Pyin Oo Lwin

IDie Hillstation

67 km östlich von Mandalay, auf einer Höhe von 1.070 Metern, dort, wo es immer ein wenig kühler ist als in der Ebene, entsteht im späten 19. Jahrhundert eine Hillstation der Briten. Zuerst nach ihrem Gründer, Oberst May benannt, heißt der Ort seit 1988 Pyin Oo Lwin. Wer sich mit der Geschichte des Landes beschäftigt, hat eine Ahnung, warum die Erinnerung an die Kolonialzeiten auch aus Städtenamen getilgt wird. Natürlich lassen sich nicht alle kulturellen Fremdeinflüsse ausmerzen. Bauwerke oder Einrichtungen, die sich praktisch bewährt haben, überleben. Dann besteht sogar die Chance, dass sich dem Besucher, der sich auf die Stadt einlässt, ein Blick in die Vergangenheit öffnet. Eine Zeit die manchmal nostalgisch verklärt wird, aber meistens nur für die Herrschenden eine goldene war. 

Oo Lwin, das wir als Zwischenstation aufsuchen, nach einer kleinen Rundreise durch den berührenden Shan Staat, verkörpert übergangslos ein Stück modernes Myanmar. Die heimelige Gemütlichkeit der Shan-Welt scheint wie abgeschnitten. Kaum Minderheiten, die durch ihren besonderen Habitus im Straßenbild auffallen, dichterer Verkehr und neue Architektur. Aber was wir sehen wollen, sind die Kolonialbauten, für die der Ort bekannt ist. Einige sind noch stadtnah zu finden, andere liegen verstreut und teilweise dezent verdeckt, außerhalb des Zentrums.

In Wien nennen sie es Fiaker, hier ist es die „horse carriage“

Die interessanten Punkte der Stadt lassen sich am besten bei einer Rundfahrt mit einer gemütlichen Pferdekutsche kennenlernen. Auch diese Pferdegespanne mit den hübsch dekorierten kleinen Kutschen sind übrigens ein Relikt aus kolonialen Zeiten, das bis in die Gegenwart überlebt hat. An einer Straßenecke entdecken wir eines und einigen uns schnell mit Selim, dem Kutscher, auf einen Preis. Die 10.000 Kyat für diese Tour sind gut angelegt.

Es geht ohne Umwege mitten hinein in die alten Viertel. Und dort ist für uns viel zu entdecken. Augenfällig sind die schmucken herrschaftlichen Anwesen. Es lässt sich gut erahnen, wie es die englischen Herren einst hielten: „Wohnst Du noch, oder residierst Du schon?“ Riesige Grundstücke, geschmackvolle Villen aus edlen Materialien errichtet, die bis in die Gegenwart Bestand haben. Sicher, einige davon befinden sich im Verfall, aber viele auch im guten Zustand, restauriert und umfunktioniert zu Zwecken, die wir nicht erkennen. Nur bei den Anwesen, die umgebaut wurden zu teuren Hotels ist klar, warum hier investiert wurde.

Viele Völker, viele Religionen. Die Hauptrichtungen präsentieren sich in Pyin Oo Lwin selbstbewusst mit nicht übersehbaren, spirituellen Treffpunkten: christliche Kirchen, buddhistische Pagoden, hinduistische Tempel und selbstredend auch chinesische Pagoden. Einige dieser Andachtsstätten besuchen wir während des Aufenthaltes, versprechen uns aber wenig neue Eindrücke, weil wir auf Reisen bereits viele großartige Bauwerke und monumentale Anlagen bestaunt haben, die kaum zu toppen sind.

Wir schauen dann gerne auf die Besonderheiten. Etwa den chinesischen Tempel. Sehenswert nicht wegen des einfallslosen Turms und der Ansammlung von Figuren und grellbunten Standardbauteile, die immer dazu gehören.

Was hier herausragt sind die Besucher. Es ist Sonntag, Familien nutzen den Anlass im Kollektiv aufzutauchen. Und in fast jeder Gruppe gibt es Mutige, die sich im Kostümverleih bei der Pagode, zünftig ausstaffieren lassen. Derart eingewandet betreten sie dann als Mandarin, Adliger, Krieger, Priester oder Hofdame die Anlage. Natürlich machen die Kinder enthusiastisch mit und präsentieren sich als Miniaturausgaben der Erwachsenen für Fotosessions. Ja, das ist Entertainment und nein, wir beteiligen uns nicht aktiv am Munmenschanz, bleiben unserer Rolle als Beobachter treu.

