Cirque de Mourèze Hérault

Wir freuen uns über jeden Sonnentag in diesem Frühling, der es nicht schafft, sich vollständig vom Winter zu emanzipieren. Ziele gibt es genug in Südfrankreich, will man nicht in der Wohnung versauern und als Norddeutsche ist uns die Weisheit nicht fremd, wonach es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte Kleidung.

Trotzdem, diesen herbei gesehnten Sonnentag müssen wir nutzen. Wir fahren zum Dorf Mourèze, nicht weit gelegen von Clermont l‘Hérault, in wunderbarer Landschaft. Dass Ort und Umgebung unserem Reiseführer gerade einmal knappe 6 Zeilen wert sind, wirft 2 Fragen auf: Warum werden solche Naturschönheiten nicht ausführlicher beworben und können wir dieses Manko beheben? Einen Versuch sei es uns wert.

Die Region besitzt einen natürlichen Schatz: Eine kleine, aber feine Felsenlandschaft, die sich trefflich durchwandern lässt und dabei jede Menge Kurzweil bietet. Kurz vor dem Dorf Mourèze stellen wir auf einem Bezahlparkplatz unseren Wagen ab. Schlaue Franzosen sparen sich die 3 € Gebühr und parken etwa 500 Meter vor der Zufahrt an der Landstraße D8. Immerhin bekommen wir dafür zu unserer Parkgebühr einen Umgebungsplan und einige praktische Tipps. Feste Schuhe braucht es schon für die große Runde, meint die Dame mit Blick auf unsere Sandalen, da gäbe es nämlich einige Passagen… Sie braucht das nicht weiter auszuformulieren, wir sind heute sowieso nur auf die kurze Tour eingestellt, die eine gute Stunde braucht. Eine miese Konstellation aus verschlepptem Muskelfaserriss in der Wade sowie einem gecrashten Rücken, der arg in die Hüfte abstrahlt, beim männlichen Part unseres Teams, zwingt zu diesem unrühmlichen Kompromiss.

Schräg gegenüber zum Parkplatz finden wir den Einstieg in die Runde, die hier „Cirque“ genannt wird. Als „dolomitisch“ wird die Landschaft beschrieben, was durchaus den Kern trifft. Bereits auf den ersten Metern treffen wir auf schroffe karstige Felsen, nicht unbedingt sehr hoch, aber kühn und bizarr geformt, den Eingang zu diesem fantastischen Stückchen Erde. Zwischen den Steinbergen blitzt viel Grün auf und Wege, die alles andere als beschaulich sind, obwohl sie keine größeren technischen Schwierigkeiten darstellen. Aber mit schwacher Wade und diesem Rücken ist bereits das Erklimmen eines Bordsteinkante ambitioniert.

Über natürliche Stufen und durch Miniaturschluchten geht es voran. Mal hoch, mal runter, wer trittsicher ist, balanciert die Unebenheiten locker aus. Nur nichts anmerken lassen, vor allem nicht vor den beiden Alten, die 3 Schritte voraus über den Weg schleichen, hochgerüstet wie für eine Trekkingtour im Himalaya, stapfen sie voran. Wir erreichen die Beiden, verkneifen uns das Überholen. Der Rücken fordert krasse Entschleunigung. Die gönnen wir uns gerne, schon deswegen, weil es über uns, unter uns und 360°um uns herum vor Fotomotiven nur so wimmelt.

Macht Euch den Spaß – heißt es irgendwo – und versucht zu erkennen, was die bizarren Felsformationen darstellen. Oder benennt sie, mit fantastischen Namen. Das tun wir natürlich spätestens, wenn es um das Sortieren der Fotos für diesen Bericht geht, aber auch jetzt ertappen wir uns beim Beschreiben und Identifizieren. Steht da nicht ein „Hohlwangiger Gnom“, gleich rechts neben dem „Knorpeligen Gnu“ und welches Monster mag diesen kariösen Eckzahn verloren haben?

Kurzer Blick zurück in die Richtung unseres Ausgangspunktes. Das malerische Dorf Mourèze liegt vor uns, die Mauern der urigen Kirche stemmen sich in den blauen Himmel, was für ein Anblick.

Kontrollblick nach vorne, die beiden rustikalen Alten haben uns regelrecht abgehängt. Aber hier geht es heute nicht um Geschwindigkeit oder Streckenrekorde, sondern Genusswandern (für den unversehrten Teil unseres Teams) und vorweggenommenen Rekonvaleszens-Training (für den versehrten Teil). Etwa 45 Minuten brauchen wir, bis zum Wegweiser, der die Splittung der Wegstrecke in die lange Runde und die kurze anzeigt. Wir folgen, treu unserem Vorsatz, es heute nicht übertreiben zu wollen, dem kleinen Cirque, der entgegen dem Uhrzeigersinn nach links biegt.

Ein wenig erinnern die Pfade an Kapadokien, alles natürlich kleiner, aber nicht weniger anregend, was Formen und Gesamtbild betrifft. Immer noch ist der Weg, wir folgen den gelben Markierungen, nicht öde, sondern herausfordernd mit Abbrüchen, Stufen und Kurven, ohne technisch wirklich schwierig zu sein. Wozu hat der Mensch die Arme beim Wandern, wenn nicht zum Abstützen und Festhalten.

Im letzten Abschnitt trifft unsere Tour wieder auf die Schlussetappe des großen Zirkels, deutlich erkennbar an der Nummerierung 8, wo die Wege wieder eins werden. Wir kommen jetzt ins Dorf, passieren die alte Kirche, die wir von oben gesehen hatten und alte, rustikale Bauernhäuser. Hier wird noch gewohnt, allerdings recht überschaubar. Einkaufsmöglichkeiten, etwa einen Bäcker, entdecken wir nicht, dafür aber mehrere gemütliche Restaurants.

Ohne die beiden Alten wiederzusehen, die sind wahrscheinlich schon zum nächsten Wanderweg unterwegs, treffen wir nach 75 Minuten am Parkplatz ein.

Einzelheiten zu dieser Wanderung? Klar, die wollen wir nicht vorenthalten:
Gesamtdauer netto, ohne Pausen: kleineTour: ca. 1 Std., große Tour ca. 3 Std.
Höhenunterschied nach oben: kleine Tour ca. 200 Meter, große Tour 420 m
Höhenunterschied nach unten: kleine ca. 200 Meter, große Tour 420 m
Schwierigkeitsgrad: einfach für die kleine, mittel für die große Tour
Ausrüstung: für die große Runde auf jeden Fall Wanderschuhe
Erlebnisfaktor: skurril, aber bereichernd, wo sieht man so viel tolle Natur auf so kleiner Fläche!

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