Myanmar

Als wir im Dezember unsere Flugtickets nach Myanmar buchen, wissen wir recht wenig über das Land. Klar, die geografischen Eckdaten, einiges zur Geschichte, welche Einreiseformalitäten wir beachten müssen und was für Reisrouten sinnvoll sein könnten, lassen sich schnell recherchieren. Aber was besagen solche Informationen schon über ein Land wie dieses?

Wir merken bald, dass die 28 Tage Befristung unserer Visa kaum ausreicht, Myanmar so kennen zu lernen, wie wir es wollen, nachdem wir erste Eindrücke gesammelt haben.

5 Wochen Zeit nehmen wir uns, die wie im Fluge vergehen und uns einen abenteuerlichen Aufenthalt bescheren mit einer Fülle an Eindrücken, schönen Erlebnissen und dem Wunsch, bald wieder hier zu sein. Was ist es eigentlich, das Myanmar so interessant für uns macht, immerhin gibt es gleich in der Nachbarschaft den touristischen Giganten Thailand, das verträumte Laos und die mystischen Gebiete der Khmer, das heutige Kambodscha.

Spontan sagen wir, es ist diese Mischung aus indisch beeinflusstem Chaos, einem verfestigten Buddhismus, der in dieser Ausprägung vielleicht noch in Tibet zu finden ist, die langjährige Abschottung gegenüber dem Westen, die eine Vielfalt ethnisch geprägter Traditionen konserviert hat. Das alles verteilt über wunderschöne Landschaften, in einer Region, die geografisch und klimatisch die günstigsten Bedingungen für die Entstehung von Hochkulturen bot, deren Zeugnisse uns heute noch faszinieren.

Ein Fazit über Myanmar muss immer berücksichtigen, dass wir nur eine Momentaufnahme machen können. Die Dynamik der Veränderungen ist spürbar. Was heute zu kritisieren ist, wird morgen schon verbessert sein und was uns gerade gefällt, verschwindet vielleicht bald.

Vielleicht, wir hoffen es, ist die unsagbare Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Einwohner Myanmars eine Konstante, die erhalten bleibt. Nicht oft erleben wir, dass wildfremde Menschen freundlich grüßen, Kinder uns zuwinken, ohne gleich Money und Sweets zu verlangen, und Entgegenkommen in nahezu jeder Situation die Regel und nicht die Ausnahme ist. Probleme, die wir beim Umherreisen haben, werden pragmatisch gelöst, so, als ob unsere Zufriedenheit gerade das wichtigste Anliegen ist. Man lässt sich mit uns fotografieren und freut sich, wenn wir uns revanchieren, ihre Bilder mitnehmen.

Über kleinere Unzulänglichkeiten im Service oder bei Leistungen, die wir einkaufen, schauen wir hinweg, weil fast nie der schlechte Vorsatz, sondern Unkenntnis die Ursache ist. Das lässt sich beheben. Manchmal zahlen wir mehr als Einheimische, aber ein systematisches “über-den-Tisch-gezogen-werden”, erleben wir selten und in den ländlichen Regionen überhaupt nicht. Wenn wir teilweise an die Grenze unserer Ausgabenfreudigkeit stoßen, dann eher, weil die institutionalisierten Entscheider über Eintrittspreise die Zahlungskraft von Touristen falsch einschätzen. Private Anbieter in den touristischen Hochburgen, wie etwa Bagan, lassen sich offenbar gerne von dieser Politik infizieren, aber bezogen auf das ganze Land, reden wir über Ausnahmen.

Myanmar ist nach unseren Erfahrungen nicht das hochpreisige Reiseland, wie manch einer meint, feststellen zu müssen. Wir bleiben im Rahmen unseres Budget für Südostasien, das bei 70 € / Tag liegt, ohne das Gefühl zu haben, deswegen schlechter zu reisen oder auf wesentliche Leistungen verzichten zu müssen. Was die Logistik und Infrastruktur angeht, Verkehr und Kommunikation angeht, haben wir in Myanmar keine Probleme. Straßen werden gebaut, erweitert, die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln funktionieren und wenn im Einzelfall einmal Taxis nötig sind, lässt sich das in aller Regel gut finanzieren. Benzin ist hierzulande für unsere Verhältnisse extrem günstig, das wirkt sich auch auf die Fahrpreise aus. Internet haben wir überall. Nicht unbedingt durch die Versorgung in Hotels oder Cafés, sondern weil wir schon von zuhause unseren eigenen Rooter mitgenommen haben und bei der Einreise eine preiswerte Simkarte kaufen. Das Mobilfunknetz in Myanmar ist stark.

