Loikaw

Vom Inle See nach Loikaw

Bei unserem ersten Besuch in Myanmar haben wir sie bereits gesehen und auch im Norden Thailands sind wir an einem Gebiet vorbeigefahren, wo sie leben: Die Karen. Bekannt sind diese Menschen bei uns vor allem durch ihre beringten Frauen, umgangssprachlich oft als Longneck-Women bezeichnet. Um mehr über diese und andere Ethnien zu erfahren, reisen wir in den Osten Myanmars. Dorthin, wo es an Thailand grenzt, in den Kayah State. Mitunter gibt es dort politisch motivierte Unruhen, was Besuche schwierig gestalten könnte. Obwohl wir gerne allein unterwegs sind, müssen wir daher einen erfahrenen, ortskundigen Guide engagieren, der uns auch beim Übersetzen helfen kann. Nun sind wir am Inle See und freuen uns, Little Martin zu treffen, der uns führen wird. Treffpunkt ist eigentlich Loikaw, aber das wird sich noch ändern.

Theoretisch hätten wir von Yangon aus fliegen können. Gerüchte warnen jedoch, dass Flüge schon mal abgesagt werden, wenn nicht genügend Passagiere gebucht haben. Also, sicher ist sicher und warum nicht mal andere Wege gehen. Wir finden eine interessantere Variante, zum Ziel zu gelangen. Dafür starten wir mit einem Speedboat von Nyaung Shwe. Das Wetter stimmt zur Abfahrtszeit um 8.00 Uhr. Die 60.000 Kyat, umgerechnet etwa 35 € für den Bootsmann sind vertretbar, schließlich sind wir inklusive diverser Pausen fast 8 Stunden unterwegs. Der Inle See ist bereits erwacht. Viele der typischen schlanken Boote mit dem schwebenden Bug und dem knatternden Außenbordmotor sind bereits unterwegs. Oft besetzt mit Gruppen oder Familien. Freundlich winkend grüßen sie uns. Vorbei an den Hotels stoßen wir vor in einen der unzähligen Kanäle. Sattes Grün der schwimmenden Gärten umrahmt die Fahrrinnen. Es flattert über uns, schillernd bunte Eisvögel, Enten und jede Menge Wasservögel.

Wir passieren einige Stelzendörfer, Pagoden und Klöster, entdecken so manchen Fischer, mit seinen Reusen hantierend und einbeinrudernd. Nein, nicht diesen Einen, den inzwischen die ganze Welt kennt wie den Marlboro-Mann. Andere, namenlose, die nichts weniger tun, als ihrer ureigenen Beschäftigung nachzugehen.

Hinter den letzten Häusern bedecken soweit das Auge reicht Lotusfelder den See. Alle Kelche geöffnet um diese Zeit. Unser Bootsmann zeigt, wie sich daraus eine Blumenkette basteln lässt. Ganz einfach, wenn man weiß wie. Damit könnten wir jetzt glatt auftreten.

Mehr Dörfer tauchen auf und tolle Panoramen mit Bergketten im Hintergrund. Wir staunen, wie sauber es ist; kein Müll. Die Menschen kümmern sich um die Welt, die sie bewohnen. Aufgefallen ist uns bereits, dass in Nyaung Shwe auf Plastikflaschen in Hotels und Restaurants verzichtet wird. Gezapft wird Trinkwasser aus größeren Behältern in wiederverwendbare Flaschen. Viele Unterkünfte haben sich angeschlossen. Und das macht sich bemerkbar. Keine dreckigen Abfälle stören. Wenn so ein armes Land wie Myanmar das kann, warum tut sich unsere Heimat so schwer?

Einen Stop gibt es im Töpferdorf „Naung Boh“. Keine Viertelstunde später erreichen wir eine prächtige Pagode: „Takhaung Mwetaw“, die mit finanzieller Unterstützung ausländischer Buddhisten renoviert wurde.

Inzwischen sind wir am mittleren See, dem Nebenprodukt einer Aufstauung. Gleichwohl wirkt er nicht weniger naturbelassen, als der Inle See oder der dritte im Bunde, der Sankar Lake. Bei strömendem Regen erreichen wir die Landestelle bei Pekon, einen kleinen umtriebigen Minihafen mit Fähranleger. 

Glücklicherweise haben wir unsere Weiterfahrt nach Loikaw mit Little Martin umdisponiert. Er erwartet uns am Anleger mit einem komfortablen Van. Unterwegs stoppen wir im Kayan Dorf, besuchen seine Tante. Eine der ersten Longneck Frauen, die wir treffen.