Im Garten, der ein großer Park ist

Den Nachmittag widmen wir dem National Kandawgyi Botanik Garden. Tatsächlich könnte man sich auch einen ganzen Tag für diese riesige Parkanlage Zeit nehmen; schon, um dadurch ein besseres Preis-Leistungsverhältnis zum happigen Eintrittspreis herzustellen. Der Park, der im Jahr 1917 eingeweiht wurde, ist wahrhaftig ein anspruchsvolles Projekt. Heim vieler Vogelarten und Insekten sowie in einigen Sektionen eine genial angelegte Schaubühne für die dschungelähnliche Flora mit über 500 Arten verschiedener Bäume. Dazu gibt es ein Museum für Schmetterlinge und eine Pflanzstation für 300 Sorten von Orchideen sowie ein Gehege des seltenen Takin auch bekannt als Gnuziege.

Und weil wir uns in Südostasien befinden und die Menschen in dieser Ecke der Welt oft und gerne etwas verzehren, gibt es Pavillons und gute Restaurants mit Cafés, um sich auszuruhen. Der weithin sichtbare Aussichtsturm rundet den Erlebnisaufenthalt ab. Alles im Park ist liebevoll gepflegt, was natürlich einen hohen Personaleinsatz erfordert. Deswegen wollen wir nicht jammern, die leider sehr hohen Eintrittsgelder für Ausländer von 5 $ sind voll berechtigt.

Ausflug zu den Wasserfällen

Neben den kulturellen Sehenswürdigkeiten, säkularen wie die klerikalen, hat Pyin Oo Lwin auch unverfälschte, spannende Natur zu bieten. Um einen dieser Höhepunkte, die Wasserfälle Dat Taw Gyaint, zu erreichen, müssen wir ca. 7 km aus der Stadt herausfahren. Dafür chartern wir ein Tuktuk. Für die letzte Etappe heißt es, gut zu Fuß sein. Beim Zugang bieten sich Begleiter an, für den Weg nach unten. Gut gemeint, aber man braucht sie nicht, der Abstieg ist nicht zu verfehlen und selbsterklärend. Wir bekommen aber Hinweise für die sehr steile, gewundene Piste. Abwärts braucht es angeblich ca. 30 Minuten und zurück satte 45 Minuten. Wir wären nicht in Südostasien, gäbe es hier kein passendes Geschäftsmodell für Einheimische. In diesem Fall die Motorbike-Taxis. Bis an die Grenze des erträglichen heften sie sich an die Wanderer. Locken damit, dass bergabwärts die Passage umsonst sei. Nur für die Beförderung zurück wollen sie 5.000 Kyat. Wir vertrösten sie, dass wir uns entscheiden, sobald wir wissen, wie schwierig die Strecke ist.

In der angegeben Zeit erreichen wir ohne Zwischenfall, Ausrutscher oder hinzufallen den Hauptplatz. Der Wasserfall ist grandios, wie er so eingebettet aus dem hohen Fels frisch herunterprasselt, sich in grün umrandeten Naturpools sammelt und als kleiner Fluss weiter seinen Weg bahnt. Wer will, kann hier baden oder plantschen. Es gibt sogar eine Bude hier unten mit Erfrischungen.

Rückweg. Die Motorbike-Taxifahrer wollen gar nicht akzeptieren, dass es Menschen gibt, die so töricht sind, den Anstieg zu Fuß zurückzulegen. So wie wir. Irgendwann schütteln wir sie ab, als wir ihnen zum gefühlt zweihundertsten Mal klarmachen, dass Bergwandern eines unserer Hobbys ist und wir die Anstrengung lieben. Es ist tatsächlich einfacher als befürchtet. Nur mal so, als neuen Referenzwert für den Rückweg darf sich der Leser den Wert 30 Minuten merken.

Ein entspannter Ort, dieses Pyin Oo Lwin, und vielleicht Gelegenheit, aus dem Brutkasten Mandalay kommend, mal eine Auszeit einzulegen. Oder Chance, von hier aus oder von Hsipaw kommend, mit der Bahn über das grandiose Gokteik Viadukt zu fahren.

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