Nordfriesland

Sogar Exkursionen ins Umland, also Regionen, die wir mit unserem Blauen bereisen können, fühlen sich exotisch an, versetzt man sich in die Lage eines Besuchers, der Deutschland neu entdeckt. Denn obwohl wir selbst schon über Jahrzehnte im Norden verwurzelt sind, kennen wir vieles nur oberflächlich. Nebeneffekt einer Lebensgestaltung, die uns, wann immer es ging, lieber in die Ferne reisen ließ, als in die Nähe. Da gibt es einiges nachzuholen, deshalb hatten wir uns als Zielgebiet die Region Nordfriesland ausgewählt

Nordfriesland

Was ist das eigentlich? Nördlichster Landkreis Deutschlands haben wir gelernt und Siedlungsgebiet der Friesen, eines uralten Volksstammes, die sich seit der Antike an der Nordseeküste der Niederlande und Deutschlands tummeln. Ihre Geschichte klingt typisch für Europa. Schon die römischen Geschichtsschreiber erwähnen die Friesen. Völkerwanderung, Christianisierung, Frankenherrschaft und Eingemeindung ins karolingische Reich, irgendwie waren sie immer dabei; mal mehr, mal weniger als Ethnie auftretend. Aus den heutigen Niederlanden schwappte die größte friesische Einwanderungswelle kurz nach Ende des 30-jährigen Krieges ins Land. Heute bezeichnet Nordfriesland das Gebiet zwischen der dänischen Grenze bis hinunter nach Dithmarschen, das im Westen durch die Nordsee und im Osten durch die Treene begrenzt ist.

Erster Halt: Nord-Ostseekanal

Fahrten über Autobahnen sind an sich eher unspektakulär. Es sei denn, man fährt gerade an der Ausfahrt Wacken vorbei…

Deswegen waren wir froh, den ersten Meilenstein der Route, erreicht zu haben, den Nord-Ostseekanal. Die baulichen Gegebenheiten des fast 100 km langen Kanals erlauben Schiffen, bis zu einer Länge von 235 Metern, einer Breite von maximal 32,5 Metern und einem Tiefgang von nicht mehr als 9,5 Metern die Durchfahrt. So etwas wollten wir sehen. Also Zwischenhalt an der Autobahnbrücke. Nach einem kurzen Fußweg gelangt der Reisende zu einer Aussichtsebene mit freiem Blick in beide Richtungen des Kanals. Ein gespannter Blick dorthin, wo wir die Nordsee vermuteten, bestätigte uns: kein großer Pott zu sehen. Ein noch gespannterer Blick dahin, wo die Ostsee liegen sollte, bekräftigte die uns schwanende Erkenntnis: heute nichts Dolles unterwegs auf dem Wasser. Aber eine schöne Aussicht hat man schon und rasten ist immer gut, bei längeren Fahrten.

Friedrichstadt, das Holland des Nordens

Wenn Dir in Schleswig-Holstein Männer begegnen, die wirken wie Piet aus Amsterdam, angetan mit Holländerkäppi, weiten Sackhosen, Klompen oder Holzpantinen und Du ohne nachzufragen weißt, dass sein Weib nur Frau Antje heißen kann, dann bist Du in Friedrichstadt an der Eider. Der Ort wurde 1621 gegründet mit dem Ziel, eine Handelsmetropole aus dem Boden zu stampfen. Fleißige Holländer wurden geholt, mit dem Angebot der Religionsfreiheit. In Zeiten in denen Menschen anderswo wegen ihres Glaubens legal drangsaliert wurden, ein Angebot, das man kaum ausschlagen konnte. Die Neuankömmlinge formten Friedrichstadt baulich nach ihren Vorstellungen, mit Grachten, Giebeln, Backsteinsteinhäusern und Brücken. All das ist erhalten geblieben, all das lässt sich trefflich besichtigen. Die Stadt ist überschaubar angelegt, fast schon modern in Form eines Schachbretts. Das städtische Leben gruppiert sich um den Marktplatz; dort sind auch Rathaus und Amtsgericht. Wer Zeit hat, kann sich durch die Wasserwelt aus Kanälen, Hafen und die Flusslandschaft fahren lassen und sich bei Kuchen und Kaffee oder Herzhaftem stärken.

