Zum Wümmequelltal

Unter der Überschrift „Neujahrswanderungen durch die schöne Heide“ entdecken wir kurz vor Jahreswechsel im Wochenblatt eine Notiz, die uns interessiert. Angeboten werden drei geführte Wanderungen, auf verschiedenen Abschnitten des Heidschnuckenweges. Die vertiefenden Informationen auf der Webseite der Bispinger Touristik überzeugen uns. Wir melden uns für die Wanderung zum Wümmequelltal an: Distanz übersichtliche 5,5 Kilometer, Dauer 2 Stunden, begleitet von Wanderführer Heinz Hoyer. Spannend auch die Ankündigung, dabei etwas über die „Wümm Mudder“ zu erfahren, und natürlich der versprochene fantastische Blick ins Quelltal der Wümme.

In der Hoffnung auf einen klirrendkalten, kristallklaren Neujahrstag melden wir uns an. Ein Kinderspiel in Zeiten des Internets, als gemeldete Teilnehmer reicht es, Treffpunkt und Uhrzeit zu wissen, für alles andere ist gesorgt.

Kurz vor 13.00 Uhr finden wir uns am 1. Januar auf dem Parkplatz Niederhaverbeck ein. Die Rahmenbedingungen sind eher trübe, der Wetterbericht hat Wolken, Wind und Regen angekündigt. Trotzdem bleiben wir zuversichtlich, mag man anderswo diese Konstellation als „trostlos“ abtun, in Landschaften wie der Heide steht so ein Wetter immer für Atmosphäre.

Unser Heideguide Heinz Hoyer ist schon von weitem erkennbar. Ein drahtiger Mann, auf dem Kopf der breitkrempige Hut, wie ihn auch Gesellen auf der Walz tragen. Wir entdecken einen Bollerwagen, etliche Wanderer, geschätzte 40 werden es schon sein, und gesellen uns ganz unkompliziert einfach dazu.

Wenn einem eine Silvesterfeier noch in den Knochen steckt, weiß man eine Wanderung zu schätzen, die nicht wie unsere letzte Tour eine eigene, aufwändige Vorbereitung verlangt. Heinz Hoyer wird es schon machen, sagen wir und lassen uns von der spürbaren Leichtigkeit der Wanderlust anstecken. Die kurze, knackige Einstimmung auf unsere Wanderung, wird mit einem leckeren Berliner bekräftigt. Heinz Hoyer hat an alles gedacht und der Bollerwagen, der uns begleiten soll, verspricht noch einige Überraschungen.

Vom Parkplatz Niederhaverbeck gehen wir etwa 300 Meter Richtung Behringen und stoßen nach Überquerung der Landstraße direkt auf unseren Heideweg. Der Boden ist gut begehbar, kein Problem für Jung und Alt, auch nicht für den Bollerwagen. Sofort umgibt uns hier die Landschaft, die uns die nächsten Stunden erfreuen wird. Auch wenn das Wetter alles andere als kristallklar ist, die Sichten sind einfach schön. Dunkle, knorrige Gewächse, dichtes Heidekraut und jetzt bizarr wirkende Baumgestalten, fügen sich wie zu einem Gemälde, das ein Künstler extra für uns entworfen hat. Licht und Schatten ergänzen diesen Anblick, der ruhig und harmonisch wirkt. Solche Bilder sollen uns für den weiteren Weg begleiten.

Heinz Hoyer, der vorangeht, hält inne, wartet, bis alle Wanderer der Gruppe aufgerückt sind. Er macht das richtig, wenn er die Geschichte der Heide erzählt und dort anfängt, wo alles begann. Wir erfahren von den Eiszeiten, verstehen, was die Gletscher, die in Urzeiten aus dem Norden Europas eingerückt waren, mit dem Land gemacht haben und wie schließlich der Mensch, vor rund 1000 Jahren anfing, das Land zur Heidelandschaft zu formen. Am Ende unserer Wanderung werden wir wissen, warum es Heide gibt, welche Anstrengungen es braucht, so eine Landschaft zu hegen und wir werden auch verstehen, was aktiver Naturschutz in dieser Region bedeutet. Ehrenwort, wenn wir künftig voluminöse Maschinen in der Heide entdecken, werden wir sie nicht verwünschen, sondern uns freuen, dass fleissige Menschen hier Gutes für die Natur tun.

