Kumbakonam

Wo anderswo in Indien normale Wohn- und Geschäftshäuser die Skyline bestimmen, dominieren in Kumbakonam Tempel das Stadtbild. Ob es – gemessen an der Zahl von Einwohnern – Städte mit noch mehr religiösen Gebäuden gibt, wohlgemerkt solchen, die noch genutzt werden, wissen Shiva, Krishna, Ganesh oder Hanuman besser als wir.

Von unserem Hotel, das direkt am heiligen Tempelteich, dem Maha Maham Tank, liegt, ist es theoretisch möglich, 5 der bekannteren Tempel zum Teil zu Fuß zu erreichen. Allerdings macht uns das Wetter gerade einen Strich durch die Rechnung. Monsunregen in Südindien verwandelt die Straßen in knöcheltiefe Planschbecken oder Schlammlöcher. In Kombination mit dem hektischen Verkehr, wo jeder, der ohne Fahrzeug unterwegs ist, nur verlieren kann, ändern wir unsere Erkundungstaktik. Wir mieten ein Tuktuk, mit dem wir alle Tempel auf unserer Besichtigungsliste abfahren. Pro Tempel 50 INR Fahrtkosten plus Wartezeit ergibt 300 INR, die sich der Fahrer verdienen will. Achtung, einfach losfahren wäre jetzt falsch. Die Tempel legen, wie jedes Unternehmen, wo hart gearbeitet wird, eine Siesta ein und schließen in der Regel zwischen 12.30 – 16.00 Uhr.

In der Zwischenzeit verschaffen wir uns einen kleinen Überblick über unser Viertel. Läden, Restaurants, die meisten natürlich vegan. Aber auch ein Lichtblick, das Lokal mit dem großen Bierkrug als Werbebanner, das auch Fleischgerichte anbietet.

Wir umrunden in einer Regenpause zu Fuß den großen Tempelteich, der alle 12 Jahre, zuletzt in 2016, Schauplatz des Mahamaham Festivals ist. Es zieht Massen von Pilgern an, da der Teich dann nämlich – so der hinduistische Glaube – mit heiligem Gangeswasser gespeist wird. Tja, Glaube versetzt in Indien eben nicht nur Berge, sondern auch Flüsse. 1,1 Millionen Gläubige sollen sich übrigens am Haupttag beim Tempelteich versammeln. Wahnsinn, wenn alle gleichzeitig ins heilige Nass springen. Da loben wir uns die Gegenwart, denn gerade tobt im Teich, ohne jede Form von ehrfürchtigem Respekt, nur eine Handvoll Jungs.

Für die Tuktuk-Tempel-Tour rüsten wir uns durch Schuhwechsel. Wir sind jetzt mit Flipflops unterwegs, das verschafft Vorteile bei der obligatorischen No-Schuh-Prozedur am Tempeleingang und beim finalen Abwaschen des Straßenschlamms. In der Tat ist das Barfußgebot an Tagen wie diesen eine besondere Herausforderung. Der Regen hinterlässt ja große, lauwarme Pfützen, in denen sich einiges an Schweb- und Feststoffen sammelt. So eine Brühe zu durchwaten kostet uns Überwindung.

Die 5 Tempel, die wir auswählen, haben auf ihre Weise Besonderheiten, für die es sich lohnt, die Tour zu machen.

Nageshwara Tempel: Erbaut bereits im 9. Jhdt., hat der innere Bereich die Form eines Wagens. Er ist Shiva in seiner Inkarnation als Nagaraja geweiht und soll so angelegt sein, dass zum Beginn des Jahres nach den tamilischen Kalender, also im April – und nur dann – die Sonne das Allerheiligste beleuchtet. Richtiger Ort, falscher Zeitpunkt, wir können diese Information nicht verifizieren, wohl aber, dass die Figuren und Reliefs hier besonders gelungen sind. Grandios sind auch die überlebensgroßen Elefantenstatuen, die ihrer Fröhlichkeit ein bisschen wie Jahrmarktfiguren wirken.

Sarangapani Tempel: Datiert ist der Bau in seiner heutigen Ausführung auf das 15. Jhdt. Der Tempel war lange Zeit berühmt wegen des höchsten Gopurams (Torturmes) in Südasien, der über 11 Stockwerke immerhin 53 Meter mißt. Auch heute noch hält der Tempel unter Seinesgleichen den Platz 3 und ist unter den Shiva Tempeln nach wie vor einer der wichtigsten.

Chakkarapani Tempel: Erbaut Anfang des 17. Jhdt. ist dieser Tempel ein Heiligtum, das sich bei den Anhängern Vishnus besonderer Beliebtheit erfreut. Grund genug für uns, ihn zu besichtigen, vielleicht können wir ergründen, was die besondere Zuneigung der Follower ausmacht. Klein aber fein, sagen wir, vor allem wegen seiner kunstvollen Säulen.

