Lykische Küste

Wer alt genug ist, erinnert sich noch gut an die Zeiten, als das Mittelmeer an der Adria endete. Nicht geografisch natürlich, aber reisetechnisch. Wer am Mittelmeer urlaubte, wollte damit sagen, er sei in Spanien, Frankreich oder Italien gewesen.

Die Reiseindustrie hat erst in den 1980er Jahren die Türkei erobert, sich aber im wesentlichen auf die boomenden touristischen Zentren in den Badeorten konzentriert und dort mit viel Aufwand in Lizenzen zum Geldmachen investiert, die All-Inclusive-Ghettos des Pauschaltourismus. Obwohl solche Orte die Tendenz haben, gnadenlos nach links und rechts zu wachsen, hat es in der Türkei immer entschleunigende Anlässe gegeben, wirtschaftliche oder politische Verwerfungen, die diesen Prozess unterbrochen haben. Und das ist gut so. Die nicht befüllten Räume zwischen den touristischen Hotspots sind es, die wir kennen und schätzen gelernt haben. Und wer meint, kulturhistorisch sei das antike, hellenistisch geprägte mediterrane Lebensgefühl keine Synthese eingegangen mit der modernen türkisch geprägten Mittelmeermentalität, der redet immer noch wie der Blinde von der Farbe.

Wir kennen fast die gesamte türkische Mittelmeerküste, auch den Abschnitt, der nach den Lykiern benannt ist, zwischen Köycegiz und Kemer. Bei diversen Reisen haben wir uns bewusst auf die vom Massentourismus verschonten Regionen konzentriert, die das wahre Wesen dieser Landstriche sehr viel ehrlicher repräsentieren als die Prospekte der Superhotels.

Köycegiz / Dalyan

Zwischen dem Dalyandelta und dem sich über 65 qkm ins Land erstreckenden See von Köycegiz liegt ein Naturparadies, das entdeckt werden will. Die Schilflandschaft bietet allem was da kreucht, fleucht und schwimmt Brutstätten und Reviere. Alle diese Kreaturen sind auf ihre Weise in die Nahrungsmittelkette involviert, ein Leben im Überfluss. Menschen, die als Beobachter teilnehmen wollen, finden hier viele Möglichkeiten, intakte Biotope zu erforschen. Wer sich lieber selbst aktiv am Kreislauf der Nahrung beteiligen will, natürlich als letztes Glied in der Kette, wird sich nicht beklagen können. Köycegiz und Dalyan sind bekannt für gute Fischgerichte oder lecker zubereitete Krebse.

Köyecigiz gilt als Refugium für Menschen, die ihre Biografie in Gemächlichkeit abschließen wollen. Viele Pensionäre leben hier. Leute, die sich den Rückzug leisten können und liberale Geister, die hier noch die Tradition der freien, unzensierten Rede im Kaffeehaus zelebrieren. Für den partysuchenden Urlaubsaktivisten gibt es hier wenig, für die abseits der ausgetretenen Wege stöbernden Reisenden dafür eine ganze Menge. Einen authentischen Markt mit alteingesessenen Einzelhändlern, gemütliche preiswerte Restaurants und einen Laden, der Spirituosen verkauft, obwohl er nur 10 Meter von der Moschee entfernt ist. Normal ist inzwischen eine Bannmeile von 100 Metern. Die auffälligste Sehenswürdigkeit, die Strandpromenade von Köycegiz, ist lang, breit, windig und eigentlich immer menschenleer. Wer damit nicht zurecht kommt, sollte sich besser Dalyan zuwenden.

Um den See herum lässt sich prächtig picknicken, ohne Auto ist man allerdings aufgeschmissen. Orte, wie das Dorf Sultaniye am Westufer des Sees, werden zwar von Kleinbussen bedient, allerdings in Zyklen, die eher den Bedürfnissen von Langzeitaussteigern angepasst sind.

