Languedoc

Nein, hier ist nicht Nottingham. Und die Landschaft um uns herum ist auch nicht der Sherwood Forest. Wir sind im Department Aude, vor uns erstreckt sich auf einem Hügel die eindrucksvolle, mächtige Festung Carcassonne. Die diente vor einigen Jahren als Kulisse für den Robin Hood Film mit Kevin Costner, weil sie alles verkörpert, was Sagenfreunde mit dem legendären, inzwischen zum Ruinenfragment geschrumpften, originalen Nottingham Castle verbinden. Dieses Carcassonne, das eigentlich eine Rolle als Kulisse gar nicht nötig hatte, wurde kurz nach den Dreharbeiten in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen und gilt als einer der touristischen Höhepunkte Frankreichs. Den lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Nebenbei, die Geschichte dieser Festung ist wenigstens ebenso spannend, wie die Legende um den Geächteten in Strumpfhosen.

Was uns bei der Anfahrt viel mehr interessiert ist: Wo bekommen wir einen Panoramablick auf die Anlage? Wir hoffen auf eine Perpektive aus der Vogelsicht, die sich zu unserer Enttäuschung leider nirgends auftut. Dafür bekommen wir jedoch einen passablen Gesamteindruck aus Richtung der Autobahn 61, um dann schnurstracks, den Hinweisen folgend, einen der Parkplätze im Schatten der Burg anzusteuern. Wir haben Glück, der Besucherstrom plätschert heute wie ein Bächlein; die Touristenmassen, immerhin 4 Mio. Personen pro Jahr, sind noch nicht auf ihrem Höchststand. Wieder kommt uns Robin in den Sinn: Festungen wie Carcassonne waren immer auch Heimstätte gieriger Feudalherren. Diese Rolle übernimmt heute die öffentliche Hand, durch eine Verkettung von Tributen, die jeder Besucher abdrücken muss, will er vorbei an den Schergen in den geschützten inneren Bereich: Mit Parkgebühren, die rapide auf 8 € steigen, plus Eintrittsgeldern, ist man schnell bei rund 30 € für 2 Personen.

Dafür bekommen wir eine intakte, äußerst gepflegte Festung, für deren Besichtigung man schon drei Stunden reservieren sollte. Alle Gebäudeteile lassen sich in Rundgängen über mehrere Etagen begehen. Vorbei an Zinnen und Mauern, über Treppen, Leitern, durch Bogengänge, Säle und Kammern, genießen wir spektakuläre Sichten über die Umgebung oder lesen uns in die Erläuterungen ein, die überall, wo Bemerkenswertes zu sehen ist, aufgestellt sind. Glückes Geschick, das Wetter dreht. Unter der Sonne Südfrankreichs macht so eine imposante Sehenswürdigkeit einfach viel mehr her als bei Regen.

Wir bewegen uns in der Region Languedoc hin zum Département Hérault, wo wir für einige Tage eine Unterkunft in Saint-Jean-de-Fos nehmen.

Ein mittelalterliches Runddorf, angelehnt an einen Hügel, mit Kirche, wehrhaftem Turm, 2 Bäckereien, Krämerladen und wunderschönen, romantisch engen Gassen, die uns nichts anderes übrig lassen, als unser Auto auf dem öffentlichen, unentgeltlichen Parkplatz vor dem Ort abzustellen. Mit unserem kleinen Appartement in der Rue Victor-Hugo haben wir eine perfekte Unterkunft. Liebevoll und sinnvoll die Einrichtung, sympathisch die Wirtsleute bei einem sagenhaften Preis-Leistungs-Verhältnis!

Die geschichtsträchtige Brücke über den Fluss L‘Hérault, Le Pont Du Diable, liegt fußnah zum Dorf. Unsere Empfehlung, wer dort ist wird es bestätigen: runterklettern zum Fluß lohnt auf jeden Fall, der Blick in die wasserumtoste Schlucht ist göttlich und gleichzeitig findet man hier bei den richtigen Temperaturen einen tollen Badeplatz.

Le Pont Du Diable verbindet übrigens zwei Wallfahrtsorte und ist ganz offiziell auch eine Nebenstrecke des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela.

Eines dieser Pilgerziele besuchen wir, das gut 3 km stromaufwärts gelegene Saint-Guilhem-le-Désert. Die Straße entlang des Flusses ist landschaftlich ausnehmend schön.

Die Franzosen imitierend, parken wir gratis auf halber Strecke – das geht dort noch ohne Gebühren – und legen den Rest zum Ort zu Fuß zurück. Die kleine Gemeinde ist eine touristische Attraktion und zählt zu den schönsten Dörfern des Landes. Vorbei an Restaurants mit Fischteichen folgen wir der kleinen Straße, die in den Ort führt, der vor 1.200 Jahren von Wilhelm von Aquitanien gegründet wurde, einem Vetter Karls des Großen. Entlang an schmucken kleinen Läden und Künstleratelliers, treffen wir kurz darauf auf dem großen Platz vor der Abtei ein. Ob es an der Mittagszeit liegt oder der einladenden Stimmung, jedermann hier ist am Verzehren und Genießen. Mitgebrachte Imbisspakete werden ausgewickelt, das Personal des Restaurants schafft volle Tabletts heran, es macht Spaß, an dieser Lebensfreude teilzuhaben.

