Ninh Binh – Tam Coc

Ninh Binh ist zunächst eigentlich nur verkehrstechnisch für uns interessant. Erst als Ziel, das auf den Bustickets steht, die wir auf Cat Ba kaufen und später als Abfahrtsort unseres Zuges nach Hue. Viel spannender als die Stadt selbst ist für uns als Besucher nämlich ihre Umgebung. Ja, es geht wieder um Natur, diesmal die sogenannte „trockene Halong Bay“, also Karstlandschaften. Um uns die täglichen Anfahrten dorthin zu ersparen, wählen wir wie die meisten Reisenden eine Unterkunft im nahegelegenen Tam Coc, sozusagen direkt im Herzen der Region. Von dort aus können wir locker spontan zu Fuß in die Landschaften hinein wandern, Ausflüge mit Fahrrädern unternehmen und natürlich auch günstig ein Auto mit Fahrer mieten, für komplexere Touren.

Tam Coc, eine übersichtliche Ansammlung von Restaurants, Läden und Homestays, gibt zunächst wenig von seinem Hinterland preis. Unser Bus parkt auf dem großen Platz am See, der gesellschaftlichen und geografischen Mitte des Ortes. Jeder kommt hier mal vorbei und manchmal wird sogar unter offenem Himmel gefeiert, mit Musik und gedeckten Tischen. Auf dem Platz befindet sich auch das Häuschen, das die Tickets für Bootsfahrten mit den eigentümlichen Booten verkauft, die hier zu hunderten im Wasser liegen.

Flache kleine Ruder-Schuten aus Metall, die bis zu 4 Passagiere tragen. Viele dieser Boote werden von Frauen gerudert. Oft mit einer seltsamen Technik, bei der sie die Riemen nur mit den Beinen bewegen, was skurril aussieht, wenn sie dabei telefonieren oder die Hände in den Nacken legen.

Man lässt sich gerne verleiten, die Bootstour über den See als trivial abzutun und zu teuer. Wir sagen es hier ausdrücklich: Das ist falsch! Eine Fahrt dauert fast 2 Stunden und es geht weit über den See hinaus, was sich vom Anleger nicht erkennen lässt. Sitzt man erst mal, gleitet so ein Boot herrlich entschleunigt durch wunderbar stille Kanäle, vorbei an Reisfeldern und markanten Karstfelsen. Kein Motor stört das Idyll, nur das Geräusch der eintauchenden Riemen ist zu hören, aber das schreckt nicht mal die Eisvögel auf, die man mit ein wenig Glück beim Jagen beobachtet.

Die Strecke führt schließlich durch die Höhlen, Hang Ca, Hang Hai und Hang Ba, die nur übers Wasser erreichbar sind. Was es bei dieser Fahrt zu sehen gibt, ist tatsächlich eine perfekte Zusammenfassung fast aller Eindrücke, die diese Region zu bieten hat. Ideal ist sie auf jeden Fall für Reisende, die nur kurz bleiben und möglichst viel der typischen Impressionen mitnehmen möchten. Da fallen die 120.000 Dong Eintritt pro Person und die einmaligen 150.000 Dong Gebühr für das Boot kaum ins Gewicht. Abgesehen davon, dass die Ruderinnen zwei Stunden schwer für uns arbeiten, auch wenn sie sich die Anstrengung nicht anmerken lassen.

Wie die meisten Besucher besichtigen wir auch das etwa 5 km von Tam Coc entfernte „World Cultural and Natural Heritage Trang An“. Im Prinzip ist das eine ähnliche Tour, wie die am Tam Coc-Lake. Aber Trang An ist touristisch viel professioneller aufgemacht, mit eindrucksvollem Empfangsbereich, wo die Tickets zum Preis von 200.000 Dong pro Person zu kaufen sind, einer Cateringzone und viel Servicepersonal. Leider ist auch hier nur wenig Information auf Englisch zu finden, wie so oft in Vietnam. Intuitiv folgen wir deshalb einfach den anderen Besuchern. Auf einer großen Tafel ist das gesamte Naturreservat Trang An abgebildet, unterteilt in 3 Sektionen. Ohne Vorwarnung fragt uns eine Mitarbeiterin, für welches dieser Gebiete wir uns entscheiden. Keine Entscheidungschwäche erkennen lassend, wer verliert in Asien schon gerne das Gesicht, sagen wir „Number One“. Ob 2 oder 3 besser wäre, wissen wir nicht.

