Trekking durch die Tigersprungschlucht

So eine Miffy-Flauschdecke wärmt enorm. Warum ein erwachsener Mann so etwas an seinen Körper lässt und was das mit der Tigersprungschlucht zu tun hat, soll hier berichtet werden.

Von Lijiang fahren wir mit dem 8:00 Uhr Bus fast pünktlich nach Qiaotou. Dort, wo der Shuoduogang in den Jangtse mündet, hält der öffentliche Bus mit der Fahrplannummer 0641 vor dem Touristenbüro.17 Yuan pro Person kostet das BusTicket für die fast 2 Stunden dauernde Fahrt. Kaum da, kassiert ein Uniformierter 45 Yuan Eintritt für die „Tigersprungschlucht“, Senioren zahlen auf Nachfrage wie gehabt nur die Hälfte. Nun sind wir drin und fragen uns, wie es weiter geht. Wir wollen wandern, aber ohne Gepäck; das möchten wir am anderen Ende der Schlucht, 20 km entfernt im Tibet Guest House deponieren. So der Plan. Die Umsetzung ist einfacher, als wir es uns vorstellen können. Unser Busfahrer, eigentlich an seiner Endstation angelangt, zeigt Flexibilität, die mit chinesischer Planwirtschaft nichts zu tun hat. Er bietet an, uns individuell zu fahren, also das Gepäck im Tibet Guest House abzugeben und uns dann beim gewünschten Einstieg der Trekkingtour abzusetzen. Für umgerechnet läppische 20€. Alles regeln wir mit ein paar Brocken Englisch und Fingerbewegungen über einer Karte der Region.

Die Fahrt im leeren Bus, für uns gerade das größte Taxi Chinas, führt über die Straße, die parallel zum Jangtse, hoch neben dem Fluss, verläuft. Der wechselt vom träge dahinfließenden Gewässer zum tobenden Wildwasser, eine gelbbraune Brühe, am Fuße schroffer, fast senkrechter Felswände, schwindelerregend tief unter uns. Ohne dass wir ihn auffordern, stoppt unser Fahrer an den interessantesten Punkten, damit wir in Ruhe fotografieren können. Glückes Geschick, wir genießen das Privileg, die Fahrt am wilden Strom insgesamt zweimal zu erleben; einmal hin, einmal her. So eine Tour ist auf jeden Fall ein Erlebnis, auch wenn man nicht wandert, vielleicht als Tagesausflug aus Lijiang. Unserem Vorhaben, in den Upper Trail nahe beim Yang Shong Dorf einzusteigen, steht übrigens nichts im Wege; nach Auskunft vom Tibet GH ist die Route intakt.

Vor allem haben wir einen tollen Vormittag erwischt. Anders als die Wetter-App angedroht hatte, regnet es nicht, im Gegenteil: Wir haben blauen Himmel mit wenig Wolken.

Mit unserem Aufstieg starten wir beim Hinweisschild „Tea Horse Guest House“ auf einer Betonpiste, gerade breit genug für ein Auto, die steil ansteigt. Über mehrere Kurven schlängelt sich das Sträßlein hinauf. Um uns herum die gnadenlos schöne Landschaft der Schlucht. Nach einem stärkenden Picknick erreichen wir in knapp 1 Stunde den High-Trail. Verfehlen kann man den nicht, wir halten uns rechts und folgen einfach den Pfeilen, die auf das „Come Inn“, unsere Unterkunft, hinweisen. Wir passieren noch einige Häuser, bis sich der Weg verengt und schließlich zum Pfad wird, vielleicht 60 cm breit. Links die Felswand, rechts der Abgrund, tief unten der tosende Jangtse. Ein ideales Übungsfeld für Akrophobiker, zum Therapieren von Höhenangst. Abgesehen von seiner Höhe ist der Pfad übrigens technisch kein Problem. Wir tragen Laufschuhe, keine Wanderstiefel, das reicht aber vollkommen.

Kurve um Kurve kommen wir voran, grade Strecken sind erstmal rar, aber der Weg ist hier Ziel und der lässt sich ohne Anstrengungen erwandern. So fühlt sich ideales Reisen an und wer es nicht aushält, wie der Verfasser dieses Berichts, muss sich nicht antun, in die Tiefe schauen. Nach weiteren 75 Minuten sind wir im „Come Inn“, einem kleinen Guest House, das zwischen einer Ansammlung diverser anderer Gebäude, eine hervorragende Aussichtslage besetzt hat. Ja, wir haben uns das Zimmer im obersten Stock reservieren lassen. Jerry, der Manager, erwartet uns. Unser Room with a View hat sogar eine eigene Terrasse mit Liegestühlen. Ein kleiner, verdienter Luxus. Komplettiert durch ein eiskaltes Bier und einen starken Kaffee genießen wir die Szenerie.