Am späten Nachmittags erreichen wir Loikaw, eine gemütliche Hauptstadt, die wir uns bald genauer anschauen.

Loikaw

In der Hauptstadt des Staates, die eigentlich ein großes Dorf ist, sind wir überwiegend zu Fuß unterwegs. Tuktuks entdecken wir keine, aber das passt schon. Denn weder Verkehr, noch Bebauung oder gar quirlige Menschenmassen bereiten einem Stress. Zu besichtigen gibt es eine exquisite Pagode. Positioniert auf einem Hügel, liegt die Taung Kwe oder auch Split Mountain Pagoda. Vielleicht als kleine Hommage an das berühmtere Heiligtum bei Kyaikto im Mon-Staat, gibt es hier gleich zwei kleine Kopien des „Golden Rock“. Eintritt wird nicht verlangt, nur ein kleiner Obolus für die Kamera. Was wir bekommen ist großartig: Gute Atmosphäre, schöne und interessante Eindrücke, Ausblicke auf die Stadt und freundliche Besucher. Außerdem für 30 Minuten das Gefühl, enorm prominent zu sein. Jeder will sich mit uns fotografieren lassen.

Unweit des Pagodenbergs liegt der Markt. Der ist aufgeräumt und entspannt. Die Einheimischen finden hier alles, was sie brauchen und wir ein paar Zutaten für das leider kärgliche Hotelfrühstück.

Wer die Zeit hat, sollte sich einen Spaziergang entlang am Fluss gönnen. Dazu einfach über die Brücke ans andere Ufer gehen. Direkt am Wasser verläuft ein Weg, der kaum befahren ist und sehr idyllisch wirkt. Loikaw zeigt sich weiter total entspannt, leider ohne Infrastruktur, die einen Touristen verleiten würde, Geld auszugeben. Viele Schönheitssalons sehen wir, Friseure und Schuhläden, aber kein Restaurant, in dem man sitzen wollte. Dafür ab und an kleine Kioske mit Fastfood à la Myanmar.

Der Straße folgend wechseln wir hinter der großen Biegung des Flusses über die 2. Brücke, zurück zum anderen Ufer, gehen wieder Richtung Pagodenberg. Auf dem Weg finden wir den ehemaligen Palast, der heute als Kloster genutzt wird. Das Holzgebäude war vor seiner Übergabe arg heruntergekommen. Heute sieht es hier proper aus, Gläubige und Mönche sorgen für den Unterhalt des Gebäudes. Unser Fazit eines entspannten Bummels: Für Loikaw genügt zeitlich ein Nachmittag.

Reisen durch den Kayah-Staat

Unser Guide Martin und ein Fahrer holen uns wie verabredet vom Hotel ab. Erste Station ist der Demoso (Myo Ma) Market. Solche Märkte sind nicht nur Versorgungszentren sondern auch sozialer Treffpunkt. An den beiden Markttagen, Mittwoch und Samstag, finden sich die Leute aus der Umgebung ein. Bauern und ihre Kunden, Familien, Alt und Jung. Hier gibt es, was sie zum Leben brauchen und noch ein wenig mehr. Alle notwendigen Lebensmittel, Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch, Gewürze und Frösche. Auch bunte Blumen für die vielen Schreine. Aber vor allem Reiswein. Schon frühmorgens wird viel gebechert und kanisterweise eingekauft. Obendrein treffen sich viele Besucher in appetitlich dekorierten Buden zu Leckereien und Getränken. Topseller sind die feisten Würste, Reiswein und Bier.

Unsere Weiterfahrt führt uns vorbei an einer aparten Pagode in der Hügellandschaft, die „White Pagoda Taw Kyat Taung“. Wir haben keinen Schimmer, ob dieser Komplex überhaupt in Reiseführern erwähnt wird, aber er hätte es verdient. Das Gebiet, in dem wir uns jetzt bewegen, heißt übrigens nach einem der Dörfer „Panpet“.

Wir cruisen durch prächtige Karstlandschaften, die in dieser Jahreszeit in sattes Grün getaucht sind. Auf den Bergspitzen lassen sich Stupas oder Kreuze ausmachen, manchmal beides zusammen. Tatsächlich gibt es viele Christen in dieser Region, die, wie die Buddhisten, ihre Anwesenheit mit heiligen Symbole unterstreichen. Falls Völkerkundler hier lesen, noch eine Information: Die Kayan Stämme in dieser Region sind Rwan Ku, Daw Kay, Ka Thae Ku, Salon Kanar und Penm Son.

