Worpswede

Achtung! Ausflüge, die nett und unterhaltsam und vielleicht sogar ein wenig spielerisch beginnen, können es manchmal wirklich in sich haben. So geschehen bei unserer Tagestour mit lieben Freunden, an einem der schönsten Herbsttage seit Aufzeichnung der Klimadaten, dem letzten Sonntag im September 2016 in den Landkreis Osterholz.

Worpswede, das Künstlerdorf kühn umfahrend, denn wer will an so einem Bilderbuchtag schon Gruppen von Besichtigungswilligen im Weg stehen, steuern wir die Hamme an, den Fluss im Teufelsmoor. Dass Hamme sich mit Wümme vereinigt und in die Weser mündet, ist uns offen gesagt gerade eher unwichtig und das Prahlen mit seinem Heimatkundegedächtnis kommt nicht immer gut an.

Durchs Teufelsmoor

„Oh schaurig ist’s übers Moor zu gehen“ haben wir gelernt. Die alten Sagen verbinden solche geheimnisvollen Landschaften gerne mit Wabernebel, Hexen und Geistern. Manche wollen uns gar aufschwatzen, Moore seien das Tor zur Unterwelt. Nun, ein Schlupfloch zum norddeutschen Hades zu finden, erwarten wir kaum. Wohl aber ein sichtbares Zeichen, warum ausgerechnet der Teufel hier namensgebend verewigt wurde. Die Antwort ist schlicht: Diese Landschaft ist nicht nach dem Leibhaftigen benannt, sondern abgeleitet von „Doofes Moor“. Nicht etwa, dass der Volksmund einer Region gar Mangel an Verstand unterstellte, vielmehr wurde ausgedrückt, hier sei nichts zu holen, weil der Boden unfruchtbar, taub (duven) galt. Und wenn daraus ein verballhorntes Duvel wird, das schließlich zum Düvel mutiert, klingt der etymologische Weg zum Teufel ganz plausibel.

Wir besuchen mit dem Teufelsmoor eine Kulturlandschaft, die mit einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern zu den größten ihrer Art im Norden unseres Landes zählt. Immer schon eine feuchte Region, wurden hier ab dem 18. Jahrhundert im Zuge der wirtschaftlichen Ausbeutung des Moores die natürlichen Wasserläufe erst durch Entwässerungsgräben, schließlich auch Kanäle erweitert und damit ein dichtes Netz von Wasserwegen geschaffen. Das war auch die historische Geburtsstunde der Torfschifffahrt. Bis in unsere Tage hat sich das Schippern durchs Moor erhalten, wenn auch inzwischen mit anderen Schwerpunkten. Nicht mehr der abgebaute Torf wird befördert, sondern Touristen. Beides ist mit Einnahmen verbunden, aber so funktioniert die Welt eben.

Unsere Anlaufstelle ist der Hammehafen Worpswede. Tatsächlich gibt es hier alles, was so eine Anlage ausmacht: Wasser, Infrastruktur mit Anleger und Schiffe. Was nicht so selbstverständlich ist, denkt man an andere Häfen, hier finden wir reichlich Parkflächen, keine Abzockautomaten, die gegen schnödes Geld Zettelchen ausspucken und natürlich auch keine Knöllchen-versessene Politessen.

Wir suchen und finden zielstrebig unseren gecharteten Kahn, die oder der „Jan von Moor“ (wie immer es gendertechnisch korrekt es bei Wasserfahrzeugen heißen mag). Um gleich das wichtigste vorwegzunehmen: Vorbuchen ist immer sinnvoll, an Tagen wie diesen sind alle Kähne belegt. Dass es gleich mehrere davon mit gleichem Namens gibt, verwundert nur auf den ersten Blick. „Jan von Moor“ ist eine typisierte Figur, die für alle Moorbauern steht, die mit ihrer harten Arbeit, Fleiß und zufriedenem Gemüt die Region geprägt haben. Das Denkmal ist vor dem Worpsweder Schlößchen aufgestellt und gehört selbstredend zu jeder Besichtigung.

