Haridwar / Rishikesh

Wer in Indien unterwegs ist, kann die Glaubenswelt der Hindus kaum ignorieren. Säkulares Reisen lässt sich theoretisch vielleicht planen, aber ein Indien ohne Tempel, Sadhus, holy places und das ganze Spektrum spiritueller Inszenierungen, das schmeckt wie Suppe ohne Wasser. Wir wissen also, auf was wir uns einlassen, als wir Haridwar besuchen, das zu den 7 heiligen Städten zählt und rangmäßig sogar noch vor Varanasi genannt wird.

Schnell mit dem Flugzeug wollen wir dort sein, doch nach der Ankunft in Delhi sind alle Planungen Makulatur. Der über das Internet gebuchte Flug nach Dehradun ist so real wie Sternenstaub, es gibt ihn nicht. Die Fluggesellschaft ist kulant, überraschend pragmatisch und besorgt uns einen Wagen mit Chauffeur. Ohne Zuzahlung fährt der uns direkt zu unserem eigentlichen Ziel Haridwar und die 5stündige Fahrt macht sogar Spaß. Vor allem ist der Übergang aus unserer westlichen Erfahrungswelt ins Incredible India ein fließender. Trotzdem fühlt sich die Ankunft an wie ein Jahrmarktsbesuch, der ohne Vorwarnung mit einer Fahrt in der „Wilden Maus“ beginnt.

Unser Hotel in Haridwar darf nicht direkt mit dem Auto angefahren werden. Da wir die Wege noch nicht gut kennen und Gepäck haben, lassen wir uns mit einer Rikscha dorthin befördern. Das Hotel liegt im motorbefreiten Marktviertel, dicht bei den Ghats, in einem Bereich, der den Hindus spirituell viel bedeutet. Hier tritt der Ganges in die Ebene ein und ein Tempel soll sogar den Fußabdruck Vishnus bewahren. Haridwar gehört zu den vier Superorten, die abwechselnd eine Kumbh Mela ausrichten dürfen, das größte Fest der Hindus. Beim letzten Mal im Jahr 2010 waren 40 Millionen Pilger vor Ort, von denen 10 Millionen am Höhepunkt der Veranstaltung in den Ganges stürmten.

Obwohl gerade kein Festival ansteht, wimmelt der Ort, der selbst nur rund 230.000 Einwohner zählt und damit für indische Verhältnisse eher ein Dorf ist, von beseelten Besuchern. Kein Wunder, jeder Hindu ist gehalten, einmal im Leben Haridwar zu besuchen. Wir reihen uns in den Menschenstrom ein, alle wollen ja hinunter zum Ganges. Vorbei geht es an kleinen Läden, bestückt mit unzähligen Objekten, die mit Andacht und Opfer-Verehrung zu tun haben. Für uns perfekte Mitbringsel. Auch Hindus sammeln solche Reisetrophäen, nicht alles was gekauft wird, landet im nächsten Schrein vor Ort. Ein Problem, den Kleinkram den wir zusammenkaufen zu befördern haben wir nicht, angeboten werden sogar kultige Textiltaschen.

Überhaupt wird der Gang durch das Marktviertel für uns zu einer Lieblingsbeschäftigung. Nicht nur das Auge wird satt, die Sinne werden stimuliert durch würzige Gerüche aus den Garküchen und Teestuben, wo auch kleine Kuchen und Süßigkeiten angeboten werden. Der kleine Hunger lässt sich immer stillen, beim großen wird es schwieriger. Haridwar ist gastronomisch betrachtet strikt vegetarisch. Im gesamten Stadtbereich findet sich kein Fleischgericht und ein Kingfisher Bier schon gar nicht. Entsprechend vielfältig ist dafür die Auswahl an Gemüsecurrys, auch nichtindische Gerichte werden in ihren fleischlosen Varianten serviert, es lässt sich also aushalten.

Ein guter Beobachtungspunkt für das Treiben in Haridwar ist Har Ki Pauri Ghat am Clock Tower. Über Brücken gelangt man auf das andere Ufer, will man die Perspektive wechseln. Ein Tipp: Wird man angesprochen, eine „Touristen-Gebühr“ zu entrichten, hat aber keine Lust zu spenden, darf man gerne ruhig und höflich widersprechen. Donations sind freiwillig. Übrigens, was wir im Wasser des Ganges beobachten, ist nicht nur ausgesprochen unterhaltsam, wie lernen sogar etwas. Frage: wie trocknet der Gläubige seine Unterwäsche, die beim Bad im Ganges anbehalten wird? Antwort: Er legt sie sich auf den Kopf. Wir haben einige Männer gesehen, die mit einer Unterhose auf dem Haupt herumlaufen und einige Zeit gebraucht, den Grund dafür zu verstehen.

Wer auf Reisen handwerkliche Unterstützung braucht, findet in Haridwar alle Berufsgruppen, wie Schneider, Sattler, Tischler oder Metallhandwerker rund um die Straßen des Einkaufsviertels. Wir nutzen die Gelegenheit und lassen einen Taschenbezug reparieren, zu einem Spottpreis, der so in Europa kaum vorstellbar ist.

Wer Zeit mitbringt, kann den Siwalik Hügel oberhalb Haridwars besuchen. Vielleicht, wie viele Pilger, mit der Seilbahn, die zum Tempel der Manasa Devi führt.

Reisetechnisch bietet Haridwar alles, was Touristen brauchen. Übernachten, auch günstig, ist in aller Regel kein Problem, die Stadt ist für jeden Ansturm gerüstet, wenn nicht gerade ein Festival stattfindet. Die Verkehrsanbindung ist komfortabel, nicht zuletzt dadurch, dass auch die Indian Rail hier einen Bahnhof hat.

