Chengyang

Warum uns das ländliche Chengyang unweit von Sanjiang interessiert, ist schnell erklärt. Sehen wollen wir die berühmten Wind- und Regenbrücken, erbaut von den Dong, einer ethnischen Minderheit. Kommend von den Reisterrassen in Longji, nehmen wir am Busterminal von Chengyang ein Taxi, das uns direkt in das Gebiet der Dong bringt und am Hotel, in Sichtweite der größten und berühmtesten Brücke, absetzt. Zuvor berappen wir jedoch, wie jeder Besucher, der nicht über Schleichwege von hinten in das Areal hineinschlüpft, den Eintritt von 60 Yuan pro Langnase.

Die Brücken der Dong sind baumeisterliche Kleinode. Vollständig aus Stein und Zedernholz errichtet, ohne Verwendung von metallenen Nägeln oder Schrauben, tragen sie traditionell Dächer und mehrere Türme.

Diese Bauweise bietet tatsächlich guten Schutz vor Wind und Wetter und wohl auch daher stammt ihre Bezeichnung. Für die Anwohner sind sie soziale Treffpunkte, wo geplauscht und gesessen wird. Heute sind sie auch Standort von kleinen Buden mit dem übliche Souvenirkitsch in den Auslagen. Die Brücken beeindrucken, chinesischer kann ein Bauwerk kaum sein. Komplettiert wird dieses Bild durch pittoreske, schnell drehende Wasserräder am Fluss, deren Bedeutung wir erst bei genauem Hinsehen verstehen. Das sind kleine, autonome Bewässerungssysteme, die Wasser auf die daneben liegenden Felder befördern.

Das Dongdorf Ma‘an hinter der großen Wind- und Regenbrücke, auf das man zuerst trifft, besteht vorwiegend aus Holzhäusern. Hier befinden sich die meisten Restaurants. Auch Läden, die auf den Verkauf von Artikeln für Touristen spezialisiert sind: Tee, Spirituosen, Gewürze, Würste, Schinken und Dinge, die wahrscheinlich essbar sind, obwohl wir sie nicht benennen können, weil wir sie zum ersten Mal sehen.

Der Gesamteindruck dieses Dorfes wird übrigens kaum von Neubauten beeinträchtigt, die passen sich nämlich stilistisch an, entweder durch Fachwerkfassaden oder Holzverkleidungen über dem Beton. Leider wird das bei den anderen umliegenden Dörfern nicht so konsequent durchgehalten; da trifft man schon mal auf Bausünden.

Wie es sich in einem mehrstöckigen Dong-Holzhaus lebt, fühlen wir übrigens ganz gut in unserer Unterkunft, dem „Dong Village Hotel“. Im 3-Etagenhaus in traditioneller Architektur, knarren die Stiegen und es ist sehr hellhörig. Doch die geräumigen Zimmer sind mit allem eingerichtet, was wir brauchen. Außerdem sind sie gemütlich, mit dem großem Balkon.

In und um Chengyang liegen mehrere Dörfer dicht beieinander, die sich mit einer kleinen Tour recht einfach erkunden lassen. Wir starten beim Touristen Zentrum. Auf der Bergseite weist ein Schild zum Trekking Pfad, den wir einschlagen. Steil, aber gut begehbar, sind die Stufen, die nach oben führen zum ersten Pavillon „Ting Ye“. Noch besser wird die Aussicht beim zweiten Haltepunkt „Lai Nu“. Der lässt sich leicht finden, denn erstaunlicherweise haben die Dong nicht nur ein gutes Verhältnis zum Baustoff Holz, sondern auch zu Wegweisern. Wer weiß, vielleicht ist gerade das eine Spezialität dieser Volksgruppe. Aus der Vogelperspektive schauen wir hinab auf Ma‘an, das in einer großen Schleife des Flusses Linxi liegt.

Folgt man dem Aussichtspfad weiter, erreicht man die Durchgangsstraße. Hier trifft man weniger Touristen, dafür herrscht dörflicher Alltag, der nichts mit dem Trubel in den Besuchergassen am Eingang zu tun hat. Handwerker arbeiten in Werkstätten bei offener Tür, es gibt kleine Läden und überschaubares Marktgeschehen, mit Lebensmitteln und Waren, die für die Hausfrauen wichtiger sind, als einzeln verpackte Teekugeln. Freundlich ist es hier, die Menschen wirken entspannt und zufrieden.

Wir gehen bis zur Puji Bridge, einer kleineren Wind- und Regenbrücke und schwenken am anderen Flussufer auf den Weg zurück nach Ma‘an.

Immer wieder sehen wir turmartige Bauten, sogenannte Trommeltürme, mit Pagodendächern. Früher Versammlungsorte und Kultstätten, werden sie heute vorwiegend für dörfliche Freizeitaktivitäten genutzt. Manche ausgestattet mit Fernsehern, ein paar Tischen und Bänken, so wie das anderswo in Gemeindehäusern der Fall ist.

Die Dong, erzählt man, lieben Tanz und Gesang. In der Tat treffen wir beim Rundgang durch die Gassen Mädchen mit traditioneller Tracht und Schmuck, unterwegs zu Darbietungen auf den freien Plätzen vor Türmen und Pagoden. Wieweit das durch den Tourismus getrieben wird oder authentische Feiern sind, können wir nicht herausfinden. Aber es geht auch um Kommerz. Bei einer Darbietung sind gedeckte Tafeln aufgestellt mit Speis‘ und Trank. 70 Yuan kostet die Teilnahme, die, wenn wir das Geschehen richtig interpretieren, unter dem Motto abläuft: „All you can eat“.

Alternativ findet man für den Hunger zwischendurch fast überall auch Streetfood. Preiswert, lecker und exotisch. Die meisten Stände sind hinter der großen Brücke positioniert, bewirtet – wie üblich – durch fleißige Frauen, wahrscheinlich Dong. Erkennbar etwa an besonderen Trachten, so wie die Yao in Longji, sind sie für uns nicht.

Chengyang hat durchaus Charme mit seinen Brücken und dem lockeren Flair, deswegen unser unser Fazit: Einen Abstecher ist der Ort allemal wert, kleiner Tipp: Bleibt man länger als einen Tag, fühlt sich das Eintrittsgeld gar nicht mehr so hoch an.

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