Bouches-du-Rhône

Die Wahl unseres Standortes in Saint-Rémy-de-Provence ist eine gute Entscheidung, denn die knapp 10.000 Einwohner zählende Gemeinde hat viel zu bieten. Ohne dafür weite Anfahrten in Kauf nehmen zu müssen, lassen sich von hier aus Wanderungen in die Alpilles unternehmen; der gleichnamige regionale Schutzpark liegt ja quasi direkt vor der Haustür. Selbst für Ausflüge nach Arles, Avignon und Tarascon brauchen wir mit dem Wagen kaum länger als eine gute halbe Stunde. Wie gut die Infrastruktur des Straßennetzes in dieser Gegend ist, lässt sich übrigens an der hohen Frequenz der Blitzeranlagen erkennen. Also Vorsicht, Big-Brother-Verkehr lauert überall.

Was uns Saint-Rémy auf Anhieb sympathisch macht, ist die kompakte Struktur dieser erfrischend lebendigen Stadt. Ihr historischer Teil konzentriert sich in einem kreisförmig angelegten Zentrum, mit viel Einzelhandel, Restaurants, Boutiquen und Kunstgewerbe. Für uns ist alles fußläufig erreichbar, die Bäcker und Konditoreien, der überschaubare, gut sortierte Supermarkt, ein uriger Fischhändler und als besonderer Magnet, der Chocolatier Joël Durand. Der ist ein wahrer Poet in der Kreation von Schokoladen. Er hat seinen Laden in der Ringstraße, im Abschnitt des Boulevard Victor-Hugo und gehört zum Pflichtprogramm jedes Stadtbesuches. Oder anders gesagt: Du warst nie in Saint-Rémy, hast Du nicht Meister Durand besucht.

Die Region blickt auf eine lange Geschichte zurück, die wir für Nichthistoriker knapp und markant zusammenfassen: Kurz nach Beginn der Zeitrechnung tauchen griechische Händler auf, die sich wohnlich einrichten, gefolgt von Römern, die vorhandene Strukturen übernehmen, es Glanum nennen und ausbauen, bis anstürmende Alemannen alles kaputt machen. Nach einer kurzen Vorlaufzeit baut man eine neue Stadt, die bald eine neue Blüte erreicht, einen spektakulären Besserwisser gebärt (Nostradamus), und wieder von Deutschen besucht wird, die heute als Touristen unterwegs sind. Wer tiefer in die antike Vergangenheit einsteigen möchte, dem empfehlen wir einen Gang durch die Ausgrabungsstätte Glanum, beim Triumphbogen und dem Mausoleum, etwa 1,5 km vor Saint-Rémy.

In Sichtweite liegt das Kloster St.-Paul-de-Mausole, einst Nervenheilanstalt und für 1 Jahr Aufenthaltsort von Vincent Van-Gogh. Aus therapeutischen Gründen lassen die Ärzte ihm seine Malmaterialien, mit dem Ergebnis, dass Vincent in dieser Periode einige seiner schönsten Bilder erstellt. Saint-Rémy absorbiert im Nachhinein durchaus Leben und Werke des Künstlers und widmet ihm ein Museum, sowie eine dauerhafte, öffentliche Präsentation von Kopien seiner Bilder entlang des Chemin Van-Gogh. Das, was den Holländer nach Südfrankreich treibt, nämlich die leuchtenden Farben des Südens, finden wir übrigens auch hier vor. Etwa wenn der Mistral die Wolken vertreibt, die Sonne leuchtet und das Auge zig Kilometer kristallklare Landschaften überblickt.

Auf diese außergewöhnlichen Wetterkonstellation treffen wir auch bei unserem Ausflug ins nahe Eygalières, einem malerischen Dorf, 10 km im Südosten von Saint-Rémy. Die Gemeinde wirkt recht verwaist, ist sie doch inzwischen von vielen Einheimischen verlassen und nun zur Heimat von Urlaubern geworden, die dort Immobilien erworben haben. Schon von weitem bietet der alte Komplex aus Kirche und Burgmauern, platziert auf einer Anhöhe, einen tollen Anblick. Angekommen in Eygalières lässt sich das Auto gut parken, Gratisparkplätze laden ein zum längeren Verweilen. Einmal dort, empfiehlt sich der Gang hinauf auf den Hügel mit dem Kirchturm, von wo aus man mit einem erstklassigen Rundblick belohnt wird.

Tarascon und Beaucaire nehmen wir im Doppelpack mit, auf dem Weg nach Arles. Vorbeizufahren ist nahezu unmöglich, nicht etwa mangels Umwegen, sondern weil der Anblick der mächtigen Burg uns wie magisch anzieht. Der mächtige Festungsbau, ursprünglich eine Grenzbastion, ragt hoch über die Rhône. Imposant, mit Zinnen und „Pechnasen“ zum Ausgießen von siedend heißem Teer, geschützt durch einen Burggraben, scheint dieses Bollwerk aus dem 15. Jahrhundert uneinnehmbar. 

