Sa Pa

Sa Pa ist der erste Ort in Vietnam, an dem wir einige Tage verbringen. Entscheidend ist vor allem die Lage; wir erhoffen den Charme einer Hillstation. Überhaupt, die Reiseführer versprechen nur Gutes und die Bilder zu Sa Pa bestätigen das positive Image. Wir erreichen den Ort abends und bekommen nicht viel mit, außer viel glitzerndem Neonlicht und dem Gefühl, dass entweder mit den Straßen etwas nicht stimmt oder unser Taxi dringend neue Stoßdämpfer braucht. Am nächsten Tag klärt sich die Frage, die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand.

Das erste Abendessen enttäuscht ein wenig und tatsächlich beschäftigt die Suche nach guten Restaurants uns auch in den nächsten Tagen mehr als sonstwo. Bier, fällt uns auf, ist mit umgerechnet 75 Ct. pro Flasche billig. Wer Lust hat westlich zu essen, findet vorwiegend ins italienische spielende Speisen: Pizza und Pasta. Meist weit entfernt vom Original, aber niemand hier erwartet wohl mehr. Immerhin gibt es auch Baguettes, so dass sich morgens sogar ein klassisches Frühstück simulieren lässt.

Sa Pa, das etwa eine Stunde von Lao Cai, dem Grenzort auf vietnamesischer Seite entfernt ist, liegt circa 1.600 Meter hoch im Hoang Lien Son Gebirge. Dort, wo 1880 von französischen Kolonialisten eine Hillstation gegründet wurde, die ab den 1920er Jahren zu einem Erholungsort ausgebaut werden sollte.

Wenn Sa Pa jemals einen besonderen Charme gehabt hat, ist es jedenfalls hervorragend gelungen, diesen in sein genaues Gegenteil zu verwandeln. Das Stadtbild ist gegenwärtig erschreckend. Zwar lässt sich von bestimmten Standpunkten aus mit geschickter Kamerahaltung der Eindruck zu vermitteln, man sei in einem alpinen Bergort, allerdings zerbröselt dieses Image bei näherem Hinschauen. Warum darüber so wenig zu lesen ist versteht, wer die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern kennt.

Es braucht schon etwas Courage einzugestehen, dass der Kaiser nackt und Sa Pa eine wenig attraktive Stadt ist. Wo immer es in Sa Pa möglich war, entstanden einfallslose Großbauten. Betonklötze, die als Hotels genutzt werden, hinter- über- und nebeneinander in den Berg gesetzt. Wahren die Fassaden noch den Schein, laufen die Rückseiten in slumähnlichen Vierteln aus. Die Stadt scheint eine einzige Baustelle, wir waten durch Bauschlamm, balancieren über gebrochene Bürgersteige, vorbei an offenen Abfallecken und Gebäuden, die danach schreien, abgerissen zu werden. Wohlgemerkt, das sind keine historischen Strukturen, an denen der Zahn der Zeit nagt, sondern Billigteile, die nicht anders können, als schnell zu verrotten. Sogar die Umgebung um den See im Zentrum von Sa Pa, eigentlich die Chance für einen netten Flanier- und Erholungsbereich, wirkt erschreckend fantasielos und vernachlässigt.

Auch die Backpackermeile um die Cau May Street ist im Vergleich mit ähnlichen Quartieren beispielsweise in Thailand, Nepal oder Indien nicht die bunteste und aufregendste Location. Die Outdoor-Läden mit B-Qualität lohnen eigentlich nur, sucht man günstige Regen-/Daunenjacken oder Rucksäcke

Ungewohnt nach unseren Wochen in China ist der Anblick der vielen westlichen Touristen, angelockt durch preisgünstige Unterkünfte. Ja, in Vietnam kann man durchaus billig urlauben, Straßenbild und Besucher ergänzen sich hier jedenfalls ausgesprochen harmonisch. Etwas heraus fällt ein Protzbau, halb Luxusherberge im Stil französischer Hotelpaläste, halb feudaler Bahnhof. Es ist allerdings nicht die vietnamesische Eisenbahn, die hier einfährt, sondern die Seilbahn zum Fansipan

