Zwischen Bormes und Saint-Tropez

Meist unterwegs mit einem Budget, das – anders als der Himmel über den Wolken – nicht grenzenlos ist, suchen wir auch in Frankreich eine gute Balance herzustellen zwischen Aufwand, den wir uns leisten können, und Erlebniswert, den wir dafür bekommen. Das lässt sich ganz gut organisieren über airbnb, mit Domizilen, die eine Kücheneinrichtung haben. Für Selbstversorger bietet gerade Frankreich optimale Möglichkeiten, nicht nur mit riesigen Verbrauchermärkten, sondern vor allem mit seinen Märkten, wo wir frisches Gemüse, Fisch und regionale Spezialitäten einkaufen.

Nach unserem Aufenthalt in der Provence und im Luberon, reisen wir weiter an die Côte d’Azur, die eigentlich den Ruf hat, ein teures Pflaster zu sein, finden wir ein Quartier, das unsere Anforderungen erfüllt, in der kleinen Siedlung zu Fuße des Dorfes Bormes-les-Mimosas: Küstennah am Mittelmeer, mit ausgezeichneter Logistik (Boulangerie und weitere kleine Läden nur 300 Meter entfernt) und für unsere Zwecke verkehrstechnisch perfekt gelegen.

Sieh, das Gute liegt so nah, möchten wir uns zujubeln, als wir Bormes-les-Mimosas eingehender besichtigen. Der Ort hat eine lange Geschichte, die übrigens für seine Einwohner nicht immer angenehm war. Die Lage am Meer prädestinierte sie, Opfer zu sein. Von Sarazenen, Piraten, Spaniern, Genuesern, Mauren, eben allen, die von See kommend erspähten, was für ein Juwel da vor ihnen lag und leichte Beute erhofften. Aber nicht nur genommen wurde den Bormesern, es gab auch Präsente. Etwa die Mimosenbäume, die der 3. Napoleon von seinen Kriegszügen mitbrachte und hier anpflanzen ließ. Damit bekam Bormes seinen Namenszusatz, der zum Träumen anregt.

Die Gemeinde erstreckt sich über einen Hang, der gute 640 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Den besten Überblick über die verwinkelten Gassen mit provenzalischen Häusern verschaffen wir uns von oben. Parken auf einem Platz, der geschmückt mit dem Wort „gratuit“, eine Einladung ausspricht, der wir als Autofahrer kaum widerstehen können, erkunden wir den Ort zu Fuß. Zuerst die obere Region, hübsch angelegt zwischen Gärten, Restaurants und den nostalgisch anmutenden Pracht-Hotels.

Bereits der Blick auf die kleine Stadt unter uns macht Lust, in diese verwinkelten Gassen hinab zu steigen, das Geschehen näher in Augenschein zu nehmen und die Geschicklichkeit seiner Bewohner, denen es gelingt, Autos in allen denkbaren Schief- und Schräglagen sicher zu parken. Wir schlendern ins Basarviertel, vorzugsweise die von der Sonne angestrahlten Flächen nutzend. Im Schatten, wo der Wind kälter weht, herrscht in diesen Tagen noch Mützenwetter. Irgendwann haben wir das Gefühl, uns verirrt zu haben. Auch das kein Problem. Im Zweifel genügt es, aufwärts zu gehen, am Ende landet man an der Straße über Bormes-les-Mimosas.

 

Entlang der Küstenlinie reihen sich die Hafen- und Badeorte wie die Perlen auf. Einige davon recht prätentiös und mondän, mit Namen, die weit über die Region hinaus bekannt sind; man ist halt an der Côte. Aber es gibt daneben noch die weniger bekannten Orte, ursprünglicher und dezenter. Beides nehmen wir uns vor zu besuchen.

Nächstgelegen zu Bormes-les-Mimosas – und rein verwaltungstechnisch sogar übergeordnet – ist Le Lavandou. Eine propere Hafenstadt, die an den Rändern schon etwas überfrachtet wirkt, mit vielen Feriensiedlungen und Unterkünften, die nur während der Sommermonate genutzt werden. Keine Plattenbauten übrigens, sondern eher hochpreisige Anlagen. Die enorme Bettenkapazität, die man vermuten darf, sorgt wahrscheinlich in der Hochsaison für endlose Autoschlangen und Menschengetümmel im Zentrum und an den Stränden.

Jetzt, Anfang April, wirkt alles noch überschaubar und sympathisch. Vor den älteren Gebäuden am Hafen erstrecken sich einige Boule-Felder in erstklassiger Lage. Ab mittags kommen die Spieler, während die Bänke sich füllen mit Dutzenden von grauhaarigen Sachverständigen, die beifällig die Boulewürfe mit Kennerblick goutieren. Restaurants und Boutiquen sind in diesem alten Stadtteil vor allem in den kleineren Gassen um das Zentrum herum zu finden. Die Hafenkulisse wird dominiert von einem Yachthafen, mit stattlichen Booten, deren Gegenwert wohl mindestens dem eines Einfamilienhauses entspricht.

Die Stadt gönnt ihren Besuchern nicht nur kleine, aber feine Strandanschnitte, die durchaus zum Baden einladen, denn das Meer wirkt sauber und einladend, sondern auch den Sentier du Littoral, eine Art Küstenwanderweg, einige Kilometer lang, der direkt an den Klippen und über große Felsen zur nächsten Bucht führt. Er wird auch gern von Läufern benutzt; das haben wir hier beschrieben.