Interessant: Viele Jahre war der Zweck dieses Bauwerkes nicht, Menschen davon abzuhalten einzudringen, sondern zu verhindern, dass es verlassen wird. Die Burg diente als Gefängnis. Auf dem Vorplatz am Flussufer starrt uns eine seltsame, steinerne Skulptur an, eine Kreuzung aus Schildkröte und Bär mit Katzenohren: La Tarasque, das Ungeheuer, das im Mittelalter regelmäßig aus dem Fluss steigt, um sich an Jungfrauen zu verköstigen. Irgendwann haben die Einwohner diese Faxen dicke, vielleicht auch andere Pläne mit den Mädchen und steinigen mithilfe der Heiligen Martha das Vieh. Was blieb sind die Legende, ein skurriles Monument und die Kirche der St. Martha.

Gegenüber, auf dem anderen Ufer der Rhône, lädt das Städtchen Beaucaire eher zur Kontemplation ein. Eine breite Brücke verbindet beide Seiten des Flusses. Gleich dahinter erstreckt sich ein Kanal mit einem ausgebauten Yachthafen, in dem Sport- und Hausboote ankern. Die Promenade mit vielen Läden und Restaurants ist ideal zum Bummeln und Abhängen. Aber Achtung, beim Abstellen des Wagens nicht die Parkscheibe vergessen, der gemütlich wirkende Aufenthaltsbereich ist für Autofahrer recht streng reglementiert.

Arles, die einstmalige Hauptstadt Galliens, so heißt es, sei die flächenmäßig größte Gemeinde Frankreichs und umfasst ein Gebiet, das fünfmal so groß ist wie Paris. Ohne besondere Ambitionen, diese Angabe zu verifizieren, ziehen wir direkt zur Altstadt, am Ostufer der Rhône. Unser Besuch an einem Sonnabend lässt sich gut mit einer Visite des berühmten Marktes verbinden, einer der schönsten der Provence überhaupt. Aber auch sonst hat die Stadt viel zu bieten, es bringt Spaß, sich dem südfranzösischen Flair hinzugeben und durch die kleinen Gassen zu bummeln.

Für die Besichtigung der antiken Bauwerke lösen wir in der Touristeniformation am Ende des Marktes unsere Tickets. Zölle und Abgaben gabs zwar schon früher, auch Raubritter, aber moderne Stadtverwalter haben die alten Abzocksysteme längst perfektioniert: Da gibt es Parkscheine, mit skalierten Gebühren, wo bereits nach 2 Stunden locker 8 € fällig werden, oben drauf noch 10 € Eintrittsgeld pro Person. Das ist alles andere als sozial und macht das Reisen in Europa zu einem Thema für Wohlhabende.

Wir steigen ein in den Altstadtbereich, der adrett wirk, aufgeräumt und sauber. Das ist zwar eher unauthentisch, denn historisch betrachtet gehört Dreck ja traditionell zum Stadtbild, aber so pingelig, uns über diesen Stilbruch zu beklagen, sind wir nicht. Erste Stadion nach dem Rathaus ist das Café Van-Gogh. Die Lokation präsentiert sich genau so, wie der große Künstler sie verewigt hat. Zum Beweis ist eine Kopie seines berühmten Gemäldes vor dem Lokal aufgestellt.

Jede Wette: Genau an dieser Stelle sind schon wenigstens 25 Millionen Selfies entstanden und über Instagram gepostet worden. Das hindert uns nicht, die Nr. 25.000.001 zu produzieren. Wir stärken uns mit sagenhaften kleinen Torten vom Patissier und machen uns auf zum Amphitheater. Der Cityplan aus der Touristeninfo ist überflüssig, Schilder weisen den Weg durch die engen Gassen.

Ja, wir sind beeindruckt, was Rom hinterlassen hat. Sogar funktionsfähig ist die alte Arena noch. Heutzutage dient sie immer noch als Veranstaltungsort für Stierkämpfe, leider auch für die tödliche Variante. Zu unserem Programm gehört noch das antike Theater und mit seiner Besichtigung beenden wir unseren Besuch in Arles, einer sehenswerten Stadt, die zurecht von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist.

