Durch die Speicherstadt

Wer nach der Lektüre oder besser, dem Erleben unserer 1-Tages-Besuchstour durch Hamburg, Lust bekommen hat, die Speicherstadt noch besser kennenzulernen, dem sei hiermit versprochen: Es lohnt sich wirklich! Immerhin ist Hamburg ja zurecht stolz darauf, mit diesem Lagerhauskomplex seit 2015 in der Liste des UNESCO Weltkulturerbes vertreten zu sein.

Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass die Stadt sich proaktiv um diesen Teil ihres Hafens gekümmert hat. Touristisch im Fokus waren jahrzehntelang die Landungsbrücken, der Überseeanleger und vielleicht noch der sehnsüchtige Blick auf die gegenüberliegende Landschaft von Docks und Werften. Mit Glück ergatterten Besucher sogar einen Platz an einem dieser unsäglichen Münzfernrohre, wo nach Einwurf eines Groschens für 50 Sekunden ein schwummriger Blick in das entfernte, industrielle Hafengelände geboten wurde.

Aber Hamburg hat tatsächlich gelernt. Wie meist, wenn es um Innovationen geht, nicht zuletzt aus den Erfahrungen anderer Hafenstädte, die ähnliche Entwicklungen vorweg genommen haben. Sie alle hatten ja das gleiche Problem: Containerterminals verdrängten die traditionellen Hafenwirtschaften. Quasi von heute auf morgen lagen Gebiete brach, die in der industrialisierten Güterabfertigung nicht mehr benötigt wurden. London hatte den Weg gewählt, seine Docks spektakulär zu gentrifizieren; eine Lösung, die von den Hamburgern dankenswerterweise nur partiell, nämlich in den Entwurf der HafenCity, eingebracht wurde.

Ausschlaggebend für den Erhalt der Speicherstadt war letztlich wohl der Denkmalschutz, der den größten, auf Eichenpfählen gebauten Lagerkomplex der Welt davor bewahrt hat, platt gemacht zu werden. Die „freie und Abriss-Stadt“ Hamburg, wie sie auch schon genannt wurde, musste umdenken.

Hamburg hat nachgezogen, die Umwidmung der Speicherstadt ist ein Wendepunkt, der fällig war. Die Lagerhäuser, die Ende des 19. Jahrhunderts einer zollpolitischen Not gehorchend am Hafen fast in Rekordzeit errichtet und noch vom Kaiser eingeweiht wurden, waren ja in unseren Tagen eigentlich schon überflüssig geworden. Stückgut wird seit vielen Jahren nicht mehr zwischen gelagert, sondern in Containern geliefert und schnellstmöglich verschifft.

Nachdem auch die Idee des Freihafens beerdigt wurde und die Zollschranken fielen, die den Zugang zu den Speichern immer etwas kompliziert gemacht hatten, waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die schnöden Backsteinhäuser können endlich ihren baulichen Charme entwickeln und bilden so einen authentischen Kontrast zu den teilweise langweiligen Häuserfassaden im gegenüberliegenden Stadtbereich.

An 6 Fleeten, so heißen die ummauerten Kanäle, die von der Elbe abgehen, reihen sich die Lagerhäuser auf. Alle haben direkte Zugänge zur Wasserseite, wo früher die Waren, die verschifft wurden oder ankamen, direkt verladen wurden. Ein Rundgang, entlang der Speicher durch die Gassen ist übrigens trotz der Wasseranbindung ganz problemlos und bequem zu Fuß möglich, dafür sorgen nämlich viele Brücken.

Wo man in die Speicherstadt eintritt ist eigentlich nebensächlich; das Gelände ist gut strukturiert und überschaubar. Die meisten Besucher werden heute sicher von den Landungsbrücken kommen, oder von der U-Bahn Station Baumwall. Wahrscheinlich sich orientierend an einem der bemerkenswertesten touristischen Hotpoints, der Elbphilharmonie, einem Konzertsaal, der spektakulär auf dem Rumpf eines Speicherhauses errichtet wurde. Dieser Einfall erinnert übrigens an das australische Sydney. So wie die Amphibienbusse, die den Touristen für Rundfahrten angeboten werden, wohl eine Reminiszenz an Singapur sind.

Egal, jetzt, wo nach langer Bauzeit das Ergebnis sichtbar geworden ist, darf man ruhig einmal loben. Die Philharmonie ist, im Einklang zu den opulenten Baukosten, in der Tat ganz prächtig anzusehen.

