Behringer Heide

Angeblich trifft man sich im Leben sowieso immer zweimal, behauptet der Volksmund und hofft dann auf den großen Zufall. Unser Folgebesuch in der Heide ist zwar auch eine Wiederholung, aber eine bewusst herbeigeführte, mit der Absicht, Eindrücke und Erlebnisse zu vertiefen.

Wir raffen uns an diesem tendenziell Schlechtwetter versprechendem Tag auf, vorsichtshalber in wärmere Outdoorkluft gehüllt, denn hier im Norden sind spontane Kaltfronten mit Regen und Sturm nicht ungewöhnlich. Mit dem Blauen steuern wir ins Zielgebiet, die Gegend um Bispingen. Rundwanderwege soll es dort geben haben wir recherchiert und gleich einen passenden für uns herausgepickt. Die Behringer Heide wollen wir erkunden, ganz vorsätzlich in einer Jahreszeit ohne blühende Heide. Mal sehen was diese Landschaft sonst noch zu bieten hat.

Behringen, eine der Einheitsgemeinden im Heidekreis und mit knapp 1.000 Einwohnern zweitgrößter Ort der Region, liegt direkt am Naturschutzgebiet im Tal der Brunau. Einst eine Bauernsiedlung ist es heute ein beliebter Ferienort. Aber das interessiert uns gerade weniger, wir wollen ja wandern. Dafür haben wir uns vorbereitet, mit Karte, Wegbeschreibung, Zwischenverpflegung und der unvermeidlichen Kamera. Bilder die man im Kopf hat sind zwar gut, solche die sich zeigen lassen, natürlich besser.

Den Parkplatz Behringer Heide finden wir problemlos. Was diese Stelle besonders sympathisch macht: Das Abstellen ist gebührenfrei! Kein Selbstgänger, wie wir inzwischen wissen. Nur wenig Schritte genügen und wir stehen mitten in der Landschaft unseres Begehrens. Nennt sich so etwas nicht „barrierefreier Zugang“?

Wir haben uns für die Tour mit der Nummer B2 entschieden, einer von 23 Rundwegen in dieser Region, über eine Distanz von 10 km. Etwas weniger als drei Stunden werden wir benötigen, Kurzpausen fürs Fotografieren und genußvolles Innehalten für Ausblicke schon eingerechnet. Waren wir bei unserer letzten Landschaftswanderung in Jordanien noch mit einem Einheimischen unterwegs, der jeden Stein und Grashalm kannte, merken wir schnell, dass wir uns in der Behringer Heide mühelos ohne Fremdunterstützung zurechtfinden. Jeder Weg ist markiert; wenn er sich gabelt, finden sich konkrete Angaben, wo jede Richtung hinführt, ergänzt um Entfernungen und entsprechende Bezeichnungen der einzelnen Stationen. Selbst wenn wir es drauf anlegen wollten, ein Verlaufen ist hier schlichtweg nicht möglich. Das Gerät mit der GPS-Karte darf den Rest der Stecke im Rucksack fortsetzen.

Überrascht vom Anblick der Landschaft der Behringer Heide lassen wir uns auf die Umgebung ein. Eine gänzlich andere Farben- und Formenwelt, als wir sie aus dem Sommer kennen, nimmt uns sofort gefangen. Das Grün der robusten Gräser mischt sich mit dem Braun der knorrigen Holzgewächse, dazwischen dichte Heidebüsche, mit unzähligen hellen Sprenkeln verblühter Erika. Auch wenn die Luft fast neblig wirkt, haben wir eine klare Sicht über die sanften Hügel. Von Beginn an sind wir eher schnellen Schrittes unterwegs, bleiben aber öfter stehen, verharren. Die visuellen Eindrücke überwältigen, halten uns fest.

Die Stille des Tages trägt dazu bei, sich ohne Ablenkung auf die Heide einzulassen. Nach kurzem Fußweg, der uns durch einen kleinen Laubwald führt, erkennen wir bereits unsere erste Anlaufstelle, Bockelmans Schafstall. Ein kleiner Wirtschaftsbetrieb, der sich harmonisch in seine Umgebung einfügt. Der Stall, in der typischen Bauweise der Heidebauern, besteht eigentlich nur aus einem stabilen Spitzdach, das an Vorder- und Rückseite geschlossen ist. Heidschnucken sehen wir nicht. Der Stall wirkt einsam, ruhig, ein beschauliches Bild, wie gemalt.