Eines der genialsten Geschäftsmodelle des katholisch geprägten Mittelalters ist die Idee, Gläubigen mit einem leeren Versprechen Geld abzuluchsen, nämlich der Ablasshandel. Sünden werden durch die Kirche erlassen, zum Beweis wird gegen Gebühr ein Zertifikat ausgestellt, das freien Eintritt ins Paradies garantiert. Da nach Vorgabe der Kirche jeder Mensch per se Sünder ist und das Zeit seines gesamten irdischen Daseins, ist der Ablasshandel eine unerschöpfliche Quelle des Reichtums. Gesegnet, wer die Lizenz dafür hat, wie etwa die Abbaye de Montmajour, eines der mächtigsten Klöster der Provence

Aber jedes Ding hat auch sein Gutes: Anstelle die Einnahmen zu verprassen investieren die Patres und Fratres klug und bauen dafür ein imposantes Kloster. Nach seiner Blütezeit vor etwa 1.000 Jahren sieht die Abtei auch schlechtere Zeiten, die Teile der Anlage nur als Ruinen überleben. Das Ablassgeschäft gibt es inzwischen nicht mehr, Mittel für den Wiederaufbau fehlen. Was wir heute besuchen und bewundern, ist eine partiell restaurierte Ruine, immerhin eindrucksvoll genug, um einen Halt einzulegen. 

Fakenews und unglaubliche Geschichten sind keine Erfindung der Moderne. Alphonse Daudet, ein Dichter den man als Deutscher nicht unbedingt kennen muss, kommt um das Jahr 1866 auf die Idee, den Erwerb einer verfallenen Mühle, deren angebliche Restaurierung und den Bezug dieser romantischen Behausung, der in Wirklichkeit nie stattfindet, als Realität zu kolportieren. So überzeugend ist der Dichter, dass die im Jahre 1814 errichtete Mühle tatsächlich zur Berühmtheit stilisiert wird, die heute noch als ein kleines Museum zu besichtigen ist. Die Mühle trägt inzwischen den Namen des Schriftstellers „Moulin de Daudet“ und steht, in passender und reizvoller Landschaft in der Nähe des kleinen Ortes Fontvieille.

Frage: Was hat eigentlich Balthasar, der begleitet von Kaspar und Melchior im Jahre Null auf einem Roadtrip nach Betlehem ist, mit der Alufolie zu tun, in die gerade an der Theke des kleinen Ladens auf dem Burgberg Les Baux-de-Provence unsere frisch erworbenen Callisons transportgerecht eingewickelt werden? Sehr viel, aber dazu später mehr.

Das Dorf auf dem 220 m hohen schroffen Felsen, 20 km vor Arles, erklimmen wir mit Anlauf, es ist gar nicht so einfach, an diesem sonnigen Tag, das Auto an der Landstraße D27 fußnah zum Berg zu parken. Nach kleinem Anmarsch tauchen auf mittlerer Höhe die ersten Häuser auf, romantisch anzusehen. Verwinkelt zwischen Abhängen und engen Gassen präsentiert sich ein Dorf, das offenbar gerade von touristischen Horden, von Reisegruppen, Familien, versprengten Einzelreisenden erobert wird und nun auch von uns.

Die einheimischen Verteidiger halten die Stellung und attackieren im Gegenzug mit Andenkenläden, Restaurants, Kunstgewerbe und geschickt auf dem Weg platzierten Verkaufsständen. Das alles wirkt durchaus attraktiv, vor allem die leckeren provenzalischen Spezialitäten, die appetitanregend vor uns ausgebreitet warten. Besonders der Anblick der mächtigen Laibe von Callisons überwältigt uns. Nach einer Kostprobenorgie entscheiden wir uns für eine Geschmacksrichtung, bedeuten dem Messer, mit dem die Portion abgeteilt wird, ein wenig breiter zu schneiden.

Zurück zur Lösung unserer Eingangsfrage. Den bebauten Berg verdankt der Händler, der unsere Leckereien anbietet dem fabelhaften Balthasar. Ohne ihn gäbe es das Geschlecht der Les Baux wohl gar nicht, sie führten ihre Abstammung nämlich direkt auf eben diesen Heiligen König zurück. Da stehen wir nun mit unseren frisch erworbenen Callisons. Stabil soll die delikate Masse verpackt werden, deshalb lassen wir unser Paket noch mit einer Schicht Alufolie umwickeln. Dann wird uns klar, wir befinden uns hier an der Geburtsstätte des Aluminiums, das aus dem Mineral gewonnen wird, das bei Les Baux entdeckt und nach seinem Fundort „Bauxit“ benannt wird.

Zu guter Letzt beschert uns ein kleines Familientreffen auch noch einen Kurzbesuch in der Hauptstadt des Départements Marseille. Wir haben dabei auch gleich die Gelegenheit, beim Bummel um den alten Hafen eine kräftige Kostprobe des berühmt berüchtigten Mistral mitzubekommen.

Das Reisen in so einer Region macht einfach Spaß. Auch das Entdecken, was es mit den Lokalitäten, die wir besuchen, auf sich hat. So ein Sammelsurium aus Van-Gogh, einem genialen Chocolatier, römischen Ruinen, dem Biest Tarasque, einer gefakten Mühle, Ablass-Reichtum und dem 3. König Balthasar sowie obendrein der Erfindung von Aluminium, finden auch wir nicht so oft vor.

 

Wie es für uns von hier aus weiter ging, könnt Ihr hier nachlesen.

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