Neben der Stadtbesichtigung bieten sich Exkursionen in die nähere Umgebung an. Etwa zum Rajaji Nationalpark. Auf der Straße zum Bahnhof finden sich kleine Reisebüros, wo wir die Angebote vergleichen können und buchen eine Halbtagssafari, um Elefanten und andere Wildtiere zu beobachten. Elefanten soll es dort geben, Tiger, Leoparden, Lippenbären, Hyänen, Hirsche, Wildschweine. „You name it, we show it.“

Landschaftlich bietet der Park große Grasflächen und Wälder, wenn es also Tiere gibt, sollten die keine Chance haben, sich zu verbergen. Irgendwie schaffen sie es aber doch, fast unsichtbar zu bleiben. Die Großkatzen ohnehin und Elefanten treffen wir nur in domestizierter Form an speziellen Unterkünften. Trotzdem, die Fahrt im offenen Jeep macht Spaß. Nicht nur uns, auch viele Inder fühlen sich hier wohl. Die jüngeren nutzen die Abgeschiedenheit des Parks für kleine Picknicks, bei denen auch Alkohol konsumiert wird. Damit ist klar, indischer Naturschutz bewahrt auch die Spezies Mensch vor Nachstellungen, die mit hinduistischer Prohibition nichts anfangen kann.

Rund 25 km von Haridwar flussaufwärts liegt Rishikesh. Der Ort ist berühmt für seine Ashrams und Tempel. Im Westen verbinden wir mit Rishikesh den Trubel um 4 Männer, namens John, Paul, George und Ringo, Mitglieder einer Boy Group der 1960er Jahre und den Mönch Maharishi Mahesh Yogi, einer Art hinduistischen Kontrapunkt zu Rasputin, mit seiner Lehre von der transzendentalen Meditation. Von Flugversuchen, dem yogischen Fliegen, wurde damals berichtet, einer Weltregierung des Zeitalters der Erleuchtung und mittendrin die Beatles. Wie auch immer, Sexy Sadie ist schon lange tot, aber Rishikesh ist lebendig und nach wie vor inoffizielle Hauptstadt des Yogas.

Wir fahren mit dem Taxi von Haridwar hin, für einen Festpreis, der Wartezeiten und den Rücktransport abdecken soll. Ein Fehler, wie wir nachher merken sollen, unser Fahrer ist das schiere Gegenteil einer meditativen Persönlichkeit. Bei ihm soll alles schnell gehen, vor allem unser Aufenthalt in Rishikesh. Wir halten dagegen, im Selbstverständnis, dass wer zahlt auch die Musik bestimmt und besichtigen den Ort.

Den Ashram, in dem die 4 Jungs aus Liverpool und nach ihnen andere westliche Promis das Fliegen erlernen wollten, lassen wir aus; es gibt ihn noch, aber er ist geschlossen. Wie die meisten Besucher überqueren wir die Hängebrücke unter den Blicken von Affen, die an strategisch günstigen Punkten auf „Abgaben“ in Form von Naturalien lauern. Von hier aus haben wir einen guten Überblick über Ghats, Ashrams und Tempel und das Treiben am Flussufer unter uns.

Rishikesh wirkt auf uns sehr viel touristischer als Haridwar, es scheint, als dass die Geschäftsmodelle der Anbieter von Services mehr auf die Bedürfnisse westlichen Pilger getrimmt sind. Yogakurse werden angeboten und ganzheitliche Veranstaltungen, die neben der Meditation auch das Spektrum ayurvedischer Ernährung und Massagen beinhalten. Uns zieht es mehr zu den weniger spirituellen Aktivitäten. Nicht unbedingt das Rafting auf dem Ganges, das an jeder Ecke annonciert wird, sondern Trekking im Himalaya. Wir tauchen in die kleinen Gassen ein und finden sofort einige Touranbieter. Nach den üblichen Preisvergleichen entscheiden wir nach Sympathie und geben dem Laden, dem wir am meisten vertrauen den Zuschlag. Die Tour zum Kuari Pass beschreiben wir für Euch hier.

Ob man in Rishikesh unterkommen will, ist Geschmacksache. Wir ziehen Haridwar vor, wo wir noch einige Zeit haben, bis wir zu unserem Trekking abgeholt werden. Von dort aus werden wir weiter reisen, bis wir über Umwege in McLeod Ganj ankommen.

Das haben wir hier in der Gegend noch erlebt:

Highway 58, Trekking Kuari Pass

4 Gedanken zu „Haridwar / Rishikesh

  1. Danke für`s mitnehmen. Vor Indien haben wir irgendwie Respekt. Viel positives gelesen und unterwegs einiges negatives gehört.
    „Ohne Zuzahlung fährt der uns direkt zu unserem eigentlichen Ziel“ spätestens da wäre ich schon misstrauisch und nervös geworden 😉
    Jetzt kann ich auch etwas damit anfangen, wenn ich Männer mit Unterhosen auf dem Kopf sehe 😉
    Liebe Grüße und macht weiter so!

    • Danke für Euren Besuch,

      es ist halt so mit Indien, entweder man hasst oder man liebt es. Dazwischen gibt es eigentlich nichts.

      Gruss
      Christiane und Aras

  2. Danke für den schönen Artikel. Indien Ist so gar nicht auf meiner Bucket List, aber so bin ich etwas mit euch mitgereist. Schöne Bilder!
    Ein Bier hätte ich vermisst, aber Gemüsecurry wäre für mich O.K.
    Bin gespannt, mehr von euch zu lesen!
    LG Diana

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