Istanbul

Eine Stadt, die zu den ältesten überhaupt gehört, nicht nur der Türkei sondern weltweit, an nur einem Tag besichtigen zu wollen, ist nicht nur ambitioniert, sondern fast schon verwegen. Schon deswegen, weil der Besucher Mut zur Lücke beweisen muss und er am Ende oft mit dem Gefühl dasteht, die ganz wichtigen Dinge ausgelassen zu haben. Aber das ist auch ein guter Grund, wieder her zu kommen. Istanbul wird immer eine Reise wert sein. Auch wenn es zurzeit ein Wagnis sein kann, sich in der Nähe touristischer Hotspots aufzuhalten und der Ruf Istanbuls gerade sehr gebeutelt wird. Die Metropole hat in ihrer Geschichte schon ganz andere Krisen bewältigt. Politische Verhältnisse wie die derzeitigen, die kommen und gehen. Istanbul hat sich auch immer wieder Versuchen erfolgreich widersetzt, ihr kosmopolitisches Flair gegen eine dumpfe, eindimensionale Weltsicht zu tauschen.

Wir waren oft hier und kennen die Stadt in jeder Jahreszeit. Natürlich werden wir weitere Gelegenheiten nutzen, dort zu sein, weil wir oft den Flughafen als Drehscheibe für günstige Flüge nach Asien nutzen. Bei längeren Zwischenaufenthalten macht es durchaus Sinn, das Gepäck im Transit zu belassen, um ohne störenden Ballast durch die Stadt zu ziehen. Da passen dann auch Übernachtungen, optimal in Flughafennähe, um aus dem Stopp das beste herauszuholen.

Der Verkehr ist nach wie vor einer Riesenstadt würdig. Überlastet, laut, stinkend, stressig. Trotzdem muss der Besucher heutzutage nicht mehr genervt sein, weil inzwischen gute Ausweichmöglichkeiten auf öffentliche Verkehrsmittel bestehen. Mit der Metro, die alle wichtigen Stadtteile miteinander verbindet, und sich auch ungehindert durch den dichtesten Verkehr ans Ziel schlängelt, ist man allemal schlauer unterwegs, als mit einem Auto, das oft im Stau verkeilt wird.

Für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel empfiehlt es sich, eine Istanbulkart zu besorgen. Erhältlich ist sie am Flughafen und an den vielen Servicestellen in der Stadt. Die Karte wird mit Bargeld aufgeladen und kann dann beliebig oft für Fahrten mit Metro, Bussen und sogar den Hafen-Fähren benutzt werden. Eine dieser Prepaid-Karten genügt für mehrere Personen; sie lässt sich bei Bedarf immer wieder aufladen.

Wir beginnen unsere Tour am Atatürk Flughafen (IST), wo die meisten ausländischen Besucher landen. Istanbul hat noch einen weiteren Flughafen, den Sabiha Gökcen (SAW) im asiatischen Teil, der von vielen Chartegesellschaften angeflogen wird. Ein dritter ist im Bau, ca. 35 km entfernt, im Nordwesten. Was früher mitunter eine echte Quälerei war, nämlich die Fahrt zum Zentrum, lässt sich inzwischen recht entspannt mit der Metro bewältigen, eine Station befindet sich nämlich im Atatürk-Flughafen.

Wer nur einen ganz kurzen Aufenthalt hat, kann sich stattdessen nach Bakirköy fahren lassen. Ein guter logistischer Anfang, wenn man einen Zwischenstopp mit Übernachtung hat. Bakirköy ist eine gute Adresse, will man in Flughafennähe günstig für eine Nacht unterkommen und noch einiges von der Stadt erleben. Bakirköy ist an die Linien der IDO angebunden, das sind die schnellen Fährboote, die auch mehrere Stationen auf der asiatischen Seite anlaufen. Wir nutzen die Linie, die nach Kadiköy fährt. Auch wenn wir anderswo übernachten, starten wir den Tag am Hafen, um von dort nach Kadiköy überzusetzen.

Blicke auf Istanbul vom Bosporus und vom Goldenen Horn

Kadiköy ein traditioneller Stadtteil der eher europäisch wirkt, als asiatisch. Es sind nicht irgendwelche Sehenswürdigkeiten, die uns interessieren, sondern eher das Stadtviertel selbst. Um den Hafen herum liegen Einkaufspassagen, moderne Läden mit einem tollen Warenangebot. Es lohnt, die kleineren Nebenstraßen zu erforschen, die als Markt für Lebensmittel, fangfrischen Fisch sowie Obst und Gemüse genutzt werden. Hier lässt sich bewundern, was die Reichhaltigkeit der türkischen Küche ausmacht. Spezialitäten und Feinkostwaren aus allen Teilen der Türkei gehören zum Standardangebot. Wer einen kleinen oder großen Hunger verspürt, findet hier auch Lokale, in denen viele Spezialitäten präsentiert werden, oder wenn er mehr Zeit hat, eines der stilvollen Cafés.