Die Erklärungen, die wir bekommen, sind gut verständlich, unaufdringlich. Das ist kein trockener Volkshochschulvortrag, sondern oft ein Dialog mit den Wanderern, die zum Teil wie Heinz Hoyer, in der Region aufgewachsen sind und ihre Erfahrungen und Beobachtungen beisteuern. So erfahren wir ein ganze Menge, ohne selbst recherchieren zu müssen. Und am Ende wissen wir, dass sogar unsere Alltagssprache von den Heidebauern befruchtet wurde. Wenn wir heute über harte Arbeit jammern, dabei von „Plaggerei“ reden, dann verwenden wir Heidesprache. Die Plaggerei des Chronisten, Hintergrundinformationen mitzuschreiben, dürfen wir uns heute ersparen. All das, was Heinz Hoyer an Wissen bereit hält, trägt er selbst am besten vor. Wer ihn besucht, darf es hören und sogar Fragen stellen, die fundiert beantwortet werden.

Der Weg, den wir weiter wandern, ist nach Walther von der Vogelweide benannt. Ob der Sänger jemals seinen Fuß in die Heide gesetzt hat, bleibt offen, aber in einem seiner Märchenlieder hat er sie bereits dichterisch verewigt („Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, ….“) Damit dürfte Minnesänger Walther wohl als der 1. Heidedichter in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen sein. Tandaradei!

Dass wir gerade durch das Quellgebiet von Flüssen wandern, ist für uns auf den ersten Blick nicht erkennbar. Auch hier weiß Heinz Hoyer, dass die Haverbeeke und die Wümme Gewässer sind, die ganz sacht als Moorflüsse beginnen und über weite Strecken sogar unterirdisch dahinplätschern. Dort, wo sie zusammenfließen, heißt der Fluss nur noch Wümme, der schließlich in der Nähe von Bremen über einen Nebenarm der Weser in diese mündet.

Was wir auf unserem Wanderweg sehen, sind Täler, die einen großartigen Blick über die geschwungene Heidelandschaft erlauben.

Der Höhenzug, über den wir wandern, der Surhorn, gehört mit über 100 Metern übrigens zum höchsten Teil der Lüneburger Heide. Die gegenüberliegende Höhe begrenzt das Tal.

Die Anstiege sind zu schaffen, auch die älteren Mitglieder unserer kleinen Gruppe halten gut mit. Günter, dem man seine 81 Jahre nicht ansieht, erzählt ohne außer Atem zu kommen, von sich und der Heide, wie er sie kennt. Seit Jahrzehnten kommt er her, hat alle Veränderungen miterlebt, auch die Rückverwandlung der Heide nach Abzug der Briten, die hier Übungsplätze für Panzer hatten. Günter radelt mit seinem jüngeren Bruder Werner so oft als möglich durch die Heide, hier seien die Wege noch gut, der Boden fest, so dass sie immer noch auf ihre Distanzen kämen. Hochachtung, auf Heidewegen unterwegs zu sein, ist offenbar ein Rezept für ein langes, vitales Leben.

