. Deswegen wird einfach nur das große Tor aufgesperrt, als wir auftauchen und man winkt uns hinein. Auch hier fällt zunächst die schöne, großzügige Parklandschaft auf. Udayagiri gibt sich in dieser Aufbauphase liberaler als Lalitgiri. Statuen stehen hier komplett im Freien, inmitten der Natur und dürfen ohne jede Einschränkung fotografiert werden

An einer provisorisch wirkenden Sammelstelle für Statuen, spricht uns ein Inder an, wohl um sich als Füllhorn des Wissens, also als bezahlter Guide, während des Rundgangs an uns zu heften. Wir lehnen dankend ab, kommen dann aber mit einem Wärter in ein gestenreiches Gespräch. Klar, unser Hindi ist so schlecht wie sein Englisch. Trotzdem verstehen wir, dass es in der Nähe interessante Bereiche zu besichtigen gäbe und er den Schlüssel zu einem Schrein habe, wo eine vollständige, große Buddhastatue zu sehen sei. Klar, der Herr des Schlüssels darf uns begleiten.

Idyllisch ist es hier, Kühe weiden zwischen den Ruinen vor einem großen, sehr gut erhaltenen Stupa und Dorfbewohner gehen hier noch ihrem Alltag nach. Das alles wirkt sehr harmonisch und friedlich. Der freundliche Wärter führt uns in der Ruine des Klosterkomplexes, die an sich schon beeindruckt, tatsächlich zu einem Schrein, hinter dessen kunstvoll gemauerten Eingangstor sich ein unversehrter Buddha befindet. Der Wärter öffnet für uns das Gitter. Wir schauen, fotografieren, bedanken uns mit einem Trinkgeld. Ob solche Aktionen in einigen Jahren noch stattfinden können, weiß nur der Erleuchtete.

Ratnagiri ist die 3. Station im Bunde. Alle 3 Fundorte liegen zwar entfernungstechnisch recht nah beeinander, allerdings ist die Fahrt zwischen den Orten etwas für Pfadfinder oder Einheimische. Detaillierte Hinweisschilder fehlen hier noch und das GPS zeigt nur eine Einöde, aber irgendwie schaffen es die Fahrer immer. Wir übernachten hier in einem Hotel, direkt gegenüber des Museums, das übrigens, obwohl es nur tote Ausstellungsstücke verwahrt, lebendiger wirkt als unsere Unterkunft, die ein wenig an den Film „Shining“ erinnert.

Der Eintritt in die Anlage kostet wieder für uns beide 400 INR, also zusammen etwa mehr als 5 €, dafür dürfen wir die Reisepässe steckenlassen. Es ist Nachmittag, das Licht ist um diese Tageszeit optimal. Nur wenig Besucher teilen sich gerade mit den dekorativen, weißen Kühen das riesige Gelände. Beste Gelegenheit, das ummauerte Kloster in Augenschein zu nehmen.

Hier stimmt alles: die Architektur des Klosters beeindruckt mit restaurierten Ruinen, die mehrere Meter hoch ragen, kunstvollen Ornamenten sowie Statuen, Buddhaköpfen und Reliefs diverser Gottheiten aus dem buddhistischen Olymp. Hinter einem kunstvoll gemeißelten Torbogen aus blaugrünem Stein verbirgt sich ein Schrein mit einer beeindruckenden Buddhafigur.

Auf dem Hügel gegenüber des Klosterkomplexes befinden sich die Ruinen eines beeindruckenden Stupas, der von einer Vielzahl von kleineren Kultobjekten umgeben ist. Der Ort vermittelt eine friedvolle und verträumte Stimmung und lädt zum Verweilen ein.

Je später die Stunde, umso mehr Besucher. Ein oder zwei Schulklassen treffen ein. Die Begeisterung der Schüler an diesem Bildungsausflug scheint sich in Grenzen zu halten, denn sobald sie uns entdecken, gehen sie auf ihre eigene Fotosafari, nämlich Selfies mit Touristen, also uns. Die ersten Kontakte sind eher zaghaft, als klar wird, dass wir uns nicht wehren, ist die Horde nicht mehr zu halten. Jeder will aufs Gruppenbild, wer es schafft ein Einzel mit einem von uns zu ergattern, wird von den Mitschülern bewundert.

Wir treffen die Gruppen nach unserem Rundgang im Museum noch einmal. Hier schützt uns das absolute Fotografierverbot, das eigentlich den Ausstellungsstücken gilt, vor weiteren Selfie-Attacken. Leider bekommen auch wir keine Chance, hier im Inneren Aufnahmen zu machen.

Die Übernachtung im grottigen Hotel, das in einigen Reiseführern als gut bewertet wird, überstehen wir Dank des freundlichen Personals.

Wer in Odisha ist, sollte sich einen Besuch der „Diamantenen Triangel“ gönnen; am besten, bevor der Massentourismus diese Gegend entdeckt und man sich in Besucherschlangen einreihen muss.

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