Bafa See

Wie oft wir einfach vorbeigefahren waren, am Bafa See, kommend von Izmir gen Küste Mittelmeer strebend, wissen wir nicht. Aber wir erinnern uns sehr gut an den Tag, als wir zum ersten Mal in der Ortschaft Bafa ausstiegen, um von dort aus in das uns unbekannte Hinterland des großen Sees vorzustoßen. An der verschlafenen Landstraße wollte es der Zufall, dass wir einen ausgeschlafenen Taxifahrer ansprachen, der genau wusste, was für uns das Richtige war. Er würde uns hinbringen sagte er und dann ging es los, mit dem alten Renault-Taxi.

Der Weg führte durch eine Naturlandschaft, die mit jedem gefahrenen Kilometer aufregender und beeindruckender wurde. Vorbei am See mit seinen grünen, saftigen Uferwiesen, dazwischen knorrige Olivenbäume und immer wieder bizarre Felsen, die sich ins Land hinein zu massiven Bergen verdichteten. Im Grün an der Straße langweilte sich weidendes Vieh, Kühe und Schafe, die kaum den Kopf hoben für ein vorbeifahrendes Auto. Ein Schild wies irgendwann darauf hin, dass hier ein Nationalpark beginne. Auch ein Vogelschutzgebiet, wie wir heute wissen, mit unzähligen Vögeln, Pelikanen, Störchen, Enten, Gänsen, Reihern, um nur die Arten aufzuzählen, die wir als Nichtornithologen überhaupt bezeichnen konnten.

Wir passierten kleine, sympathische Dörfer, um nach ca. 8 km an einer Abzweigung anzukommen. Nach oben, sagte der Wegweiser, ging es zum Dorf Kapikiri, nach unten schwieg sich die Anzeigetafel aus. Unser Fahrer fuhr natürlich nach unten und stoppte vor einer kleinen Pension, genau gegenüber dem Strand. “Hier seid Ihr richtig”, sagte der Fahrer und lag damit völlig richtig.

Zwar ist auch die Südseite des Bafa-Sees für Touristen erschlossen; dort reihen sich hinter der vielbefahrenen Uferstraße einige Pensionen, Hotels und sogar Campingplätze aneinander, aber das alles kann kaum mit der Nordseite konkurrieren, wie wir sie dann kennen lernten. Das abgeschiedene, idyllische Dorf Kapikiri, mitten hinein gebaut in die Felsenlandschaft und in harmonischer Nachbarschaft zu Überbleibseln aus hellenistischer Zeit, thront über dem See. Eine Handvoll Pensionen gibt es hier, das obligatorische Kaffeehaus neben der Moschee, dessen Imam die Argumente ausgingen, als er den Einwohnern den Genuss von Alkohol ausreden wollte, ein kleiner Einkaufsladen und eine Ansammlung schmucker Häuschen, im typischen Stil der Region.

Hier war einst das antike Herakleia. Wo vormals die Agora war, steht heute die Dorfschule, mit Bolzplatz, und geht man vom kleinen Einkaufsladen weiter, kommt man nach kurzem Fussweg im ehemaligen Theater an. Reste der Stadtmauer ziehen sich durchs Dorf und die Gärten dahinter und weithin sichtbar die Ruinen des Athenatempels. Unten, am See, dort, wo wir unsere Herberge gefunden hatten, lassen sich noch Reste einer alten Nekropole finden und die zerfallenen Gemäuer eines befestigten Bischofsitzes aus byzantinischer Zeit.

Wir sollten noch mehrmals nach Kapikiri kommen und Dorf und Umgebung näher erforschen. Aktiv kann man hier sein. Urlauber, die nicht auf einen All-Inclusive-Faul-Urlaub eingestellt sind, finden hier alles, was ihr Herz begehrt. Freundliche Gastgeber, gutes türkisches Essen, nämlich hervorragende Hausmacherkost. Alle Wirtsleute kochen selbst und das mit regionalen Zutaten, die kaum den Weg zu den Märkten finden, weil die Bauern auch nur Menschen sind und die besten ihrer Produkte lieber selbst verbrauchen.

Es lässt sich gut Bootfahren auf dem See und ohne dass man ihn darum besonders zu bitten braucht, steuert der Bootsmann aus der Pension die Zwillingsinsel an, Heimat und Nistplatz unzähliger Wasservögel, die immer wieder zum Bafa See finden.

Auch über Land lässt sich am Ufer entlang, durch Feuchtgebiete zu den kleinen Stränden und Badestellen wandern, vorbei an Obstgärten und Gemüsefeldern. Für die Sportler unter unseren Lesern sei der Hinweis erlaubt: Am Bafa See lässt es sich hervorragend trainieren. Wo sonst hat man angenehme Wege vor so einer malerischen Kulisse und Wetter, das den Muskeln gut tut.

Ist man heimischer geworden, lohnen sich Abstecher in die höher gelegenen Ebenen, Richtung Besparmak Massiv. Wanderungen, zu denen man entweder eine gute Karte oder einen guten Führer oder beides bei sich hat, mitten in die Bergwelt des Latmos, empfehlen sich, ist man schon einmal hier.

Starten kann man von Kapikiri oder vom Nachbarort Gölyaka, einem liebevoll restaurierten Dorf. Die Touren dauern, je nach Ziel und Ausgangspunkt, zwischen 3 – 5 Stunden. Und diese Ziele haben es wirklich in sich. Stylos Kloster oder das Kloster der 7 Brüder sind sehens- und erlebenswert. Ist man hier in der richtigen Jahreszeit, etwa im Frühjahr, blüht hier die Natur in einer Pracht und Buntheit, die ihresgleichen sucht.

