Tirupati & Tirumala

Quizzfrage zu Beginn: Wo tauchen fast jeden Tag um die 40.000 Pilger auf? In Mekka? Im Vatikan? Weit gefehlt, wir reden von der Tempelstadt Tirumala, in der Nähe von Tirupati, im Bundesstaat Andhra Pradesh.

Da wir uns gerade in der Nähe dieser Stätte befinden, zu der unsere Reiseführer wenig sagen und das Internet nur Spärliches ausspuckt, müssen wir dahin. Jährlich 10 Millionen Pilger können nicht irren. Oder doch?

Von Chennai kommend ist es am einfachsten, morgens im CMBT Busbahnhof in den richtigen Bus einzusteigen und für umgerechnet 2,20 € pro Person in 3 Stunden nach Tirupati zu fahren. Sicher, man kann sich auch für den 10-20fachen Preis einer organisierten Tempeltour anschließen oder noch besser, diesen Bericht durchlesen und entscheiden, ob sich das alles lohnt.

Wir investieren 2 Übernachtungen für Tirupati und freuen uns auf den Besuch. Die Stadt empfängt uns, wie andere Städte in Indien es auch tun, mit einer ausdrucksstarken Kakophonie aus Straßenlärm, mit Häuserfassaden, die sich nicht entscheiden können, ob sie gerade neu entstehen oder zerfallen, sowie unzähligen urbanen Biotopen aus Speiseresten und ähnlich überflüssigen Dingen, derer man sich gerne entledigt, ohne darum viel Aufheben zu machen.

Unser Hotel liegt in einem Viertel, wo religiöse Vorschriften besonders zu beachten sind, weil sich ein wichtiger Tempel dort befindet. Konkret, hier herrscht eine vegane Küchendiktatur, die keine tierischen Produkte duldet, außer Milch. Wer sich schon im normalen Alltag schwertut mit indischem Frühstück, wird also noch weiter gefordert. Denn Eier, sonst unser kulinarischer Rettungsring, sind leider auch tabu. Ob die ganze Stadt sich den Regeln unterordnet, ist schwer zu sagen, jedenfalls finden wir kein Gasthaus, das Fleisch auf der Karte hat und Bier schon gar nicht. Nur gut, dass das Gepäck nicht kontrolliert wird, wir haben Whisky dabei, zu rein medizinischen Zwecken.

Alles in Tirupati dreht sich um Tempel. Kein Wunder, liegt doch jedes Jahr die Anzahl der Besucher um ein mehrfaches höher, als die Stadt Einwohner hat. Handel, Transport, Beherbergung, Gastronomie, die meisten Umsätze bringen die Pilger. Auch Spenden fließen hier zusammen, in Form von Geld oder der Naturalie Menschenhaar. Viele Pilger lassen sich kahl scheren und schenken Schopf und Zopf dem Tempel, der sie an Perückenmacher weiter verkauft. Glatze ist in Tirupati die angesagteste Frisur, bei Männern, Frauen, Jung wie Alt. Da fällt auch das glattrasierte Haupt des männlichen Parts unseres Teams gar nicht mehr auf.

Beim Tirupati-Tempel bekommen wir erste Eindrücke zum Kult um Venkateshvara, einer Gottheit, die als eine der Formen Vishnus verehrt wird. Der Zutritt zum Tempel ist auch Ausländern erlaubt, anders als etwa beim Jagannath in Puri, den nur Hindus betreten dürfen. Das eigentliche Heiligtum, zu dem es all die Hindupilger magisch hinzieht, uns Neugierige natürlich ebenso, befindet sich allerdings in Tirumala, auf einem Berg, etwa 20 km von Tirupati entfernt. Dafür reservieren wir einen vollen Tag.

Das Problem des Transports lösen wir schnell. Beim Tempelsee warten Taxis für Besucher, die nicht mit dem Bus nach Tirumala fahren. Die einfache Fahrt gibt es für 700 INR. Wir buchen eine Rundfahrt, die uns zum Haupttempel und weiteren Sehenswürdigkeiten bringt, 6 Stunden dauern soll und umgerechnet 29 € kostet. Zwischen den Taxis entdecken wir einen Ambassador, das legendäre Auto, das von Hindustan Motors produziert wurde. Das Fahrzeug ist sichtlich betagt, hat keine Klimaanlage und wirkt behäbig wie ein Panzer. Die Inder müssen uns für verrückt halten, als wir am nächsten Morgen den modernen SUV ablehnen und auf dem Ambassador bestehen.