Nach Dalyan, den Nachbarort am See, dort, wo das süße Wasser sich mit dem salzigen des Meers vermischt, kommt man recht gut über die kleinen Straßen entlang des Sees. Es ist eine romantische, gemütliche Strecke, vorbei an intakten, ruhigen Dörfchen, wo die Zeit langsamer verrinnt als anderswo. Wir schlagen trotzdem vor, einmal über den Highway, der Mugla mit Fethiye verbindet, zu brausen, um dort ins Landesinnere abzubiegen, wo der Wegweiser nach Beyobasi zeigt. Dort liegen in den Wald hinein gebaut, Restaurants in idyllischer Lage, die selbstgezüchtete Forellen anbieten und Tandir, Fleischgerichte aus dem Steinofen. Die Preise sind günstig, die Portionen großzügig und es sitzt sich trefflich erfrischend auf Holzbrücken, die über einen eiskalten Bergfluss gebaut sind. Yuvarlakcay heißt das erste Gasthaus. Wer etwas Zeit mitbringt, fährt weiter in den Wald, das kurvige Sträßlein hinauf. Mehr Restaurants tun sich auf, hier schmeckt alles noch ein bisschen authentischer und der Raki ist noch einige Grad kühler.

Dalyan ist eines der Zentren wo es auch in Zeiten, in denen der Tourismus anderswo Flauten hinnehmen muss, vor Touristen wimmelt. Die Lage am See, das Flussdelta, eine komfortable Infrastruktur und die Tatsache, dass es hier keine Hotelhochbauten gibt, mögen der Grund dafür sein.

Uns zieht es weniger in das laute und belebte Barviertel, wo sich ein Andenkenladen an den anderen reiht, sondern an die Strandseite von Iztuzu, die außerhalb von Dalyan liegt und auch gut von den Zubringerbooten angelaufen wird. Der Strand, keine Frage, ist so prächtig und gepflegt, dass er nach wie vor den Caretta Schildkröten als Brutgebiet dient. Sie sind hier gern gesehen und werden von Aktivisten geschützt. Was die humanen Besucher angeht, hat sich in den letzten Jahren das Bild verändert. Es gibt jetzt deutlich mehr Teletubbies, Frauen in Burkinis, und die Philosophie, die ihren Zulauf begünstigt, wird wahrscheinlich dafür sorgen, dass die Strandbar bald kein Bier mehr ausschenken darf.

Bier, Raki und hervorragende Mittelmeerkost gibt es in den garantiert burkafreien Lokalen, die 20 Fahrminuten entfernt ins bergige Umland gebaut wurden. „Sahin Tepesi“ und „Sunset Cafe“ sollte man sich merken. Die Küchen in diesen kleinen rustikalen Lokalen sind exzellent, die Ausblicke von der Höhe über die Buchten hinter dem Iztuzu sind umwerfend.

Göcek

An Ortaca und Dalaman vorbei, Provinzstädten, die sich als Verkehrsknotenpunkte einprägen, für den flüchtigen Urlauber aber wenig zu bieten haben, führt der Weg durch wunderschöne, mediterrane Landschaft nach Göcek. Vor vielen Jahren bereits als Yachthafen konzipiert, hat Göcek in seinen Hafen kräftig investieren lassen. Es gibt hier zwar noch den kleinen Campingplatz mit Hafenblick, für türkische Dauercamper, direkt am Wasser, eingezwängt zwischen Luxusappartments. Aber das Ufer besteht heute zumeist aus langen, eleganten Promenaden, an denen die kommerziellen Ausflugsboote darauf warten, Besucher für einen Tag in die Welt der 12 Inseln zu entführen. Gnadenlos schöne Buchten gibt es hier, kristallblaues Wasser und zig Gelegenheiten, sich ins warme Mittelmeer fallen zu lassen. Die Straßen in der zweiten Reihe Göceks bieten ein kleines Einkaufsparadies für gehobenere Ansprüche. Viel türkisches Kunstgewerbe ist hier erhältlich, folkloristische Artefakte, die hier noch für den Normalverdiener erschwinglich sind. Weiter östlich, wo es mondän wird, explodieren die Preise.

