Shaxi

Ehrlich, unser Wissen über Shaxi, bevor wir dort ankommen, hat weniger mit harten Fakten als mit Legenden zu tun, die in Romanen und Filmen erzählt werden. Schön sei es, wird erzählt, aber solche Bewertungen sind ja immer relativ. Eine belastbare Information scheint, dass es in Shaxi einen wichtigen Markt gibt, der immer freitags stattfindet, und Treffpunkt ist für die Menschen aus den umliegenden Dörfern. Das klingt interessant genug unsere Reise so zu takten, um pünktlich an einem Markttag in Shaxi einzutreffen. Leider hakt die sonst so perfekte chinesische Tourismusmaschine ausgerechnet heute. Der Minivan, der uns in zwei Stunden nach Shaxi bringen soll, ist angeblich defekt. Ersatzweise steigen wir auf lokale Busse um, die doppelt so lange brauchen.

Abgesetzt werden wir an der Hauptstraße, einen knappen Kilometer weit von unserer Unterkunft. Kein Taxi oder Tuktuk weit und breit. Eine freundliche Chinesin hilft uns, auf halbem Weg vom Hotel abgeholt zu werden und ab jetzt ist alles wieder gut.

Shaxi war früher eine wichtige Station auf der Route der legendären Tee- und Pferdekarawanen, die den Süden Yunnans mit Tibet und Indien verband. Es liegt in einem weitem Tal, umgeben von Bergen, zwischen Wäldern und Feldern am Fluss Heihui. Wenn es Orte gibt, die einen mit ihrer Magie sofort in ihren Bann ziehen, dann ist Shaxi so einer. Idyllische Häuser in kleinen, verwinkelten Gassen, der ethnische Mischmasch aus Han-Chinesen und ethnischen Minderheiten, wie Naxi, Bai und Yi, sowie Bergbewohnern mit tibetischen Einschlag, alle geschäftig, ohne aufgeregt zu sein; das wirkt malerisch, ohne aufgesetzt zu sein. Besucher ahnen, welche reiche Vergangenheit diese Region mit der Moderne verbindet.

Noch ist es nicht zu spät für den Freitagsmarkt. Wir erfragen die Richtung und folgen einfach den Frauen mit den Tragekörben auf dem Rücken. Die Gemüse und Obstsektion ist noch nicht abgebaut. Zur Stärkung kaufen wir eine Dampfnudel, die frisch aufgebacken überall für 1 Yuan angeboten werden. Der Kloß schmeckt absolut neutral nach frischem Teig. Mit Honig oder Marmelade könnte das ein gutes, sehr sättigendes Frühstück sein. Einige Frauen um uns, Kunden wie Standbetreiber, sind folkloristisch gekleidet, Männer tragen eher schlichte Alltagskluft, die nichts über die Herkunft verrät, einige ältere noch Maojacken und Kappen, wie einst der große Vorsitzende.

Es ist jetzt Spätnachmittag, eine gute Zeit, hinunter zum Heihui Fluss zu gehen. Nicht zu verfehlen ist die alte Yujin Brücke.

Sie wirkt wie aus einer anderen Zeit und man kann sich lebhaft vorstellen, wie früher die großen Karawanen der Pferde- und Teehändler über diese Brücke zogen. Auf kleinen Wegen ist man sofort inmitten der schönen Landschaft, zwischen Feldern und Dörfern. Wer will kann hier mit dem Rad ausgedehnte Touren machen, Ausritte unternehmen oder einfach nur wandern.

Zurück geht’s über eine Hängebrücke, erst auf die andere Flussseite, dann wieder hinein nach Shaxi durchs klassische Ost-Tor.

Von hier aus gelangt man zum imposanten Marktplatz, wo früher die Karawanserei war. Heute steht hier nur noch das alte Theater. In den angrenzenden Gebäuden sind Andenkenläden und einige nette Restaurants untergebracht. Auch einen buddhistischen Tempel mit grimmigen, dämonischen Torwächtern findet man hier.

Fast jede Ecke in Shaxi bietet Postkartenansichten, die malerischen Gassen laden zum Bummeln ein und da der Ort nicht ganz so von Touristen überlaufen ist, lässt es sich hier gut aushalten.

Schwer, sich von dem Ort loszureißen, der noch so viele sehenswerte Ecken hat, aber ein weiterer Höhepunkt erwartet uns: Die Tour zum Shibao Shan Berg, dem Stone Treasure Mountain. Zwar suchen wir nur eine Eingewöhnungsstrecke als Vorbereitung auf die Tigersprungschlucht, aber die Shibao-Wanderung klingt vielversprechend. 5 Stunden soll sie dauern. Wir modifizieren sie etwas, da es am Ziel Tempel gibt, die wir besichtigen wollen. Von einem freundlichen Taxifahrer, der unterwegs für uns an einem schönen Aussichtspunkt anhält, lassen wir uns zum 12 km entfernten Berg fahren, planen, von dort zurückzuwandern.

