Haifa und Caesarea

Ein Ort, der so eine Lage hat wie Haifa, kann eigentlich nur Hafenstadt werden, denkt sich der Besucher. Aber das war nicht immer so. In der Antike – ja, wir informieren uns gerne über die Regionen, die wir besuchen – war Akko eindeutig der Favorit der Seefahrer und Haifa nur zweite Wahl. Das hat sich im Laufe der neueren Geschichte drastisch verändert, ein bisschen durch die Osmanen und ein wenig mehr durch deutsche Einwanderer und viel mehr durch die Briten, die hier einen wichtigen Marinestützpunkt bauten, mit Hinterland, Bahnanlagen und Raffinerien. Der Hafen erhielt dann vor allem durch die jüdischen Einwanderer aus Europa eine sehr spezielle Bedeutung. Hier legten sie an, die Flüchtlingsschiffe, hier erfüllten sich Träume oder sie zerbrachen.

Heute leben im Großraum dieser drittgrößten Stadt Israels an die 600.000 Einwohner, im Jahr 1815 waren es gerade 1.000 Menschen. Die Stadt liegt zwar auf Meereshöhe, erstreckt sich aber auch über das hügelige Gebiet des Karmel, einem Gebirge in Israel, das übrigens zu den frühgeschichtlichen Regionen zählt, in denen auch Neandertaler siedelten. Die im Berg gelegenen Stadtteile liegen um die 400 Meter hoch. Ganz oben wohnt man hier am teuersten und unten, also Downtown, zählt in Haifa gesellschaftlich eher zur Basis als zur Spitze.

Wir wohnen natürlich nicht in den lichten, abgehobenen Höhen auf dem Karmel, aber das wird diejenigen, die unsere Reisen verfolgen, nicht überraschen.

Eine Art städtebauliche Brücke zwischen denen da oben und denen da unten bilden die hängenden Gärten der Bahai, die sich von der Spitze der höchsten Erhebung bis hinab zur deutschen Siedlung erstrecken. Das Bahaitum ist eine Art Universalreligion, die ursprünglich im Iran gegründet wurde und nach vielen Wirren und Verfolgungen ihr spirituelles Zentrum in Haifa und Umgebung gefunden hat. Da wir weltanschaulich bereits gefestigt sind, interessiert uns weniger, wie diese Religion funktioniert (jeder möge glauben, was er will, oder es bleiben lassen) als vielmehr, wie sich die Bahai hier darstellen. Augenfälligster Ausdruck ihrer Anwesenheit sind in Haifa ihre Gärten und der Schrein mit der Goldkuppel.

Wir starten die Besichtigung mit dem Hauptgarten, der um den Schrein angelegt ist. Wie üblich werden Besucher am Eingang kontrolliert; in Israel hat Sicherheit aus nachvollziehbaren Gründen einen hohen Stellenwert. Der Garten ist höchst ästhetisch angelegt, gepflegt wie ein Park des Sonnenkönigs, und entfaltet eine angenehme Atmosphäre der Stille und Beschaulichkeit. Freiwillige Helfer, wohl Anhänger der Bahaireligion, sind unentwegt am Säubern, Bewässern und Pflanzen. So eine unaufdringliche Betriebsamkeit haben wir selten gefunden. Leider ist der Kernbereich der Gärten für Besucher nicht in alle Richtungen durchlässig. Wir hätten uns gewünscht, durch die Anlagen bis in die oberen Teile schlendern zu können, die auf dem Berg liegen. Aus unerfindlichen Gründen ist das nicht möglich, so gehen wir die 2 km zu Fuß entlang einer lauten Autostraße, bis wir am Gipfel ankommen. Der besondere Viewpoint entschädigt uns für den Spaziergang, entlang an Luxusvillen und versteckten Wohnanlagen.

Man kann vom Karmel übrigens mit der Karmelit, der einzigen U-Bahn Israels, hinunter in die Unterstadt fahren, über 6 Stationen und 1,8 km Streckenlänge. Wir ziehen, sportlich wie immer, den Fußweg vor.

Für aktive Menschen bietet Haifa eigentlich alles, was in der westlichen Welt Lifestyle ausmacht – und das sind heutzutage Strände. Lang sind sie hier, erstrecken sich über mehrere Kilometer, nur wenig Steine, dafür viel goldgelber Sand, eingesäumt von einer endloser Promenade. Wie auch in Tel Aviv, sind die Strandabschnitte gut eingerichtet mit Sonnendächern, Duschen und Toiletten. Alles sauber, auch außerhalb der Saison, wobei wir nach wie vor der Überzeugung sind, dass hier ganzjährig die Bedingungen stimmen, das tolle Wetter ist halt eines der Pfunde, mit denen Haifa wuchern kann. Wir nutzen die Gelegenheit, laufen an der Promenade, trainieren in der angenehmsten Umgebung, nämlich direkt am blauen Mittelmeer.

Ein Nachteil mag sein, dass die Strände hier etwas außerhalb der Stadt liegen. Geschätzte 10 Minuten mit dem Auto braucht es schon, hier zu sein, vorausgesetzt man kennt sich aus. Die Krux für uns als Besucher ist der Verkehr in einer Straßenführung, deren höheren Sinn wohl selbst Israelis nicht verstehen. Das System der Einbahnstraßen ist sehr gewöhnungsbedürftig und die Adaption wird dem Fremden auch nicht durch die anderen Autofahrer erleichtert. Die meisten hier pflegen einen Fahrstil, der westliche Rücksichtslosigkeit mit orientalischer Schludrigkeit verbindet. Rückspiegel und Blinker werden als überflüssige Ausrüstung kaum benutzt, dafür ist man hier noch mehr darauf versessen zu hupen, als etwa in Indien. Das will schon etwas heißen.

