Tinos

Schon einmal in Griechenland und ausgestattet mit ausreichend Zeit, wechseln wir von Naxos nach Tinos, das ebenfalls zur Gruppe der Kykladen zählt. Das Inselhüpfen ist leicht in diesen Zeiten, mit einem Netz an modernen Fähren, die faktisch jeden bewohnten Felsen erreichbar machen, ohne dafür extra zum Yachtbesitzer mutieren zu müssen. Das Angebot an Verbindungen erlaubt uns sogar eine Überfahrt zur Wunschzeit: Abfahrt gemütlich am frühen Nachmittag, so dass wir rechtzeitig vor dem Abendessen in der neuen Unterkunft einchecken können. Wir wählen den preisgünstigen Transfer mit der Autofähre und bezahlen für die gut zweistündige Überfahrt rund 20 € pro Passagier.

Der Blick von der Dachterrasse unserem Airbnb-Apartment auf die Hafenkulisse ist einfach überwältigend. Tinos ist durchaus ein Postkartenidyll und noch nicht so vom Massentourismus entdeckt wie seine Nachbarinseln.

Was diese Insel zu einem Magneten für viele Touristen macht: die Wallfahrtsbasilika der Jungfrau Maria.

Dass der Pilgertourismus, der für Tinos eine große Rolle spielt, auch seine Schattenseiten hat, sollen wir bereits am ersten Abend erfahren. Erste Lektion: Pilger sind offenbar so vom Zweck ihrer Reise besessen, dass die Qualität von gastronomischen Leistungen nicht so sehr im Fokus ihres Aufenthaltes steht und weltlicher orientierte Reisende wie wir erst mühsam danach suchen müssen.

Verwöhnt durch Naxos checken wir die Angebote in den Restaurants rund um den Hafen und geben schließlich genervt auf. Das Preis-Leistungsverhältnis wird hier anders definiert, als wir es kennen und schätzen, die Vorteile liegen eindeutig bei den Tavernenwirten am Hafen, wir sind etwas enttäuscht. Erst an den nächsten Tagen finden wir akzeptable Alternativen und zwar dort, wo ganz offensichtlich weniger Besucher hinfinden, nämlich im alten Hafen, weiter im Osten dort, wo die Promenade endet. Natürlich bietet die Insel noch bessere Möglichkeiten, aber dazu später mehr.

Die Stadt Tinos wird in jeder Hinsicht beherrscht durch die mächtige Wallfahrtsbasilika und das Treiben der Pilger, das in den Tagen um den 15. August jeden Jahres – Maria Himmelfahrt – seinen Höhepunkt findet. Aber auch jetzt, im Juni, ist bereits der Andrang groß. Sinnvoller Einstieg ins Geschehen ist die schnurgerade Straße, die vom Zentrum am Hafen steil nach oben zur Kirche führt. Nicht zu übersehen ist die Büßerkriechspur, rechts am Straßenrand, die mit einem einfachen Teppich belegt ist. Das ist auch schon der einzige Komfort für die Pilger, die sich entschließen, die Strecke zur Basilika in Demutshaltung, also kriechend oder auf Knien zu bewältigen. Auf knapp 1 km Länge schätzen wir die Distanz, die auch mit Kniepolstern aus dem Baumarkt, die hier angeboten werden, eine echte Tortur sein müssen. Aber es geht um Gnade, Vergebung und in erster Linie auch um Heilung, die die Gläubigen sich versprechen und von nichts kommt eben nichts. Diese Straße und die Parallelstraße sind übrigens typisch für Wallfahrtsorte: Bunte Andenkenläden säumen beide Seiten, Cafés und Boutiquen. Pilgertum bringt immer auch Umsatz, für alles und jeden, der mit Religion Geschäft betreibt. Das ist in diesem griechischen Lourdes nicht anders als etwa im indischen Varanasi.