Auf dem Surhorn angekommen, erfahren wir endlich mehr zur Wümm-Mudder, sehen hinunter ins Tal, wo sie vor rund 100 Jahren gelebt hat. Ihr Häuslein ist zwar schon längst verschwunden, aber Legenden benötigen keine steinernen oder hölzernen Mauern. Dorothea Möller-Guttmann (1873 – 1958), wie sie bürgerlich hieß, war das, was wir heute als Aussteigerin bezeichnen. Vielleicht eine Art Früh-Hippie, eine Randfigur im positiven Sinne: Geschieden, danach verarmt, trug sie Hosen, was für die damalige Zeit recht abgefahren war. Sie schrieb unorthodoxe Gedichte, lebte naturnah, erwarb ein enormes Wissen über Kräuter und das Heilen und wurde, so eigenwillig wie sie war, trotzdem von ihrer Umgebung akzeptiert. Sich selbst nannte sie „Haidefrau“ – vielleicht, nach einem Gedicht Fontanes (…. „Da heult es im Walde, da knickt es und kracht, Ihren Renner, zottig und grau, Reitet zur Tränke die Haidefrau ….“).  Das ist zwar nicht belegt, aber das Gegenteil auch nicht.

Das Tal ist wahrhaft ein Traum. Die Bedeutung der Umgebung unterstreicht Heinz Hoyer durch einen Griff in seinen Bollerwagen, reicht allen Heidehonig-Geleebärchen mit Lakritze. Geschmacklich Heidearoma pur. Jetzt fehlt nur noch eine Heidschnuckenherde. War geplant, sagt Heinz Hoyer, aber die Koordination mit dem Schäfer war heute nicht ganz erfolgreich, die Tiere müssen noch vor Einbruch der Dunkelheit im Stall sein.

Die zwei Stunden und 5,5 Kilometer vergehen gefühlt schneller als erwartet. Eigentlich sind wir ganz entschleunigt unterwegs, genießen die Gespräche mit den Menschen in unserer Gruppe. Das funktioniert in so einer Umgebung ganz zwanglos. Man lernt sich schnell kennen, wenn eine gemeinsame Basis da ist. Etwa Volker, aus der Region Lüneburg, der hier als eine Art Botschafter seiner privaten Wandergruppe dabei ist, um die nächste gemeinsame Tour in die Heide zu organisieren. Aber auch Leute wie wir, die sich ganz spontan entscheiden, einmal auszuprobieren, wie das ist, mit einem qualifizierten Guide durch die Landschaft zu spazieren, ohne selbst über Wanderkarten navigieren zu müssen. Klar, in der Heide geht niemand verloren, schon gar nicht, wenn er sich am „H“ des Heidschnuckenwanderwegs orientiert. Aber wer versorgt uns dann mit Hintergrundwissen und fast noch wichtiger, wer öffnet am Schluss seinen Bollerwagen, um daraus Sekt mit oder ohne Alkohol hervorzuzaubern und die passenden Becher dazu?

Der Spaziergang neigt sich seinem Ende zu, für uns war das die richtige Mischung an einem 1. Januar. Schaffbar, unterhaltsam und mit eindrucksvollen Bildern, die im Gedächtnis bleiben. Keine Frage, das macht Lust auf mehr…

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2 Gedanken zu „Zum Wümmequelltal

  1. Was für eine tolle Tour.
    Wir haben auch mal, vor Jahren, eine Wanderung im Januar durch die Heide gemacht. Dazu mußten wir, wie bei einer Rallye, Aufgaben erledigen. Zur Belohnung gab es dann Grünkohl… 😉

    Werden die Neujahrswanderungen jedes Jahr angeboten?
    Das könnte man sich glatt mal für nächstes Jahr vormerken.

    Viele Grüße, Tanja

    • Hallo Tanja,

      die Neujahrstouren über verschiedene Routen sind denken wir, ein Standardangebot. Wir waren zunächst skeptisch, weil wir lieber auf eigene Faust unterwegs sind. Aber gerade an einem Neujahrstag ist es gar nicht schlecht, entspannt und in fröhlicher Gruppe zu wandern. Eine Rallye mit witzigen Aufgaben stellen wir uns spanend vor. Vielleicht wird so etwas mal organisiert, wir werden dann dabei sein.

      Viele Grüsse
      Christiane & Aras

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