Wenn man als Deutscher schon mal in Haifa ist, lohnt es, die „Deutsche Kolonie“ zu besichtigen, die hier in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Die Mitglieder der Templergesellschaft, einer christlichen Sekte aus dem Württembergischen, siedelten sich im damaligen Palästina an, um ihrem Herrgott näher zu sein und nach den Regeln der Evangelien zu leben. Und natürlich auch zu arbeiten; es waren fleißige Menschen, die nach Haifa kamen. Bauern und Handwerker, die Land erwarben, Häuser bauten und sich als Gemeinde niederließen. Ihre Geschichte nachzulesen ist recht aufschlussreich, aber das ist eher etwas für lange Winterabende zuhause. Wir schauen uns lieber im Viertel selbst um, entdecken noch Häuser aus der Vergangenheit, viele davon prächtig renoviert, einige noch mit handfesten religiösen Leitsprüche versehen, die schon an der Hauswand deutlich machen, wie gottesfürchtig seine damaligen Bewohner gelten wollten.

1941 deutete sich das Ende der Templerkolonie an, viele von ihren Mitgliedern wurden von den Briten, in guter Tradition, nach Australien deportiert. Auch nach der Gründung des Staates Israel klappte es nicht so recht mit den Nachbarn, so dass die letzen Templer 1950 das Land verliessen. Eigenartigerweise wurde die Erinnerung an diese Episode nicht ausradiert; wenigstens nicht an den Hauswänden, wo immer noch die salbungsvollen Sprüche der Siedler zu finden sind.

Caesarea

Auf der Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv liegt eine Ruinenstadt, die zur Zeit ihrer Blüte locker die beiden vorgenannten modernen Städte in den Schatten gestellt hätte. Caesarea war die Superstadt ihrer Epoche. Aufgebaut über 12 Jahre und gewidmet dem römischen Kaiser, besaß sie alles, was das Leben damals lebenswert machte. Caesarea war so wichtig, dass sie bald Hauptstadt der römischen Provinz Palästina wurde, als Jerusalem aus politischen Gründen diesen Rang abgeben musste.

Typisch ist das Schicksal Caesareas, das in den letzten 2.000 Jahren so ziemlich alles durchmachen musste, was Eroberer und Naturkatastrophen einer Region antun können. Nach ihrer Erbauung unter der Schirmherrschaft Roms übernahmen die Byzantiner die Stadt. Sie schafften einiges an sogenannten heidnischen Kulten ab, machten auch gleich die dazugehörigen Heiligtümer platt und errichteten Kirchen. Aber auch Stadtmauer und Hafenanlagen wurden errichtet. Nach den Anstürmen von Persern und Arabern ging es mit Caesarea wieder abwärts. Ein Hoch – jedenfalls in baulicher und strategischer Hinsicht – stellte sich ein nach der Einnahme durch die Kreuzfahrer. Die Eroberung durch die Mamelucken war der absolute Tiefpunkt, die Ruinen schlummerte danach in einem mehrhundertjährigen Dornröschenschlaf vor sich, bis sie in der Moderne neu entdeckt, restauriert und dem Tourismus ausgeliefert wurde. Das Gelände, direkt am Meer gelegen, wurde als Nationalpark deklariert und steht mit seinem Strand, den Restaurants und gepflegten Ausgrabungsstätten auf der Liste jedes Israel-Besuchs ganz oben.

Ist der recht große Aquädukt, der die Stadt über eine Entfernung von fast 8 km mit Quellwasser versorgte, noch kostenfrei zu besichtigen, wird es für den Besucher erheblich kostspieliger, die archäologischen Teile zu besichtigen. Teilnehmer einer Gruppe zahlen aus unerfindlichen Gründen weniger als Individualtouristen, die in Israel leider keine Lobby haben.

Wir verschaffen uns zuerst einen Überblick über die noch erhaltenen Ruinen des Hafens, dessen Überreste heute gerne von Anglern genutzt werden. Hier finden wir Artefakte aus der ursprünglichen Gründerzeit und Anbauten der Byzantiner und Kreuzfahrer. Wer sich eine Vorstellung machen will, wie die Stadt zur Blütezeit gewirkt hat, lässt sich in dem kleinen Kinosaal nieder und verfolgt im Zeitraffer die geschichtlichen Stationen. Nett gemacht – die Zeit sollte man sich nehmen.

Das weitläufige Gelände, das sich parallel zum Mittelmeerstrand einige hundert Meter erstreckt, führt vorbei am Hippodrom, dem früheren Schauplatz der Wagenrennen bis zum Amphitheater, das vollständig restauriert, ein wenig steril wirkt. Hier finden übrigens heute wieder Theateraufführungen und Konzerte statt. Mit dem Mittelmeer, das hier mitunter sehr heftig an den Strand schlägt, besitzt Caesarea natürlich eine tolle Kulisse.

Wir sind etwa 2 Stunden unterwegs in der Anlage, sehen was man sehen sollte und fragen uns, wie es mit Caesarea wohl weitergehen soll. Denn wohin man schaut, werden Ruinen baulich ergänzt, wohl mit dem Ziel, die Stadt, in der übrigens Pontius Pilatus als Statthalter erwähnt wird, wieder vollständig sichtbar zu machen.

Wie wir hierher kamen und wohin es danach ging, findet Ihr hier.

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