Es gibt atemberaubende Ausblicke über den See und die Chance, in der Nähe der Klosterruinen noch Höhlen mit Originalfresken aus frühchristlicher Zeit zu entdecken. Übrigens, wer die 7 Brüder eigentlich waren, vermochte uns bis heute niemand zu sagen. Die Vermutung, damit sei eine Schar Kleinwüchsiger gemeint, die für eine gewisse Zeit ein Mädchen zu Gast hatten, mit Haaren schwarz wie Ebenholz, kirschfarbenen Lippen und einer Haut weiß wie Schnee, ließ sich nicht verifizieren.

Auch wenn man sich am Bafa See kaum langweilt und Leib wie Seele entspannen können, lassen sich gute Gründe finden, Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen. Naheliegend ist ein Besuch in Milas, dem wirtschaftlichen Zentrum der Region. Auf dem Weg dorthin passiert man Euromos. Dort nicht anzuhalten, wäre unverzeihlich. Der Zeustempel von Euromos gehört zu den am besten erhaltenen antiken Sehenswürdigkeiten der Türkei, was viel heißen will, denn hier befinden sich mehr antike Denkmäler als in ganz Griechenland.

Aber die Rede war von Milas. Anziehungspunkt ist das Basarviertel im alten Teil der Stadt, die hier noch von vielen engen Straßen aus der osmanischen Zeit durchzogen ist. Viele Geschäfte und Handwerksbetriebe sorgen für ein kunterbuntes, geschäftiges Treiben. Und der dienstags stattfindende Wochenmarkt gehört zu den schönsten der Ägäis überhaupt. Liebhaber türkischer Gewürze, Stoffe und Metallwaren finden hier Souvenirs für die Daheimgebliebenen oder Mitbringsel für die eigene Wohnung im Überfluss. Natürlich gibt’s auch die passende Stärkung für den Bummel: Köfte, Pide umd Ayran.

Auch ohne vorbereitende Volkshochschulkurse gehört zu einer Reise in die Südägäis eine historische Rundreise. Wir befinden uns in der Schwemmlandebene des Mäanderdeltas. Wer heute hier nur Landschaften und Felder erblickt, hat im Geschichtsunterricht entweder gepennt oder ganz schnell vergessen. 494 vor Chr. fand hier die große Seeschlacht statt, in der die Mileter den Persern unterlagen, die damals auf dem Weg waren, sich ganz Griechenland zu unterwerfen. Zwar gelang es, die Perser zurückzuwerfen, aber von den einst blühenden Städten der Region stehen heute nur noch Ruinen; sie haben es nicht geschafft, sich über die Jahrhunderte in die Neuzeit zu entwickeln. Grund ist die Verlandung der Häfen, die zwar fruchtbaren Boden im Überfluss anschwemmte, die Häfen aber obsolet machte und damit auch den Handel, Quelle des Wohlstands und Treiber kultureller Entwicklungen.

Große Namen sind geblieben und bemerkenswerte Ruinen mit großen Denkmälern der Antike. Tempelanlagen, die zu ihrer Zeit zu den mächtigsten und baulich anspruchsvollsten zählten, Theater, Bibliotheken, Badehäuser, Handelskontore und Einrichtungen für die simplen Bedürfnisse des Lebens: Pinkelhäuser und Bordelle. Auf einer Rundfahrt durch die Region können diese Stätten ausführlich besichtigt werden: Priene, Didyma, Milet. Zum Teil sind die Ausgrabungen hier immer noch in Gange und je nach Stand der Finanzierung dieser Arbeiten, kommen in jedem Jahr mehr Bauten zum Vorschein.

Die größte Aufmerksamkeit in der Region hat bisher das berühmte Ephesos erfahren. Hier wurde und wird immer noch, mit gewaltigem Aufwand eine gesamte Stadt aus der Erde geschält, restauriert und baulich komplettiert. Efes, wie die Türken diese Stadt nennen, ist einen separaten Ausflug wert, weil hier schon eine Weltstadt stand, als Athen noch zur allertiefsten Provinz zählte und die Gründung von Rom noch nicht einmal angedacht worden war. Zu antiken Zeiten lebten in Ephesos 250.000 Menschen, die ernährt, versorgt, unterhalten, geschützt werden und sich kulturell weiter entwickeln wollten. Ephesos war die reichste Stadt Kleinasiens, die Wohnquartiere der Superreichen der damaligen Metropole lassen immer noch Neid und Bewunderung aufkommen. Schon damals gab es Luxus-Stadtwohnungen, Flats über mehrere Ebenen, großzügig ausgestattet mit Mosaikböden, Fresken und eigenen Bädern.

Bevor man weiterreist, sollte man einen Zwischenstopp in Selcuk einlegen oder dort ein, zwei Nächte bleiben. Die Stadt bietet neben dem Markt auch ein Spazierviertel, das mit Kneipen und Restaurants aufwartet. Kühles Bier oder Anisschnaps, wer mag einen guten türkischen Wein, serviert mit reichhaltigen Spezialitäten aus der Meze-Küche und lockere Menschen, die nichts von der bigotten Verbissenheit der konservativen Kleingeister spüren lässt, die anderswo den Ton angeben wollen, lassen hier Entspannung aufkommen. Klar, Izmir, die weltoffene Stadt ist nah und auch einige moderne Badeorte. Aber das ist ein anderes Thema, wir kamen ja vom Bafa See, wo wir uns gut aufgehoben fühlten.

Istanbul, Kappadokien, Lykische Küste, Nemrut

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