Zusammen mit einem massigen Spanier, der aus Altruismus gegen sich selbst die erste Sitzreihe besetzt, teilen wir uns ein Boot mit Ruderfrau. Fast 3 Stunden soll die Besichtigung der Route Number One dauern. Vorteilhaft ist es, möglichst früh zu starten, um noch die ausschließlich morgens geöffneten Kelche der Lotusblumen mitzubekommen. Viele Boote sind unterwegs, der Andrang ist gewaltig in Trang An, allerdings verteilen sich die Massen schnell.

Übrigens, hier darf gerne mitgerudert werden. Zusätzliche Paddel sind auf jedem Boot und die meisten Passagiere machen sich einen Jux daraus, ihre Boote zu beschleunigen, manchmal entstehen daraus sogar Miniregattas. Wir rechnen uns gute Chancen aus, vorne dabei zu sein, müssen aber den Ausfall des massigen Spaniers kompensieren, der sich beschränkt, als Ballast mitzumachen: „her job“, grunzt er und deutet auf unsere Bootsführerin.

Programm ist es, einige Male anzulegen, um Tempel zu besichtigen, die besser zu Fuß erreichbar sind.

Die Zeitvorgaben unserer Bootsführerin ignorierend bestimmen wir selbst das Tempo der Besichtigungen, was wunderbar funktioniert. Weiter geht’s über Kanäle und durch eine Reihe von Grotten. Aber Achtung, einige Höhlendecken hängen bedrohlich tief, da heißt es schnell reagieren und den Kopf einziehen oder sich prophylaktisch flach zu machen, wie wir es bei anderen beobachten, die eins werden mit dem Unterboden ihres Bootes.

Viel ist zu sehen, tolle Eindrücke nehmen wir mit, mehr Karst geht eigentlich nicht. Was noch fehlt ist die Ansicht aus der Vogelperspektive. Die bekommen wir an anderer Stelle, auf dem View Point des “Lying Dragon” über den Hang Mua Caves. Es geht bereits in den späten Nachmittag, als wir ankommen, wobei der Himmel keinen prächtigen Sonnenuntergang verspricht. Das hält jedoch niemand ab, die 500 Stufen hochzuklettern. Steil gehts hinauf und jeder sollte wissen, da gibt es Abschnitte, die Einsatz erfordern. Ist aber schaffbar; niemand verbietet, unterwegs Pausen einzulegen. Ein wenig höhenfest sollte man schon sein. Im oberen Bereich teilt sich der Weg, es gibt zwei Gipfel zu besteigen, jeder bietet tolle Aussichten

Vom etwas kleineren Hügel – in Aufstiegsrichtung rechts – kann man den liegenden Drachen auf dem Nachbarfelsen aber besser sehen. Übrigens, Hotspots wie diese sind ein gesuchtes Motiv bei Hochzeitspaaren und ihren Fotografen. Wir begegnen zwei solcher Gruppen, die sich für Posen abenteuerlich in die Felsen drapieren.

Höhe, allerdings nicht so extrem wie der Lying Dragon, bietet auch die Tempelanlage Chua Bai Ding, zu der wir uns mit dem Auto bringen lassen, wohin man aber auch gut mit dem Roller kommt. Die Riesenanlage beherbergt den größten Tempelkomplex Vietnams. Bitte, lasst Euch nicht beschwatzen, einen Guide zu nehmen, das wird nämlich mit den absurdesten Argumenten versucht. Die Anlage lässt sich ganz einfach auf eigene Faust besichtigen. Wir kaufen dafür 4 Beförderungsscheine für den Shuttledienst (2 hin, 2 zurück) à 30.000 Dong und lassen uns vom Elektrobus zum ersten Haltepunkt fahren. Hinter dem Eingangstor führen Galerien über 500 Stufen hinauf zu den Tempeln. Das ist ohne große Anstrengung zu schaffen. Der Aufstieg ist übrigens interessant durch Hunderte von Buddha Statuen, die am Rand aufgestellt sind, jede mit einem anderen Ausdruck. Die Galerien münden in einem riesigen Platz mit der großen Pagode. Die Besichtigung lohnt sich und ist kostenfrei.

Wer Zeit hat, sollte sich unbedingt noch zu den alten Höhlentempeln aufmachen, der Weg ist nicht zu verfehlen, er schlängelt sich hinter der großen Pagode zum gegenüberliegenden Hügel bis zu einem Treppenaufstieg. Insgesamt brauchen wir vom unteren Eingangsbereich bis zu den mystischen Höhlentempeln eine runde Stunde Zeit. Die Höhlentempel, das mag Geschmackssache sein, faszinieren uns eigentlich viel mehr als die gigantischen Pagoden moderner Bauart.

