Puri

Puri, an der Bucht von Bengalen, nutzen wir für eine gute Woche, um von hier aus Ausflüge in die Umgebung zu machen und natürlich die Stadt näher kennenzulernen. Wir sind neugierig, gehört Puri doch zu den heiligen Städten des Hinduismus, die mit dem Jagannath-Tempel ein wichtiges Heiligtum besitzt, durch das sie sich als Pilgerziel qualifiziert. Außerdem verspricht die Lage am Meer Strandvergnügen und Badespaß.

Wir kommen unter im einstigen Hippie- und heutigen im Backpackerviertel an der Chakra Thirta Road – kurz: CT. Die Unterkunft gefällt uns auf Anhieb. Wir beziehen ein Zimmer in der 3. Etage, das verschafft einen guten Überblick über die Nachbarschaft. Außerdem erhoffen wir hier oben weniger Ärger mit Stechmücken, so hoch fliegen die nämlich nicht, meint der Hotelmanager. Der Mann irrt leider, einige haben keine Höhenangst.

Einen gemütlichen Garten gibt es, Swimmingpool und ein eigenes Restaurant. Dazu im Gemeinschafts-Kühlschrank immer kühles Kingfisher-Bier zu zivilen Preisen. Mit andern Worten, ein cooler Ort.

Bereits am Ankunftstag beäugen wir den nahen, langgestreckten Strand. Wer jetzt meint, das klinge kaum enthusiastisch, hat Recht. Die Idee: Badezeug einpacken, Platz zum Sonnen finden oder sogar Liegestühle, ist sehr europäisch. Hier müssen wir „indisch“ denken. Der Strand bis hin zum „Golden Beach“ ist eine deftige Herausforderung. Die Brandung ist nicht trivial. Warnungen, nur zu baden, wo Rettungsschwimmer (erkennbar am skurrilen spitzen Hütchen) es für unbedenklich erklären, sind ernst zu nehmen. Einige Slumboys werfen sich trotzdem in die Fluten. Ja, Slums, die gibt es hier auch. Sarkastisch könnte man sagen: Elend-Inklusive in 1a Strandlage. Das verstört.

Die Beachkultur der indischen Touristen ist sehr speziell. Badeanzüge oder Bikinis sind tabu, Frau, geht mit Kleid ins Meer. Einige Männer stolzieren in überdimensionalen Badeshorts herum. Aber eigentlich geht es ums Volksvergnügen. Es lärmt, Verkäufer preisen Fastfood und Souvenirkitsch an, Spielzeug für Kinder und Luftballons. Pferde sowie riesige, herausgeputzte Kamele werden als Reittiere herumgeführt. Es darf gemüllt werden. Verpackungen landen im Sand, auch Essensreste, wo sich streunende Hunde ihren Anteil holen. Die verdauten Endprodukte legen sie, ihrer Natur folgend, in Form kleiner Haufen im Sand ab.

In der 2. Reihe, mit respektvollem Abstand zur Kaste der Urlauber, lagern die ärmeren Leute, der Übergang zur Müllzone ist fließend. Den Abschluss bildet eine gepflasterte Promenade, die in Abschnitten mündet, wo Menschen ihren natürlichen Bedürfnissen freiesten Lauf lassen und ungeschützt koten und urinieren.

Fast über die gesamte Länge des Strandes gibt es Hotels. Vertreten ist, was in der Branche große Namen trägt und natürlich auch der preisgünstige Standard, mit Namen, die noch fantastischer klingen und Fassaden, die motivieren, lieber im Freien zu übernachten.

