Mamallapuram

Nach allem, was wir vor unserer Ankunft in Mamallapuram über diesen Ort lesen, sind wir überzeugt, hier einen Höhepunkt unserer Reise durch Tamil Nadu vorzufinden. Wir reservieren dafür 5 volle Tage in Erwartung von nicht weniger als Sandstränden mit Bademöglichkeiten, geballten antiken Sehenswürdigkeiten sowie einer Backpacker-Szene, die uns die gelebten Entbehrungen in den tamilischen Pilgerstädten vergessen lässt. Was wir bekommen, ist von jedem etwas, verbunden mit Abstrichen, weil in Indien immer alles anders ist, als man es erwartet.

Mamallapuram, ein quirliger Küstenort, liegt etwa 50 km südlich von Chennai und gehört damit zum natürlichen Einzugsgebiet dieses Ballungsraums, was besonders an Wochenenden deutlich wird. Die engen Straßen des kleinen Ortes um die Othavadai Street herum gehören dann den Luxuskarossen wohlhabender Inder, die hier Unterhaltung suchen; es lärmt, wuselt, quillt über. In den Restaurants wird zu den Menüs selbstverständlich Bier serviert, die rege Nachfrage nach westlicher Gastronomie macht sich auch im Preisniveau bemerkbar, alles ist hier ein bisschen teurer.

Schlagartig macht sich schon am Sonntagabend der Wechsel zum Alltagsgeschäft bemerkbar. Jetzt, wo die zahlungskräftigen Kunden aus Chennai fehlen, prasselt die Unterforderung der örtlichen Händler über uns ausländische Besucher wie ein heftiger Monsunregen ein. Jeder, der irgendeine Ware oder Dienstleistung anzubieten hat, grüßt lauthals und interpretiert unsere Erwiderung als Beginn eines Verkaufsgesprächs. Nach gefühlten 500 „Hello, how are you today?“, zelebriert über eine Straßenlänge von 300 Metern, immunisiert uns diese Grußorgie derart, dass wir am Ende die Händler gar nicht mehr wahrnehmen. Mag sein, dass wir damit das Vorurteil nähren, weiße Ausländer seien arrogante Schnösel, aber die Lippen wollen nicht mehr und außerdem scheint es völlig egal, was wir tun oder unterlassen, die Tatsache, dass wir hier sind, reicht aus, uns als Kunden zu klassifizieren.

Über die Tage unseres Aufenthaltes generieren wir eine Teflonschicht, von der alle Aufforderungen, einzukaufen automatisch abperlen. Wir wissen jetzt, wo wir gut essen können und das Bier zu anständigen Preisen angeboten wird und werden wieder lockerer. Tatsächlich bietet Mamallapuram ja auch Leistungen, die wir gerne in Anspruch nehmen, etwa Schneider, die schnell, preiswert und mit guter Qualität genau das nähen, was das Herz begehrt.

Die eigentlichen Attraktionen sind hier jedoch die Sehenswürdigkeiten, die zurecht als UNESCO Weltkulturerbe gelistet sind und zu den schönsten Südindiens zählen. Obwohl die Fülle der Denkmäler uns zunächst überwältigt, reichen für eine solide Besichtigung aber 2 Tage völlig aus.

Naheliegend ist, mit dem Komplex in den Hügeln zu starten, der in unmittelbarer Nähe zur Stadt liegt, und zu Fuß vom Busbahnhof aus in wenigen Minuten gut erreichbar ist. Das Besichtigungsareal präsentiert sich schon am Eingang mit einem riesigen Felsrelief, Arjunas Buße; weltweit eines der gewaltigsten dieser Art. Wer hier verweilt, kann viele interessante und sogar skurrile Szenen entdecken, etwa die Yogi Katze in Meditationshaltung, umtanzt von Mäusen.

Schnell ist klar, wir befinden uns bereits im Bereich, wo die Guides dem Besucher ihre Dienste aufdrängen. Wir beschließen, uns für umgerechnet 2,50 € ein Büchlein zu kaufen, das von einem indischen Kunsthistoriker verfasst wurde, akribisch alle Sehenswürdigkeiten in Mamallapuram beschreibt und gar nicht schlecht gestaltet ist. Schließlich lassen wir uns auf einen nicht lizensierten Begleiter ein, der recht kundig wirkt und uns in einem Tempo, das wir selbst bestimmen, durch die weitläufige Anlage führt. Büchlein und Begleiter helfen, die Fülle an Eindrücken zu strukturieren und nachvollziehbar zu machen.

