Normandie

Wie überall auf der Welt gibt es auch in Frankreich Regionen, die wegen ihrer geografischen Lage, das Glück oder das Pech haben, immer wieder Schauplatz bedeutender Ereignisse zu werden. Und oft hinterlassen diese bis in die Gegenwart Spuren, die sich kaum ignorieren lassen. Wenn so eine Region darüber hinaus aparte Landschaften oder kulturelle Spezialitäten aufweist, landet sie auf unserer ewigen Liste von Plätzen, die man wenigstens einmal im Leben besucht haben sollte. Die Normandie ist so eine Region und es ist einfach an der Zeit, sie zu bereisen.

Die Normandie, gestern und heute

Anziehend war die Normandie schon immer, sogar bevor sie überhaupt so hieß. Etwa für Skandinavier, die im 10. Jahrhundert auftauchten, einfach dort blieben und praktischerweise den für die Namensgebung wichtigen Begriff “Nor(d)mannen” gleich mitbrachten. Von ihnen stammte übrigens ein gewisser Wilhelm ab, den alle nur den “Bastard” nannten. Dieser anrüchige Beiname lässt sich ändern, muss Wilhelm gedacht haben und ging nach seiner erfolgreichen Invasion Englands als “Wilhelm der Eroberer” in die Annalen ein. Leider hatte seine Usurpation auch massive politische Folgen, die bald zu regelrechten Kriegen ausarteten. Aber immerhin taucht dann mit dem Mädchen Johanna eine echte Nationalheilige auf. Die kam zwar aus Orleans, gleichwohl war die Normandie wieder im Spiel, nämlich mit dem Scheiterhaufen, auf dem die Heilige 1431 verbrannt wurde.

Der bislang letzte große, historische Auftritt der Normandie hatte übrigens nichts mehr mit dem Bastard Wilhelm und den endlosen Erbstreitereien normannischer Adliger zu tun. Die Rede ist von Omaha Beach, Schauplatz für den D-Day, mit dem am 6. Juni 1944 die Alliierten das Ende des Zweiten Weltkriegs einleiten konnten.

Schwerer Stoff, im Hinterkopf präsent, wenn wir auf Historisches treffen. Aber auf unserer Reise lassen wir uns viel lieber durch die Leichtigkeit anderer Eindrücke verzaubern: Schöne Landschaften, eindrucksvolle Kulturdenkmäler, kulinarische Spezialitäten sowie den Alltag mit den Menschen der Region.

Unsere Unterkunft befindet sich übrigens im kleinen Beuzeville, in einer ausgezeichneten Airbnb-Wohnung, umrahmt von ländlicher Idylle und dennoch verkehrstechnisch ideal.

Die Abtei von Mont-Saint-Michel

Um dicht dran zu sein an dieser außerordentlichen Sehenswürdigkeit, mieten wir uns für eine Nacht im Dorf Beauvoir ein. Da die gesamte Region im gleichen Rhythmus tickt, wie das Weltkulturerbe, gibt es von Beauvoir aus natürlich regelmäßige Busverbindungen nach Mont-Saint-Michel. Trotzdem ziehen wir die Anfahrt mit dem Wagen vor. Wer sich wie wir entscheidet, sollte wissen, worauf er sich einlässt.

Die Abtei ist quasi eine Enklave im Wattenmeer und eigentlich nur über einen Weg erreichbar. So eine Lage ist natürlich für Tourismusbehörden Gold wert, lässt sich doch so der gesamte Verkehr wunderbar steuern. Im Fall von Mont-Saint-Michel ist das im Prinzip sogar richtig, denn wir reden nicht von Besucherströmen sondern zur Hochsaison von Massenansturm. Und die Eintrittspreise in Höhe von 10 € pro Person sind auf jeden Fall gut angelegt, der Erhaltungsaufwand des Denkmals wird enorm sein.

Große Flächen in dem Gebiet, das der Abtei vorgelagert ist, sind ausgebaut zu Parkplätzen, die von einem Hotel administriert werden. Übernachtungsgäste dürfen ihr Auto umsonst abstellen, Tagesbesucher zahlen stolze 14 €. Ausgenommen das kleine Zeitfenster ab 19:00 Uhr. Dann kostet der Parkplatz nur 4,50 €.

