In den Alpilles bei Saint-Rémy

Van-Gogh-Tour über die Alpilles

Wir sind in Saint-Rémy-de-Provence, in der Nähe des Massif des Alpilles, einer Bergkette in der Provence, etwa 30 km lang, 10 km breit, mit Höhen bis zu 500 Metern. Die Alpillen, so heißt diese Region auf deutsch, scheint so etwas wie ein perfektes Wandergebiet, zumal die Region seit 2007 als regionaler Schutzpark deklariert ist. Frohen Mutes erwarten wir Kultur, Sehenswürdigkeiten, eben alles, was der Mensch als Zutat für eine vergnügliche Wanderung braucht.

Der Wanderführer Provence, neu angeschafft vor der Reise, aufgelegt in 2013, bestärkt uns im Vorhaben. Die Tour, die wir uns heraussuchen, benannt nach dem Maler Van-Gogh, verspricht nur das Beste: Ein Rundweg, „kinderfreundlich“ – dem Verfasser dieses Berichts würde ein Testat „Senioren geeignet“ bereits genügen – mit „reizvollen Kletterpartien“, ja das weckt infantile Instinkte. Distanz von knapp 9 km. Fürwahr, das klingt nach einer guten Trainingseinheit.

Wir finden den Startpunkt unserer Tour, am Kloster „Saint-Paul-de-Mausole“, dort gibt es gratis Parkplätze, kommt man nur früh genug an. Wir erwischen noch den letzten freien Platz, vor der Außenwand. Wie immer gut informiert, wissen wir: Das Kloster hatte einst einen berühmten Insassen, nämlich Vincent Van-Gogh, der fast ein Jahr hier behandelt wurde und während dieser Zeit einige seiner schönsten Bilder schuf.

Den Vorgaben unseres Wanderführers folgend, gehen wir über den kleinen Asphaltweg, entlang an Olivenbäumen zu unserem Startpunkt, natürlich den gelben Markierungen folgend. Easy, stellen wir gemeinsam fest und interessant, diese Ausgrabungsstätte, die wir gerade passieren. Eigentlich stört nur der Maschendrahtzaun, der eine freie Sicht auf die altrömischen Artefakte verhindert. Das Raufklettern funktioniert zwar, leider fehlt jetzt ein 3. Arm um die Kamera in Position zu halten. Schade, aber wenn wir erst Glanum erreichen, am Ende des Rundwegs, holen wir die Fotos nach.

„Gelbe Markierung“ ist unser Mantra, dem wir folgen sollen bis wir auf den Fernwanderweg stoßen, klassisch markiert mit dem weißroten Balken. Kurzer Blick in den Wanderführer, kleine Verwirrung: Zeit- und Distanzangaben haben überhaupt nichts mit der Umgebung zu tun, in der wir uns bewegen. Aber haben wir nicht schon einmal gehabt, dass dieser Führer die Dinge anders beschreibt, als wir sie erleben? Wir gehen ein kurzes Stück zurück, der kleine Kartenausschnitt, den wir dabei haben, wird dadurch nicht plausibler. Egal, der Weg ist unser Ziel, Umkehren nicht unsere Philosophie, also geht es wieder voran durch schöne Landschaft, leicht ansteigend, einfach zu bewältigen. Keine der Abzweigungen, die wir in den nächsten 45 Minuten passieren, gibt sich als Fernwanderweg zu erkennen, darum bleiben wir auf gelb.

Es geht durch Wald. Dahinter, immer rechts von uns, türmen sich schroffe Höhen. Das muss Teil des Massivs sein, welches wir umwandern und aus der Makroperspektive stimmt sogar die Richtung.

Endlich erreichen wir eine Straße, mit weißrotem Balken und Wegekreuz! So eine Passage benennt auch der Wanderführer. Allerdings haben die Angaben auf dem Wegweiser überhaupt keinen Bezug zu unserer Van-Gogh-Tour, denn in beide Richtungen werden Entfernungen in der Größenordnung von 5,5 km ausgewiesen. Erkennend, dass nichts, was wir zur Tour nachlesen, mit der Logik des wirklichen Weges zu tun hat, dämmert uns, der Autor unseres kleinen Büchleins war wohl nie selbst hier. Seine Vorgaben machen ungefähr so viel Sinn, wie die Beschreibung eines Gemäldes von Van-Gogh durch einen Blinden. Das ist ärgerlich. Zeit und Lust, wie in einem Videospiel, alles zu resetten und auf Null zurück zu gehen, haben wir auch nicht.

Wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen. Soweit, wie wir bis jetzt gekommen sind, haben wir wohl um die 3 km zurückgelegt. Zwei Alternativen bieten sich, beide ungefähr gleich lang, aber in entgegengesetzte Richtungen verlaufend. Wir wählen den ausgeschilderten Weg, der uns durch die Schlucht Gaudre de Valrugue bringt, hoffen, damit auf die ersten Etappen der Tour zu treffen und en passant unseren Irrtum oder den des Autors aufzuklären.

Es geht nun etwa 30 Minuten über die leicht ansteigenden Kurven der Straße bis zu einem kleinen Weg, der abwärts führt. Farbmarkierung ist wieder gelb, stimmt also und unser innerer Kompass sagt „ja“. Der Weg wird nun zum Pfad, der Untergrund eine Nuance schwieriger, wir wandern jetzt über Schotter und kleine Steine, Wurzelwerk und über treppenartiges Gefälle. Wir passieren auf jeden Fall gerade die Schlucht, malerisch und das tollste, es gibt Stellen, von wo aus wir Zinnen mit den sogenannten Teufelsaugen erspähen, diesen großen Löchern im Kalksteinmassiv, ein fesselndes Bild.

Es mögen jetzt 2 Stunden vergangen sein, seit wir gestartet sind. Unsere Lust, genau zu dokumentieren wo wir gerade sind, ist gesunken, je deutlicher wird, dass unsere Wanderung mehr mit einem ausgedehnten Spaziergang zu tun hat, als mit ambitioniertem Trekking.

Nach dem Abstieg durchs Tal erreichen wir bewohnte Gebiete, Häuser, die in den Hang gesetzt sind und ausladende Anwesen, umzäunt, mit parkähnlichen Dimensionen. Auf einer idyllischen Anhöhe, zwischen hohen Bäumen, legen wir Rast ein, genießen die Umgebung, die warme Sonne und die Rosmarinsträuchlein um uns herum. Beim Aufbrechen entdecken wir, unser Rastplatz gehört zu einem riesigen privaten Besitz, das dazugehörige Gebäude sehen wir jetzt erst. Okay, wir haben nichts angerichtet, müssen nicht vom Hof gejagt werden und ziehen gestärkt weiter.

Bald verdichten sich die Häuser zu einer dorfähnlichen Struktur, Autos kommen uns entgegegen. Jetzt geht es nur noch darum, unseren Stellplatz beim Kloster zu finden. Sehen können wir die Abtei bereits, aber ein direktes Durchkommen ist nicht möglich, jede Straße endet als Sackgasse. Schön für die Anwohner, die hier vom Durchgangsverkehr unbelästigt wohnen, schlecht für den Wanderer, der gerne zurück will.

Mithilfe unseres mobilen Kartenwerkes finden wir den Weg zur Hauptstraße. Und dann haben wir doch noch unser privates Van-Gogh Erlebnis. Wir sind auf dem gleichnamigen Weg, eingerichtet von der Stadt Saint-Rémy, der gesäumt ist mit Bildern des berühmten Malers. Im Weg eingelassen, metallene Stolpersteine mit der Aufschrift „Vincent“. Davon spricht unser Reiseführer in seiner Tourbeschreibung zwar nicht, aber egal, wir haben jetzt unsere individuelle Van-Gogh-Tour kreiert.

Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir die Ausgrabungsstätte Glanum. „Les Antiques“, das Mausoleum aus der Römerzeit, und den schmucken Triumphbogen. Das Kloster Saint-Paul sehen wir bereits, ebenso unseren Wagen.

Für diejenigen, die nachempfinden möchten, was wir erwandert haben, hier noch einmal die wichtigsten Angaben zur Strecke:
Gesamtdauer netto, ohne Pausen: ca. 3 – 3,5 Stunden
Höhenunterschied nach oben: ca. 150 Meter
Höhenunterschied nach unten: ca. 150 Meter
Schwierigkeitsgrad: einfach
Erlebnisfaktor: seltsam, aber kulturell bereichernd, wo sieht man so viel Kunst in originärer Umgebung

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