Zurück auf dem Pfad, der hin und wieder über kleine Holzbrücken führt, ziehen wir weiter. Hätte uns vorher jemand gesagt, dass die Natur hier wirkt, als sei sie aus feinen Fäden geklöppelt, hätten wir nur den Kopf geschüttelt. Tatsächlich scheint ein Spitzenschleier über die Heide gelegt. Grausilbrig schimmernd und frech glitzernd, wo Tautropfen das sanfte Licht spiegeln.

Ab und an treffen wir auf seltsame kleine Holzhütten, kaum größer als die mobilen WCs, die bei Veranstaltungen aufgebaut werden. Wir überlegen, kommen zum Schluss, das sind kleine Beobachtungshäuschen, ähnlich wie Hochsitze, aber auf Augenhöhe mit dem Wild. Sauber und trocken wirken sie, wir schauen natürlich hinein. Bei starkem Regen wäre das eine Alternative zum Anorak. Hier ist man geschützt.

Gut kommen wir voran, können auch immer wieder faszinierende Eindrücke mit der Kamera einsammeln. Das ist ein Vorteil dieser Jahreszeit, niemand außer uns ist unterwegs, keiner läuft durchs Bild, wir bekommen Natur pur.

Etwas weiter, bei einer festinstallierten Schutzhütte, teilt sich der Weg. Wir schwenken, so wie es der Wegweiser empfiehlt, nach links, Richtung Wulfsberg. Über Asphalt geht es gut voran, die Heide zur einen, Äcker und Felder zu anderen Seite. Das Areal ist gut überschaubar, keine Riesenfläche, aber hier finden wir alles, was der Heidebesucher sich wünscht. Das Gefühl sagt, wir sind abgeschieden, der Kopf weiß, eigentlich sind wir gut erreichbar. Die üppige Pflanzenwelt lässt erahnen, wie es hier zur Blütezeit der Heide sein muss. Jetzt, im Winter, wo das wilde Glühen der Blüten nicht anwesend ist, offenbart sich die Heide fein und stilvoll.

Der schnurgerade Weg lenkt unseren Blick in die Weite. Einsame, mächtige Bäume treten hervor, präsentieren sich als grafische Gebilde; jetzt, wo sie blattlos sind, als dunkel bizarre Form. Der Horizont wird durch Wälder begrenzt. Wir beachten die Bänke nicht, gönnen uns keine Pause. Ausruhen, das passt eher in die warme Jahreszeit. Noch 500 Meter, sagt das Wegkreuz, bis zum Wulfsberg. Eine Anhöhe, denken wir, müsste eigentlich schon aus der Entfernung erkennbar sein. Wir sehen keine, werden uns überraschen lassen.

Später, als wir am Wulfsberg ankommen, wird uns klar, dass die Bezeichnung „Berg“ von uns leichtfertig überbewertet wurde. Wir befinden uns vielleicht gerade mal 10 gefühlte Höhenmeter über dem Meeresspiegel, als wir vor dem Heidehof stehen, einem gemütlichen Wohngebäude, mit Ställen und Schobern. Einkehren kann man hier, verraten die Schilder, essen und trinken. Wir lassen es, wahrscheinlich sind zwei Wanderer etwas wenig fürs Tagesgeschäft, außerdem habe wir noch etwas anderes vor.

Von hier aus ist es noch einen guten Kilometer weit bis zum Hof Tütsberg. Zügig geht es voran. Das Kino, das wir gerade erleben, spulen wir in Echtzeit ab, nicht in Zeitlupe, aber auch nicht im Zeitraffer. Es gibt heute nur wenig Begegnungen in diesem Teil der Heide. Ein Bauer ist unterwegs im Traktor, zwei Radfahrer sausten auf dem Asphaltabschnitt an uns vorbei, am Parkplatz hatten wir noch 6 Spaziergänger gesehen, die ihren Hund ausführten. Hier am Tütsberg ist es ähnlich einsam. Ein Mädchen umkreist auf einem Moped den Hof. Immer wieder tuckert sie um das Gebäude, wohl solange, bis sie Routine hat, sich in den echten Straßenverkehr zu trauen.