Eine knappe Fahrstunde entfernt liegt Fethiye mit dem „Ölü Deniz“. Die Fahrt dorthin über den Highway gehört zu den schönsten der Türkei. Immer wieder bieten sich Panoramablicke auf das tiefblaue Meer und Buchten, die zum Verweilen einladen. Katranc ist so ein Ort. Ein Campingplatz in einem Pinienwald, direkt am Strand in einer Bucht, die ideale Bademöglichkeiten bietet. Selbst wenn man nur einen Zwischenstopp einlegt, man kann sich hier günstig mit Börek und Pide, leckeren Teigwaren, gefüllt oder belegt mit Ziegenkäse, verköstigen lassen. Dazu einen Tee oder ein Ayran genießen. Auch wenn man nicht auf Camping steht… wären hier schon die Luxushotels eingefallen, gäbe es das alles nicht mehr.

Ölü Deniz und Fethiye sind inzwischen touristisch und völlig zurecht so weit über die Grenzen der Türkei berühmt, dass wir in diesem Blog nichts veröffentlichen können, was nicht schon von Anderen zu diesen Orten geschrieben wurde.

Eigentlich können wir nur ergänzen: Ferien selbst an solchen Hotspots, lohnen immer. Sei es das kleine Hotel in der dritten Reihe, das versucht zu überleben und dafür seine Besucher mit Gastfreundschaft überschüttet, der persönliche Weg zum Strand, mit der Eroberung eines Liegeplatzes in der ersten Reihe und Blick auf Meer und Paraglider. Wer sucht, der findet: Es gibt noch vereinzelt Nischen für Individualtouristen, zwischen den Hochglanz-Angeboten mit steriler All-Inclusive-Athmosphäre, Animateuren und Rundum-Service. Sicher, auch die haben ihre Berechtigung. Nicht jeder verspürt Lust, seinen Urlaub selbst zu gestalten.

Patara

Patara, die nächste Station auf unserer Route entlang der Küste, hat es nie in die Liga der hochpreisigen Urlauberghettos geschafft und das ist gut so. Patara hat vielleicht den schönsten Strand im ganzen Land. Antalya, Side, Kusadasi, sie alle können nicht mithalten mit diesem großartigen Streifen goldgelben Sandes, mit 400 Metern breiter als anderswo und mit 18 Kilometern auch länger. Keine Banana-Rides gibt es hier, keine Surfschulen oder knatternde Wassermopeds. Der Strand ist deswegen wohl auch der ruhigste in der Türkei.

Um zum Strand zu kommen, muss man durch den Museumsbereich. Egal ob Interesse an einer Besichtigung besteht oder nicht, der Eintritt wird fällig. Es sei denn, man taucht frühmorgens als Läufer auf, dann wird man vom Wächter durchgewunken. Kein Anlass zum Unken, die Tickets sind bezahlbar und der Obolus dient einem guten Zweck. Das letzte Stück Weg führt über Holzplanken, durch einen Gürtel von Strandhafer und anderen Gewächsen, Schutzgebiete für seltene Vögel. Der hintere Teil des Strandes ist begrenzt durch riesige Dünen.

Eingebettet in diese Landschaft ist das antike Patara. Säulen, ein Theater, das als eines der schönsten an Lykiens Küste gilt, Bäder, Tempel und Reste gepflasterter Straßen. Rudimentäre Ausgrabungen, an einem geheimnisvollen Ort, der in der Antike der Haupthafen der Lykier war. Unübersehbar schon von weitem, wuchert zwischen den Ruinen ein seltsamer, uralter heiliger Palmenhain vor sich hin, der begehbar ist. Nach der Legende der Geburtsort des Gottes Apoll.