Bei den Frauen mit den Ringen

Von den Longneck Frauen, die man hier trifft, sind nach unseren Erfahrungen nur die älteren authentisch. Jüngeren Frauen und Mädchen werden die Ringe kaum noch angelegt. Wir sehen während der Rundfahrt tatsächlich auch Orte, wo es kommerzieller hergeht, und Frauen sich mit abnehmbaren Halsringen präsentieren. Gebräuche und ihre Entwicklung ethisch zu bewerten, wollen wir uns nicht anmaßen. Wir sind hier ja nicht als Kritiker fremder Kulturen unterwegs.

Martin, unser Guide, hat ein gutes Gespür, was beiden Seiten, also Besuchern und Besuchten zumutbar ist. Er arrangiert Treffen, die ausdrücklich nicht wie Zoobesuche ablaufen. Wir werden wie entfernte Familienmitglieder empfangen, erzählen von uns und hören die Geschichten der Frauen. Wir machen uns namentlich bekannt und sagen auch, warum wir fotografieren und dass möglicherweise viele Menschen diese Bilder sehen werden. Die Damen freuen sich über unser Interesse, sind locker und extrem freundlich. Da ist nichts aufgesetzt oder gespielt. Nicht Masse sondern Klasse, wir haben Gelegenheit vier Ladies näher kennenzulernen:

Mu Law, Großmutter, 74 Jahre alt, 7 Kinder, in ihrem blitzblanken Haus. Sie ist lustig, lacht viel, macht Scherze und freut sich offensichtlich sehr über den Besuch von Martin und seinen Freunden aus Deutschland.

Mu Tyan, 82 Jahre, 9 Kinder, aber nur 5 leben noch. Sie wirkt zunächst gebrechlicher, ist ja auch die Älteste. Im Gespräch verliert sie ihre anfängliche Zurückhaltung und kommt sehr aus sich heraus.

Pi Lone, 77 Jahre alt. Die Dame wirkt irgendwie aristokratisch, ist immer noch die Herrin ihrer Familie. Körpersprache und Auftreten sind selbstbewusst, sie hält das Zepter zuhause immer noch in den eigenen Händen.

Mu Mai, 68 Jahre alt. Irgendwie scheint sie der Besuch zu langweilen, der Funke will nicht so recht überspringen. Das müssen wir akzeptieren, schließlich treffen hier keine Maschinen aufeinander, die ihr Program abspielen.

Für alle Damen hat Martin etwas eingekauft; er kennt ihre Vorlieben. Wir haben kleine Geschenke dabei, die wir in Deutschland besorgt haben. Seifen und kleine Parfüms für die Frauen, für die Kinder Luftballons. Und wir merken, das kommt alles gut an

Ortswechsel ins Stammesgebiet der Kayah

Eine tolle Initiative. Die Einwohner des Dorfes Ta Nee Lale präsentieren proaktiv ihre Kultur und laden Besucher ein, den Alltag ihrer Gemeinschaft kennenzulernen. Das Dorf tritt auf wie eine selbstverwaltete Kooperative und nicht wie die Abteilung eines Völkerkunde Museums. Ein Mädchen empfängt uns, erklärt, was wir sehen werden, und führt uns dann durch ihre Siedlung.

Im Dorf werden die alten Handwerke und Traditionen bewahrt und praktiziert. Wieder sind es die Alten, die ihre Erfahrungen weitergeben und vorführen. Ganz natürlich, unprätentiös. Da ist das Musikerpärchen, sie 70, er 72 Jahre alt. Sie spielen auf selbstgebauten Bambus-Instrumenten einige Stücke, die an balinesische Musik erinnern. Später lernen wir noch die Baumwollspinnerin kennen, die uns zeigt, wie aus einem Baumwollbausch eine stabile Schnur entsteht. Sehen auch den seltsamen Schmuck aus schwarz lackierten Baumwollsträngen, den die Frauen hier an den Beinen tragen.

Zum Dorf gehören auch zwei Schamanenkultstätten mit Totempfählen, die offenbar fleissig genutzt werden. Tatsächlich existieren ja die animistischen Kulte in einer Symbiose mit dem christlichen Glauben und dem Buddhismus.

