Dali

Ein Besuch von Dali, Hauptstadt des gleichnamigen autonomen Bezirks, gehört wohl zum touristischen Pflichtprogramm. Hier siedeln überwiegend die Bai, eine von über 50 Nationalitäten Chinas, die auch ihre eigene, spezielle Küche haben. Aber davon später mehr.

Dali liegt im mittleren Westen der Provinz Yunnan und ist seit Fertigstellung der Trasse für Hochgeschwindigkeitszüge von Kunming aus in gut 2 Stunden erreichbar. Die Stadt besteht quasi aus zwei Teilen: Dem neuen Xiaguan und dem alten Dali, einst Hauptstadt des untergegangenen Reiches Nanzhao. Faustregel zur Orientierung: Erblickt man drei hohe Pagoden, ist man im Umfeld des alten Dali, sieht man westliche Wolkenkratzer, ist man im modernen Xiaguan.

Geografisch interessant, Dali liegt zwischen dem Cangshan-Gebirge und dem Erhai-See. Früher war der Ort Station auf der südlichen Seidenstraße, dem Karawanenweg, der über Tibet, Nepal bis Burma reichte. Heute ist Dali wieder ein Verkehrsknoten für die strategisch wichtige Verbindung nach Südasien.

Was den chinesischen Kaisern nicht gelang, schaffte Kublai Khan mit seinen Mongolen, nämlich Dali zu besiegen. Schreckliche Zerstörungen folgten. In der Ming Zeit, also ungefähr während des europäischen Spätmittelalters, wurde Dali wieder aufgebaut und zählt heute zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Chinas.

Es ist dieser historische Kern, der die Touristen anzieht, hinter 4 gewaltigen Toren, eines in jeder Himmelsrichtung, und Teilen der alten Mauern, 8 m hoch und 7 m breit. Die innenliegenden Straßen sind wie ein Schachbrettmuster angeordnet, ein Leichtes sich zu orientieren. Wer sich hier verirrt, hat im Leben wohl nur Fang-den-Hut-Spielfelder kennengelernt.

Dali, das ist große Geschichte, verpackt in glitzernd buntes Bonbonpapier, so unser erster Eindruck. Straßen und Häuser sind wirklich stilvoll und hübsch anzuschauen. Da finden sich Gebäude im Stil einer Epoche, als es nicht modern war, westliche Architektur nachzubauen. Mit kunstvoll gestalteten Dächern, typischen, geschwungenen Giebeln, oft verziert mit Drachenfiguren sowie Malereien oder Ornamenten. Diese Darstellungen bedecken manchmal ganze Fassaden. Es wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt bei der Restaurierung.

Die Straßen sind neu gepflastert, die Beleuchtung ist technisch modern, aber auf alt getrimmt. Heute besteht der Kern dieser alten Metropole aus stilvoll untergebrachten Geschäften, Restaurants und Hotels.

Auch einige Tempel fallen auf, etwa der des Konfuzius, im schnörkellosen, zeitlosen Design, eine echte Ruhezone für die Sinne.

Das aufgeputzte Dali schreit natürlich nach Umsatz und zieht Touristen an, die in der üblichen Formation über den Ort herfallen: Vorweg der Guide mit Fahne, dahinter die Geführten. Dazwischen aber immer wieder Einheimische, die durch ihre Fremdartigkeit unsere besondere Aufmerksamkeit finden.

Einige Stunden lassen sich gut hier verbringen, auch zum Essen braucht man nicht weit zu gehen. Das ist zwar ein wenig teurer innerhalb der Mauern, aber überschaubar, die Konkurrenz ist ja groß. Günstig sind übrigens Textilien, sogar ausgefallene Stücke, umschifft man die hochpreisigen Boutiquen und nimmt sich die Zeit, hinter die Ständer mit der Massenware zu blicken.

Weniger wird der Trubel, wandert man die Straßen bis ganz zum Ende. Da ändert sich die Szene. Jetzt tauchen authentische Läden auf, mit Nudelfabriken, Eisen- und Haushaltswaren, Geschäften für den täglichen Bedarf nicht für Souvenirs oder edlen Konsum. Das Straßenleben ist denkbar ungezwungen, sogar so gemütlich, dass man ein Nickerchen halten kann.

Besuchenswert, selbst wenn man nur gucken und nicht kaufen will, sind die Märkte im Viertel. Hier herrscht Überfluss: Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, alles eben, was die Hausfrauen oder die Köche der umliegenden Restaurants an frischen Zutaten brauchen. Warum Köpfe und Füße von Hühnern dazu gehören, können nur Asiaten erklären. Zum Ausgleich für uns staunende Westler gibt es hier auch eine German Bakery und Cafés, die mit feinsten Kuchen, Torten und Brot nach unserem Geschmack aufwarten.