Die historische Bedeutung Pataras kann nicht hoch genug angesetzt werden. Seit Alexander dem Großen war es wichtige Marinebasis der hellenistischen Reiche und unter den Römern Provinzhauptstadt. Nebenbei, darauf trifft man in der Türkei immer wieder, schon der sakrale Reisefreak Paulus soll hier vorbeigekommen sein. Als frohe Botschaft für uns bleibt festzuhalten, dass Archäologen unter dem Sand in Patara mehr Schätze vermuten als in Ephesos – und deshalb fleißig weiter ausgegraben und geforscht wird..

Der eigentliche Übernachtungsort ist Gelemis, etwa 2 Kilometer vom Strand entfernt, das auf wunderbare Weise vom Tourismus verschont geblieben ist. Pensionen finden sich hier, einige Kaufläden, kleine Restaurants, die zum Teil wie provisorische Buden wirken. Das Wunder erklärt sich, wenn man nachfragt, was Gelemis wohl verbrochen habe, dass der Boom hier nicht angekommen ist. Nicht der altruistische Verzicht aufs große Geld war der Grund, sondern die seltsamen Eigentumsverhältnisse aus osmanischer Zeit. Selbst die akribischen türkischen Katasterbeamten konnten nie so richtig herausarbeiten, welche Grundstücke im Ort eigentlich wem gehören. Verkompliziert wurde das alles noch für Investoren durch enge bauliche Vorschriften, zum Schutz der antiken Bausubstanz, die bisher nicht aufgeweicht worden sind. Das ist schon beachtlich für ein Land, wo im Prinzip jede Vorschrift einen Handelswert hat und zu Disposition steht, wenn der Preis stimmt.

Laufen lässt es sich gut, in dieser Umgebung, aber auch andere Aktivitäten bieten sich an. Auf dem Esen Cay, auch Xanthos Fluß genannt, kann man an Kanutouren mitmachen. Ein Halbtages-Ausflug in 2-Sitzer-Booten, geführt von Einheimischen Guides. Die flussabwärts fließende Strecke, ca. 16 km lang, ist zwar kanutechnisch keine Herausforderung, führt aber an schönen Landschaften vorbei. Schildkröten in freier Wildbahn lassen sich hier beobachten und weidendes Vieh. Zur Tour gehören neben einem Schlammbad, auch ein Picknick an einem lauschigen Uferrastplatz und natürlich viel gemütliches Paddeln.

Kas/Kalkan

Die Orte Kalkan und Kas sind jeder für sich, kleine Perlen. Kalkan in erster Linie, weil es sich dort trefflich durch die Gänge des alten Viertels über dem Hafen schlendern lässt und Herz und Augen sich an den prächtig renovierten Bauten erfreuen dürfen. Ursprünglich ein griechisches Fischerdorf, hat der Zuzug von kaufkräftigen Neubürgern, die um Kalkan herum eine Villa neben die andere gesetzt haben, für Konjunktur gesorgt. Das Ergebnis ist eine Ansammlung feiner Boutiquen, Restaurants und Teppichläden, die für die Inhaber von prall gefüllten Geldbörsen ein wahres Eldorado sind. Sei’s drum, sich irgendwo hinzusetzen, die bunte Umgebung auf sich einwirken zu lassen und sich bei Tee, Kaffee und Gebäck einen schönen Tag zu gönnen, ist eigentlich immer noch drin. Schön ruhig ist es hier, Hektik bleibt hier ein Fremdwort.

Kas, das im Prinzip mit einer ähnlichen Historie und Entwicklung unterwegs ist, verfügt sogar über einen kleinen Strand. Nichts was zum Rummel mit Sonnenschimen und Liegenverleih auffordern würde, soviel gibt der Sandstreifen nicht her, auf den grob geschätzt gerade mal 15 ausgebreitete Badelaken in Reihe passen. Dafür ist Kas sehr beliebt bei Tauchern, denn in der Umgebung des Ortes gibt es gute Tauchgebiete, die er Boot angesteuert werden. Im Ort selbst dominieren Künstlerkneipen, die noch erahnen lassen, wie das lokale Colorit in den Zeiten, als die griechischen Fischer hier ihre Fänge und Familienfeste feierten, sich wohl angefühlt haben mag. Der Fisch in den Lokalen an der Mole ist köstlich und erschwinglich, die Athmosphäre: Mittelmeer pur at its best.

