Lijiang

Anreise mit dem Bus. Ankunft im Busbahnhof von Lijiang. Alles scheint normal. Es wird seltsam, als wir versuchen, ein Taxi zum Hotel zu bekommen. Sicher keine Superdistanz, die Einnahmen verschafft, mit der sich ein Fahrer zur Ruhe setzen kann, aber immerhin 3 km. Wie üblich zeigen wir unsere Hotelbuchung, mit Adresse in chinesischen Schriftzeichen. Keiner ist bereit uns zu fahren, wir ernten Schulterzucken. Ein älterer Mann mit einem Transporter-Tuktuk beweist Geschäftssinn. Er ruft beim Hotel an, ermutigt uns aufzusteigen und bringt uns zum Eingang der Altstadt, wo eine Hotelangestellte uns empfängt. Das Problem mit den Taxifahrern zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch unseren Aufenthalt in Lijiang. Wir verstehen es nicht und lernen die Stadt zu Fuß kennen.

Zu Lijiang scheiden sich die Geister. Die einen stürmen den Ort begeistert, die anderen – wir selbst eingeschlossen – reagieren ambivalenter. Vielleicht macht es Sinn, sich einmal die Fakten vorzuhalten, um der Stadt gerecht zu werden.

Gelegen an den südlichen Ausläufern des Himalaya, auf einer 2.600 m hohen Ebene, gehört der alte Teil Lijiangs bereits seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die hier starke Naxi-Kultur prägte nicht nur die Vergangenheit der Stadt, sondern ist noch heute sehr lebendig. Vielleicht weniger die kuriose Schrift, die zu 90% aus Piktogrammen besteht, auf jeden Fall aber ihr bauhandwerkliches Können.

Gebäude und Stadtbild sind sehens- und erhaltenswert. Viele kleine Kanäle mit Brücken, überschwenglich geschmückt mit Blumen, lockern die Straßen auf und lassen eigentlich den Bummel durch die Altstadt zu einem Vergnügen werden. Viele Häuser präsentieren sich als Kunsthandwerk, sind meisterlich mit Holzschnitzereien und kunstvollem Mauerwerk dekoriert. Farbtupfer, wie rote Lampions oder kolorierte Fassaden, sogar die sorgfältig verlegten Kopfsteinpflaster, die sich durch das gesamte Viertel ziehen, bedienen perfekt unsere Fantasien eines altertümlichen Chinas.

Lijiang ist also durchaus eine schöne Stadt, vor schneebedeckten Gipfeln, die bei gutem Wetter am Horizont sichtbar werden. Alles scheint zu stimmen, was also lässt uns zögern, in frenetische Begeisterung auszubrechen, wenn von Lijiang die Rede ist?

Offen gesagt, uns stört der Turbo-Tourismus. Ein Teufelskreis: Millionen von chinesischen Besuchern kommen jedes Jahr nach Lijiang. Dieser Massentourismus kann gar kaum anders bedient werden, als mit Massengeschäft. Individualreisende fallen dabei durchs Sieb. Im Ergebnis erzeugt das übervolle Straßen, Gedränge und Geschiebe. Das Warenangebot in den Läden ist gleichgeschaltet: Der Silberladen, vor dem immer jemand sitzt, der mit dem Hämmerlein klopft, der Kunstbäcker, der nur Küchlein gefüllt mit Rosenblättern kann. Der Textilladen günstig und schrill, der Trommelladen mit einer gelangweilten Schönheit, die zu populären Songs Dauer-Rhythmus beisteuert. Die in Stickstoff gekühlten Stinkfrüchte, das Teegeschäft sowie der Grill mit gerösteten Seltsamkeiten am Stock. Und das alles nicht im Dutzend sondern hundertfach.

Wir verstehen nicht die Dominanz von Kitsch in den Auslagen, wo die Chinesen doch sehr wohl mit geschmackvollen und stilistisch tollen Designs aufwarten können. Irgendwie scheint das aber an den Massen abzuprallen.

Aber, wir wollen nicht nur unken, es gibt auch Positives. Etwa der Eintritt. Bis vor kurzen noch 80 Yuan teuer, ist er inzwischen ersatzlos entfallen. Die Mautstationen der Tourismusbehörde stehen zwar noch, aber ohne erkennbare Bedeutung. Sogar die Altstadt lässt sich noch unberührt erleben, durchstreift man sie in aller Frühe. Dann sollte man zum Zhongyie Markt schlendern, der erstaunlicherweise authentisch geblieben ist. Viel gibt es dort zu sehen, Waren, die wir kennen, solche, die uns fremd sind und andere, die Gänsehaut erzeugen. Bunt ist es dort, lebendig und sehr menschlich.

Berührt sind wir, wenn wir erleben, wie Einheimische, Männer und Frauen, Jung und Alt sich zusammen finden, um zu tanzen. Keinen Ringelpietz für Touristen, sondern echte Folklore zum eigenen Vergnügen. Gegenüber der kitschigen, großen Wasserräder ist so ein sozialer Treffpunkt. Wer Zeit hat, sollte einfach am späten Nachmittag den Klängen der Musik nachgehen und den Menschen zusehen. Die gute Stimmung dort ist extrem ansteckend!

Lijiang mit seiner reichen Historie hat natürlich Sehenswürdigkeiten bewahrt, die es wert sind, näher besichtigt zu werden, wie Mu‘s Palast. Für die große Anlage, mitten in der Altstadt, ist noch Eintritt fällig, 40 Yuan für das ganze und 20 für das halbe Ticket, von Kindern und Senioren. Die Anlage ist ein wahres Schmuckstück. Über mehrere Ebenen gelangt man durch Tempel und repräsentative Säle zum Pagodentempel auf der Bergspitze, der allerdings noch mal extra Eintritt kostet, aber einen wunderbaren Blick über die Stadt eröffnet und innen wie außen toll dekoriert ist.

Wie viele chinesische Städte hat Lijiang auch Parks. Der bekannteste, der „Black Dragon Pool Park“ mit großen Wasserflächen, grenzt an ein großes Waldstück.

Warum für diese Erholungsstätte 80 Yuan Eintritt verlangt wird, wissen wir nicht. Das Ticket berechtigt für 30 Tage freien Zugang, aber welcher Gast ist schon solange hier? Senioren und Kinder zahlen gar nichts, Einheimische auch nicht. Vielleicht sind die 80 Yuan gar Schutzgeld, weil man hier nicht von Lärm und Kitsch belästigt wird? Wir wissen es nicht.

Um die Altstadt herum wirkt Lijiang übrigens wie eine ganz normale chinesische Stadt. Modern, mit breiten Straßen, den üblichen Imbisshallen und Restaurants, Banken, Geschäften und auch einem hochmodernen Einkaufsviertel, beim Walmart Supermarkt.

Auch dort ist recht wenig von den Touristenmassen zu spüren, die offenbar ausschließlich in der Altstadt sein wollen.

Ob man Lijiang sehen muss, möge jeder für sich entscheiden. Wir haben noch einen ganz speziellen Grund, hier zu sein. Die Stadt ist unser Sprungbrett zur Tigersprungschlucht, die sich von hier aus bequem in 2-3 Stunden erreichen lässt.

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