Weiter auf der Küstenstraße Richtung Osten, man könnte auch sagen „gen Monaco“ lassen sich weitere Orte bestaunen. Dazu empfiehlt es sich über die D559 zu fahren, solange das Durchkommen ohne Staus auf der Küstenstraße möglich ist. Wahrscheinlich ist die Entschleunigung, die bei einer gedrosselten Durchfahrt im Sommer entsteht, für Autofreaks das Nonplusultra. Was sich hier an Luxuswagen tummelt, erspart den Besuch von Messen, die obendrein noch hohen Eintritt verlangen würden. Da nahezu jede Straßenkreuzung durch Kreisverkehr ersetzt ist, bieten sich dann auch tolle Gelegenheiten, vorbeirollenden Verkehr zu beobachten.

Aber zurück zu den Städten. Wir erreichen Saint-Tropez als Partikel eines Verkehrsstromes, der selbst in der Vorsaison beeindruckt. Geparkt wird auf dem Großparkplatz neben dem neuen Hafen. Im Zentrum bekommen Normalbürger kaum Stellplätze, ausgenommen man fährt Bentley oder Rolls Royce mit einem Kennzeichen, auf dem lediglich „IV“ steht. Wer oder was sich dahinter verbirgt, erfahren wir nicht.

Vorsaison in Saint-Tropez heißt nicht, dass die Besucherzahl wesentlich absinkt, wohl aber dass das Wetter ungewöhnlich sein kann. Wer die frechen französischen Filme aus den 1960er Jahren erinnert, mit Louis de Funès in der Hauptrolle, meint wohl, hier gäbe es nur den wolkenlosen, immerblauen Himmel voller Sonnenschein. Weit gefehlt. Dass es auch dramatischere Konstellationen gibt, erleben wir gerade. Kurz nach unserer Ankunft setzt sich eine schwere Gewitterwolke, wie ein gigantisches Raumschiff über der Bucht von Saint-Tropez fest und spuckt keine Aliens, sondern irdische Regenschauer aus. Kein Grund, unser Programm zu ändern, Weltenbummler sind für solche Widrigkeiten gerüstet.

Wir besuchen natürlich die berühmte Gendarmerie, der Weg dahin ist ausgeschildert, obwohl sie längst außer Betrieb ist. Danach promenieren wir auf der Promenade und lassen uns von der Kulisse beeindrucken, die ausnehmend einehmend ist, mit wirklich großkotzigen Yachten; sie ankern in erster Reihe. Fischerboote werden wohl noch in den Nebenbuchten geduldet, von irgendwoher müssen ja die köstlichen Meeresfrüchte und Fische, die im Markt und den Spezialitätenrestaurants präsentiert werden, herkommen.

Über dem Golf von Saint-Tropez, landeinwärts thront der Ort Grimaud. 10 Autominuten entfernt von seinem Hafen Port Grimaud, dieser seltsamen, erst in den 1960er Jahren gegründeten, privaten Enklave des Geldadels. Letztere umfahren wir dezent. Eine Burg auf dem Berg ist für uns attraktiver. Tatsächlich präsentiert sich das alte Grimaud, mit der hochragenden Ruine, bereits bei der Anfahrt über die D558, schön wie ein Postkartenmotiv aus vergangenen Zeiten.

Solche ehrwürdigen Gemäuer, die Burg ist immerhin fast 1.000 Jahre alt, verdienen es, zu Fuß erkundet zu werden. Wir wandern hinauf durch die steilen, mittelalterlichen Gassen, passieren kleine Läden, schmucke Restaurants und immer wieder Stellen, von denen wir tolle Sichten bis hinunter zum Golf von Saint-Tropez genießen.

Schließlich stehen wir vor den restaurierten Mauern der Burg. Wahrhaft herrschaftlich ist die Aussicht von ganz oben, nicht nur Richtung Meer sondern auch rundum, auf das sogenannte Maurenmassiv, das wir auf der Rückfahrt durchqueren.

Westlich von unserer Unterkunft in Bormes-les-Mimosas finden wir einige dieser Städtchen, die weniger spektakulär auftreten, aber nicht minder sehenswert sind, weil sich dort vieles von dieser ursprünglichen Lebensart bewahrt hat, die den Süden Frankreichs für uns so anziehend macht, Orte wie Cassis oder Sanary-sur-Mer, wo wir auf der Fahrt zu einer Wanderung Stop machen.

Überhaupt, unser Aufenthalt an der Côte d‘Azur bestätigt, dass gerade in Regionen, mit den bei Urlaubern so beliebten Ferienzonen direkt an der Küste, das touristisch etwas vernachlässigte Hinterland ganz oft seinen besonderen Reiz hat. Es genügen dann bereits ein paar Kilometer Fahrt, um eine andere Welt zu erleben. Welche Eindrücke wir bei diesen Exkursionen mitgenommen haben, beschreiben wir auf einer speziellen Seite.

Übernachtet haben wir übrigens in Bormes-les-Mimosas in einem großen und gut gelegenen Appartement bei Claude. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und können die Unterkunft empfehlen.

Wie wir hierher gekommen, könnt Ihr hier nachlesen.

 

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