Demre/Myra

Wer im Sommer auf adventliche Gefühle steht, kann das in Demre, einer eher nüchternen Kreisstadt zwischen Kas und Finike, an der man wahrscheinlich vorbeifahren würde, wüsste man nicht, dass hier das antike Myra liegt. Myra, das sind nicht nur die eindrucksvollen lykischen Felsengräber, das ist natürlich auch die byzantinischen Basilika des Heiligen Nikolaus. Richtig: Die Rede ist von dem St. Nikolaus, der bei uns am 6. Advent die Schuhe füllt. Nikolaus, der legendäre Bischof der Ostkirche, der sich hier vor rund 1.700 Jahren angetan mit Kutte, Bart und Stiefeln als Wohltäter der Armen einen sagenhaften Ruf erwarb, weil nachts den Bedürftigen Goldstücke in die Strümpfe gesteckt haben soll, wurde im Laufe der Zeit zum Urvater aller Nikoläuse und Vorbild für die Figur des Weihnachtsmannes. Natürlich wird er hier besonders verehrt, lässt sich doch mit seinem Namen manches Andenken verkaufen, das sich dann geschickt unterm heimischen Weihnachtsbaum platzieren lässt, als politisch korrektes Mitbringsel. Was die Sehenswürdigkeiten betrifft, sollten ein paar Stunden ausreichen alles aufzunehmen.

Wenn auch einige Fremdenführer gerne behaupten, hier lägen noch die original Gebeine des bärtigen Bischofs oder wenigstens einer seiner Fingerknochen, sie irren. Die Überreste wurden bereits im Jahr 1087 von italienischen Kaufleuten nach Bari geschafft. Wer heute ähnliche Aktionen vorhätte, würde sich sicher gewaltigen Ärger mit den Zollbehörden einhandeln. Ob der Nikolaus tatsächlich ein Türke ist, wie hier gerne behauptet ist, kann man getrost im Raum stehen lassen. Vor 1.700 Jahren jedenfalls gab es hier den Halbmond nur am Himmel. Kleine Notiz am Rande, der Reisefreak Paulus (aka Saulus), der den größten Teil seines Lebens in Sachen Glauben unterwegs war, soll in Myra auch mal Station gemacht haben.

Phoinikos, der Name klingt grossartig und lässt mehr vermuten, als dahinter steckt. Heute heisst der Küstenort Finike. Mit Phöniziern hat weder das antike noch das moderne Finike etwas am Hut. Um den Weg etwas aufzulockern, lässt sich hier ein Zwischenstopp von maximal einer Übernachtung vertreten. Der Strand, der sich parallel zur Endlosstraße hinzieht, die den Reisenden von Ost nach West oder umgekehrt, den Ort durchbrausen lässt, wirkt sogar einladend. Weite Stecken zwischen Naturstrand und Highway sind mit Orangenhainen gesäumt, das wirkt optisch attraktiv genug, anzuhalten und Badezeug aus dem Gepäck zu zerren. Irgendwie bleibt es hier aber langweilig, selbst die Ruhe des Strandlebens generiert kein Begehren hier länger zu bleiben. Obst lässt sich gut kaufen, für die Weiterfahrt, das wird im Hinterland angebaut und natürlich im Ort angeboten, auch anständig frühstücken, wenn das Angebot im Hotel zu einfach war. Wie auch immer, langgestreckte Ortschaften haben für den Selbstfahrer einen ganz bedeutenden Vorteil: Die Straße lässt sich hervorragen als Anlauf nutzen, um auf Touren zu kommen. Kein Berg, keine Kurve, die ein Beschleunigen erschweren würde. Für die lykische Küste ist das schon ein signifikantes Alleinstellungsmerkmal. Fahrer, bist Du durch Finike durch, egal in welche Richtung, es wird wieder interessant.