Aber Berge können tückisch sein, das erfahren wir immer wieder, denn kurze Zeit später verhüllen schwere Wolken die Sonne. Kalt ist es im Schatten, Zeit für den Rückzug ins Zimmer, aufs Bett mit Ausblick und unter den Flausch einer Miffy-Decke. Komfort mit Wärme lassen einen das kindischste Design vergessen. Die Betten sind hart, aber es wäre viel härter, keine zu haben.

Das „Come Inn“ pflegt eine Kultur, die wir schon bei anderen Trekkingtouren geschätzt haben, nämlich die des Gemeinschaftstisches. So einer steht im kleinen Speiseraum und sorgt dafür, dass alle Gäste, die am Essen teilnehmen, bald miteinander ins Gespräch kommen, moderiert von Jerry. Lange sitzen und unterhalten wir uns, dazu gibt es kannenweise Pu-Erh Tee, zubereitet auf die traditionelle Art.

Das Aufwachen am Morgen im kalten Zimmer – frieren mussten wir nicht, es gibt Heizdecken im Bett – ist mit einem Kontrollblick auf die Wetterlage verbunden. Wir sehen zwar Wolken, aber nach Niederschlag sieht es nicht aus.

Nach dem Frühstück, inzwischen ist es 9:00 Uhr und die Sonne quält sich über die steile Bergwand vor uns, setzen wir unsere Wanderung fort. Heute folgen wir den roten Pfeilen, die auf Tina‘s Guest House hinweisen. Der Weg, der bald wieder zum schmalen Pfad wird, verläuft etwa eine Stunde horizontal. Was nicht heißt, es wäre langweilig oder ohne Kribbeln. Die Landschaft in der Schlucht ist wildromantisch, viel Grün, viel Fels und immer mit dabei, der Jangtse, als Hintergrundrauschen aus der Tiefe. Wieder haben wir nur einen kurzen Abstand zu den Abgründen, die sich neben dem Berg auftun, wieder haftet der Blick des Autors lieber am Horizont. Nur manchmal, wenn alles stabil und absolut sicher wirkt, wandern seine Augen die Tiefe. Aber das Weg-Team besteht ja aus zwei Personen und nicht jeder hadert mit den Höhen.

Bevor wir in die Abstiegszone kommen, passieren wir einen prächtigen Wasserfall. Einen zweiten gibt es noch, weiter unten, aber der ist heute nur ein Rinnsal. Vorsichtig die Schritte setzend, kommen wir bergab trotzdem gut voran, weil der Weg trocken ist. Regen wäre fatal. Der Untergrund, zum Teil nur glatte Steine, dann wieder abschüssige erdige Passagen, befördert bei Nässe den Effekt, dass die Beine schneller werden als der Oberkörper. So eine Disbalance drängt physikalisch nach Ausgleich und endet meist auf dem Hosenboden oder einem Planking am Boden.

Aber das ist heute nicht zu befürchten, selbst mit Laufschuhen schaffen wir es stolperfrei durchzukommen. Gute Kondition und stabile Wanderstöcke sorgen dafür, dass es so bleibt.

Einschließlich Fotopausen und Phasen des Stillstandes, in denen wie einfach nur die herrliche Natur bestaunen, brauchen wir etwas weniger als 2 Stunden bis zu Tina‘s GH. Dort ist übrigens eine Bushaltestelle, für Rückfahrten nach Lijiang, die täglich um 15:30 Uhr stattfinden. Wer will kann bei Tina’s GH auch den steilen Pfad und die lange, sehr steile Leiter runter zum Stein herabsteigen, wo angeblich der Tiger über den tosenden Jangtse gesprungen ist. Für diesen Abstecher muss man ungefähr 3 Stunden hin und zurück einplanen. Haltestelle und Tina‘s hinter uns lassend, passieren wir die Brücke über den Jangtse. Kurz dahinter kehren wir ein im „Bridge Café“, von wo aus man ein tolles Panorama über die Tigersprungschlucht hat. Bei einem Pot heißen Pu-Erh Tee genießen wir die Situation.

Jetzt sind es nur noch 1,5 km über Asphalt zu unserer Unterkunft, dem “Tibet Guest House“.

Die wichtigsten Angaben zu dieser Tour noch einmal auf einen Blick:

Gesamtdauer, netto ohne Pausen: 5 Stunden, verteilt auf 2 Tage
Höhenunterschied nach oben und unten, geschätzt 600 Meter
Schwierigkeitsgrad: mittel
Erlebnisfaktor: sehr hoch

 

 

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