Das Fischerdorf am Strand von Puri wäre aus der Ferne betrachtet ein gutes Titelbild für einen Sehnsuchtsort: Bunte Boote, aufgereiht so weit das Auge blickt. Ein Scheinidyll, das aus der Nähe, seine traurige Realität preisgibt. Die sanften Hügel sind Müllkippen, die Häuser, mehr Ruinen als menschenwürdige Unterkunft. Wir laufen an der Meerseite, entlang der Linie, wo die Wellen weiteren Müll ablegen. Inzwischen achten wir sorgfältig, wo wir unsere Füße hinsetzen, denn im Fischerdorf ist die Welt anders, als wir sie kennen. Ungeniert hocken Jung und Alt sich vor den Booten nieder und defäkieren in aller Gelassenheit. Dann erheben sie sich und gehen weiter, die nächsten Wellen werden es schon wegschwemmen. Tun sie aber nicht, es herrscht gerade ablaufendes Wasser. Und dann sehen wir über uns einen kleiner Papierdrachen flattern, ein Spielzeug. Die Schnur führt ins Dorf, irgendwo steht da ein kleiner Mensch und freut sich gerade. Wir drehen ab, raus aus dem Dorf, zurück zum Strand der Touristen. Schaffen es, sauberen Fußes.

Bevor wir uns den angenehmeren Seiten Puris zuwenden: Ja, die Stadt hat gewaltige Müll- und Abwasserprobleme. Auch der ständige Lärm ist ein Thema. Unsere Sinne signalisieren Flucht, um zu überleben. Aber der Verstand, disziplinierter im Durchhalten, schaltet um auf Indienmodus, empfiehlt temporäres Herunterfahren von Hören, Sehen und Riechen auf minimalstes Niveau. Eine Fähigkeit, die jeder Indienbesucher mitbringen muss.

Logistisch ist Puri für uns kein Problem. Wir spüren die Bäckereien, Marktstände und Läden in nächster Umgebung schnell auf. Wer gehobener konsumieren will, lässt sich in die V.I.P. Road fahren, kein Witz, die heißt so. Dort gibt es die „Paris Bakery“, etwas weiter den Supermarkt „Reliance Smart“, beides Läden mit einem akzeptablen Sortiment. Wer Lust hat auf tolles italienisches Essen, lecker und preiswert, geht ins  Honey Bee in der CT Rd. Übrigens finden sich in VIP Rd. auch zuverlässige ATMs, meist ausreichend mit Banknoten bestückt.

Wie immer erkunden wir unseren Reiseort auf eigene Faust und zu Fuß. Aber jede Regel ist nur so gut, wie die Ausnahmen, die man sich gönnt. Bei Recherchen zu Puri stoßen wir auf die „Green Riders“, eine Organisation, die geführte Touren mit Fahrrad-Rickshaws durch die Altstadt anbietet. 2-3 Stunden kosten 300 INR, also rund 4 €. Reservieren kann man formlos im Reiseshop des Mayfair Hotels.

Unser Green Rider holt uns pünktlich vom Hotel ab. Der sympathische junge Fahrer kann genug Englisch für das, was wir während der Tour zu besprechen haben.

Auf dem Weg zur Altstadt stoppen wir beim Krematorium. Gestorben wird immer und überall, aber Friedhöfe sind im Hinduismus nicht vorgesehen, am Ende gehts um die Einäscherung. Anders, als in den Verbrennungs-Ghats am Ganges, finden hier Verbrennungen auf einem Areal direkt am Straßenrand statt. Verstorbene werden auf dem Gehweg davor aufgebahrt, bis die Leiche auf den Scheiterhaufen kommt. Drastisch, fast brutal ist diese Konfrontation mit dem Tod. Du kannst das nur konstatieren. Bewerten? Ja wie denn, die Verhältnisse in Indien entziehen sich jedem Vergleich.

Weiter geht es in verwinkelte Gassen, die wir als Fremde kaum gefunden hätten. Viele Gebäude hier sind nicht breiter als ein Handtuch, allerdings so lang, wie ein normales Haus. Unser Guide will sich vor Lachen nicht einkriegen, stellt sich vor, wie Leute in solchen Wohnungen, in die kein normales Bett passt, überhaupt leben. Die Fassaden in diesen Gassen sind reich verziert, aber alles wirkt marode, hat den Charme des Morbiden. Der skurile Zuschnitt der Häuser hat, so verstehen wir, etwas mit dem Erbrecht zu tun. Jeder Erbe bekommt seinen Anteil, dafür wird die Immobilie baulich in immer schmalere Segmente geteilt.

