Tiruvannamalai

jDass Indien wohl das Land mit den meisten Heiligtümern der Welt ist, lässt sich kaum negieren. Wo auch immer wir hinkommen, ein „Holy Place“ ist garantiert schon da. Sei er von Menschen erbaut, von der Natur geschaffen oder beides zusammen. Tiruvannamalai in Tamil Nadu ist so ein Ort, wo herausragende natürliche Gegebenheiten besondere kulturelle Entwicklungen hervorgebracht haben, die bis in die Gegenwart für viele Menschen eine enorme Anziehungskraft haben. Mehr als 8 Millionen, meist indische Pilger, aber auch spirituell inspirierte Westler, sowie einige neugierige Touristen wie wir, besuchen deswegen jedes Jahr die Stadt.

Arunachala (Hügel des Lichts) heißt der 980 Meter hohe, vulkanische Berg, auf dem nach der Legende einst Shiva in Form einer Feuersäule erschienen sein soll, Arunachaleswara der riesige Tempel, den der Kult um diese Gottheit hervorgebracht hat. Beides sind heute die Wahrzeichen von Tiruvannamalai.

Eine städtische Region zu Fuß kennenlernen bedeutet in Indien, regelmäßig Kampf mit chaotischem Verkehr, wo wir als Fahrzeuglose zur untersten Kaste zählen. Tiruvannamalai ist eine Ausnahme. Um den Mount Arunachala gibt es einen 14 km langen Pilgerweg, der zumeist über breite Bürgersteige führt, auf denen es sich trefflich wandern lässt. Mit einer Karte für 15 INR aus dem Bücherladen des Ashrams von Ramana Maharshi erwirbt man einen Guide, der alle wichtigen Stationen der Strecke bezeichnet. Damit, sowie mit einer großen Flasche Wasser starten wir unsere allererste Pilgertour. Overdressed zwar, denn Pilger gehen barfuß (und wir nicht), aber gut motiviert. Tatsächlich lässt es sich ohne Proviant wandern, der Weg ist gesäumt mit kleinen Läden, Buden und Ständen, wo der ermattete Pilger sich kräftigen kann, mit Kokosnüssen, Getränken und indischem Streetfood.

Zu sehen gibt es viel: Tempel, in allen Ausführungen und Dimensionen, Shiva-Lingame, aber auch einfachere Schreine, dekoriert mit den wichtigsten Symbolen Shivas und liebevoll ausgeschmückt. Pilger, alleine, zu zweit, in Gruppen oder als Familie unterwegs, die sich die Zeit nehmen, alle Andachtsstätten auf diesem Rundweg gewissenhaft anzusteuern, denn nur so macht ihre Wanderung für sie einen spirituellen Sinn. Besonders vor den Ashrams treffen wir auf große Gruppen von Sadhus. All das macht diesen Pilgerweg zu einem atmosphärisch stimmigen und spirituellen Erlebnis.

Wem diese Strecke zu lang ist, empfehlen wir den kleinen Höhenweg, der hinter dem Ramana Ashram beginnt und beim großen Tempel endet. Gut 45 Minuten dauert diese schweißtreibende Tour, die technisch ohne Schwierigkeiten ist. Vorbei an Händlern, die kunsthandwerkliche Souvenirs anbieten oder Getränke, hin zu einem atemberaubenden Aussichtspunkt, mit dem besten Blick auf die Stadt und den Arunachaleswara Tempel. Auch Anhänger des 1950 verstorbenen Bhagavan Sri Ramsna Maharshi wandern hier, um die Berghöhlen zu besuchen, in denen der Guru jahrzehntelang lebte. Selbst Nichtinspirierte fühlen sich hier oben gut, der Berg ist erfolgreich aufgeforstet, nachdem er vor einigen Jahren noch eine öde Kuppe war. Heute geht man durch Wald, staubfrei, lärmbefreit, bevölkert mit zwitschernden Vögeln und natürlich Affen.