Eine markante Sehenswürdigkeit und Wahrzeichen Dalis, ist der Komplex um die Drei Pagoden des buddhistischen Congsheng-Klosters, etwas außerhalb der Altstadt. Wir wandern hin, möglich ist auch, sich per Tuktuk bringen zu lassen, für etwa 10 Y.

Der Anblick ist so eindrucksvoll, dass wir nachschlagen, was sich da vor uns erhebt: Die mittlere, weithin sichtbare Pagode ist um die 1.200 Jahre alt, hat 16 Stockwerke und ragt 69,13 m in den Himmel. Die beiden anderen, später entstanden, sind mit 10 Stockwerken deutlich kleiner und nur 42,19 m hoch. Die Besichtigung des Klosters kostet Eintritt und der orientiert sich offenbar an der Höhe der Bauwerke. Die Tickets gehören mit 70 Y zu den teuersten unserer Reise. Nur Gruppen und hochbetagte Besucher zahlen weniger.

Nach einer Besichtigung Dali‘s, für das ein Tag reicht, sollte, wer mehr Zeit mitbringt, einen Ausflug ins 30 Minuten entfernte Xizhou überlegen. Mit dem Taxi kostet die Fahrt nicht mehr als 50 Y, obwohl gerne das Doppelte verlangt wird. Der Transfer mit dem Bus ist dagegen deutlich günstiger, wir bezahlen für die Rückfahrt nur 12 Y.

Innerhalb von Xizhou legen wir die meisten Strecken zu Fuß zurück. Am besten beginnt man am Marktplatz, der leicht zu finden ist. Man folgt einfach dem Besucherstrom. Die alten Häuser der Bai in diesem Ort gehören zu den besterhaltenen in Yunnan. Sie sind eine Augenweide, dekorativ gestaltet und kunstfertig ausgestattet, mit geschnitzten Türen und den typischen bemalten Giebeln.

Unser kleines Sightseeing führt uns durch gepflegte Straßen mit schmucken, traditionellen Häusern. Eine liebevolle Bilderbuchkulisse, für die kein Eintritt fällig ist. Man wünscht, das möge noch lange so bleiben, obwohl Xihou bereits erkennbar hin zum Profit orientierten Tourismus tendiert. Vielleicht am Ende mit einer anderen Gewichtung als Dali, denn für Besuchermassen ist dieser Ort zu klein.

Einmal dort, sollte man unbedingt die über offenen Feuerstellen gebackenen, leckeren, dicken Fladen, Baba genannt, probieren. Die gibt es in herzhaft oder süß. Geschmacklich erinnert die salzige Variante übrigens an Quiches. Die Süßen werden dem nicht nachstehen, sie sehen jedenfalls genauso appetitlich aus.

Wir verlassen den Ort, wandern zwischen Feldern in Richtung Erhai-See, und erreichen nach rund 30 Minuten das Ufer. Am Ende der Straße liegt eine kleine Anlage der Kormoranfischer. Es ist Mittag, nicht die beste Zeit für solche Darbietungen, die erst nach Einbruch der Dunkelheit beginnen. Umso schöner, weil menschenleer, ist dafür der Anleger, wo die Boote dümpeln. Zufällig entdecken wir auch den Stall der Kormorane. Die Frage, was tun diese Vögel, wenn sie nicht Fische jagen, können wir jetzt beantworten: Gar nichts! Sie hocken auf ihren Stangen und blinzeln schläfrig. Hinter Gittern zwar, allerdings ist so ein Kormoranknast deutlich geräumiger als bei uns die Hühnerställe.

An unserem letzten Abend in Dali wagen wir uns in ein authentisches, bei den Bai ausgesprochen beliebtes Restaurant. Ein Wagnis, weil die Speisekarte nur mit chinesischen Schriftzeichen in einem besonderen Dialekt bedeckt ist und die Fotos der Mahlzeiten wenig aussagekräftig sind. Wie dieser Restaurantbesuch abläuft? Nun, wir bestellen eher nach Gefühl denn mit Verstand und merken schnell, dass Bai keinesfalls eine kulinarische Verkürzung von Bayern ist. „Versuch macht kluch…“ sagt man und „den Mutigen gehört die Welt“. Wir haben jetzt jedenfalls ein Schlüsselerlebnis, über das sich in kleiner Runde trefflich erzählen lässt.

Dali und Umgebung sollte man sich gönnen, wobei ein Tag für den normalen China-Besucher mit knappem 30-Tage-Visum gut ausreicht.