Krakau – Auschwitz/Birkenau

Krakau

Städte in Polen sind immer für eine Überraschung gut. Schon deswegen, weil unser Wissen über das Nachbarland vor dieser Reise eigentlich denkbar oberflächlich ist. Sicher, wir informieren uns vorab über Reiseführer, Blogs und Social Media. Aber am besten sind immer noch die persönliche Erfahrungen.

Die Anreise mit dem PKW nach Krakau, das wir unbedingt sehen möchten, erfordert gute Nerven. Irgendwie herrscht in den Außenbezirken immer gerade eine Rushhour. Für den Erstbesucher wird es kompliziert durch das System der Einbahnstraßen, die sich um das historische Zentrum schlingen. Und natürlich die städtische Tram, die immer Vorfahrt hat. Stilgerecht kommen wir in der Altstadt unter, nur wenige Meter entfernt vom Mittelpunkt des touristischen Geschehens. Vom modernen Krakau, das nach dem 2. Weltkrieg enorm gewachsen ist, auf immerhin eine Dreiviertel Million Einwohner, sehen wir eher wenig.

Dafür entdecken wir in den alten Vierteln Zeugnisse einer bewegten Geschichte, die dem Interessierten viel zu erzählen hat. Von den Besiedlungen durch Slawen, der Kolonialisierung durch Deutsche Ritter, den Verbindungen zur Hanse, von den Raubzügen der Tataren, jüdischen Einflüssen, polnischen Herrschern und immer wieder begehrlichen fremden Mächten, die der Region ihren Stempel aufdrücken.

Krakau, die Altstadt

Der historische Stadtkern – in alten Zeiten geschützt von einer Mauer – ist heute umrahmt von einem prächtigen Grüngürtel, dem Planty. Die Reste des ehemaligen Walls lassen sich zum Teil noch erkennen, aber der parkähnliche Grünstreifen, der sich dort heute erstreckt, ist geradezu genial. Mit Wegen breit genug für Radfahrer, Skater und Fußgänger, mit Spielplätzen und Bänken. Unter alten, Schatten spendenden Bäumen lässt sich auch eine Großstadt genießen. Etwa um sich mit Freunden oder Familie zum Plausch zu treffen oder zu chillen. Sogar Obdachlose, ja die gibt es in Polen auch, finden sich dort manchmal ein, mit den üblichen Getränken im Gepäck. Das mag konsternieren, ist aber nicht wirklich belästigend. Großes Plus, der grüne Planty-Gürtel ist eine hervorragende, abgasfreie Laufpiste, die sich bis zur Wawelburg und das Ufer der Weichsel ausweiten lässt.

Die Tage, die wir in Krakau sind, nutzen wir ausgiebig, die prächtige Altstadt zu erkunden. Zu Fuß! Wer es bequemer mag, lässt sich mit einem elektrischen Fahrzeug und Guide durch die Straßen und Gassen fahren. Oder man gönnt sich etwas Nostalgie und steigt in eine hübsch aufgebrezelte Pferdekutsche, die einmal den Rynek umkreist. Dort beginnen auch wir mit unserem Sightseeing und dorthin treibt es uns immer wieder zurück. Der große zentrale Platz ist sehr authentisch gestaltet. Besonders beeindruckend sind die Marienkirche mit ihren zwei unterschiedlichen Türmen und die sich in der Mitte des Platzes befindenden Tuchhallen, alles umgeben von toll restaurierten Fassaden. Bürgerhäuser mit kunstvollen Giebeln, oft geschmückt mit Stuck und Marmorfiguren. Glück für Krakau; die Stadt blieb im 2. Weltkrieg wie durch ein Wunder unzerstört.

Nicht nur historische Attraktionen

Der Zugang zur Altstadt ist kostenfrei, was in touristischen Regionen heutzutage nicht selbstverständlich ist. Die wenigen Gebäude, für die Eintritt fällig wird, verlangen nur moderate Preise: Etwa der alte Rathausturm in der Mitte des Platzes oder die Marienkirche. Von deren Turm verkündet nach wie vor ein leibhaftiger Trompeter zu jeder vollen Stunde das akustische Wahrzeichen der Stadt. Das Signal bricht immer an einer bestimmten Stelle ab, gelebte Erinnerung an den Stadtwächter, der einst vor dem Angriff der Tataren warnte, bis er durch einen feindlichen Pfeil getötet wurde.

Die Altstadt ist schachbrettartig strukturiert, verlaufen ist damit fast unmöglich. So erreicht man vom Rynek mühelos alle wichtigen Anlaufpunkte die man sehen sollte. Das sind vor allem die Kirchen und Konvente. Deren Namen und Geschichte alle aufzuzählen würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Glaubt uns, es sind viele und sie prägen das traditionelle Stadtbild. Ergänzt wird die klerikale Kulisse durch eindrucksvolle säkulare Bauten, wie das Floriantor, die Tuchhallen direkt auf dem Platz, Museen, Theater und Bibliotheken. Wir lassen uns gerne treiben, genießen auch die Läden, Boutiquen, Kunstgalerien und die allgegenwärtige Gastronomie. Dazwischen, an jeder Ecke, Lody-Läden, mit Speiseeis wie in Italien in bester Qualität.