Den Ashram von Ramana Maharshi besuchen wir und sind überrascht, wie sauber, entspannt und gut organisiert es dort zugeht. Interessierte können dort frei unterkommen, erhalten Essen und können sich aktiv in Aktionen einbringen, wie die Speisung von Bedürftigen, oder einfach nur der Kontemplation widmen, wie einst der große Guru selbst.

Schicksal, Zufall oder Planung – in Indien weiß man das nie genau – gegenüber des Ashrams finden wir einen gut ausgestatteten Supermarkt, wo wir unsere Reserven an unverzichtbaren Waren (Marmelade!) auffüllen. In einer Nebenstraße gibt es eine German Bakery und das gemütliche Cafe Shanti, mit köstlichen Baguettes, Croissants, gutem Kaffee, Säften und Hummus. Die Szene hier ist anders, als um den großen Tempel, wo sich unser Hotel befindet.

100.000 Quadratmeter groß ist das zum Arunachaleswara Tempel gehörige Areal, eine mächtige Anlage, umgeben von einer hohen Mauer. An jeder Seite thronen hohe, kunstvoll verzierte, pyramidenhafte Tortürme, wobei der Raja Gopuram im Osten beeindruckende 66 Meter hoch ist.

Dieser weltweit größte Shivatempel ist weit über 1.000 Jahre alt und zieht vor allem Gläubige aus dem Süden Indiens an. Am auffälligsten sind die Pilger die sich zum Ayyappa Kult bekennen. Die schwarz gekleideten Männer beherrschen das Viertel um den Tempel, wirken dabei aber keinesfalls bedrohlich, sondern eher wie unternehmungslustige Ausflügler auf Tour. Wenn sie nicht als Pilger unterwegs sind, gehen sie ihren Berufen nach, sind Angestellte, Unternehmer oder Handwerker, Familienväter, die auch schon mal den Nachwuchs, Kinder, ebenfalls in schwarz, mit auf die Reise zu ihren Heiligtümern nehmen

Zu schauen gibt es viel, aber während das Allerheiligste nur Hindus zugänglich ist, haben auch Nichthindus Zugang zu diesem beeindruckenden Tempelkomplex, wenn sie sich den Regeln anpassen. Frauen mit Schal über den Schultern, Sari oder lange Hose. Bei Männern geht nackter Oberkörper, nackte Beine ab Knie sind dagegen tabu. Die seltsame Einlasslogik verbietet Fotoapparate, lässt aber Smartphones mit hochauflösenden Kameras zu. Wer sich nicht allzu dumm anstellt, kann die Torwächter überlisten und was erstmal drin ist, wird in aller Regel geduldet. Ein Hingucker ist die große, nicht angekettete Elefantenkuh im Elefantentempel. Ein sanftes Berührenlassen mit dem Rüssel gilt als Segnung in dieser heiligen Umgebung.

Auch die Straßen rund um den Tempel haben viel Spektakuäres zu bieten. Ein regelrechter Markt ist da aufgebaut, Religion und Einkaufen schließen sich in Indien nicht aus. Zwar haben die Pilger keine Spendierhose an, dafür aber Bauchtaschen unterm Lungi, prall gefüllt mit Barem. Für die zahlreichen Bettler ein lukratives Feld; Freigebigkeit wird von den Pilgern erwartet. Wohl auch von uns. Egal wo wir auftauchen fahren reflexartig Handflächen in unsere Richtung aus. Uns bedrückt das; Elend in Indien ist ein sehr allgegenwärtiges Problem, aber wir können die Not nicht lindern. Als Lichtblick empfinden wir die Speisung in den Ashrams, wo täglich hunderte Sadhus, Bedürftige und Kranke eine reichhaltige, warme Mahlzeit erhalten.

Langweilig wird einem nicht in dieser Stadt und wer sich auf sie einlässt, erlebt ein Indien, das bunter nicht sein könnte. Sogar unsere lukullischen Gelüste können wir stillen; es gibt hervorragende Bäckereien, Geschäfte mit leckeren indische Süßigkeiten im Angebot und unseren Kiosk beim Hotel, mit seiner Spezialität „Lemon-Masala-Soda“, die uns so gut gefällt, dass wir seine Rezeptur sogar auf Youtube hochladen.

 

 

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