Eintritt wird hier nicht verlangt, trotzdem wirkt die Anlage sehr gepflegt, mit sauberen Wegen, Grünflächen und sogar Beschilderungen, die dem Besucher helfen, sich zu orientieren. Lobenswert: Auf dem parkähnlichen Gelände finden wir genügend schattige Ruhezonen, so dass ein Rundgang nicht unbedingt wie ein museales Pflichtprogramm abgelaufen werden muss. Es braucht allerdings schon einige Stunden, alle Tempel, Höhlen und Monumente wenigstens einmal gesehen zu haben und am besten startet man früh morgens, noch bevor die Masse der Besucher eintrifft, die von auswärts mit Bussen hergefahren werden.

Ganz Touristen, aber auch das gehört zu so einer Besichtigung, stoppen wir bei “Krishna’s Butterball” für ein Bild, das aussieht, als stützen wir den riesigen Felsball. Über das Geheimnis, warum der Ball nicht einfach den Hang hinunter rollt, klärt uns das Büchlein auf: Der Butterball ist ein Teil der darunter liegenden Felsformation, da kann nichts rollen, auch wenn es optisch ganz anders wirkt.

Viele der Bauten, die aus der Zeit zwischen dem 7. – 9. Jhdt. stammen, sind nahezu unzerstört erhalten und auch für uns Laien als große Kunst erkennbar. Wir staunen, versuchen zu verstehen und fühlen irgendwann, wie unser Aufnahmevermögen überfordert ist.

Wie so oft hilft in solchen Situationen eine Auszeit bei einem der Kokosnusshändler am Straßenrand oder ein Gang zum nächsten Kiosk, wo Soda-Lemon auf indische Art, also mit einer kräftigen Prise Salz, angeboten wird.

Unsere Hoffnung, am Strand Abwechslung von den Besichtigungsparcours zu finden, erfüllt sich leider nur bedingt. Die Lage am Meer hält nicht, was sie aus der Ferne verspricht. Wir vergessen immer wieder, dass an der Ostküste Indiens baden und Beachlife nur in Resorts möglich ist und davon gibt es in unmittelbarer Nähe von Mamallapuram leider keines, das geeignet wäre. So begügen wir uns, wo es der Strand erlaubt, südlich vom Shore Temple, mit Spaziergängen und freuen uns am frischen Wind, der vom Bengalischen Golf weht.

Der Weg zum Strand verläuft parallel zur Zugangsstraße, die zum Shore Temple führt. Eigentlich gut zu Fuß erreichbar, bevorzugen viele Besucher die kurze Fahrt mit dem Tuktuk. Hier ist Eintritt fällig. Das Ticket kostet umgerechnet 6,50 €, das ist happig, allerdings erkauft man damit auch Zutritt zu dem außerhalb des Ortes gelegenen Bezahlmuseum „Fünf Rathas“ und damit rechnet sich die Ausgabe auf jeden Fall. Nach welcher Logik für einige der Sehenswürdigkeiten in Mamallapuram Eintritt fällig wird und für andere nicht, will sich uns nicht erschließen, spektakulär sind sie jedenfalls alle.

Der Shore Temple, erfahren wir aus unserem Büchlein, gilt als klassisches Vorbild für alle anderen Tempelkonstruktionen in Tamil Nadu, die uns heute begeistern. Alles, was in in den folgenden Jahrhunderten größer, höher, prächtiger in Südindien entstanden ist, lässt sich hier bereits erkennen. Sogar die Lage am Meer wurde an anderer Stelle nachempfunden, etwa im Sonnentempel von Konark, der allerdings durch Veränderung der Küstenlinie heute im Landesinneren liegt. Berichte von Reisenden aus dem 14. Jhdt., in denen von sieben Pagoden die Rede ist, die von See aus zu sehen waren, beflügeln heute wieder die Phantasien von Archäologen. Sie vermuten, verschüttet unter dem Sand, noch weitere Strukturen. Das ist nicht abwegig, denn nach dem schweren Tsunami von 2004 ist der Meeresspiegel abgesunken und hat tatsächlich weitere Fundstücke aus der Frühzeit freigelegt.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf betrachten wir die Tempel mit anderen Augen und entdecken Statuen, Abbildungen und Symbole die uns bekannt vorkommen: Den Shiva Lingam, die Löwen, Vishnu, die Nandis, einen Eber. Alles zum Teil aus Felsen gehauen, aber auch gemauerte Meisterwerke. Götter, erschaffen von Menschen, oder war das etwa umgekehrt?