Eigentlich ist damit alles lückenlos geregelt, wäre da nicht der Insidertipp, den wir vom Vermieter unserer Unterkunft bekommen. Seinem Rat folgend fahren wir über die D776 Richtung Meer, bis wir das Schild “Alligator Bay” sehen. Genau gegenüber der Krokodilfarm ist ein Gebäude mit einem großen, kostenlosen Parkplatz. Von dort aus geht es zu Fuß weiter, das Objekt unserer Besichtigungslust immer vor Augen. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den Damm, an dem auch die Shuttlebusse halten. Wer will, lässt sich jetzt das letzte Stück befördern, das kostet nichts, oder marschiert einfach weiter.

Die Wanderung über den Deich ist eigentlich die schönste Art, sich auf Mont-Saint-Michel einzustimmen. Faszinierend wie die Konturen des heiligen Berges immer deutlicher heraustreten, wunderbar auch der Kontrast der steinernen Strukturen zum endlosen Strand im Watt. Angekommen machen wir erst eine Runde um das massive Fundament und verstehen noch besser die Größe dieser Insel, die steil über uns hinauf in die Wolken ragt.

Irgendwann geht es ins Innere, entlang der Grande Rue, einer mittelalterlich anmutenden Gasse mit intakten Häusern, Restaurants und Läden. Wie jeder hier, streben wir zur Spitze, bekommen langsam eine Ahnung, wie es sich angefühlt haben muss, in einer Festung zu leben, die als uneinnehmbar galt. Denn Mont-Saint-Michel war nicht nur eine Wallfahrtsstätte, sondern auch eine geniale Verteidigungsanlage, die jedem Ansturm der Engländer standhielt und damit prädestiniert als identitätsstiftendes Symbol für nationale Einheit.

Für die Besichtigung der Bauten folgen wir dem Verlauf der Grande Rue in die höheren Ebenen, bis zum eigentlichen Eingang in die Abtei. In diesem inneren Bereich bekommen wir Einblicke in Kreuzgänge, Galerien Krypten, Säle, Hallen und sakrale Einrichtungen. Und natürlich auch prächtige Ausblicke übers Meer, von weiten Terrassen. 2, 3 oder noch mehr Stunden, wir schauen gar nicht auf die Uhr, sind wir hier, denn auch das Wetter spielt heute mit. Wieder abwärts kürzen wir über Treppen ab, die uns aber in weitere Winkel des Berges führen und noch einige Überraschungen offenbaren.

Für einen Gesamtblick auf die Abtei in der Abenddämmerung kommen wir später noch einmal wieder. Dabei steuern wir auch andere Punkte in der Umgebung an für andere Blickwinkel auf den Mont-Saint-Michel. Viel sehen wir und doch nicht genug. Ein Denkmal dieser Dimension, das tatsächlich Jahrhunderte brauchte sich zu entwickeln, lässt sich in so kurzer Zeit ja kaum vollständig entdecken.

Die Städte

Kennst Du die eine, kennst Du alle. Was vielleicht für andere Regionen zutrifft, hier stimmt es nicht. Die Städte, die wir besuchen, haben sich ihre Eigenheiten bewahrt und präsentieren ein ganzes Spektrum an unterschiedlicher Lebensart. Allen gemeinsam ist natürlich der maritime Charakter.

Honfleur

Der Ort auf der linken Seite der Seine, dort, wo sie in den Ärmelkanal mündet, gilt als einer der schönsten der Normandie. Gegründet im 11. Jahrhundert wohl von den Normannen, hat Honfleur in den Wirren der großen Kriege nie viel aushalten müssen. Der Lage am Fluß verdankt es die Nähe zu einer von Europas längsten Brücken, vor allem aber sein altes Hafenbecken. Das markiert gleichzeitig das Zentrum der Altstadt, mit prächtigen schmalen Häusern, die bis zu 6 Stockwerke hoch ragen. Die finden wir nicht nur in der ersten Reihe, sondern tief hinein verstreut über das ganze Viertel.