Olympos

Vom Westen kommend, gelangt man nun in die Region die durch den Olympos Nationalpark geprägt ist. Tolle Strände gibt es hier, stille, duftende Wälder, Flüsse, Bäche und erfrischende Almen, die um das mächtige Massiv des Tahtali verstreut sind. Auch, wir sind ja in Lykien, antike Sehenswürdigkeiten, mythologische Orte und ein intaktes Hippie-Paradies. Aber der Reihe nach….

Auf der Suche nach guten Übernachtungsmöglichkeiten, waren wir in den Pensionen rund um Adrasan fündig geworden. An einem Fluss, der in die Badebucht von Cavusköy führt, reihen sich Pensionen aneinander, die den fehlenden Meerblick dadurch wettgemacht haben, dass sie den Fluss ins Urlaubserlebnis einbezogen haben.

Kleine Häuslein meist, direkt am fließenden Gewässer, mit Restaurantebenen, platziert auf Planken und in den Fluss hinein verlegt. Unter Wasser tummeln sich Fische, über der Oberfläche die Enten, eine Etage höher auf den Planken lauern Katzen darauf, dass sich ein Entenküken in die Reichweite ihrer Krallen verirrt. Alle Mahlzeiten werden hier auf den Holzpontons serviert und selbstredend ergibt das eine Win-Win-Situation für alle: Umsätze für die fleissigen Wirte, leckeres Essen für die entspannten Gäste und die Brotkrumen von den Tischen für die Enten. Die Katzen haben die schlechtesten Karten. Dass sie ein Küken erbeuten können, ist wohl eine der Geschichten, die Katzenmütter ihren Babies vor dem Einschlafen erzählen. Real klappt das nie. Was die Enten im Fluss treiben, treibt natürlich auch die Urlauber: Baden! Dafür bewegt man sich zur Bucht am Meer, die sich gut erreichen lässt. Schwimmen ist dort ohne Einschränkungen möglich. Und Vollverpflegung. Viele einheimische Familien mieten sich hier ein und tun das, was Türken im Urlaub am meisten schätzen: Essen, speisen, naschen, schlemmen. Zum Vorteil der einheimischen Gastronomen und der wenigen ausländischen Gäste, die von den günstigen Preisen profitieren.

Die Wege durch die Olympos Region sind gemütlich, kurvenreich, schattig. Letzteres, weil der Baumbestand noch unangetastet ist. Es duftet nach Nadelhölzern, wahrscheinlich könnte man hier zu richtigen Jahreszeit auch massenhaft Pinienkerne einsammeln, die Natur ist ja noch intakt. Die Fahrt durch den Wald, immer den Wegweisern Richtung Olympos nach, bringt uns zum gleichnamigen Tal, das geprägt wurde durch Backpacker und Hippies, die in den früher preisgünstigen Hütten und Baumhäusern geurlaubt haben. Eine farbige, alternative Szene war hier gewachsen. Musik, eine gute Zeit haben, mit allem, was die lebensfrohe liberale Türkei zu bieten hatte. Das Ambiente wirkt nach wie vor anders, als in den klassischen Ferienregionen. Es ist bunt, die richtige Musik schalt nach wie vor aus allen Richtungen, aber der Kommerz hat die Ursprünglichkeit übernommen. Wer heute hier im Baumhaus schläft, der muss sich das Hipp-Sein finanziell leisten können.

Cirali und Olympos sollte man in einem Atemzug erwähnen. Das eine ist das Feriengebiet am Strand, der tropisch anmutet, das andere ist die antike Stadt. Idealerweise verbindet man die Museale- mit der Badekultur. Vielleicht nach dem Motto, erst die Arbeit, also der Gang durch die Ruinen, dann das Vergnügen, also sonnen und schwimmen am Strand.