Kadiköy beherbergt auch viele Buchläden, die neben den Printmedien auch Unmengen an zeitgenössischer, türkischen Kultur in Form von CDs und DVDs im Angebot haben. Kadiköy, das muss einfach erwähnt werden, ist die Heimat von Fenerbahce, einem der drei berühmten Fussballclubs der Stadt. Die anderen, Galatasaray und Besiktas, haben ihre Stadien im europäischen Teil.

Von Kadiköy lassen wir uns mit einer der klassischen Fähren zurück auf die europäische Seite bringen. Vorbei am traditionellen Anleger Haydarpasa, der zugleich ein Bahnhof war, jetzt aber nur noch als Museum dienen soll. Von hier aus starteten die Züge Richtung Ankara und weiter nach Osten, die legendäre Bagdadbahn. Auf dem Bosporus, einem der meist befahrenen Schifffahrtswege der Welt, ergeben sich prachtvolle Aussichten; deswegen sollte man bei gutem Wetter oben auf dem Deck sitzen. Von dort hat man den Blick auf die beiden Kontinente Europa und Asien. Vor Üsküdar, dem nächsten Stadtteil den wir passieren, liegt auf einer winzigen Insel der berühmte Leanderturm (Kiz Kulesi), der früher als Leuchtturm diente. Heute befindet sich dort ein Restaurant.

Wir legen auf der europäischen Seite an der Station Karaköy an. Der Hafen dort, früher eine abenteuerliche Gegend, wie Hafenviertel eben sind, ist inzwischen restauriert und bietet viele Restaurants, Hauptspezialität Fischgerichte und prächtige Gebäude, die einen Eindruck vermitteln, wie repräsentativ das alte Istanbul früher einmal war. Gut zu Fuß erreichbar, dazu gehen wir durch einen Tunnel unter einer riesigen Kreuzung auf die gegenüberliegende Seite, ist die Karaköy Station der Tünel Linie. Dort verkehrt eine unterirdische Standseilbahn, die älteste noch im Betrieb befindliche Europas, nach Beyoglu.

Von der Station Beyoglu fahren wir zunächst mit der Tram – zum Taksim Platz. Gesehen haben sollte man den Platz, er war ja auch genug in den Schlagzeilen, als hier die Proteste um die Erhaltung des Gezi Parkes stattfanden. Die Geschichte dieses Platzes ist nachlesenswert. Zurück geht es zu Fuß durch die Istiklal Caddesi, einer der buntesten Einkaufsmeilen der Stadt. Außer der Tram und einigen Müllabfuhr-Vehikeln ist die Straße für den Verkehr geschlossen. Uns haben immer die Traditionsadressen besonders interessiert, die sich hier befinden. Cafés und Restaurants, die leckere Spezialitäten servieren oder die kleinen Schokoladengeschäfte, wo die Manufakturbesitzer ihre Produkte noch mit der Hand einwickeln.

Vorbei an den Luxusgeschäften und geschichtsträchtigen Bierpalästen und Tavernen, die Türken nennen das Meyhane, finden hier abends Party und Unterhaltung statt. Wenn irgendwo in Strömen Raki und Bier konsumiert wird, dann hier. Die reaktionären Stadtverwalter versuchen zwar, das bunte Leben abzuwürgen, richtig gelungen ist es ihnen noch nicht.

Am Ende der Istiklal, vorbei am traditionsreichen Galatasaray Gymasium, Schule der Elite und Namensgeber des mit Fenerbahce rivalisierenden Fussballvereins, verwinkeln sich die Seitenstraßen in den Bezirk Pera. Sichtbares Wahrzeichen ist der Galata Turm, die Straßen beherbergen mit die schönsten Kneipen, Cafés und Läden der Stadt, alles liebevoll restauriert.

Dazwischen – und immer eine Übernachtung wert – stilvolle Boutiquehotels. Apropos Hotels, das bekannteste Luxushotel der Grande Epoque im alten Istanbul war der Pera Palas. Hier nächtigten schon die betuchten Fahrgäste des Orient-Expresses und genossen den Blick aufs Goldene Horn.