Über 6 km lang ist die Strecke und überwunden werden gute 1.400 Höhenmeter. Die Fahrt in diesem technischen Meisterwerk dauert 15 Minuten und ermöglicht jedem, der den Fahrpreis von umgerechnet 33$ pro Person bezahlt, einen Blick vom höchsten Berg Vietnams. Ein Erlebnis, das man sich früher erst nach mühevollem Aufstieg verdient hatte. Ob das erhoffte Panorama dann auch gegenwärtig ist, bleibt aber fraglich. Sa Pa gehört zu den wolkigsten und nebelreichsten Gebieten überhaupt; der Blick auf undurchdringbaren grauen Dunst ist von oben nicht viel spannender als der aus der Froschperspektive.

Was Sa Pa nicht im Stadtkern bietet, findet sich vielleicht in seiner Umgebung. Viele Reisende mieten sich deshalb Mopeds, wir engagieren 2 Xe Om Fahrer, also Motorrad-Taxis. Für 200.000 Dong fahren sie uns 2 Stunden lang zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, also Helm auf und den Sozius bestiegen. Die beiden fahren übrigens vorsichtig und meiden Risiken, was bei diesen Straßenverhältnissen nicht selbstverständlich ist. Der Verkehr ist dicht und am bedrohlichsten wirken die gigantischen Lkws, die von und nach Laos unterwegs sind. Angesteuert werden einige Aussichtspunkte sowie ein Wasserfall, zu dem wir über steile Stufen hinaufsteigen. Schön, aber nicht spektakulär ist das, aber auf jeden Fall besser, als was Sa Pa im Stadtbereich zu bieten hat.

Da wir Pech mit dem Wetter haben, verzichten wir auf eine lange Trekkingtour, wandern stattdessen nur ein paar Kilometer in das nahe Dorf Cat Cat; angepriesen als eine Art Museumsdorf, wo sich angeblich Kultur und Lebensweise von Minderheiten bestaunen lässt. Zum Staunen ist allenfalls die Einfallslosigkeit, die hier geboten wird. Hat man die üblichen Läden mit nichtssagenden Kitsch hinter sich gelassen, darf wer will ein Ticket lösen, um ins Dorf hinunterzusteigen. Beinharte Besucher mieten sich dazu das Outfit eines Einheimischen. Wir verzichten. Was vom Eingang zu sehen ist reicht uns; stattdessen suchen wir uns ein Lokal mit Aussichtsplattform und genießen die Sonne, die sich gerade blicken lässt.

Was uns in Sa Pa – und nur dort – auffällt, sind die Frauen, die vor Hotels oder Restaurants Touristen abpassen und ins Gespräch verwickeln. Angehörige ethnischer Minderheiten, die versuchen, auf diese Weise Kleinigkeiten zu verkaufen und Trekkingtouren in ihre Dörfer zu vermitteln und mitunter recht anhänglich sind, sich erst abschütteln lassen, wenn sie etwas Umsatz gemacht haben oder unverrückbar klar wird, dass kein Geschäft zustande kommt. Es heißt, Auflagen der Regierung, die sich gegen Minderheiten richten, lassen den Frauen keine Alternative, anders etwas Geld zu verdienen. Das stimmt uns nachdenklich und betrübt angesichts dieser Hoffnungslosigkeit… ob’s wirklich stimmt, können wir nicht herausfinden.

Unser Fazit zu Sa Pa würden wir wie folgt formulieren: Wanderer, willst du nach Sa Pa, wirf erstmal einen Blick auf die Landkarte. Sa Pa, hat nämlich auch eine Umgehungsstraße. Und das ist gut so.

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