Pondicherry

Pondicherry als gallische Enklave in Tamil Nadu zu bezeichnen, ist zwar nicht mehr ganz zeitgemäß, da das französische Indien schon 1954 offiziell abgedankt hat, aber immerhin legt die Verfügbarkeit des „Zaubertrankes Bier“ in fast allen Restaurants diesen Vergleich nahe.

Wir sind in Südindien, am Golf von Bengalen, auf dem Unionsterritorium Pondicherry (offiziell Puducherry), das vor 63 Jahren die Hauptstadt der französisch kontrollierten Gebiete in Indien war. Die meiste Zeit verbringen wir im europäisch anmutenden Ostteil der Stadt, der früher „weiße Stadt“ genannt wurde. Der Westteil, die ehemalige „schwarze Stadt“, ist rein indisch geprägt. Bei seiner Eingliederung in die Indische Union konnte Pondicherry ein gewisses Maß an Autonomie retten und die Erlaubnis, eine eigene Alkoholsteuer festzusetzen. Und die ist ausgesprochen niedrig. Der Bierbrauer „Kingfisher“ wird es zu würdigen wissen, wir schmachtenden Touristen natürlich ebenso. Im Ergebnis ist es nirgends in Indien – außer wohl in Goa oder Sikkim – so unkompliziert, ein kühles Helles zu bestellen wie hier, auch wenn es, um den ethischen Ansprüchen indischer Teetotaler gerecht zu werden, im schwarzen Keramikbecher serviert wird.

Die Orientierung in Pondicherry ist denkbar einfach, die Stadt ist nach Art eines Schachbretts strukturiert. Selbst wer nur Halma beherrscht, kreatives Verlaufen klappt hier einfach nicht, wir wissen immer, wo wir gerade sind, meistens nämlich zwischen der Mahatma Gandhi Street und der Avenue Goubert, der Strandpromenade.

Schön, dass es sie gibt, die Promenade; andere Städte am Golf haben keine. Neu und breit lädt sie zum Spazierengehen ein, trotzdem wirkt sie surreal in diesem Teil der Welt: Das Pflaster ist penibel sauber, Rauchen und Alkoholkonsum sind verboten, Straßenhändler auch, Kühe tauchen nirgends auf und Müll scheint es nur in fernen Galaxien zu geben. Damit können wir leben. Aber wäre es nicht unterhaltsamer, hier noch bunte Kioske zu finden, Teestuben, Streetfood und Bistros? Immerhin, wie ein Solitär thront in der Mitte der Promenade, neben dem Gandhi Denkmal, das „Le Café“, ein sympathischer, einstöckiger Laden, der früher vielleicht eine Zollstation war. Heute bietet man dort Snacks an, Getränke und beste Aussicht aufs Meer. Auch am Südende der Promenade findet sich schmucke Gastronomie, betrieben von den hochpreisigen Hotels, die sich nicht verstecken muss, weiß einer aus unserem Team zu berichten, der sich dort Icecream gekauft hat.

Trotz steriler Atmosphäre ist die Promenade ein Magnet. Tagsüber, in der Hitze, wenn die kühlende Brise vom Meer herüberweht, vor allem aber in der Zeit zwischen 18.00 und 7.30 Uhr. Dann ist die Promenade über ihre gesamte Länge für den Verkehr gesperrt und wird zum Fußgänger-Eldorado und Treffpunkt für Bewegungssuchende. Walker, Bummler, sogar Läufer bevölkern dann die Straße. Auch wir nutzen die Chance, mitten in der Stadt, unbehelligt von Verkehr und Gestank, zu laufen, schweissgebadet, denn selbst kurz nach 6 fühlt sich Pondi an wie ein Treibhaus.

Die freundlich, lockere Atmosphäre präsentiert Bilder, die niemand schnell vergisst. Etwa den Sadhu, der sich, seiner bittend ausgestreckten Hand folgend, treiben lässt, die Meditierenden am Ufer, die bewegten Menschen im Alltagsdress. Einige wollbemützt den 28 Grad Celsius trotzend, andere lässig und sportlich gestylt. Männer, Frauen, Kinder, Familien und Freundesgruppen, alle sind hier.

Zu unserem Einzugsgebiet gehört die vormalige Rue Bussy, die heute Lal Bahadur Shastri heißt. Dort, ungefähr in der Mitte, finden wir die Konditorei „Baker Street“, wo wir morgens als Alternative zum pappigen Einheits-Frühstücks-Toast im Hotel, frische Baguettes, kaufen und mittags leckere Kuchen besorgen… vive la France! Etwas höher, an der Ecke zur Gandhi Street, befindet sich der Laden mit den definitiv besten reinen Fruchtsäften. Ananas, Melone, Papaya, was die Jahreszeit hergibt, frischgepresst, für unschlagbare, umgerechnete 50 Ct. Das gehört zum Leben wie Gott in Französisch-Indien, ebenso wie die ausgesuchten Restaurants zum Abendessen, von denen es mehr als genug gibt.

Was macht man sonst in so dieser Umgebung? Schauen! Die kleinen Straßen in der weißen Stadt, mit vielen Gebäuden im Kolonialstil, laden zum Bummeln ein. Vieles ist ansprechend restauriert und erinnert an ein koloniales Frankreich aus dem Bilderbuch, an Orte, die so auch irgendwo im Süden unseres Nachbarlandes liegen könnten, mit schattigen Alleen, Gärten, gemütlichen Ecken. Sogar die Polizisten haben ein Käppi auf, wie die Flics in La France.

