Tiruchirappalli (Trichy)

Dass die in Südindien üblichen, bandwurmgleichen Ortsbezeichnungen selbst den Einheimischen wenig Spaß machen und im Alltag stattdessen knackige Abkürzungen benutzt werden, macht es uns leicht zu sagen, wo wir gerade sind, nämlich in “Trichy”. Das Kürzel spricht sich bedeutend einfacher als etwa die offizielle Bezeichnung aus dem Fahrplan der indischen Eisenbahn “Tiruchchirapali”. Allerdings unterschlägt die Kurzform eine wichtige Information: Die Stadt ist heilig; die Vorsilbe “Tiru” hat die Bedeutung, wie das bei uns einem Namen vorangestellte “Sankt”.

Mit diesem Wissen ausgestattet ist klar, was ansteht, Tempel besichtigen! Dass Trichy nebenbei als viertgrößte Stadt Tamil Nadus eine Infrastruktur bietet, mit Einkaufsmöglichkeiten, Industrie und Universität ist für uns Touristen zwar eher nebensächlich, gleichwohl sind wir aufmerksam unterwegs, versorgen uns mit Zwischenverpflegung und Süßigkeiten oder genießen es, einige typisch indische Geschäfte, wie einen riesigen Sari-Laden, näher kennenzulernen.

Erstes Ziel ist das unübersehbar über der Stadt Trichy thronende Rock Fort Temple, eine ehemalige Festung mit einer langen Vergangenheit. Bereits im 6. Jahrhundert werden die Shiva geweihten Höhlentempel im Felsen erwähnt, die heutige Form des Heiligtums ist dagegen erst vor rund 400 Jahren entstanden. Sich einer Besichtigung zu entziehen wäre ungefähr so, als würde man sich im Vatikan weigern, den Petersplatz zu betreten.

Wie man dort hinfindet? Nun, selbst der sprachunkundige Besucher schafft es, Taxifahrern die noch sprachunkundiger sind, einfach per Fingerzeig zu vermitteln, wenn er zum Eingang der Anlage will und kann sicher sein, genau dort abgesetzt zu werden. Man trifft auf einen Tempel, der noch genutzt wird, was im Klartext bedeutet: “Shoe-No”-Gebiet, das auch ausländische Barfüßler ohne Eintrittsgeld betreten dürfen. Lange Wege, viele Stufen, unterschiedliche Zugänge sowie die zugeraunte Warnung eines Inders lassen es uns sinnvoll erscheinen, die Schuhe im Rucksack verstaut bei uns zu haben. Das geht eigentlich immer, wird man nicht von irgendwelchen Eiferern verpetzt, die meinen, Schuhe – auch im verpackten Zustand – im Tempel seien eine Todsünde.

83 Meter ist der Fels hoch und bis zum Vinayakar Kovil mit der goldigen Kuppel auf der Spitze sind es 437 Treppenstufen. Wir zählen natürlich nicht mit, dazu ist der Aufstieg viel zu interessant. Er führt über verschiedenen Ebenen, durch geschmückte Hallen, quert eine Straße, vorbei am Höhlentempel und einem Heiligtum, das für Nichthindus tabu ist, bis zum Gipfel. Sportlich ist das keine Herausforderung, die Temperaturen sind erträglich. Schwieriger, weil schlüpfrig durch die Nässe des Regens, ist die letzte Etappe, über extrem schiefe, ausgetretene Stufen, die so auch eine groteske Kulisse für das Kabinett des Dr. Caligari sein könnten

Obwohl der Himmel bewölkt ist, haben wir von oben einen spektakulären Rundblick über die Stadt. Sogar die andere Attraktion Trichys, die Tempelstadt Srirangam, gegenüber auf der Flußinsel am Strom Kaveri, ist zu sehen. Gut für uns, die wir gerne zu Fuß unterwegs sind; der Rock Fort Tempel lässt sich auf Straßenhöhe umrunden, so dass wir das Bauwerk wirklich aus jedem Winkel betrachten können.

Von unserem Hotel Rock Fort View aus, das an einer der Brücken zwischen Trichy Stadt und der Flussinsel liegt, haben wir einen freien Blick auf den Rock Fort Tempel, wie er schöner kaum sein könnte. Das Hotel lässt sich übrigens jedem empfehlen, der bereit ist, für ein paar Rupien mehr, gut unterzukommen. Obwohl direkt an einer befahrenen Straße gelegen, ist es hier gemütlich, wählt man eines Zimmer nach hinten, mit Aussicht auf den Felsentempel. Und der Blick von der Dachterrasse beim Abendessen ist göttlich.