Nach kurzer Fahrt erreichen am Fuß eines Plateaus Kontrollschalter. Alle Passagiere müssen zu Fuß, samt Gepäck durch eine Sicherheitsschleuse, ähnlich wie an Flughäfen, aber mit Kontrollen, die eigentlich keine sind. Mehr Schein als Sein, aber die Prozedur entschleunigt den Verkehr. Danach darf wieder aufgedreht werden, über eine moderne Bergstraße fahren wir die 18 km zum Tempel hinauf. Prächtige Natur um uns, prächtige Aussichten hinunter in die Ebene. Übrigens, man kann den Weg nach oben auch wandern, aber nur barfuß, Pilger sind da sehr streng.

Das Areal auf dem Berg ist eine eigene, kleine Stadt mit Betonbauten, Straßen, einem riesigen Verwaltungszentrum und mehrstöckigen Gemeinschaftsunterkünften für Pilger, die oben übernachten. Sauber und aufgeräumt sieht alles aus.

Unser Fahrer inszeniert die Rundfahrt auf seine Weise. Erst besuchen wir die Nebenstätten, die Hauptsache folgt am Ende. Durch Wald fahren wir zum Ganga Devi Tempel, wo die Pilger eine Badestelle zur rituellen Reinigung erwartet. Das Wasser plätschert über verzierte Abflüsse, die aus der Felswand ragen auf die Badenden herunter. Das Bild, das uns hier oben begleitet: Viele rasierte Köpfe, bunt gekleidete, ambitionierte Menschen, die sich freuen, da zu sein. Aber es fehlt uns die mystische Atmosphäre, die wir eigentlich erwarten. Dafür erscheint hier alles wohlorganisiert.

Zwischen kleinen Wasserfällen liegt der nächste Besuchspunkt, Akashganga, den wir in Augenschein nehmen. Er gehört zum Besuchsprogramm dieser disneyhaften Pilgerwelt wie noch einige andere Hotspots, die unsere Rundfahrt abrunden, bevor wir zum Zentrum mit dem Haupttempel kommen.

Um in den Shri Venkateshvar hineinzukommen, bucht man die Teilnahme an einer „Betrachtung des Göttlichen“ (Darshan), reiht sich zum zugeteilten Termin bei den Wartenden ein und durchläuft – eingepfercht zwischen tausenden Menschen – die Metallgatter bis zum Einlass. Dort gehen die Pilger durch metallene Gatter und warten gruppenweise in Käfigen, bis der nächste Schub hinein darf. Wir verzichten auf die Gedrängel mit beträchtlichen Wartezeiten und begnügen uns mit den Außenansichten und haben nicht das Gefühl, deswegen auf Spektakuläres zu verzichten. Über die Mauern und nachher aus anderen Perspektiven sehen wir den Tempel, der mit reichlich Gold belegt ist und fühlen uns etwas entzaubert.

Uns unbeteiligten Besuchern, die ohne tiefe religiöse Ergriffenheit herkommen, stellt sich die Frage, was diesen Ort eigentlich so besonders macht. Das Geheimnis sind nicht die Bauwerke, sondern das, was entsteht, wenn eine halbe Million Menschen sich versammeln. Soviel Kapazität nimmt der große Platz auf. Aber wenn sich – wie heute – nur geschätzte 3.000 Gläubige auf der Fläche verlieren, fehlt das Überwältigende. Hätten wir vorher gewusst, was uns erwartet, wären wir nicht gekommen. Die Kennzahlen des Tempels mögen überwältigen (u.a. 19.000 Beschäftigte), die perfekte Organisation ebenso, aber nüchtern betrachtet hält Tirumala im Vergleich mit anderen berühmten Sehenswürdigkeiten der hinduistischen und buddhistischen Welt nicht mit.

Fazit, wer kein ausgesprochener Sammler von Pilgerorten ist und auf Menschenansammlungen lieber verzichtet, erspart sich die Reise nach Tirupati. Außer er ist ein Fan des Ambassador.

 

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