Was den Reisealltag schwierig macht, sind beiderseits fehlende Sprachkenntnisse. Englisch, das in solchen Situationen als Sprachbrücke fungieren könnte, sprechen nur wenig Birmaner gut. Das ist schade, weil uns natürlich auch die dekorative birmanische, für uns nicht zu entziffernde Schrift nach wie vor ein Rätsel ist. Schilder, Straßennamen, Hinweise nicht lesen zu können, versetzt uns in den Zustand von Analphabeten. Egal, irgendwie haben wir es auch so geschafft. Nebenwirkung: Unsere pantomimischen Fertigkeiten sind inzwischen auf hohem Niveau angekommen.

Kulturelle und landschaftliche Highlights, die wir sehen durften, aber auch unsere Eindrücke von den Menschen, beschreiben wir ausführlich auf den nächsten Seiten, wie immer mit vielen eigenen Fotos.

Was bleibt, sind einige Fragezeichen, die übergreifend für das ganze Myanmar passen. Etwa der Anblick von Männern mit den blutroten Mäulern. An Kannibalismus mag der Unbedarfte denken oder den letzten Zombiefilm Romeros. Du triffst sie überall, beim Einkaufen, im Taxi oder vor Dir auf dem Motorrad, wenn Du durch die Stadt gondelst: Betelkauer! Nirgends, nicht einmal in Indien, haben wir so viele von ihnen entdeckt. Betel scheint die Volksdroge Nr. 1 in Myanmar zu sein. Billig, überall erhältlich, gesellschaftlich akzeptiert. Sogar Betel-Mönche (kein Schreibfehler, obwohl einige auch betteln) gibt es. Und jeder speit den roten Speichel. Wenn nicht auf die Straße, dann in einen Beutel, der irgendwie entsorgt wird. Ob Betel des Volkes Stimmung hochhält, wissen wir nicht, uns hat es manchmal den Appetit verschlagen.

Eher exotisch wirkt auf uns das Thanaka-Makeup. Es sind vorwiegend Frauen und Kinder, die sich in Myanmar die gelbliche Paste aus der geriebenen Rinde des indischen Holzapfelbaumes ins Gesicht streichen. Manchmal nur als ornamenthafte Muster, aber auch maskenhafte Vollbemalung sieht man. Schöne Haut soll Thanaka machen, vor Sonne schützen, Alterung verhindern, vor Krankheiten schützen, vielleicht auch attraktiver erscheinen lassen. Wie populär Thanaka ist, sehen wir auch in einigen Tempeln, wo Zubereitungsplätze und Materialien unentgeltlich angeboten werden.

Sehr beeindruckt waren wir zu sehen, welche Rolle die Frauen in Myanmar spielen. Selbstbewusst führen sie ihre Geschäfte, sei es auf ländlichen Märkten oder in urbaner Umgebung. Sie verkaufen, verhandeln, kochen, organisieren und managen. Frei wirken sie und stark. Ein Land, das so aufgestellt ist, sollte eigentlich keine Probleme haben, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Betel hin und Thanaka her, das Land ist vom ersten bis zum letzten Tag ein großes Erlebnis für uns. Myanmar ist gut für mehr als einen Aufenthalt; vor allem regt uns der erste Besuch kräftig an, über Exkursionen in weitere Landesteile nachzudenken. Auch Regionen, die bisher nicht den normalen Touristen offen stehen oder nur gegen teures Geld für geführte Gruppen zugänglich sind, möchten wir sehen. Myanmar bleibt spannend, deswegen sagen wir am Schluss unserer Reise nicht einfach “Tschüss” sondern gerne ein “Auf Wiedersehen”.

Yangon, Kalaw und Pindaya, Inle See, Mandalay, Monywa, Bagan, Bago, Golden Rock,   Hpa-an, Mawlamyine, Ye / Dawei / Maungmagan

 

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