Totes Meer

Den ersten gemeinsamen Eindruck vom Toten Meer, dem tiefsten Punkt, an dem ein Mensch auf diesem Globus in freier Wildbahn stehen kann, nämlich auf 400 m unter dem Meeresspiegel, haben wir, als wir die Felsenwelt Danas hinter uns lassen. Der südliche Teil des Meeres ist touristisch kaum genutzt; hier gibt es Industrie, die dem Wasser den Stoff entzieht, der es besonders macht, Mineralien. Salinen, eine Bromfabrik und einige andere Anlagen sehen wir, die wir im Vorbeifahren nicht alle identifizieren können. Aber auch grüne Oasen gibt es. Flächen, wo Obst und Gemüse angebaut werden, mit Menschen die ackern und dazwischen Palmen. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennen wir Israel, ganz nah. Das große Bild, das sich vor uns ausbreitet, wird bestimmt vom grün-, blau- und türkisfarbigen Wasser und dem Gelb des Sandes und der Felsen. Auch weiße Ränder erkennen an den Ufern; dort hat sich das Salz abgelagert.

Ein Zwischenstopp gilt dem Mujib Reservat, einem ökologisch geschützten Gebiet um eine Schlucht, mit einem Fluss, der ins Meer fließt. Um diese Jahreszeit ist der Wasserstand des Zuflusses eher gering. Aber es ist kühl hier drinnen, friedlich und die Vögel zwitschern munter vor sich hin. Hier im Reservat können Bootsfahrten organisiert werden, die nach der Regenzeit in Wildwassertouren ausarten. Uns genügt ein kurzer Eindruck; wir fahren weiter an der herrlichen Küste, auch in der Hoffnung, vielleicht einen Zugang zu finden, um einfach schnell mal ins Tote Meer zu steigen. Es soll solche Stellen geben, aber wir finden spontan keine davon.

Schade eigentlich, denn wie es scheint, ist überall dort, wo die Gegend einen leichten Zugang zum Toten Meer erlaubt, schon ein Resort oder ein Luxushotel, das – wie sollte es auch anders sein – seine ungünstige Kostensituation durch extrem hohe Eintrittspreise für Besucher kompensiert. Eine verfehlte Politik, meinen nicht nur wir. Ein jordanischer Ladenbesitzer erzählt uns, dass die hohen Ticketpreise der Luxusenklaven für die Mehrzahl der Einheimischen unbezahlbar sind. Früher sei es noch möglich gewesen, einfach ans Tote Meer zu fahren und anschließend zu den heißen Quellen, heute ist alles fast lückenlos kommerzialisiert, auf maximalem Preisniveau.

Wir entscheiden, das Tote Meer über den Amman Beach zu besuchen. Auch hier zahlen wir relativ viel Eintritt, nämlich 20 JOD, das sind fast 26 € pro Person, aber im Vergleich zu den Hotels ist das geradezu läppisch. An Wochentagen, wenn nur wenig Besucher hier ankommen, ist dieser Strandabschnitt ganz ok.

Umkleideräume finden wir hier, Duschen, einen Swimmingpool und Stühle am Strand! Große Hinweisschilder erklären, wie man sich im Toten Meer verhalten soll; alles ist hier anders als an normalen Badestränden: Rückenlage wird empfohlen, keinesfalls weit ins Meer schwimmen, nichts vom Wasser in Mund und Augen bekommen, wer offene Wunden hat, sollte das Wasser lieber meiden.

Das Schwimmen ist eine Sensation. Du gehst in die Knie, legst Dich zurück und fühlst Dich auf einmal wie ein Korken, schwimmst einfach ohne jegliches eigenes Zutun an der Oberfläche. Etwas weiter rein, dort wo es tiefer und das Wasser tiefblau ist: kein Unterschied, gefühlte Schwerelosigkeit. So müssen Astronauten die Überwindung der Gravitation erleben. Dazu kommt, dass das Wasser angenehm warm ist und keinen Wellengang hat. Am Ufer hat sich eine Salzschicht abgesetzt. Zu Erinnerung nehmen wir einen kleinen Stein mit, der von einem glitzernden kristallinen Mantel umhüllt ist.

Natürlich dippen wir ein wenig Meerwasser an die Lippen, es schmeckt auf eine ätzende Art salzig. Wir beobachten eine junge Frau, die von dem Zeug offenbar einige Spritzer ins Auge bekommen hat. Wie eine Blinde wird sie von ihrer Freundin zurück ans Ufer geführt.

Nach unserem Schwebeerlebnis im Toten Meer streben wir zunächst die Süßwasserdusche an und gönnen uns dann noch ein erholsames Abhängen mit Sonnenbad am Poolrand. Ganz gesittet geht es dort zu. Keiner der neben Dir ins Wasser klatscht, um Dich mit einer Fontäne zu erschrecken, kein Antänzeln oder Belästigen – und wir sind mitten in Arabien.

Unseren Ausflug ans Tote Meer beenden wir an einem der vielen Picknick-Plätze, die überall entlang der Uferstraße zu finden sind. Zurück ins Hotel nach Madaba fahren wir über die Panoramastraße durch wilde Mondlandschaften.