Zu Fuß, der Weg macht Spaß, weil er vorbeiführt an vielen interessanten Läden, geht es wieder hinunter Richtung Karaköy. Auch hier mag, wer sich in Form fühlt, einfach weiterlaufen Richtung Zentrum, um dort an der Galata-Brücke anzukommen oder diese Strecke mit der Straßenbahn fahren. Über die Galata-Brücke, ein Neubau dessen Konstrukteuren es leider nicht gelungen ist, die Ausstrahlung der alten Galata-Brücke zu erhalten, die in den 1990er Jahren ersetzt wurde. Die zweistöckige Brücke verbindet Karaköy mit dem Bezirk Eminönü und ist ein Paradies für Angler. Beidseitig stehen dort jeden Tag Massen von Anglern, um was immer auch, aus dem Goldenen Horn herauszufischen. Es heißt, dass die Wasserqualität inzwischen so gut ist, dass die geangelten Fische verzehrbar sind. Wenn mal ein schlechter darunter sein sollte, freuen sich wahrscheinlich die Nachrücker an der Anglerfront über einen freiwerdenden Platz auf der Brücke.

Von Eminönü nehmen wir wieder die Straßenbahn. Vorbei am berühmten Bahnhof Sirkeci, dort startete der Orient-Express, durch enge Straßen, vorbei am Gülhane Park, wo auch der weltberühmte Topkapi Palast liegt, schlängelt sich die Straße weiter. Wir passieren die berühmte Zisterne, die Unterwasserkanalwelt des alten Istanbuls, die oft in Drehbücher eingearbeitet wird, wenn eine Filmstory in Istanbul spielt, und erreichen den Sultan Ahmed Platz.

Hier oben finden sich viele der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, die Hagia Sofia und die große Blaue Moschee, um nur die wichtigsten zu nennen und auch der Puddingshop, früher eine kultige Anlaufstelle für Hippies auf ihrer großen Wanderung Richtung Afghanistan und Indien. In der Verlängerung der Yenicerler Caddesi passieren wir kleinere und größere Sehenswürdigkeiten, um schließlich am oberen Eingang des Kapali Carsi, des großen Basars, anzukommen. Den zu besichtigen verschlingt Zeit, aber die muss man sich gönnen. Über 31.000 qm und 4.000 Läden gibt es hier immer noch. Angelegt wurde diese eindrucksvolle Einkaufszentrum im 15. Jahrhundert, nach der Eroberung Istanbuls durch Sultan Fetih.

Der Basar hat Brände und Einstürze überstanden, existiert aber nach wie vor in aller Pracht und ist, auch wenn man nichts einkaufen will, eine Sehenswürdigkeit für sich. Kunstvoll ausgemalt, dekoriert im osmanischen Stil, floriert hier der Bär. Es ist eigentlich immer voll und man sollte als Besucher die Geduld aufbringen, sich durch das Gewimmel der Gänge schieben zu lassen. Wenn gerade mal wieder ein Fest ansteht, zu dem sich die Menschen beschenken, ist es hier voll wie zur Adventszeit in Deutschland, wenn jeder sich ein Weihnachtspräsent besorgt.

Verlassen sollte man den Basar durch den Ausgang, der auf die Yeni Moschee hinführt um im Ägyptischen Basar anzukommen. Der lässt sich auch von der Eminönü Seite erreichen, aber vom Großen Basar kommend, verleihen wir unserer Tour natürlich eine besondere Dramatik. Der Ägyptische Basar ist sozusagen die Mutter aller orientalischen Einkaufspassagen. Nicht wegen des Alters, sondern einfach wegen des Erlebnisfaktors. Könnte man für Optik, Ausstrahlung, Gerüche und Atmosphäre Sterne vergeben, würde dieser Ort ohne Nachdenken von uns 12 von 10 Sternen bekommen. Hier darf man einfach die Bilder auf sich wirken lassen und beeindruckt sein.

Mit dieser Tour haben wir Wesentliches, gesehen, aber bei weitem nicht alles. Mehr Zeit für Istanbul lohnt immer und wenn es dann zufällig Herbst ist, dann bieten sich auch gemütliche Fahrtren über den Bosporus an. Im Herbst, oder besser „Altweibersommer“, entfaltet Istanbul sich am prächtigsten. Licht und Sonne zaubern tolle Effekte, wie sie sonst kaum erlebt werden können.

Nach einer Besichtigung bleibt nur ein „Tschüss, bis demnächst“. Die meisten Besucher kommen immer wieder. Und das ist gut so.

Weil „unsere“ Türkei und das kosmopolitische Istanbul untrennbar mit der Idee eines pluralistischen, weltoffenen Europas verbunden bleibt, wir überzeugt sind, dass die politischen Schatten auch wieder vergehen werden, so wie sie gekommen sind, freuen wir uns, dass dieser Beitrag in der großen Europablogparade vertreten ist.

Istanbul die nur die Pforte. Zu einem Land, das zu bereisen uns immer viel Spass gemacht hat. Geschichte, eine faszinierende Kultur, liebenswerte Menschen, grandiose Landschaften. Erlebt mit uns, wo Orient und Okzident sich treffen.

In Istanbul wohnen wir am liebsten mitten in Beyoglu – unser Tipp: Das Faik Pasha Hotel!