Chennai

Nachrichten verfolgen wir unterwegs oft nur sporadisch, aber die alarmierenden Neuigkeiten aus Chennai erreichen uns schon Tage bevor wir anreisen: Hochwasser nach gewaltigen Regenfällen. Deswegen interessiert uns weniger, ob die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, das vormalige Madras, nach der letzten nationalen Volkszählung nur die sechstgrößte indische Stadt ist, oder ob Wiki Recht hat und es bereits Platz 4 belegt. Wichtiger ist, dass die schweren Überschwemmungen der letzten Woche zurückgehen und sich der urbane Gigant durchqueren lässt, ohne dafür ein Schlauchboot mieten zu müssen. Uns ist bewusst, dass wir ohnehin nur eine Momentaufnahme zu sehen bekommen. Wir sind keine 48 Stunden in der Stadt, Ruhezeiten eingerechnet. Das reicht für nichts, obwohl uns bald, schneller als wir denken können, alles reicht.

Erster Impuls, in Chennai aktiviert man am besten alle Travellerinstinkte: Umsicht, gesundes Misstrauen und erhöhte Aufmerksamkeit. Hier ist nicht das beschauliche Odisha, sondern knallharter Großstadtdschungel, wo Millionen von Menschen tagtäglich ums Überleben kämpfen und fast jedes Mittel recht ist. Wie sagte die indische Lady beim Frühstück im Hotel in Vizag: „Oh, Chennai, nein, da fahren wir nie hin“. Ob Chennai es jemals in die Liste unserer persönlichen Top 10 unter den indischen Städten schafft, ist fraglich. Zur Zeit assoziieren wir damit lediglich die Eigenschaften: groß – grün wahlweise grau – gruselig.

Chennai Airport ist gut organisiert. aber leider ist kein Schalter für Prepaid-Taxi besetzt. So entsteht folgender Dialog mit den Männern, die sich am Ausgang auf uns stürzen: „Can we find a prepaid Taxi?“ – „Yes Sir, I am prepaid“ – „How much to our Hotel?“ – „500 INR, one person“ – „Forget it!“ Ein kleiner dünner Mann mischt sich ein „350 Rupies.“ Den nehmen wir, obwohl das nur der Nettopreis ist. Brutto kommen noch 200 INR dazu, Tollgebühr. Das klingt akzeptabel für eine Strecke von 13 km. Ja, sagt der kleine Dünne, er kenne die Adresse ganz genau, aber vorsichtshalber will er doch im Hotel anrufen. Wir kennen das Spiel, er bekommt die Telefonnummer, denn Lust, lange herumzufahren haben wir nicht.

Erste Lektion, in Chennai wird immer nachverhandelt. Am Ziel verlangt unser Fahrer 100 INR Zuschlag, um Essen zu gehen. Hartherzig bleiben wir standhaft, das Essen müsse er selbst bezahlen. Tatsächlich ist es immer das Gleiche, Taxi- und Tuktukfahrer kobern bei Fahrtende gerne nach. Wir bleiben stets beim ursprünglich vereinbarten Preis und dieser Dissens trübt regelmäßig die Stimmung.

Überhaupt, das Beförderungsgewerbe ist schwierig in Chennai. Am ersten Tag gelingt uns nicht, die kostengünstige Weiterfahrt zu unserem nächsten Ziel (Tirupati) zu buchen. Es gibt angeblich nur Tagestouren, mit Vollverpflegung plus Rückfahrt. Wir sollen einen Midibus für 12 Personen mieten, der 7.000 INR kostet und könnten uns noch 10 Mitreisende suchen. Absurd, Tirupati ist gerade mal schlappe 3,5 Stunden entfernt, die Angebote schlagen wir natürlich aus. Zusammen mit einigen weiteren Erlebnissen, die alle seltsam anmuten, schafft es Chennai auf Anhieb, dass wir die Stadt gerade für den unattraktivsten Ort Indiens halten.

Aber jeder hat eine zweite Chance, so auch Moloch Chennai. Die erhält das ehemalige Madras am nächsten Morgen. Wir verabreden uns mit einem Fahrer für eine kleine Rundfahrt mit dem Tuktuk, zu ausgewählten Zielen.

Zum Auftakt steuern wir den Kapaleeshwarar Tempel an, der erstmals vor 1.400 Jahren erwähnt, danach allerdings oft zerstört wurde, und in seiner jetzigen Struktur 400 Jahre alt ist. Typisch für die Bauweise der Hinduheiligtümer in Tamil Nadu gehört ein farbenprächtig gestalteter Turm, der Gopuram, zur Anlage. Wir parken vor dem Tempel-See, der leider eingezäunt ist und umrunden ihn zu Fuß, wie es sich gehört, im Uhrzeigersinn. Auf die Besichtigung des Inneren verzichten wir aus Zeitmangel. Vermutlich ähnelt es den Tempeln in Madurai, die wir schon besichtigen konnten.