Der Jan, den wir am Kai treffen, heißt Jürgen und wirkt auf den ersten Blick in seiner Kluft eher holländisch: Feste, weit geschnittene Manchesterhose, blau-weiß gestreiftes Arbeitshemd, Weste, rotes Halstuch, gehalten von einer Holzschuhspange und Schiffermütze. Hat aber nichts mit Holland zu tun, klärt uns Jürgen auf; das ist einfach praktische Arbeitskleidung.

Jürgens Kahn, ist den typischen Arbeitsbooten originalgetreu nachempfunden: Ein schwarzes, kompakt aussehendes Eichenholzschiff mit braunem Segel, das locker bis zu 16 Passagiere fasst. Effekt für den Besucher: legt man den Charterpreis um, zahlt man für die Fahrt gerade mal gute und günstige 8 € pro Person. Ein Schnäppchen im Vergleich zu anderen Regionen. Wir wagen einfach mal die Behauptung, dass auch Jürgen nicht des Mammons wegen, Käptn‘ eines Torfkahnes geworden ist. Seinen Spaß hat er, wenn er erzählerisch Besuchern seine Heimat näher bringen kann. Dabei ist er keiner aus der Familie der „He lücht“, bedacht uns mit Fluß-Schiffergarn einzuspinnen. Was er uns zu sagen hat, verrät Kompetenz und Wissen um Details.

Zuerst erfahren wir, dass Jürgen an Bord höchste Instanz ist und zweitens, warum sich so ein Kahn überhaupt bewegt. Heute per Benzinmotor, ging es früher im besten Fall per Segel, oft aber durch mühsames Staken mit langen Hölzern und manchmal auch gewriggt voran, wie bei den Gondolieres in Venedig. Meistens jedoch kamen die Kähne durch Treideln in Fahrt, was nichts anderes bedeutet, als dass die Boote gezogen wurden. Letztere Bewegungsart wurde vorwiegend durch die Frauen der Schiffer ermöglicht, die immer mitreisten und ohne die im wahrsten Sinne des Wortes nichts lief. Kleine Anregung an die Künstler der Region: Wie wäre es mit einem Frauendenkmal? Gebt dem „Jan von Moor“ endlich seine „Trine die Treidlerin“.

Hart war das Leben, damals, auf kleinstem Raum und bei karger Kost. Ob jemals wieder getreidelt wird, ist schwer zu sagen, obwohl die Tage des Benzinmotors bereits gezählt sind. Den Landschafts- und Naturschutz nehmen sie zur Zeit sehr ernst im Moor. Mit der Folge, dass alle Verbrennungsantriebe verboten und Elektromotoren obligatorisch werden. Billig wird das nicht, weiß uns Jürgen zu berichten, so eine Umrüstung würde mit rund 10.000 € pro Boot zu Buche schlagen. Und wie schon gesagt, reich geworden ist noch keiner durchs Kahnschiffern.

Die Fahrt durchs dunkle Wasser entschleunigt uns enorm. Zeit, einmal völlig stressfrei Aussichten übers Moor zu geniessen, dass beide Ufer säumt, die schmucken Häuser zu bewundern und sich von Jürgen erzählen zu lassen, wie es früher war. Torf war der Stoff, der hier erst alles in Gang setzte. Vor einigen hundert Jahren war das noch ein bedeutender, Einnahmen bringender Energieträger, der bis Bremen und sogar in die Niederlande verschifft wurde. Das brachte Arbeit und sorgte im Gegenzug für die Einfuhr von Handelswaren. Die alten Strecken sind inzwischen eingestellt und Torf längst durch andere Brennstoffe ersetzt.