Wir überholen einige Kriechende, möchten ihnen fast zurufen: „Du schaffst es, nur noch hundert Meter, Achtung da setzt jemand zur Überholung an …“ verkneifen uns natürlich Kommentare und Anfeuerungen und betreten aufrechten Hauptes die Wallfahrtskirche. Obwohl das Marienfest noch weit entfernt ist, wimmelt es von Gläubigen. Eine Warteschlange am Eingang macht klar, es braucht seine Zeit, will man hier alle Stationen durchlaufen.

Wer weniger an klerikalen Sehenswürdigkeiten interessiert ist, findet in der Altstadt durchaus wunderschöne, typisch kykladische Ecken, die es wert sind, fotografisch dokumentiert zu werden. Wir bummeln durch die kleinen Gassen und essen uns in den zahlreichen Patisserien durch die Auswahl an leckeren Keksen und Nougatspezialitäten.

Auch der gemütliche, kleine Fischerhafen gefällt uns. Hier sieht man noch Fischer, die morgens ihren Fang stolz präsentieren, Netze flicken oder miteinander plauschen.

Für die Erkundung der Insel überlegen wir zunächst, Touren mit dem öffentlichen Bus zu buchen, was theoretisch durchaus umsetzbar wäre. Sightseeing wird im Programm angeboten. Letztlich entscheiden wir uns jedoch, einen Wagen zu mieten, um uns den Sehenswürdigkeiten im eigenen Tempo widmen zu können. Außerdem möchten wir noch Strandbesuche im entlegeneren Teil der Insel einbauen, das passt nicht, muss man auf andere Fahrgäste Rücksicht nehmen. Für die Aktivitäten außerhalb von Tinos City rechnen wir 2 Tage, die in der Tat gut ausreichen. Ein Tipp: günstige Mietwagen finden sich, macht man einen Bogen um den Großanbieter, der überall seine Büros hat und seine Preise fast monopolartig im höheren Segment festsetzt.

Die Insel der Frommen, auf jeweils 80 Einwohner entfällt rein statistisch jeweils eine der insgesamt rund 1.000 Kirchen, bietet interessante Sehenswürdigkeiten und bergige Landschaften, die wir in zwei Etappen erkunden. Dabei sind es eher Kurzstrecken, die wir dafür über ein gut ausgebautes Straßennetz fahren müssen und uns mehr Zeit geben, für Besichtigungen oder das Chillen am Strand.

Unsere erste Tour führt uns aus Tinos heraus über die Hauptverbindung in den Nordwesten der Insel, zunächst zum kleinen Dorf Kampos. Einzigartig auf der Insel, so auch in diesem Dorf, sind die Taubenhäuser im venezianischen Stil, eckige Türme, geometrisch verziert. Die oberen Stockwerke sind als Taubenschlag gebaut und dienten einst Brieftauben als Unterschlupf, ihr Mist wurde landwirtschaftlich als Dünger genutzt. Übrigens gilt heutzutage Taubenfleisch auf Tinos immer noch als Delikatesse, eine für uns seltsame Vorstellung, den Postzusteller, wenn er seine Schuldigkeit getan hat, aufzutischen. Das Nachbardorf Tarampados ist ähnlich aufgebaut, kleine Gassen, weiße Häuser und eine Reihe von pittoresken Taubenhäusern um den Ort herum.

Weiter nach Westen legen wir einen Stopp ein in Kardiani. Je mehr sich unsere Straße an den Küstenverlauf anschmiegt, umso prächtiger werden die Ausblicke, die sich auftun. Wir sind hier relativ hoch und genießen das Panorama über den Buchten und die Sichten über das kristallblaue Meer. In Kardiani steigen wir in das Dorf hinein, das abenteuerlich in die Felsen gebaut ist, rustikale Häuschen, verbunden über Treppen, Stiege und verwinkelte Gassen. Heiß könnte es hier sein und einem die Lust am Ausforschen nehmen, wäre nicht der erfrischende Wind, der uns ständig Abkühlung verschafft.