Klingt gut, stimmt aber so nicht ganz. Denn was es in Olympos zu sehen gibt, bereitet ein Vergnügen der anderen Art. Die Reste der Stadt, Tempel, Heiligtümer, Sarkophage sind so durch Wege und Bäche miteinander verbunden, dass schon der Spaziergang durch das grün bewaldete Freiluftmuseum ein kleines intellektuelles Abenteuer für sich ist. Folgt man dem schmalen Weg am Ende des musealen Teils zum anderen Ein-/Ausgang der Anlage trifft man auf den Übergang zum Strand, der hier einen Naturhafen bildet. In antiken Zeiten haben Piraten hier ihr einen Stützpunkt gehabt, bis sie von den Römern verscheucht wurden. Heute ist die kleine Bucht zwar piratenfrei, aber aufs ausgeworfene Handtuch sollte man schon acht geben, die ersten Reihen sind begehrte Liegeplätze. Und es herrscht viel Verkehr hier, nicht wenig Besucher kommen zu Fuß über den Strand oder per Boot von Cirali, um die Olympos-Ruinen von dort aus zu erkunden.

Einer der wichtigsten Punkte in der ganzen Region waren zu Zeiten, als man noch die alten Götter verehrte, die ewigen Flamme der Chimaira. Mythologisch war hier der Ort, wo die sagenhafte Chimäre zu Hause war. Ein Hybridmonster, das ein antiker Frankenstein aus verschiedenen Teilen gebastelt hatte: Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz. Hier spuckte der Berg Flammen aus, hier war die Heimat von Götterfiguren die mit Feuer in Verbindung gebracht wurden. Die Flammen, erdgasgespeist, dienten früher den Seeleuten zu Orientierung und heute den türkischen Wächtern als natürliche Feuerstelle, sich einen Tee zu brühen. Ein Besuch empfiehlt sich so schnell als möglich. Wo früher wohl, gewaltige Flammen aus dem Berg schlugen, lodern heute eher bescheidene Flämmchen, die man mit einem Bunsenbrenner ganz gut selbst simulieren könnte. Der Weg vom Parkplatz im Wald zum sagenumwobenen Gipfel führt über gute Wege und Stufen durch lichten Pinienwald und dauert etwa 20 Minuten, bis man die 250 Meter hohe Ebene erreicht.

Für uns, die wir mit Mut zur Lücke, den Räumen zwischen den touristischen Hochburgen unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben, ist Phaselis der östlichste Punkt der lykischen Küste. Es kommt noch einiges dahinter auf dem Weg zur türkischen Riviera und auch das Hinterland bietet Sehenswürdiges, das man einmal im Leben besucht haben sollte, aber wir haben ja noch einiges vor. Phaselis, die antike Handelsstadt, ist eine ausgeprochen behutsam gepflegte Ausgrabungsstätte. Gelegen zwischen Pinienwäldern ist es heute kein Trümmerfeld, sondern eine weitläufige Anlage, die gut die Strukturen der alten Stadt erkennen lässt. Mit allem, was seinerzeit dazu gehörte: Theater, Badehaus, Prachtstraße, Aquädukten. Wer Lust hat, darf sich sogar in den ehemaligen Kriegshafen setzen und mit den Wellen spielen.

Die Lykische Küste, das darf nicht unterschlagen werden, bei einem Bericht aus der Perspektive von Besuchern, die mit einem PKW unterwegs waren, ist wandertechnisch ausgezeichnet erschlossen. Es gibt Karten in jeder Ausführung und Sprache. Sogar auf türkisch, was nicht selbstverständlich ist bei einem Volk, das die eigene Nomadenherkunft vergessen hat und heute gerne kürzeste Strecken motorisiert bewältigt. 7 – 8 Tage reichen, die Höhepunkte zu Fuß zu erwandern. Insgesamt ist der Lykische Weg aber ca. 500 km lang und gut markiert. Eine Herausforderung für spätere Zeiten, man soll ja immer Ziele haben.