Empfehlenswert ist ein Besuch am Samstag. Dann findet der Markt statt. Der erstreckt sich über viele malerische Gassen und Plätze der Altstadt, mit einem reichen Angebot an Spezialitäten der Region.

Kleiner Tipp: Die Normandie ist Apfelland. Hier gibt es exzellenten Cidre und Calvados. Nicht unbedingt das schlechteste Mitbringsel für zuhause.

Wer dort ist, sollte sich Zeit nehmen für die Umgebung, die landschaftlich einfach schön ist und Raum bietet für viele Aktivitäten. Seien es Besichtigungen von Dörfern, die sich oft, ihren alten Charme bewahrt haben oder Wanderungen bzw. Radtouren. Einer dieser schönen kleinen Orte mit den traditionellen Strohdachhäusern ist Marais-Vernier, wo es uns selbst bei schlechtem Wetter gut gefällt. Hier lädt das größte Sumpfgebiet Frankreichs zum Wandern ein. Und wie immer in Frankreich, auf gut ausgeschilderten Wegen.

Trouville-sur-Mer und Deauville

Trouville und Deauville könnte man fast für eine einzige Stadt halten, der Übergang vom einen zum anderen Ort ist quasi nahtlos möglich. Sogar zu Fuß, einfach über den Pont des Belges, der hier die Toques quert.

Im Gegensatz zur Nachbargemeinde hat Trouville eine Vergangenheit. Die Siedlung des Wikingers Thorulf war über viele Jahrhunderte nicht mehr, als ein einfacher Fischereihafen. Das änderte sich mit dem Bau des Spielcasinos im 19. Jahrhundert, das Gäste aus Paris und England anlockte und zu einem Bauboom führte. Atmosphärisch riecht hier alles nach klassischen Seebad. Die Prachtbauten der Belle Epoque, die einladende Fischhalle, prachtvolle Hotels und vorgelagert die Sandstrände. Trouville ist auf seine Art typisch und authentisch, auch wenn die Reichen und Schönen eher im Nachbarort Deauville zu finden sind. Am Sonntag findet hier ein großer Markt statt, den wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Was heute nach viel Geld und enormen Wohlstand riecht, verdankt seine Existenz dem Bauerngehöft Dosville, das einst inmitten von Sümpfen und Dünen vor sich hin döste. Bis es im Jahr 1859 an einen Herzog verkauft wurde, der die Idee hatte, dort ein Seebad und “Königreich der Eleganz” zu errichten. Der Herzog war erfolgreich. In 4 Jahren entstand die neue Stadt, die seither Deauville heißt und zum Magneten für den französischen Adel und gleichrangige Gäste aus aller Welt wurde. Auf dass man sich nicht langweile, wurden Pferderennbahnen gebaut und noch heute finden namhafte, internationale Reitsportveranstaltungen in Deauville statt. Die mondäne Seite der Pferdehaltung fühlt sich hier zuhause: Gestüte, teure Auktionen, exklusive Poloturniere.

In Deauville regiert das Kapital. Schon auf den wenigen Parkplätzen der engen Straßen, wo die Luxuskarossen dominieren, in den exquisiten Geschäften und sogar auf den nett anzusehenden kleinen Märkten. Wir erkennen übrigens Anbieter wieder, die wir schon auf anderen Märkten der Umgebung gesehen haben. Allerdings benutzen sie hier Schilder, die gefühlte 25% höhere Preise ausweisen, aber das scheint zu passen.

Großes Fazit nach kleinem Aufenthalt: Hier ist alles ordentlich und top gepflegt, aber ohne Herz.

Die Küsten

Wir starten hinter Le Havre, überqueren die Seinemündung über die beeindruckende Pont de Normandie.