Bevor wir das Gebiet verlassen, besuchen wir eine Attraktion, die viele einheimische Touristen anzieht. Wir bemerken, dass Reisebusse und PKWs einen ganz bestimmten See ansteuern. Den wollen wir auch sehen. Es ist der Umbrella Pond. Dort lässt sich mit etwas Glück ein kleines Naturphänomen beobachten. Schirmähnliche runde Flächen aus Sand, mitten in einem Teich, durch die Wasser heraussprudelt. Irgendwann verschwinden sie einfach und entstehen an anderer Stelle neu. So etwas wird gerne als „holy“ verehrt und lockt natürlich Pilger an.

Die Rückfahrt von Loikaw zum Inle See

Wir machen einen Abstecher zu einem Dorf der Lisu. Ein Bergvolk, das aus China eingewandert sein soll. Die Zufahrt über den sehr schlechten Weg zum Dorf inmitten von Feldern ist für unseren wackeren Fahrer ein schweißtreibender Job. Hier gibt es keine Steinhäuser, die ebenerdigen Bauten sind ausnahmslos aus Bambus und Holzbalken gefertigt, die Dächer mit Blättern bedeckt. Die Menschen, die wir treffen, wirken ärmlicher. Selbst die Kleidung, für die der Stamm der Lisu eigentlich berühmt ist, ist abgewetzt. Gut erkennbar ist immer noch, dass die Gewänder der Frauen ursprünglich sehr farbenfroh und aufwändig gearbeitet waren. Trotzdem bleibt der Eindruck, hier läuft es wirtschaftlich nicht gut. Die Häuser sind im Inneren sehr rudimentär, der Boden roh belassen und anstelle einer gemauerten Feuerstelle gibt es meist nur einen Steinring, in dem etwas Holz lodert. Obwohl es Strom gibt, sind nicht alle Haushalte angeschlossen. Athmosphärisch ist es nicht so einladend wie am Vortag. Wir versuchen über den Dolmetscher Gespräche. Die Reaktionen eher apathisch.

Von den 4 Frauen, die wir treffen, sind 3 Betelkauerinnen. Erschreckend, dass selbst die Ärmsten der Armen das wenige Bargeld für Drogen ausgeben. Früher soll es hier besser gewesen sein, da wurde noch Opium angebaut. Aber das ist heute strikt verboten. Selbst die Kinder wirken unfröhlich, etwas rabaukig, zeigen weniger Respekt gegenüber den Alten. Wir sprechen im Dorf mit 4 Frauen:

  • Doshwita, 65, Betelkauerin
  • Nosami. 70, Betelkauerin
  • Thingo, 68 Betelkauerin, mit 8 Kindern, davon 5 noch am Leben
  • Nampa, 70 keine Betelkauerin, alle Kinder verstorben, aber die Enkel kümmern sich

Wir fahren weiter, sehr viel nachdenklicher als am Vortag.

Die Kakku Pagode

Nach einigen Stunden passieren wir die Grenze zum Shan-Staat, erreichen das Gebiet der Pa-O. Hier gibt es eine besondere Sehenswürdigkeit, die wir nicht übergehen wollen, die Kakku Pagode. Ein Tempelkomplex auf einer beeindruckenden Fläche von 100 Hektar, bedeckt von 2.478 Stupas. Ob die Zahl stimmt, wissen wir nicht, aber sie ist höchst plausibel. Die Anlage soll von Kaiser Ashoka begründet worden sein, reicht also zurück bis ins 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Bis zum Jahr 2001 war Ausländern der Besuch verboten, inzwischen dürfen sogar Einzelreisende dorthin, allerdings sollte man einen Guide dabei haben. Wie auch immer, der Anblick ist gewaltig und gehört zum eindrucksvollsten, was Myanmar zu bieten hat.

Am späten Nachmittag erreichen wir wieder Nyaung Shwe. Unsere Tour war ein voller Erfolg, was natürlich auch viel mit Little Martin (khunaungpey@gmail.com) unserem Guide zu tun hat, dem wir hier noch einmal ausdrücklich danken möchten. Er hat seine Sache ausgezeichnet gemacht, sehr sensibel und aufmerksam eine Brücke zwischen uns Besuchern und den Einheimischen gebaut. Das war nur möglich, weil wir die Menschen, die wir treffen wollten, in ihrer eigenen, vertrauten Umgebung aufsuchen konnten.

2 Gedanken zu „Loikaw

  1. Großartig geschrieben, mir war, als wäre ich mitgereist.
    Vielleicht habe ich das Glück und kann das auch einmal in Realität erleben.
    Liebe Grüße
    Gerda

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