Mawlamyine

Wieder sind wir in einer Hauptstadt und zwar in der des Mon-Staates. Die Mon, eine der ältesten Volksgruppen der Region, mit langer, bewegter Historie, waren einst eigenständig und mächtig, um irgendwann von noch Mächtigeren und mit Gewalt in das größere Reich Myanmar integriert zu werden.

Hauptstadt ist eigentlich der falsche Begriff für Mawlamyine, das in weiten Teilen viel an dörfliche Lebensweise in kolonialen Zeiten erinnert. Größere Straßen gibt es, aber dort, wo wir das Zentrum vermuten, sind es die Gässchen mit Hinterhofcharakter und niedrigen Häusern, die das Bild bestimmen. Oft sind sie mit höchstens 2 Etagen, Balkonen und Vorgarten ausgestattet, sowie Bänken für den Plausch mit den Nachbarn. Dazwischen viel tropisches Grün und Wege, die von wahren Baumriesen eingesäumt sind. Natürlich sind auch die Religionen präsent, mit Klöstern, Pagoden, Hinduschreinen, Moscheen und – als Hinterlassenschaft christlicher Missionare – Kirchen.

Der kommerzielle Tourismus ist hier noch nicht sehr lange präsent, erst seit wenigen Jahren dürfen Ausländer hier frei reisen. Das heißt aber auch, dass die einnahmenfreudige Preispolitik, wie man sie in den Hochburgen Mynamars mitunter auftritt, noch nicht Einzug gehalten hat. Keine Besichtigungsgebühren, keine spürbaren Spezialpreise für Touristen und die Fahrpreise für Taxi und Tuk-Tuk sind sehr moderat.

Die Stadt, lesen wir im Reiseführer, soll noch viele Straßen im Kolonialstil besitzen. Richtig fündig sind wir trotz mehrmaligem Hinschauen kaum, aber das macht nichts. Nicht jede Ortschaft muss mit einem Schönheitspreis ausgestattet sein, meist ist es ja der Alltag, mit all seinen Ecken und Kanten, der den Charakter einer Stadt ausmacht. Den hat Mawlamyine ohne Zweifel. Schon, weil der Fluss hier ist, ein Hafen, eine bunte Bevölkerung und alles ein wenig chaotisch wirkt, in Zeitlupe selbstredend, wir sind in Myanmar!

Das Alte, welches auf Anhieb ins Auge springt, zählt gerade mal um die 60 – 70 Jahre. Dazwischen stehen aber auch noch Gebäude, die älter sein mögen. Eine genaue Einschätzung fällt uns nicht leicht, weil die Patina an den Fassaden einfach nur Vergangenheit signalisiert, ohne Jahresringe. Sei’s drum, viele der maroden Gebäude wirken immer noch ansprechender, als die modernen Konstrukte, die nun entstehen und die selbst in hundert Jahren niemals Klassiker werden.

Wer mehr und spezielles sehen will, sollte die Pagoden der Stadt besuchen. Sie halten schon einige Überraschungen parat. Obwohl selbst nur Laien, fällt uns die unterschiedliche Bauweise gegenüber den Monumenten in Yangon oder Mandalay auf. Nicht so gravierend, was die äußeren Formen angeht, die Innengestaltung ist es, die verblüfft. Decken mit reich verzierten Reliefs, Räume die über alle Wände, das Dach einbeziehend, kompakte Gesamtkunstwerke sind. Verspiegelt oder vergoldet, immer ein Hingucker.

Wir besichtigen die eng zusammenliegenden Tempel auf dem Hügel am Ostrand: Die Mahamuni Pagode, sozusagen ein Zwilling zur gleichnamigen Pagode in Mandalay. Wobei der dortige Buddha, eine Metamorphose zum Goldknubbel über sich ergehen lassen muss, während hier eine Replik zu bewundern ist, die ihn so zeigt, wie er ursprünglich geschaffen war. Die beeindruckende, alles überragende Kyaik Than Lan Pagode, und die Pagode mit dem Bambus-Buddha.

Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Spätnachmittag ist es, als wir daneben die schöne rosafarbene Holzpagode Yadanar Bon Myint entdecken, die in der bereits orange verfärbten Sonne maroden alten Charme entfaltet.