Zunächst besuchen wir Étretat. Lange schon haben Maler entdeckt, was uns Besucher immer noch in seinen Bann schlägt, nämlich die prägnanten, zerklüfteten Felsenküsten der Normandie. Degas und Monet haben hier ihre Motive gefunden aber auch ein Matisse, um nur die berühmtesten zu nennen. Vielleicht ein Fingerzeig, viel öfter ins Museum zu gehen. Am besten nach der Reise, wenn man die Originalschauplätze schon kennt. Zwischendurch sollte man einfach innehalten, um die mancherorts installierten Reproduktionen berühmter Landschaftsbilder anzuschauen. Faszinierend, denn sie sind genau dort platziert, wo der Künstler einst seine Staffelei aufgestellt hatte. Wir sehen, was er sah und sind beeindruckt.

Étretat ist wohl einen der bekanntesten Plätze, um in die Felsenklippen zu gehen. Der Ort selbst ist einen Rundgang wert, gerade die älteren Gebäude sind eine Sehenswürdigkeit, die wir uns nicht entgehen lassen.

Schnell finden wir hinter den Straßen den Strand. Blendend weiß, allerdings kein Sand sondern Kiesel. Gleichwohl, optisch ein Leckerbissen. Zu beiden Seiten beginnen Aufstiege auf die steilen Klippen. Keine Frage, wir haben vor, jede Richtung zu erkunden.

In der Tat lässt sich auf jedem dieser Abschnitte wunderbar Wandern. Und von hier oben hat man die besten Ausblicke in bizarre Felsformationen, die einen herrlichen Kontrast zum Meer bieten. Wie weit man geht, hängt immer von der Tagesform ab. Auf jeden Fall hat der Besucher schon vom ersten Schritt in diese Landschaft die tollsten Eindrücke.

Eher zufällig machen wir einen Abstecher in den kleinen küstennahen Ort Yport. Ein überschaubares, verschlafenes französisches Idyll mit sehr speziellen Häusern.

Über die Bausünden am Strand, sollte man hinwegschauen und sich dafür eine gemütliche Zeit, in dem kleinen Restaurant am Strand machen. Natürlich mit dem Rücken zur Landseite. Vor sich, zwischen Meer und den malerischen Klippen, ein gutes Glas Ricard.

Dass Instagram als Reiseführer taugt, ist auch für uns neu. Fotos, die uns dort auffallen, motivieren uns jedenfalls, einen Umweg über Veule-les-Roses einzulegen. Und tatsächlich, nichts wurde beschönigt.

Wir finden einen wunderschönen, kleinen Ort mit vielen aparten Villen aus der Gründerzeit in traditioneller Bauweise. Dazu gibt es als Überraschung La Veules! Mit einer sagenhaften Länge von 110.000 Zentimetern gilt sie als Frankreichs kürzester Fluss. Wo sonst lässt sich in weniger als 20 Minuten ein ganzer Wasserweg von der Quelle bis zur Mündung abschreiten? Wunderschön auch der Strand, ein Panorama eingerahmt von Kreidefelsen. Wir nehmen uns vor, uns zu revanchieren und auf Instagram ebenfalls Bilder unserer Reise zu posten.

Unsere Letzte Station in der Normandie ist Dunkerque. Wir nutzen die Nähe zu Belgien, um von hier aus Brügge zu besuchen. Das klappt übrigens ausgesprochen gut. Bei unserem kurzen Aufenthalt haben wir Glück, das Wetter ist perfekt. So haben wir Gelegenheit, die einladende Seite von Dunkerque kennenzulernen. Einer Stadt, die eigentlich gar nicht so düster oder langweilig ist, wie wir befürchtet hatten. Tatsächlich ist die Promenade am Strand erstaunlich heiter und farbig.

Nu eine knappe Woche sind wir in der Normandie. Eigentlich viel zu kurz, um eine Region, die so viel zu bieten hat, gut kennenzulernen. Es hat uns hier sehr gefallen und wenn wir diesen Auftakt als Aperitif verstehen, müssen natürlich irgendwann die restlichen Gänge genossen werden.

Es braucht nicht viel, das Leben in Frankreich zu genießen. Und das tun wir. Also „Vive la Normandie“, vielleicht bis bald mal wieder…

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