Wir schwenken auf den Rückweg. Das Feld hinter dem Hof Tütsberg ist Heidschnuckenland. Die Spuren sind nicht übersehbar und am Wegesrand klärt ein Schild den Besucher über Nutzen und Bedeutung der Tierhaltung auf. Nachdem wir das Hohelied auf die Heidschnucke gelesen haben wissen wir: Die Schnucke ist Landschaftpfleger und Düngerlieferant zugleich. Was hier verschwiegen wird, ist ihre Erscheinungsform als leckerer Braten, der sich gut macht in Begleitung von Rotkohl und Klößen.

Weiter hinauf informieren Tafeln über die frühe Besiedlungsgeschichte der Heide, den Wandel von der Ur- zur Kulturlandschaft, der bereits vor 9.000 Jahren begann. Hier, an der Nordkante des Tütsberges liegt ein Grabhügel, der in der Bronzezeit, also vor rund 3.500 Jahren angelegt wurde. Aber die „Kultur“ der Neuzeit hat hier nicht innegehalten und mit der schlimmsten Ausdrucksweise zu der sie fähig ist, nämlich mit Panzerfahrzeugen und Granaten vieles zerstört. Dass die Heide bis in die 1990er Jahre Truppenübungsplatz war, ist nicht übersehbar. Alte Gräber blieben auf der Strecke und die Natur sowieso. Trotzdem ist den Naturschützern der Region gelungen, die Wunden der Landschaft zu heilen. Narben sind vielleicht die hellen, dünenartigen Sandflecken, die mancherorts hervortreten, aber wir finden, die Heide trägt auch das mit Bravour.

Vom Panoramapunkt auf dem Weg, der vom Tütsberg-Hof kommt, haben wir einen weiteren guten Ausblick. Wir können jetzt fast das ganze Gebiet einsehen und die eher schlichte Höhe reicht uns völlig. Über die Wälder am Horizont hinaus wollen wir ja gar nicht schauen, das Tal, das vor uns liegt ist heute das Ziel. Unser Rundweg fädelt sich wieder in den Bogen ein, der uns hergeführt hat. Bekannte Markierungen tauchen auf, Stellen, die wir wiedererkennen. Die eine oder andere muss es sich gefallen lassen, nochmals porträtiert zu werden. Und es ist immer noch schön.

Wir finden unseren Blauen auf dem Parkplatz, stellen fest, der Wagen war die ganze Zeit unverschlossen. Kein Problem, nichts fehlt. Hier sagt man lieber „moin“, als dass man sich mit dem Eigentum von Fremden beschäftigt.

Der Organismus meldet sich. Klar, auch der Magen wandert mit und wenn er sich ein paar Stunden ruhig verhält, darf er gerne belohnt werden. Unsere Bedürfnisse richtig einschätzend, haben wir vorgeplant. Wir fahren ins nahegelegene Bispingen. Einer der Heideorte, wo gute Gastronomie stilbildend ist, und besuchen die Schmucke Witwe, ein Hotel mit angeschlossener Konditorei. Kein verschlafener, sondern ein ansprechend und modern dekorierter Gastraum erwartet uns, mit einem Tortenangebot, das die Auswahl schwer macht.

Und dann, in der Gemütlichkeit der Gaststube, bei heißem Kaffee und leckerem Käsekuchen, beschließen wir, dass unsere Begegnung mit der Heide natürlich nicht mit diesem zweiten Besuch beendet sein kann. Es gibt noch mindestens 21 andere Anlässe. Denn so viele Rundwanderwege, alleine rund um Bispingen, gibt es nämlich, die wir nicht kennen. Wir sind gespannt, welche Ansichten die Heide uns noch offenbaren will, denn eines ist klar, die Heide fasziniert nicht nur zur Blüte!

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