Für uns ging es nach kurzer Besichtigung weiter Richtung Husum. Dorthin, wo nahezu jedes zweite Dorf irgendwas mit –Büll ist und alle anderen irgendwas mit -Wort zu tun haben. Auf der Straßenkarte liest sich das dann als Kotzenbüll, Hülkenbüll oder Rüxbüll und in der anderen Version als Oldens- oder Witzwort. Beide Endungen sind gängige Ortsbezeichnungen zum Teil dänischen Ursprungs oder aus dem Friesischen stammend, die nichts anders sagen, als dass hier Wohnorte sind.

Husum, angeblich graue Stadt am Meer

Fast vorsätzlich romantisch wirkt der kleine, schmucke historische Hafen am Rande der Innenstadt. Es gibt einen Speicher, Anlegestellen, gepflasterte Promenade und viele Restaurants und Läden, die auch auf den zweiten Blick nur wenig maritim wirken. Es ist halt so, den Menschen verlangt es nach einem Fischbrötchen und nicht nach Pizza, blickt er hinaus gen Meer. KleinerTipp: entlang an der Hafenmole und am Ende kurz nach rechts abbiegen. Dort bietet ein Restaurant das klassische Fischbrötchen und auch den Rollmops an. Willkommene Stärkung vor dem Gang zum Markt, wo noch das alte Husum zu bewundern ist und der Tine Brunnen, Wahrzeichen der Stadt. Empfohlen wird Besuchern das Pole Poppenspäler Museum, das wir an diesem sonnigen Tag aber ausließen. Wir gingen dafür lieber zum Schloss, eines der letzten seiner Art an der Westküste.

Gut fußläufig zu erreichen ist das “Schloss vor Husum” – so der offizielle Name der im 17. Jahrhunderts erbauten Nebenresidenz derer von Schleswig-Holstein-Gottorf – das später auch vom dänischen Königshaus gelegentlich genutzt wurde. Erstaunlich ist die Schlichtheit, mit der Adel hier stattfand. Nichts von üppiger, protziger Bauweise, wie sie in anderen feudalen Bauten im Rest der Welt zu finden ist. Dafür gibt es aber einen Park, der sogar als Gartendenkmal gilt und im Frühling mit einer legendären Blüte von rund 5 Millionen Krokussen aufwartet.

Wenig auffällig, aber die Fantasie anregend, ist der Pfahl Husumam Eingang zum Hafen, auf dem die Wasserstände verzeichnet sind, die bei Sturmfluten erreicht wurden. Zwar nicht die Flut mit dem höchsten Stand aller Zeiten, wohl aber die legendärste ist die erste Grote Mandränke aus dem 14. Jahrhundert. Damals soll die Sturmflut, das sagenumwobene Rungholt, verschlungen haben. 100.000 Menschen seien damals ertrunken und 21 Deiche wurden eingerissen, berichten die Chronisten. Und Detlev von Liliencron verpasste Generationen von Schülern eine Ballade zum Auswendiglernen (Nordsee, Mordsee …. Trutz, blanke Hans!).

Als Stadt mit den hartnäckigsten Politessen und in dieser Hinsicht konkurrenzlos, dürfte Husum in die Annalen eingegangen sein, wäre heutzutage sein berühmtester Sohn, der Dichter Theodor Storm, mit dem PKW unterwegs und so vermessen, selbigen im Stadtbereich abstellen zu wollen. Wir haben es trotzdem geschafft, ordnungsgemäß zu parken und in letzter Sekunde mit einem “wir fahren gerade weg” ohne Knöllchen und nach vollzogener Besichtigung Husum wieder zu verlassen.

Vom Roten Haubarg nach Westerhever

Die Niederländer haben nicht nur das Wissen um die Herstellung von Käse und das technische Knowhow über Deichbau und Entwässerung mitgebracht, sondern auch ihre Windmühlen und die Hausform des Haubargs. Gebäude, die nach dieser Bauweise errichtet werden, sollen widerstandsfähiger sein gegen Stürme und Sturmfluten. Angeblich halten die Ständer die das Haus stützen, selbst dann das Dach, wenn die Wände bereits eingedrückt worden sind. Bewohnt wurde so ein Haubarg von Bauern, Gesinde und Vieh und bot außerdem noch genügend Platz für Vorräte, Heu und Stroh. Einen typischen Haubarg, nämlich den Roten, fanden wir auf halbem Weg zwischen Husum und Friedrichstadt, in der Nähe von Wortwitz. Kein Witz, der Rote Haubarg ist inzwischen weiß angemalt, bietet gleichwohl hervorragenden Kaffee und Kuchen und so manche andere Leckerei.