Zur Stadttour gehört natürlich auch ein Besuch der Wawelburg, einst Residenz polnischer Könige und nun Teil des Weltkulturerbes. Weithin sichtbar ragt sie am Fluss auf, ein mächtiger Komplex. Wir verschaffen uns bei einem Rundgang durch die weitläufigen Außenanlagen einen guten Eindruck über die Festung. Vertiefende Besichtigungen der Innenräume sind ebenfalls möglich, um dort gesammelte Kunstwerke, Waffen oder Möblierung zu bestaunen. Entsprechende Module für ein individuelles Programm lassen sich an der Kasse zusammenstellen, für Senioren übrigens zum halben Preis. Wir entscheiden uns für den Sandomir-Turm und genießen die Aussicht von dort oben auf die Burg und die Stadt.

Märkte und der große Fluß

Wer kulinarisch interessiert ist, sollte sich einen Bummel über den bunten Kleparz Markt gönnen. Hier gibt es alle regionalen polnischen Spezialitäten. Obst, Gemüse, Fleisch und Würste sowie Backwaren. Dazu sogar ausgesuchte internationale Angebote, die man hier so liebt, wie etwa das süße Helwa aus Griechenland. Weitere Märkte entdecken wir im jüdischen Viertel. Und wie meist im Polen dieser Tage, sind die eine Augenweite, prall gefüllt und gut besucht.

Immer wieder treffen wir auf unserer Reise auf die Weichsel, den längsten Fluß Polens. Seit der Antike eine wichtige Handelsstraße für ganz Europa, war sie oft Schauplatz der Geschichte und Heimat der Kulturen. Die Wandalen etwa siedelten hier, bevor sie sich auf ihre große Wanderung begaben. Hier in Krakau ist der Fluß in seiner schönsten Form zu bewundern. Dazu erkunden wir den Abschnitt der auf der linken Uferseite bei der Burg Wawel startet und uns bis zum jüdischen Viertel führt. Die gut gestaltete Wanderpromenade gehört den Aktiven: Läufern, Radlern, Rollschuhläufern. Wer sich bewegen will, findet hier genügend Raum und tolle Aussichten. Wer es weniger aktiv mag, fährt einfach ein Stück mit den Fährbooten auf dem Fluß. Unser Tipp: Man sollte sich die Zeit nehmen, bis zur kunstvollen Brücke mit den hängenden Skulpturen „Between the Water and the Sky“ durchzuwandern, idealerweise zur goldenen Stunde dort ankommen und den Sonnenuntergang genießen.

Kazimierz, das jüdische Viertel

Es gibt verschiedene Wege, um aus der Altstadt in den angrenzenden Stadtteil Kazimierz, das legendäre jüdische Viertel, zu kommen. Keine Frage, es gehört unbedingt zu einem Besuch Krakaus, schließlich war es seine intakt gebliebene bauliche Infrastrukur, die wesentlich dazu beitrug, dass Krakau als Weltkulturerbe der UNESCO gelistet wurde. Ob es aber jemals wieder an seine Bedeutung als eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Zentren der europäischen Juden anknüpfen kann, ist fraglich. Die wenigen Juden, denen es gelang, die ihnen zugedachte, systematische Vernichtung zu überleben, hatten nach dem 2. Weltkrieg kaum Anlass in Polen zu bleiben. So verfiel die im 16. Jahrhundert entstandene Siedlung Kazimierz zu einem Armenviertel. Erst seit den 1960er Jahren belebte es sich langsam wieder und inzwischen ist es ein beliebtes Szeneviertel geworden, mit vielen beliebten Restaurants und Bars.

Bekannt wurde Kazimierz, als Spielberg dort Teile von “Schindlers Liste” drehte. Heute verschmelzen hier Alt und Neu zu einer lockeren und jungen Künstlerszene. Auch wir verbringen im Viertel gerne einige Stunden und schlendern über Märkte und durch pittoreske Straßen. Wir meinen, ein Hauch des Charmes urbanen Judentums ist wieder zu spüren. Nicht zuletzt in den Galerien sowie den gemütlichen und durchaus preisgünstigen Restaurants und Cafés, die zum Verweilen einladen. Ehrlich gesagt kehren wir hier lieber ein, als in den deutlich teureren Lokalen innerhalb des Altstadtrings. Die Qualität des Angebots ist zwar vergleichbar und Schmackhaftes finden wir an vielen Stellen der Stadt. Aber wie so oft spielt für uns unterwegs das Ambiente die Musik.