Für die auf der anderen Flussseite liegende Tempelstadt Srirangam reservieren wir uns genügend Zeit. Der in einem hauptsächlich von vishnuitischen Brahmanen bewohnten Viertel liegende Tempel Sri Ranganathaswamy zählt – zusammen mit dem benachbarten Shivatempel – zu den wichtigsten Heiligtümern Tamil Nadus. Und hier treffen wir wieder das typische Südindien Tamil Nadus. Beeindruckend ist schon die Beschreibung; der Tempelkomplex bedeckt eine Fläche von fast 800.000 qm, ist von 7 Mauern umschlossen und besitzt mit einem 72 Meter hohen Haupt-Gopuram einen der höchsten Tortürme Indiens.

Mit dem Tuktuk lassen wir uns zum Eingangsbereich fahren. Drei dieser sieben Innenhöfe sind bewohnt; alles ist voller Leben, alles dreht sich um die Ausübung der Religion. Erst ab dem vierten Gopuram kommt man zum eigentlichen Tempeleingang. Wir begeben uns staunend in die bunte Marktatmosphäre der Tempelgemeinde und entschließen uns, einen Guide zu engagieren, der uns alles, was wir wissen wollen, erklären kann.

In der Tat finden wir in Herrn Parthasarathy einen der bemerkenswertesten Guides unserer ganzen Reise: Kompetent, sprachbegabt, eloquent und von einem einnehmenden Wesen. Letzteres nicht, was den Preis betrifft; er verlangt weniger als manch gieriger Kollege. Wer ihn buchen will, erreicht ihn telefonisch unter 08015148615.

Zuerst steigen wir auf eine kleine Platform, von der wir zumindest einen kleinen Eindruck bekommen über die gewaltigen Ausmaße dieses Tempelkomplexes.

Gemeinsam durchwandern wir verschiedene Hallen, Korridore und Nebentempel, sehen Schreine, Säulenhallen, auch Küchen sowie die Stallungen der heiligen Kühe, die im Tempel gehalten werden, fotografieren, wo wir dürfen und versuchen uns dort zu bremsen, wo ein Aufnahmeverbot herrscht. Wenn trotzdem das eine oder andere Bild aus der Grauzone des Unerlaubten den Weg in unsere Kamera findet, dann ist das selbstverständlich keine böse Absicht sondern Karma, das wir geschehen lassen.

Der Tempel ist im 10. Jahrhundert erbaut und danach immer wieder erweitert und restauriert worden. Diese Aktivitäten reichen bis in unsere Gegenwart, so ist der imposante 72-Meter Gopuram sogar erst seit 1987 fertiggestellt. Als größter Vishnutempel in einer Umgebung, die eher von Gott Shiva geprägt ist, zieht diese Anlage besonders viele Pilger an. Entsprechend geschäftig geht es im Inneren der Anlage zu, allerdings nie hektisch oder unangenehm. Selbst die Selfie-Wünsche der Besucher, die als Dekoration gerne uns Ausländer ins Bild holen, lassen sich ertragen.

Die Fülle und Komplexität der Tempel-Kunst erschlägt uns fast und um alle Erläuterungen und Hinweise zu Skulpturen und Darstellungen auf Dauer im Gedächtnis behalten zu können, fehlt uns einfach das hinduistische Grundverständnis. Aber wir arbeiten daran, verweigern auch nicht die Segnung mit dem Rüssel eines Tempelelefanten. Wer weiß, welch Unheil wir damit abwenden. Dass wir auch den Rest unserer Reise unbeschadet überstehen, ist sicher kein Zufall, Rüssel sei Dank

Trichy zaubert in diesen Tagen sogar einen Anflug von Weihnachtsstimmung herbei, kein Wunder, angesichts der mächtigen Kirchen, mitten im Stadtbild. Hier gibt es christliche Gemeinden, die sich offenbar ganz gut mit ihrer Umgebung arrangiert haben. Santa Claus wird nicht nur toleriert, sondern hat als Fotomotiv auch bei den Indern einen hohen Stellenwert.

Überhaupt sind unsere Spaziergänge durch die Gassen und Straßen voller kleiner Überraschungen; das Alltagstreiben mit skurrilen Szenen und Personen ist Indien pur.

Eine gute Einstimmung für unsere bald anstehende Rückreise, bei der uns ein weiterer Vorteil der Stadt zugutekommt. Trichy ist verkehrstechnisch ausgezeichnet vernetzt und erlaubt so eine unkomplizierte An- und Abreise. Auch mit der Eisenbahn, die – wir staunen – mal nicht Mitten in der Nacht, sondern tagsüber den gut organisierten Bahnhof ansteuert. Wohin es als nächstes geht, könnt ihr hier nachlesen.

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