Dass wir immer noch in Indien sind, verraten uns die Boutiquen, Restaurants und Antiquitätenläden in den Seitenstraßen. Was dort angeboten wird, ist exotisches Hindustan mit einem Schuss Moderne. Wer es ganz indisch mag, kommt westlich der Gandhi Street auf seine Kosten, wo Läden und Straßenbild an vergleichbare Viertel in Delhi oder Mumbai erinnern.

Pondicherry bietet nicht nur Stadtleben, gut erreichbar gibt es im Norden und im Süden der Stadt Strände, die zum Besuch einladen. Allerdings sind Touristen aus dem Westen gut beraten, ihre Vorstellungen über Beach Life mit Schwimmen, Abhängen auf Sonnenliegen sowie freundlich servierten, kühlen Drinks, dezent zurückzustellen, in Indien läuft es einfach anders.

Nach einigen Tagen Stadtleben steht uns der Sinn nach Strand. Etwas mit Schirmen wäre nett, vielleicht auch Liegen. Erstes Ziel ist der Serenity Beach, rund 5 km mit dem Tuktuk nach Norden, nahe des Ortsteils Kotamedu, Fahrpreis dahin 180 INR. Serenity verspricht zwar Resorts und Hotels, allein wir finden nicht, was vollmundig angepriesen wird. Dafür aber einen kleinen, idyllischen Ort, direkt am Meer, mit Pensionen und kleineren Hotels.

Wo die Straße endet, verläuft in beide Richtungen ein langer Strand, nicht vermüllt und bedeckt von bunten Fischerbooten. Sonnenschirme gibt es natürlich nicht, wie konnten wir so vermessen sein, daran auch nur zu denken. Pragmatisch lehnen wir uns an eines der vielen bunten Boote, genießen die Wärme und das Meer, übersehen dabei den neuen Farbanstrich und handeln uns zur leichten Sonnenbräune einen kräftigen Streifen in froschgrün ein. Das frische Froschgrün beim Schwimmen abzuwaschen ist heute nicht angeraten, dafür ist die Brandung zu stark. Ein Tipp: Wer hier übernachten will, findet unschwer eine Unterkunft, wird aber auf die üblichen Unterhaltungsangebote verzichten müssen. Hier ist es still und einfach.

Eine andere Möglichkeit ist Paradise Beach. Dazu fahren wir ca. 7 km mit dem Tuktuk nach Süden, der Fahrpreis beträgt 200 INR. Als Ziel reicht es, Paradise Beach anzugeben. Tatsächlich geht es aber zum Fähranleger Chunnambar, da der Strand am besten vom Fluss aus erreicht wird. Kleiner perfider Trick der findigen Organisatoren: Der Anleger befindet sich in einem Park, den nur betreten darf, wer Eintritt bezahlt. Die Fähre kostet uns 200 INR pro Person, damit beläuft sich der Besuch schon mal auf knappe 500 INR, umgerechnet 6,50 €. Wir tun einfach so, als sei das Kurtaxe und schlucken aufkommenden Groll hinunter. Die Fahrt zum Paradise Beach führt durch eine Flusslandschaft, die den Backwaters in Kerala ähnelt. Getragen von ruhiger Strömung, entlang an Ufern mit dichter Vegetation, brauchen wir etwa 15 Minuten bis zum Ziel. Am Horizont lässt sich bald das Meer erkennen, gut sieht es aus.

Paradise Beach ist recht groß, bedeckt von feinem, goldgelben Sand, soweit das Auge reicht, dazwischen kleine Hütten, vereinzelt auch Sonnenschirme, dahinter die Brandung des Golfs von Bengalen. Die Leute, die mit uns im Boot angekommen sind, verteilen sich schnell; hier scheint es sich relativ ruhig und unbehelligt sitzen zu lassen. Einige Touristinnen wagen es sogar, sich im Badeanzug zu sonnen.

Eigentlich verdient der Strand seinen Namen zurecht, denn es ist wahrhaftig paradiesisch, entspannen zu können ohne Müll, seltsame Gerüche und den ewig lärmenden Verkehr. Wäre da bloß nicht der Strandwart mit der Trillerpfeife. Er redet nicht, er trillert seine Befehle. Watet da jemand vom knöcheltiefen ins knietiefe Wasser? Antrillern, bis er entnervt aufgibt. Ist einer so dreist, den Strand über die zart markierte Begrenzung hinaus zu verlassen? Antrillern, Antrillern Antrillern!

Eine Gruppe juveniler Neugieriger schafft es, uns das Paradies vergessen zu lassen. Sie belagern uns, als wären wir der Nabel der Welt. Weil dazu sogar unserem Strandwart das Trillern im Halse stecken bleibt, verschaffen wir uns selbst einen Freiraum, was übrigens sofort funktioniert. Irgendwann machen wir uns auf den Rückweg, zurück zum Fähranleger. Mit unserem Ticket können wir jedes Boot nutzen, einfach anstellen und einsteigen. Nur eine gute Viertelstunde später stehen wir wieder am Parktor und verhandeln mit einem Tuktukfahrer über den Fahrpreis zurück.

Pondicherry ist übrigens auch ein guter Ausgangspunkt für Leute, die vorhaben, Auroville zu besuchen, jeder Tuktukfahrer kennt den Weg zu den 12 km entfernten Communities. Wir selbst lassen diesen Ort aus, da die Idee, Geschichte und Praxis dieses Projekts, das sich auch fast über 50 Jahre nach seiner Gründung noch in einer Experimentalphase befindet, uns weniger interessieren, als das Indien drumherum.

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