Auf dem Berg empfängt uns ein Naturpark, der zu den ersten geschützten Gebieten Chinas zählt. Mit wuchtiger Empfangsstation für Besucher und einem Parkplatz, da private Fahrzeuge im Park nicht erlaubt sind. Natürlich kostet es Eintritt. Normal 45 Yuan und die Hälfte für Senioren ab Alter 60. Jetzt zu Fuß die Tempel anzusteuern ist möglich, der erste liegt ja nur ca. 1,5 km entfernt vom Eingang. Aber der zweite ist abgelegener, dafür brauchen wir später den Shuttleservice, der für Besucher eingerichtet ist und als „hop on – hop off“ funktioniert. Die Fahrscheine gibts am Ticketschalter für 20 Yuan pro Person.

Erster Stop: Baoxiang Tempelanlage oder: Vorsicht, fiese Affen!

Hop off bei einem kleinen Imbiss-Campus. Eine der Frauen deutet auf die Treppen, die den Berg hinauf führen, drückt uns einen Stock in die Hand und erklärt: „bad monkeys“. Tatsächlich warnt ein Schild vor aggressiven Affen. Okay, also Kampf mit Hanumans Truppen. Wir wandern Stufen hinauf, steile 15 Minuten, durch Wald und Felsen, bis Gebäude sichtbar werden: Ein Kloster! Übersetzt wird der Name des Baoxiang treffend mit „Hängender“ Tempel. Massig ragt vor uns eine senkrechte Wand auf, in die Schreine und Skulpturen hineingebaut sind.

Das alles lässt sich sogar aus der Nähe betrachten, einfach den Treppen weiter folgen. Keine Zeit für Höhenangst, die Stufen sind stabil, die Wege zwischen den Etagen eng, aber überall sind Geländer angebracht, die in gutem Zustand sind. So manche Überraschung ergibt sich beim Hineinsteigen. Hinter Ecken tauchen Figuren auf, die von unten gar nicht sichtbar sind, und Perspektiven, die Fotografenherzen zum Rasen bringen. Vor allem aber wird die Aussicht immer besser. Folgt man dem Höhenweg nach rechts, nimmt die Dichte der Andachtsorte ab, dafür die Population der Affen zu. Einer lässt sich keck blicken, unbeeindruckt durch unseren Stock, der natürlich zur Warnung hochgehalten wird.

Wir kehren um, es gibt noch viel zu sehen. Unter einem Wasserfall, der in einem plätschernden Teich endet, kommen wir zu den Gebäuden im Haupthof. Prächtig verziert ein jedes, mit Schnitzereien und Golddekor. In die Tempel darf man hinein. Die fantastischen Gestalten neben dem Buddha erinnern stark an die buddhistische Bilderwelt, wie wir sie aus Nepal und Nordindien kennen: Grotesk, bizarr, bunt bemalt. Baoxiang ist gepflegt, als wäre alles erst vor kurzem erbaut. Tatsächlich ist die Gründung durch den Mönch Pu Lian schon über 500 Jahre her.

Zweiter Stop: Shizhong Tempel 

Zurück an der Straße steigen wir in den nächsten Bus, Richtung Shizhong Tempel. Im Ankunftsbereich weisen Schilder den Weg. Die 500 m abwärts zum Kloster, über gute Wege durch üppige Vegetation sind schnell geschafft. Angekommen haben wir Mühe, den Eingang zu den Grotten zu finden, dem ältesten Teil der Anlage, der bereits vor 1.300 Jahren angelegt wurde.

Um dort hineinzukommen geht man direkt durch den Vorhof des Klosters. Gegenüber liegt die Tür zum antiken Bereich. Hier wird noch einmal das Ticket vorgelegt und ein jeder instruiert, dass fotografieren streng verboten ist. Im Inneren sind wir allein mit uralten Fresken und buddhistischen Reliefs sowie einem sympathischen Wächter, der pantomimisch die 3 Affen nachmacht, sich wegdreht und uns ansonsten tun lässt. Ob das Bilderverbot mit der Darstellung eines weiblichen Geschlechtsteils auf einem der Reliefs zu tun hat?

Der Rückweg, ein perfekter Abschluss

Der Fußweg nach Shaxi liegt zwar oberhalb des Ausgangs der Grotten, aber wir starten, weil man es uns anders erklärt, vom großen Parkplatz auf der Shizong-Seite. Der Weg beginnt als Straße und schwenkt nach 10 Minuten abrupt nach links, auf einen mit Platten belegten Pfad. Von jetzt an ist die Orientierung simpel: immer auf diesem Pfad bleiben, der das Zeug hat, zu einem der schönsten Trekkingwege gekürt zu werden. Abwärts geht’s in Schlaufen über steile Stufen. Ein nicht enden wollendes Panorama schönster Landschaften, getaucht in sattes Grün tut sich auf. Ein herrlicher Kontrast zum blauen Horizont. Es gibt mehrere Tempel auf dieser Strecke, in den Felsen geschlagen oder an besonderen Punkten platziert.

Im Tal angekommen wandern wir zu einem Dorf, das wir durchqueren und biegen rechts ab, auf die Zubringerstraße nach Shaxi. Es heißt, für diese Strecke, brauche man 1,5 Stunden. Wir benötigen 2, inklusive Pausen für Fotos.

Ein solcher Tag verdient es, mit einem guten Essen und eiskalten Bier beschlossen zu werden und auch davon findet sich genug. Shaxi hat eine gute Auswahl an Restaurants, mit breitem Angebot zu zivilen Preisen.

Wenn wir einen Wunsch frei hätten für Shaxi, dann diesen: bleib wie du bist, Massentourismus macht nicht glücklich!

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