Es ist die Stunde, in der die ausländischen Besucher die Viewpoints ansteuern, um beste Positionen zu besetzen. Hier in Myanmar finden sich oft aber auch Einheimische ein. Einfache Familien, Pärchen sogar Mönche und Nonnen, die aus ihrer Kutte ungeniert ein Smartphone zücken und sich vor stimmungsvoller Kulisse im Selfie verewigen. Wir sitzen auf den Stufen der großen Pagode Kaik Than Lan, erkennen andere Reisende wieder und schauen über den großen Fluss auf den roten Ball am Horizont.

Auch in der Umgebung von Mawlamyine finden Pagoden-Sammler ein lohnenswertes Ziel. Eine knappe Stunde mit dem Boot entfernt liegt Kawhnat. Über diesen Pagodenkomplex berichtet unser Reiseführer nicht. Später recherchieren wir bei Professor Google und klären die Zusammenhänge. Eigentlich sollte uns so eine Anlage nicht mehr überraschen. Tut sie aber. Was wir betreten, gehört zu den ausgesuchtesten Anlagen in Myanmar. Zentrale Aufmerksamkeit gebührt dem Dipinkara Tempel: Hohe Decken, fein dekoriert, wölben sich über zwei riesigen Statuen, die jeweils aus einem einzigen Teakholzstamm gearbeitet sind. Farben und Formen harmonieren hervorragend und schaffen eine besondere Stimmung. Überhaupt, der gesamte Klosterbereich mit seinen Tempeln, Stupas und Gärten wirkt liebevoll gepflegt, geschmückt ohne überladen zu sein. Entstanden ist die Pagode zwischen 1880 und 1890.

Die zweite Pagode, der Hna-Kyeik-Shit-Su-Tempel, ist ebenfalls wunderschön verziert und bemalt und – wie der Dipinkara-Schrein – mit prächtigen, geschnitzten Reliefs ausgestattet, die alle Wände bedecken. Fenster hier sind bunt und bleiverglast, auch das erinnern wir nicht von anderen Pagoden.

Es gibt auch in Mawlamyine ein Leben, das nichts mit Pagoden zu tun hat. Da ist vor allem der riesige Markt im Norden, der sich parallel zum Fluss erstreckt. Er kündigt sich uns zuerst durch Gerüche an, die wir nicht beim Essen erleben wollen. Wir sind bei den Ständen angekommen, wo Trockenfisch gehandelt wird. In einer Vielfalt an Farben, Formen und Beschaffenheit, die uns den Atem verschlägt. Benennen könnten wir die Seetiere nicht, aber alle riechen gleich. So zieht sich der Markt weiter, jede Sparte hat ihr eigenes Quartier, das Warenangebot ist überwältigend.

Trotzdem geht es hier menschlich zu. Es wird gelacht, freundlich zugenickt, gewogen, gezählt, verpackt. Wenn der Kokosnusshändler dir eine Frucht aus seinem Angebot heraussucht, dann nimmst Du ihm ab, dass er Dir seine beste anbieten will.

Eine Stadt in Myanmar ist nichts ohne ihr Essensangebot. Herauszuheben ist hier der Nachtmarkt, der an einem idealem Ort stattfindet, auf einem extra breiten Pier am Dawei Jetty. Wer das nicht mag, kann sich natürlich auch in eines der Restaurants setzen, die in diesem Abschnitt der Strand Road angesiedelt sind.

Es gibt noch viele interessante Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Mawlamyine anzusehen, die es rechtfertigen, einige Tage länger hier zu verweilen. Der Vollständigkeit halber wollen wir sie wenigstens erwähnen. Etwa die Flussinseln Shampoo (Gaungse Kyun) und Bilu Kyun, für die man am besten Begleiter sucht, um die Bootskosten zu deckeln. Nicht zu vergessen auch die malerische Kan Gyi-Pagode in Mudon sowie den weltgrößten liegenden Buddha in der Kyauk Ta Lone-Pagode, von wo aus man einen prächtigen Blick auf die Umgebung haben soll.

Wir sind nur eineinhalb Tage in Mawlamyine unterwegs, haben dabei auch Mut zur Lücke und lassen diese Sehenswürdigkeiten aus. Mehr Zeit hier würde zu Lasten unserer nächsten Ziele gehen, oder der geplanten Auszeit am Strand, die wir dringend brauchen.

Was uns aufgefallen ist und wie wir hierher kamen.

Unser Hoteltipp für Mawlaymine: Cinderella Hotel