Westerhever an der Spitze der Halbinsel Eiderstedt, das ist der Teil des Landes, der wie eine große Nase in die Nordsee hineinragt, musste als nächstes Ziel schon deswegen besucht werden, weil dort ein weiteres Wahrzeichen zu sehen ist, nämlich der Leuchtturm. Der wurde dort Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und soll sage und schreibe bei klarer Sicht sogar von Helgoland aus zu sehen sein, also über eine Entfernung von fast 55 km. Er wird heute per Fernbedienung von Tönning aus betrieben; die Leuchtturmwärter gibt es nicht mehr. Der Turm kann besichtigt werden, aber auch ohne ihn direkt besucht zu haben wissen wir, er ist weit über Nordfriesland hinaus berühmt. Ich sage nur: “wie das Land, so das Jever”. Angekommen in Westerhever laden die Deiche zu einem Spaziergang ein: saftig grüne Befestigungen, an denen die Schafe wie mit Pins festgeheftet scheinen. Dahinter zur Seeseite erstreckt sich das geschützte Weltnaturerbe Wattenmeer.

Für die dahinter lebenden Bewohner wohl anzusehen wie eine undurchdringbare, grüne Mauer finden sich die Deiche als spezieller, fast natürlich wirkender Schutzwall übrigens über die gesamte Länge der Küste. Ohne seine Deiche wäre Schleswig-Holstein wohl ein ähnliches Schicksal bestimmt, wie gewissen Inseln im Pazifikraum, denen bereits prophezeit ist, dass sie demnächst unter den Wellen verschwinden werden.

St. Peter Ording

Überhaupt, der ewige Kampf mit den Gezeiten und Fluten der Nordsee prägte auch Orte wie St.Peter. Einst gequält von riesigen Sanddünen, machte man dort aus der Not eine Tugend und errichtete einen Badeort. Um die Infrastruktur zur Bewirtung von Kurgästen auch während der Tiede nutzen zu können, wurden Restaurants als hochauftragende Pfahlbauten errichtet. Diese sehr charakteristischen Konstruktionen sind zum Wahrzeichen des Ortes geworden, sie gehören übrigens auch zum Weltkulturerbe. 15 davon soll es noch geben und sie bieten den Gästen wunderbare Aussichten.

Der Strand in und um St. Peter bietet über 12 km Länge fast alles, was das Urlauberherz begehrt; sogar Gelegenheit zu langen Wanderungen, will man bei Ebbe ans Wasser.

Die Windparks

Schleswig-Holstein wirbt inzwischen selbst damit, obwohl sie inzwischen unübersehbar ganze Landstriche bedecken: die Windparks. Die riesigen Rotoren sind in einigen Regionen so zahlreich, dass sie den gesamten Charakter einer Gegend dominieren. Onshore-Windräder soweit das Auge blickt, sind keine Seltenheit. Wer nicht ein absoluter Technikfreak ist, wird nicht umhin können, sich zu fragen, welche Folgen diese exzessiven Ansiedlungen für Mensch und Natur bedeuten. Optisch jedenfalls haben sie eine so verheerende Auswirkung auf das Landschaftsbild, dass man beim Durchfahren nur noch die Augen schließen will. Kein Problem für den Beifahrer, Wagenlenker müssen den Anblick leider ertragen. Was für uns als Durchreisende zunächst nur irritierend wirkt, scheint bei den Einwohnern, die nicht direkt als Aufsteller an einem Windrad verdienen können, auf weniger Akzeptanz zu stoßen. Und was in der Gesamt-Bilanz als Habitatzerstörung zu Buche schlägt, wird kaum trivial sein.

Landschaftlich zählt eine Fahrt durch Schleswig-Holstein auch ohne die Gegenwart von Windrädern nicht unbedingt zu den Höhepunkten eines Reiselebens. Tatsächlich kann man hier zur Einsicht gelangen, dass gewisse Gebiete eine Dramatik schwieriger Wetterlagen besser vertragen, als einen strahlend blauen Himmel und langweiligen Sonnenschein.

Nordfriesland, könnte man denken, präsentiert sich einfach aufregender unter zornig grauen Wolkenfeldern, peitschendem Regen und orkanartigen Böen. Dann also, wenn das Land sich gegen die Brandung der Nordsee stemmt und Legenden begründet werden. Keine Sorge, liebe Nordfriesen, wenn Ihr das lest. Wir wünschen Euch natürlich kein “Land unter”, aber die spannenden Sagen, à la “Trutz Blanke Hans” fesseln natürlich jeden, der sich mit Eurer Geschichte befasst auch heute noch.

Übrigens, ein Zwischenstopp in Hamburg lohnt immer.

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