Wir passieren einige Ashrams. Den auf der kleinen Insel im See „Narendra Tank“ betreten wir, bekommen dort Zeremonien mit, die angelegt sind, schnödes Geld gegen Seelenheil zu tauschen. So funktioniert es nicht nur in Indien. Über kleine Straßen nähern wir uns langsam dem Jagannath-Tempel. In seinem Umfeld finden sich unzählige Läden, die alles anbieten, was der Pilger braucht, natürlich auch zur Stärkung des Magens. Am Tempel selbst herrscht Hochbetrieb. Tipp für Besucher: Auf der Rückseite lassen sich bessere Einblicke sammeln als an der Frontseite zur Grand Road. Unsere Rickshaw-Fahrt durch das Menschengetümmel ist pures Abenteuer. Doch was auf uns wie ein katastrophales Chaos wirkt, ist in Puri Normalität.

Unser Fahrer schafft auch diese Etappe und fährt im großen Bogen zurück zu unserem Viertel. Vorbei an Mauern, die in Puri nicht einfach verputzt werden, sondern Künstlern quasi als Leinwand dienen, sie haben hunderte von Metern kunstvoll bemalt. Erst beim gemächlichen Vorbeifahren können wir die prachtvollen Bilder genauer anschauen, mit Motiven aus der Geschichte Odishas, den Sagen und der Natur.

Unangefochtene Zentrum Puris ist große Jagannath-Tempel. Um seine Bedeutung annähernd einschätzen zu können, muss man einige Zahlen kennen, die uns Westler verblüffen: Erbaut ist die Anlage im 12.Jhdt. der Hauptturm ragt 58 Meter hoch. Der Tempel betraut 6.000 Männer mit Ritualen und Pflege der Gottheiten und ganze 20.000 Menschen hängen wirtschaftlich vom Jagannath ab. Die 3 Hauptgötter tauchen als stilisiertes Bild überall auf: Große weiße Kulleraugen, ein schwarzes Gesicht, bunt geschmückt, stilistisch anmutend wie eine Figur aus South Park. Ha, flüstert es da nicht gerade ein „Kenny ist nicht tot“?

Der übliche Weg zum Tempel führt über die Grand Road, die nicht nur so heißt, sondern tatsächlich eine ist. Zu beiden Seiten eingefasst durch Ladengeschäfte, ziehen sich Fußgänger- oder Heilige-Kuh-Zonen bis zum Tempeltor am Ende der Straße. Fahrzeuge sollen eigentlich in der Mitte der Road fahren, aber wir sind in Indien, da läuft es anders, als es die Regel vorschreibt.

Der Tempel ist weithin sichtbar und imposant. Was sich im Inneren abspielt bleibt uns Ausländern verborgen, als Nichthindus müssen wir draußen bleiben. Um mehr zu erspähen, gehen wir in die gegenüberliegende Raghunandan Bibliothek. Eigentlich ist der Zutritt umsonst, trotzdem werden uns hier sehr subtil pro Person 200 INR als Spende abgeluchst. Dann schließt der Bibliothekar die Tür zum Dach auf. Wer wollte in so einer Situation den Besserwisser heraushängen lassen? Der Bibliothekar hat ja nicht nur die Schlüsselgewalt sondern auch das Hausrecht. Noch Fragen? Von oben beobachten wir die Menschenmassen, Gläubige die über Vereinzelungsanlagen wie im Flughafen ins Tempelinnere geschleust werden.

Wir erkennen von außen nur wenig, der Rest bleibt großes Geheimwissen der Hindus, das ganz ungeheim im Internet beschrieben wird.

Puri bietet seinen Besuchern jede Menge an Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten und eine Umgebung, durch die zu fahren ein Vergnügen ist, solange man dafür keinen öffentlichen Bus benutzen muss. Einige der Ziele haben wir separat hier beschrieben.

Unser Übernachtungstipp für Puri, das Gandhara Hotel – hier lässt es sich gut aushalten!

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