Der Spaziergang durch die Speicher bietet zum Teil recht überraschende Perspektiven, die man spontan gar nicht mit der Hafenstadt Hamburg verbinden würde. Es gibt Ecken, da wirken die Fleete wie Grachten in Holland und andere, wo die Ausstrahlung der Handelskontore vergessen lässt, dass nur wenige hundert Meter entfernt eine moderne Großstadt pulsiert.

Menschen entwickeln manchmal schnell ein Gespür dafür, wo sich die schönsten Stellen einer Region finden. Schon jetzt zieht die Poggenmühlenbrücke wie ein Magnet Einheimische, Fotografen, Maler und Besucher aller Art an. Das Wasserschloss ist von hier aus zu sehen, etwas, was man in einem Seehafen nicht ohne Weiteres erwartet hätte.

Überhaupt, wem es um Blicke und Perspektiven geht, dem sei die Aussicht vom Kehrwiederfleet empfohlen, über die Wilhelminenbrücke auf die Alte Wache (die Hafenpolizeiwache No. 2) oder vom Brooksfleet Richtung Sandtorquaihof.

Oder der von St. Annen, auf das inoffizielle „Hafenrathaus“, den Sitz der Hamburger Hafen und Logistik AG, die als Besitzerin der Speicherstadt gilt, und natürlich auch die Sicht auf das Fleetschlösschen am Holländischbrook. Alles wirkt fein und adrett und das, obwohl über 60% der Speicherstadt im Krieg zerstört war und der anschließende originalgetreue Aufbau erst in den späten 60er Jahren abgeschlossen war.

Vieles gibt es hier zu sehen, dessen Bedeutung sich erst bei näherem Hinschauen oder Nachforschen erschließt. Etwa das Kesselhaus, ein denkmalgeschütztes Gebäude am Sandtorkai, das bereits im 19. Jahrhundert errichtet wurde. Es lieferte einst Energie für eine benachbarte Maschinenzentralstation, die Wasserkraft für den Antrieb von hydraulischen Winden auf alle benachbarten Speicher verteilte. Heute wird das Gebäude als Informationszentrum für die HafenCity genutzt. Solche nützlichen Informationen, aber auch Übersichtspläne zur Navigation durch die Speicherstadt, sind dankenswerter Weise an fast jeder Ecke des Viertels aufgestellt.

Bei unserer Tour in eine andere Hansestadt im Norden, das malerische Lüneburg, war uns ein altes, funktionelles Bauwerk aufgefallen, das dort den Hafenrand ziert; ein historischer Kran aus Holz. Wir waren nicht wenig erstaunt, hier am Rande der Speicherstadt ein fast baugleiches Modell, allerdings aus Metall, zu entdecken, das in keinem unserer Reiseführer erwähnt ist.

Die Speicherstadt bietet allerdings nicht nur Außenansichten; das wäre angesichts der klimatischen Umstände, denen die Hansestadt ausgesetzt ist, zu wenig. Auch bei Regen, Sturm und schneidender Kälte, können sich Besucher gut aufgehoben fühlen. Dann geht man vielleicht ins Maritime Museum, ins Zollmuseum, oder ins Speicherstadtmuseum, eines der vielen Teppichlager oder in den Dungeon, eine Art touristischer Geisterbahn durch die Historie der Stadt Hamburg. Davon soll es nebenbei erwähnt, weltweit noch 8 weitere geben. Die Tickets sind begehrt. Wirklich einmalig aber ist das Miniatur Wunderland, die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. Wer seine Sinne einmal unter besonderen Bedingungen erleben will, wählt vielleicht das Gewürzmuseum oder nimmt – als besondere Herausforderung – an einer Führung im „Dialog im Dunkeln“ teil, wo man übrigens auch Mahlzeiten einnehmen kann.

Als Mitbringsel, das gehört einfach zu einer Besichtigungstour, bieten sich Gewürz-, Kaffee- oder Teeproben an. Alles Waren, die früher in den Speichern sicher und trocken gelagert wurden.

Oder man bereichert die Daheimgebliebenen mit einer mitgebrachten Vokabel, einem Wort, das zumindest im Binnenland kaum bekannt ist: „Duckdalben“. Sehen kann man solche überall in der Speicherstadt, gemeint sind damit die ins Wasser gerammten Pfähle, zum Festmachen von Schiffen.

Was man nicht versäumen sollte, wenn man es zeitlich einschieben kann, ist ein Spaziergang durch die Speicherstadt im Dunkeln, wenn große Teile der Speicherstadt beleuchtet sind.

Wer weiterlesen möchte:

Hamburg an einem Tag, Hamburger Dom, HafenCity

2 Gedanken zu „Durch die Speicherstadt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.