Auschwitz und Birkenau

Ob wir das KZ und Vernichtungslager überhaupt besuchen und wie wir damit umgehen, steht vor Beginn unserer Reise lange nicht fest, denn Auschwitz/Birkenau hat als Ziel nichts mit unserer eigentlichen touristischen Agenda zu tun. Wir ahnen, es wird um Inhalte gehen und persönliche Stellungnahme. Aber wir haben auch die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgesucht. Schließlich reservieren wir kurz vor unserer Abreise im Internet Tickets für eine geführte Besichtigung, die etwa 3,5 Stunden dauern soll. Dabei fällt uns auf: Der Andrang ist groß, es gibt nur wenig freie Plätze und – Achtung, nicht alle Ticketanbieter sind seriös. Deswegen empfiehlt es sich, direkt auf der offiziellen Seite buchen.

Hinzukommen ist von Krakau aus kein Problem. Wer nicht mit dem PKW unterwegs ist, kommt leicht mit dem Bus oder mit der Eisenbahn nach Auschwitz/Birkenau. Wir parken unseren Wagen am letzten Besuchspunkt Birkenau und fahren von dort aus mit einem Bus-Shuttle zum Haupteingang Auschwitz. Der Transfer ist kostenlos und ohne längere Wartezeiten.

Am Haupteingang sortieren wir uns in eine der Warteschlangen, erfahren, dass Taschen und Rucksäcke in der Gepäckaufbewahrung abzugeben sind, was wir auch tun, um dann zu unserer Besuchergruppe zu stoßen. Die offizielle, polnische Begleiterin ist deutschsprachig und erklärt den Ablauf, bevor wir eingelassen werden.

So eine geführte Besichtigung in ihren Details nachzuerzählen ist kaum möglich. Selbst jetzt, im Abstand von einigen Wochen ist es schwer, die Eindrücke in Worte zu fassen. Der Gang durch das Lager Auschwitz, diesen Tatort der Unmenschlichkeit, bedrückt. Die Fakten, mit denen wir konfrontiert werden, erdrücken. Was vielleicht am meisten berührt, ist die Konfrontation mit den Gesichtern der Opfer, die anfänglich noch erkennungsdienstlich fotografiert wurden. Diese Prozedur sparten die Täter sich später, notierten nur noch entpersönlichte Zahlen von Menschenkontingenten, die aus allen Teilen Europas zur Vernichtung wie Vieh antransportiert wurden.

Unterkünfte, Funktionsbaracken, die Einrichtungen zur Verwaltung vermitteln deutlich, die Perversion der Gründlichkeit, mit der die Ingenieure der KZs die industriell organisierte Massenvernichtung konstruierten. Als wäre das nicht genug, bot die Situation im Lager eine ständige Bühne für die individuellen Grausamkeiten, begangen durch Sadisten in den Reihen der Wachmannschaften, Ärzte und Bürokraten. Auch davon berichtet Auschwitz, besser als jedes Geschichtsbuch.

Nach Birkenau fahren wir nach einer kurzen Unterbrechung wieder mit dem Shuttle. Weitläufig ist das Gelände hinter dem Tor, auf das die Eisenbahnschienen zulaufen. Geplant und benutzt wurde Birkenau für die sogenannte „Endlösung“ im großen Stil. Dort, bei den einstmaligen Bahnsteigen, steht noch ein Transportwaggon, wie man ihn heute nicht einmal für Lebendvieh benutzen würde. Hier fanden gleich bei der Ankunft der Gefangenen die Selektion statt. Wer noch irgendwie verwendbar wirkte, wurde gleich an der Rampe aussortiert. Die anderen, alte, junge, kranke Menschen wurden weitergeleitet zu den Todeskammern. Wir wandern durch das Lager, sehen viel und doch zu wenig. Die Natur scheint sich das Gelände zurückholen zu wollen, aber wir zweifeln, ob das hier jemals gelingen wird.

Die dreieinhalb Stunden sind anstrengend, in jeder Hinsicht. Ob man sich das zumuten will, muss jeder selbst entscheiden. Auch wie mit dem, was Auschwitz und Birkenau vermitteln, weiter umgegangen wird. Aufrichtige Erinnerung braucht zwar keine Denkmäler, aber solange es solche Denkmäler gibt, bleibt Erinnerung auch aufrichtig.

Polnisches Tagebuch

Danzig

2 Gedanken zu „Krakau – Auschwitz/Birkenau

  1. Dein Bericht über deine Reise ist beeindruckend und die Fotos von Krakau sehr schön. Die Bilder vom Lager Auschwitz machen mich immer wieder nachdenklich unsere Generation kann sich das nicht mehr vorstellen, was da vorgegangen ist.
    Wir wohnen seit kurzem hier in Oswiecim, da wir in Rente sind und meine Frau von hier ist.

    • Danke, für deinen Kommentar. Respekt, für die Entscheidung nach Oswiecim zu übersiedeln. Ja, man sollte dort leben, wo es einem gut geht.

      Gruss Aras und Christiane

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