Als Teil der Infrastruktur am Wasser entstanden an den Hauptflüssen der Region schon früh Schutzhütten und Wirtschaften für die Torfschiffer, die zum Teil heute noch betrieben werden. Die wilhelminische Kaiserzeit bescherte einigen dieser Hotspots Umbenennungen und überseeisch klingende Namen. Wohl als Reminiszenz an den kolonialen Zeitgeist, gab es an der Hamme Hütten namens Kiautschou oder Neukamerun. Fast hätte es auch ein Neusansibar gegeben, wäre die Kolonie seinerzeit nicht gegen Helgoland getauscht worden. So gibt es – geschätzte 200 km Luftlinie entfernt von der roten Insel in der Nordsee – heute an der Hamme ein Neu-Helgoland. Ob die bis dahin gebräuchlichen, traditionellen Namen es in unsere politisch korrekte Jetztzeit geschafft hätten, lässt sich nie herausfinden. Kiautschou hieß bis 1925 nach dem Besitzer des Schankbetriebs Albert Puff nur „Puffs Hütte“ und seine Frau war Mudder Puff. Das wissen wir natürlich nicht von Jürgen. Vielleicht wäre es wert, ihm das zu stecken.

Eine Fahrt durchs Moor ganz ohne Chilling-Effects geht natürlich nicht. Und wahrscheinlich fragen nicht nur Besucher wie wir, was es eigentlich mit den Ötzis des Nordens, den Moorleichen auf sich hat. Hier haben wir selbst recherchiert und wissen inzwischen, dass bis heute gesicherte 35 Hinweise auf Mumifizierte vorliegen. Meist zutage gefördert beim Torfabbau, sind die Funde natürlich wissenschaftlich genau katalogisiert. Wer mehr dazu erfahren will, den verweisen wir auf die hoch interessante Quelle Stefan Hesse ,Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg / Wümme 16 2010.

Nicht Geschichte und wahrhaftig, ist ein worpswede-teufelsmoor-aussichtsturm-bei-neuheloglandmodernistisches Konstrukt an den Gestaden der Hamme, das uns ins Auge fällt: Der Aussichtsturm bei Neu-Helgoland. Sein Bau war umstritten und unser Jürgen bringt den Standpunkt der Fraktion der Kritiker nach Torfschiffer-Art auf den Punkt: „Schietig sieht das aus und warum wurde hier auf Beton gebaut und nicht auf Eichenpfähle?“

Funktional erfüllt der Turm, von dem es noch ein paar mehr gibt, den Zweck, das fragile Moor vor (zer-)störender Bewanderung zu schützen. Wer Landschaft und Tierwelt beobachten will, kann das nun aus einer lichten Höhe von 9 Metern tun, ohne sich über die Baukosten von schlappen 250.000 € grämen zu müssen. Das Geld stammt vorwiegend aus Fördertöpfen der EU. Tatsächlich hätte vielleicht ein Quentchen Worpsweder Künstlerkreativität verhindert, hier einen Elfenbeinturm städtischer Architekten aufzupflanzen. Der Turm, so wie er jetzt ist, würde einfach besser in die Umgebung einer HafenCity Hamburg passen.

Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort können wir im Glanz der Nachmittagssonne noch einen Blick auf den Moorexpress werfen, der sich laut angekündigt hatte und bei näherem Hinschauen als Schienenbus entpuppt. Zwischen Mai und Oktober befördert er Passagiere von Bremen nach Worpswede. Für Eisenbahnnostalgiker ein absolutes Muss.

Unsere Kahnfahrt nähert sich dem Ende. Aber Jürgen hat für uns noch eine Überraschung parat und richtet den Mast auf. Kurz vor Rückkehr in den Hafen setzen wir das braune Segel und brausen mit guter Fahrt gemächlich an den anderen Booten, Schiffen, Kanus und Kähnen vorbei.

Noch mal kurz Segel raffen, Mast umlegen, wegen einer Brücke, dann sind wir zurück im Hafen. Und weil Schippern Appetit macht, darf die Tour mit einem Stopp im Bistro enden, in in bester Lage an der Hamme, bei Currywurst, Pommes und auch einem kühlen Bier.

Die Künstler-Kolonie

…… folgt in Kürze ……