Auf unserem Plan steht ein Abstecher in die weltliche Vergangenheit der Stadt, Fort George. Die breiten Boulevards, über die wir bald fahren, verlaufen parallel zum Meer. Sie sind zur Landseite von repräsentativen, historischen Bauwerken begrenzt. Gegenüber, auf der Wasserseite, schimmert der Golf von Bengalen grau durch den Dunst herüber. Wir passieren die stilvolle Universität mit Gebäuden im alten Kolonialstil und stoppen schließlich vor dem Fort. Erbaut in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts diente es der Britischen Ostindien Company zuerst als Handelsstützpunkt. Später entsteht um das Fort herum die Stadt Madras, das heutige Chennai.

Zur kostenlosen Besichtigung dürfen wir nach Eintrag von Namen und Adresse ins Besucherbuch auf das Gelände, das allerdings nur wenig vermittelt, wie es hier vor fast 400 Jahren ausgesehen haben mag. Wer Zeit und Lust mitbringt, geht noch ins kleine Museum. Wir lassen uns weiterfahren zum High Court, einem der 3 höchsten Gerichte Indiens, das in viktorianischer Zeit erbaut wurde. Ein mächtiger, stilistisch reizvoller Komplex, verborgen hinter hohen Mauern und Bäumen. Unser Pech, heute, am Sonntag kann man nur von draußen schauen, aber selbst das wirkt imposant.

Abschluss unserer Minitour, die gleichwohl über relativ große Distanzen führt ist Marina Beach, der mit seiner Länge von 13 km als zweitlängster Strand weltweit gilt. Selbst bei diesem trüben Wetter zieht er tausende von Besuchern an. Pflichtprogramm für Inder ist wohl, den Ausflug mit einem Besuch der Gedenkstätten zu verbinden, die zu Ehren von regionalen und nationalen Persönlichkeiten errichtet wurden

Die Kür ist dann die Vergnügungsmeile mit unzähligen Kiosken für Fastfood, Verkaufsständen und Kinderkarussells. Die bunte Kulisse stemmt sich vergeblich gegen die Invasion aus Schmutz, die das Ganze mit einer unansehnlichen Patina überzieht und uns eher abstößt, als anzieht.

Näher zum Meer lichten sich die Buden, dafür verdichten sich die Abfallzonen. Wir tun uns schwer, hier unbekümmert herumzuwandern. Den Indern macht es scheinbar nichts aus. Sie flanieren über den Sand, umrunden Müllhaufen, machen die üblichen Selfies, so wie an normalen Stränden auch. Sind da nicht 2 Männer, die gerade in einer feierlichen kleinen Puja dem Meer einen prall gefüllten Müllbeutel übergeben?

Irrsinnig wirkt die Normalität angesichts der Welt aus Unrat, die sich kilometerweit am Strand erstreckt. Wir hoffen, dass dieses Bild die Ausnahme ist und durch den Sturm und Monsumregen der letzten Tage verursacht wurde. Uns fällt auf, dass Unmengen an Schuhen im Abfall liegen und veranstalten spontan eine kleine Aktion. Einige Slumkinder vom Strand helfen, Schuhe einzusammeln. Pro Exemplar versprechen wir 1 INR. In wenigen Minuten breiten die Kids 100 Schuhe vor uns aus. Ein skurriles Bild. Es hätten auch Flaschen, Holz, Spielzeug oder Plastikteile sein können.

Wir beenden unseren Spaziergang, suchen und finden ein Tuktuk für die Rückfahrt. Im 2. Versuch gelingt es, einen Fahrer aufzutun, der einen annehmbaren Preis verlangt. Einer, der sich richtig gut auskennt, der den Weg abkürzend durch Straßen fährt, in denen man nachts nicht gerne unterwegs sein möchte und ehrlich gesagt, tagsüber ebensowenig.

Das Wetter hält zunächst. Wind und grauer Himmel kündigen neuen Regen an. In Momenten wie diesen ist man sogar ein wenig erleichtert, einen guten Grund zu haben, sich ins Hotelzimmer zurückzuziehen. Chennai, von Deiner riesigen Ausdehnung sehen wir zwar nur wenig, aber selbst das bestärkt uns, weiterzureisen. Verlängerung des Aufenthaltes ist keine Option.

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