Wir suchen einen Platz mit mehr Aussicht und wandern höher in den Berg hinein, bis wir ein Plätzchen finden, das für unsere Rast ideal ist. Mit großartigem Blick ins Tal und auf die gegenüberliegenden Wälder, über uns steilaufragende, schroffe Gipfel. Mit mehr Zeit lässt es sich von hier aus trefflich wandern.

Es lohnt, von Saint-Guilem-le-Désert aus die D4 weiter zu fahren, durch die schönen Gorges de l’Hérault, Richtung Brissac.

Auf auf Höhe der Chapelle Saint-Etienne d’Issennac quert eine antike Brücke den Fluss L’Herault. Wir machen es wieder wie die Franzosen, stellen das Auto ab, steigen die Böschung hinab und finden, was wir suchen: Sommerrastplätze! Zwischen Sträuchern und Felsen, zu beiden Seiten des Flusses. Im Sommer sitzt man hier, badet, sonnt sich. Wir nehmen uns die Auszeit, etwas Besseres gibt es nicht: der Himmel ist blau, die Sonne brennt und die kristallklaren Wasser des L’Herault rauschen abwärts.

Unsere Tour geht weiter. Wir wenden und biegen kurz darauf auf die D1, weg vom Fluss, in die Hügel, ziehen im großen Bogen, uns höher schraubend über Straßen, die sich zu Wegen verengen wieder nach Süden, bis wir nach Saint-Jean-de-Buèges kommen, wo es eine alte Burg zu sehen gibt, eine von vielen.

Es scheint, dass jeder Hügelbesitzer in dieser Gegend eifersüchtig darüber wachte, dass der benachbarte Ritter nicht alles für sich allein hatte und ebenfalls eine Burg baute. Auch wenn die Wegführung in diesem Teil der Region zuweilen abenteuerlich wirkt, keine Angst. Am Ende landet man wieder in einem der größeren Orte und auf Straßen, die auch Gegenverkehr zulassen.

Ein anderer Ausflug führt uns zum spektakulären Weltkulturerbe Cirque de Navacelles. Für die Anfahrt wählen wir die Route über Vissec. Auch hier passieren wir zunächst Weinanbaugebiete – die Region Languedoc ist auf jeden Fall Weinkennern ein Begriff.

Wir schrauben uns langsam in die Hügellandschaften, bleiben dann auf der D130, um die sensationelle Aussicht von Baume Auriol über den Talkessel von Navacelles zu erleben. Parkplätze gibt es dort in ausreichender Menge und alle sind zum Zeitpunkt unseres Besuches gratis. Was wir dann sehen ist unbezahlbar, nämlich der Blick aus unendlicher Höhe – so jedenfalls fühlt es sich an – hinab in ein Tal, das steile 300 Meter unter der Abbruchkante liegt. Am Horizont gut erkennbar ist der Gebirgszug der Séranne.

Dann starten wir zu einem Trip, der das Herz jedes Fahrers höher schlagen lässt, über die schmale, 3 km lange, aber gut asphaltierte kurvige Straße, mit einem brutalen Gefälle zwischen 10 – 15%, bis ins Dorf Navacelles.

Obwohl eindeutig als touristische Destination erkennbar, scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Ja, die geschützte Lage im tiefen Talkessel lässt das alles wie ein Shangrila erscheinen, den Wasserfall Cascade de la Vis, das Flüsslein, die verschlafenen Häuschen zwischen Wiesen und bunten Gärten.

Mag es oben auch stürmen, hier unten lebst du abgeschieden in Frieden. Solange jedenfalls, bis Du Dich entscheidest, die Zufahrtsstraße in umgekehrter Richtung anzugehen und sehnlichst wünschst, dass Gegenverkehr ausbleibt.

Der Fluss begleitet uns noch bei der Weiterfahrt. Immer wieder haben wir tolle Ausblicke auf das wilde, türkisfarbene Gewässer. An den Ufern lässt sich trefflich picknicken oder baden, etwa dort, wo Natur oder Mensch den Fluss gestaut haben und er sich über Wasserfälle tosend seinen Weg bricht. Besonders sehenswert sind die Cascades de la Vis bei Ganges.

Viel zu bieten hat die Region, gerade für aktive Urlauber: Wandern – wir besuchen dafür eine märchenhafte Felsenlandschaft, beim Dorf Mourèze – und das anschließende Chillen am Lac Salagou, Radfahren ohnehin, wir sind schließlich in Frankreich und Laufen, das ja überall geht.

In den Tagen, die wir hier sind, versuchen wir vom Languedoc so viel zu sehen, wie ein gemütlicher Aufenthalt erlaubt, bei dem es nicht primär darum geht, möglichst viele Kilometer zu fressen, sondern einzutauchen in Landschaften und südfranzösischen Alltag. Auch wenn uns dabei bewusst wird, dass wir gerade mal an der Oberfläche kratzen und es eigentlich noch viel mehr zu entdecken gibt.

Übernachtet haben wir übrigens bei Hélène im Colorful Haven in Saint-Jean-de-Fos, sehr empfehlenswert!

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