Nach dem Abstieg gehen wir dorthin, wo uns der Elektrobus abgesetzt hatte, biegen nach rechts und kommen kurze Zeit später zu einem anderen Eingang. Dort müssen wir einmal das Gelände verlassen. Mit unseren Rückfahrtickets betreten wir die Anlage erneut und lassen uns vom Shuttle zurück zum Haupteingang fahren.

Eine andere, für uns eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Region ist die Bich Dong Pagode, knappe 3 km entfernt von Tam Coc und gut mit dem Rad erreichbar. Über eine kleine Brücke betritt man dort den inneren Bereich einer schlichten Klosteranlage; der Eintritt ist frei. Mystisch und verwunschen ist der Tempel, der dort in alten Zeiten in einer Naturhöhle angelegt wurde und sich über einige Treppen hinauf mühelos erreichen lässt. Wir warten einen Moment ab, wo gerade keine Gruppe anwesend ist, und haben für eine Weile das Innere für uns alleine.

Es gibt noch eine weitere Sehenswürdigkeit in unmittelbarer Nachbarschaft, das “Verborgene Tal.” Dazu geht man zurück zum Eingang und läuft rechts am Kloster vorbei. Der schmale Weg führt ein wenig hoch, quert einen Kamm und dann weiter hinunter in ein kleines Tal.

Unsere Ankunft wird von einem Vietnamesen bemerkt, der sich eine Taschenlampe schnappt und uns bedeutet, ihm zu folgen. Machen wir. Nach kurzer Zeit stehen wir vor einem verborgenen Höhleneingang, verrammelt mit einer Holztür.

Unser Begleiter schließt auf und dann beginnt ein Rundgang durch seine Grotte. Offenbar ist er so etwas wie der Eigentümer, der alles hergerichtet hat und jeden Winkel kennt. Über Betonplatten tasten wir uns in der klaustrophobisch schmalen Naturhöhle voran, staunend, dem schummrigen Licht unseres Guides folgend, der unentwegt erzählt, kein Detail auslässt. Bloß, wir verstehen kein einziges Wort, alles ist auf vietnamesisch! Egal, soviel Einsatz muss belohnt werden, er bekommt als Trinkgeld 100.000 Dong. Draußen warten schon die nächsten Besucher. 

Wir marschieren zurück zu unseren Rädern, haben noch etwas vor. Dazu fahren wir in die Abzweigung vor dem Pagodengelände hinein. Etwa 5 km von hier liegt der Eco- oder Birds-Park. Nicht zu verfehlen, man folgt einfach dem Straßenverlauf bis zu den ersten Hinweisschildern. Der Eintritt dort beträgt 100.000 Dong pro Person. Wir dürfen sogar die Räder hineinnehmen. Den mächtigen Park haben wir um diese Zeit fast für uns alleine. Spektakuläre Vögel bekommen zwar wir nicht zu Gesicht, freuen uns aber, vertraute gefiederte Freunde zu treffen: Spatzen und Tauben. Das zeugt immerhin davon, dass die Natur hier noch im Gleichgewicht ist. Mittagspause machen wir unter dem 1.000-jährigen Riesenbonsai, ebenfalls ungestört, niemand ist hier außer uns.

Die Tage in Tam Coc sind gemütlich, was wir zu genießen wissen, vor uns liegen von jetzt nur noch urbane Ziele, die hektisch sein werden mit viel Stress. Zum Genuss gehören natürlich Spaziergänge oder Radtouren in der nächsten Umgebung. Das ist der Vorteil hier, nur wenige Schritte und man ist mitten drin in eindrucksvoller Natur. Dabei lassen sich auch kleine Entdeckungen machen, etwa das Kloster mit dem abgelenkten Mönch, der während eine Zeremonie lieber mit dem Smartphone spielt.

Oder der schlichte, halb versteckte Höhlentempel, der von zwei Tigerstatuen bewacht wird, und eine ganz spezielle Ausstrahlung hat?

Oder die wunderschöne Natur entlang der vielen kleinen Flussläufe? Haben wir schon gesagt, dass wir nirgends sonst, so viele Lotuspflanzen sehen wie hier? Und so viele freundlich entspannte Vietnamesen? Auch das ist nicht unbedingt selbstverständlich in einem Land, das sich immer noch sehr an seine schmerzliche Vergangenheit erinnert. Hier, im ruhigen Tam Coc ist das der Alltag.

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