Um zu den Fünf Rathas zu kommen, die wir noch am selben Tag besuchen, wer weiß schon, ob das gekaufte Ticket tagesübergreifend weiter gilt, nehmen wir ein Tuktuk. Die Strecken sind relativ kurz, mehr als 60 – 80 INR, also 90 Ct. sollte man dafür nicht zahlen. Unsere Fahrt führt vorbei an zahllosen Steinmetzwerkstätten, wo fleissig gewerkelt wird.

Die Kunstfertigkeit der antiken Vorfahren scheint sich vererbt zu haben, wenn auch die Werkzeuge heute moderner sind und die Produktion beschleunigt. Ob die ungezählten Ganeshas, Vishnus, Shivas und Buddhas, die den Weg flankieren, jemals Käufer finden, fragen wir uns und können uns die Antwort eigentlich schon denken: Der Markt wird es regeln; Religion ist immer noch ein funktionierendes Geschäftsmodell in Indien, vielleicht sogar das einträglichste. Und falls niemand kauft, wird halt irgendwann die Skulpturen-Allee als Sehenswürdigkeit in den Reisekatalogen auftauchen.

5 Rathas bedeutet übersetzt soviel wie “die 5 Wagen”. Wer jetzt einen Parkplatz mit prächtigen Stretchlimousinen erwartet, liegt etwas daneben. Tatsächlich geht es um Tempel, die als göttliche Himmelsfahrzeuge angesehen werden. Um das zu verdeutlichen, befinden sich an den Seiten vieler Tempel riesige Wagenräder, gemauert oder aus Stein gehauen. Gezogen wird so eine Himmelskutsche meist von geflügelten Pferden, gleichwohl bleibt offen, ob’s im Hindu-Himmel dazu auch die passenden Straßen gibt.

Die Fünf Rathas sind eine Art offenes, umzäuntes Museum mit mehreren, monolithischen Tempeln und Figuren, die alle aus einem einzigen Felsen gehauen wurden. Jedes auf seine Weise großartig anzusehen. Welchem Zweck diese Ansammlung einst gedient hat, ist nicht bekannt. Vermutet wird, dort hätten die antiken Künstler nur geübt, für größere, komplexere Anlagen.

Auf dem Weg zurück passieren wir die Leuchtfeuer. Das ältere Gebäude stammt aus der Zeit, als Mamallapuram wichtigster Hafen und ein bedeutendes Zentrum für den Handel mit Südostasien war. Dieses weltliche Bauwerk mit der Funktion, Schiffen den Weg zu weisen, soll eine gute Aussicht über die Umgebung bieten.

Die Besteigung ist einfach, allerdings nicht ungefährlich, da die obere Etage von Affen belegt wird, die recht aggressiv auf Eindringlinge reagieren. Anstelle das sicherlich schöne Panorama zu genießen, haben wir alle Hände voll zu tun, die Affen abzuschütteln und ziehen uns schleunigst zurück. Wer will sich schon einen Biss einhandeln. Auf den in Blickweite stehenden jüngeren Leuchtturm aus der englischen Kolonialzeit, der noch jeden Abend seinen Lichtstrahl zum Meer sendet, haben wir jetzt keine Lust mehr.

Schon einmal hier und mit genügend Zeit ausgestattet, gönnen wir uns für die letzten 2 Tage den Luxus einer Übernachtung im Chariot Beach Resort. Dort können wir zwar auch nicht im Meer baden, aber im vermutlich größten privaten Swimmingpool (Süd)-Indiens.

Sogar eine Laufstrecke finden wir für uns, mit der größten Überraschung ganz am Ende. Dort, wo die Straße nicht mehr weiter führt, stehen wir vor dem Eingang zu einem Atomkraftwerk. Was für ein historischer Bogen: Von den Anfängen einer erstaunlichen Kultur, mit Zeugnissen, die viele hundert Jahre überdauert haben zu einem Machwerk der Moderne, das im schlimmsten Fall, alles in seiner Reichweite Liegende wegschmelzen kann. Mögen Vishnu, Shiva und Konsorten weiterhin ein Erbarmen haben.

Woher wir kamen, wohin es dann ging, findet Ihr hier

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