Kumbeshwara Tempel: Erbaut im 7. Jhdt. und damit einer der ältesten Tempel. Bekannt bei den Gläubigen, weil das besondere Heiligtum dort, der Lingam, von Shiva selbst gefertigt sein soll. Dazu brauchte er übrigens nur 2 Zutaten, Sand sowie den Nektar der Unsterblichkeit. Eigentlich klingt das ganz einfach, eine gewisse künstlerische Begabung, vorausgesetzt.

Ramaswami Tempel: Erbaut im 16. Jhdt., gewidmet Rama, einer der Inkarnationen Shivas, besitzt der Tempel eine exquisite Architektur. Besonders seine 64 kunstvollen Säulen, verziert mit Szenen aus dem Epos Ramayana werden hier als Besonderheit hervorgehoben. Obwohl die Säulen in der großen Halle mal wieder einem strikten Fotografierverbot unterliegen, besuchen wir ihn trotzdem gerne.

Unsere Tempel-Tour kommt gut voran. Mahatma Regen, ma nicht. Allerdings verlieren wir nach dem 3. Tempel bereits den Überblick. Beim 4. verschwimmen Begriffe, Namen und Erinnerungen an Gelesenes zum Thema zu einem pseudokulturellen Brei. Unsere kognitiven Fähigkeiten stoßen an Grenzen, die wir bislang niemals austesten mussten. Aber beim 5. Tempel schaffen wir die Synthese aus Verwirrung und Overload. Ein Flash an Erleuchtung, die uns klarmacht: Hier in Tamil Nadu geht es doch eigentlich immer wieder um Shiva oder Vishnu, egal welche ihrer Inkarnationen gerade herausgestellt werden. Diese Erkenntnis richtet auf, Shiva sei Dank. Fotos haben wir schon mehr als genug, Eindrücke auch und natürlich schlammige Füsse und feuchte Hosenbeine.

Zwei weitere Tempel, die nur wenige kilometer außerhalb von Kumbakonam liegen, sollte man auf keinen Fall auslassen.

Der Tempel in Swamimalai, mit dem einprägsamen Namen Swaminathasmani gewidmet dem Hindugott Murugan, übrigens ein Sohn Shivas, der seinen Vater die Bedeutung des heiligen Lautes Om lehrte und deswegen als Guru verehrt wird. Der Tempel ist etwas erhöht gebaut. Um ihn zu erreichen, müssen die Gläubien 60 Stufen bewältigen. Was wir übrigens auch tun.

Das eigentliche Highlight ist allerdings die Tempelanlage Airavatesvara, die nicht umsonst als Weltkulturerbe der UNESCO gelistet ist. Sie liegt etwa 4 km entfernt außerhalb Kumbakonams, in der kleinen Stadt Darasuram, ist aber dennoch sehr gut mit dem Tuktuk erreichbar. Schon bei der Anfahrt zeigt der Tempel seinen besondere Charme. Umgeben von einem gepflegten Park erkennen wir intakte Mauern, dahinter gut erhaltene Gebäudestrukturen.

Der gesamte Tempelbezirk ist nahezu vollständig restauriert und archäologisch dokumentiert. Er erinnert auf den ersten Blick an den Aufbau des Sonnentempels Konark in Odisha: Vorhalle und Tempel sind einem Tempelwagen nachgebildet, mit Rädern an den Seiten und Pferden als Zugtiere. Das alles hat nicht die große Dimension wie Konark, dafür ist es jedoch vollständig erhalten. Tempel wie diesen widmen wir uns gerne intensiver, wir akzeptieren das Angebot des älteren Herrn am Eingang, uns als Guide herumzuführen, um wenigstens einmal Sinn und Bezeichnung der Tempelteile und seiner Dekoration gehört zu haben.

Kumbakonam hinterlässt trotz Regen einen guten Eindruck, da die Stad für unsere Bedürfnisse als Reisende eine gute Infrastruktur besitzt und sogar unsere lukullischen Ansprüche erfüllt: Frische Kokosnüsse in Reichweite, kleine Bäckereien mit Kuchen und Süßigkeiten, alternative Menüs in Restaurants, die nicht nur vegane Kost anbieten. Ein Tag reicht als Aufenthalt gut aus.

Ein Gedanke zu „Kumbakonam

  1. Hallo ihr Zwei,
    wenn ich eure Fotos von den bunten Hindu-Tempel sehe, erinnere ich mich sofort an meinen ersten Eindruck, als in Sri Lanka vor so einer bunten Pyramide aus Figuren stand. Und dazu der Duft der Räucherstäbchen und geopferten Tempelblumen. Ich habe sie regelrecht in meiner Nase. Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass es mit dem Wetter wieder besser wird bei euch.

    Viele Grüße
    Anne

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