Das nächste Ziel ist Pyrgos, Zentrum der Marmorproduktion und für uns letzte Station vor dem Strandbesuch. Schon bei der Anfahrt sticht der Ort wunderschön aus der kargen Landschaft heraus. Was uns auf der ganzen Insel immer wieder positiv auffällt, ist das Fehlen von Bezahlparkplätzen. Fehlt der Hinweis auf ein Parkverbot, lässt sich das Auto abstellen, ohne das Risiko abgeschleppt oder abgezockt zu werden. So auch hier in Pyrgos.

Wir nehmen uns die Zeit, den Ort ausführlicher zu besichtigen. In Pyrgos, der weißen Stadt, ist so gut wie alles aus dem heimischen Marmor gebaut und es gibt viel zu schauen. Für den Kunstinteressierten gibt es hier ein Marmormuseum und die Akademie der Bildenden Künste. Wir landen nach dem Durchqueren der Sträßlein, die zum größten Teil reine Fußgängezonen sind, wie die meisten Besucher auf der Plaza im Zentrum. Eine Handvoll Cafés unter einem mächtigen Bäumen laden ein zum Verweilen und zur Stärkung. Alles bei übersichtlichen Preisen und in freundlicher Atmosphäre.

Von Pyrgos ist es nicht mehr weit zum malerischen Panormos im Norden der Insel. Der Ort, bogenförmig um eine große Bucht herum gewachsen, wirkt auf Anhieb wie ein idealer Ferienort: schöne Tavernen an der langen Promenade, dazu eine Handvoll kleinerer Unterkünfte und Geschäfte. Fischerboote ankern hier und einige Sportboote. Ein überschaubarer, gemütlicher Ort, dem Hektik fremd ist.

Wir parken vor dem Ort und machen uns zu Fuß auf zum Strand Agia Thalassa, der gegenüber dem Hafen, auf der unbebauten Seite der Bucht liegt. Wie wir später herausfinden, ist sich der Weg auch für die Anfahrt mit dem PKW geeignet. Der Strand Agia Thalassa, den wir nach etwa 20 Minuten erreichen, ist für uns ideal. Eine Strandbar, schattenspendende Bäume, Liegestühle, knuffige Kuschelkissen und Sonnendächer, beschallt von chilliger Musik. Wir finden einen Platz und lassen es uns die nächsten Stunden gut gehen, bei bezahlbarem Service: 4 € für 2 Sitzkissen unterm Sonnendach sowie Badefreude, die es gratis gibt. Es gefällt uns so gut, dass wir am nächsten Tag wiederkommen.

Vom Thalassa-Strand aus gelangt man über einen kleinen Pfad nach ca. 10 Minuten zur Kavalourko-Bucht. Dieser Strandabschnitt ist nicht bewirtschaftet, dafür ist hier noch sehr natürlich und wunderschön.

Zurück in Panormos suchen wir uns eine Taverne und bereuen es nicht, hier unser Abendessen einzunehmen. Das Angebot scheint uns in jeder Beziehung besser als in Tinos. Auch das ein guter Grund, am nächsten Abend noch einmal im Ort einzukehren.

Übrigens, vom Pilgertreiben bekommt man hier nichts mit, es sind eher die einfachen weltlichen Freuden, welche die Menschen in diesen Teil der Insel locken: Entspannen, gut essen, gut trinken und die überwältigend schöne Bucht mit Hafen.

Bei der Rückfahrt, die uns erst am Meer entlang und später durchs Inselinnere führt, passieren wir eine wilde Landschaft mit grandiosen Ausblicken, einsame Dörfer und auch den Berg Exomvourgo. Nicht die höchste Erhebung auf Timos, aber vielleicht die seltsamste. Auf der einen Seite steil abfallend ist der Exomvourgo von der Rückseite flach und über eine lange ansteigende Ebene begehbar. Einst thronte dort eine Burg, die aber im frühen 18. Jhdt. von Türken zerstört wurde.

Unsere zweite Tagestour beginnt mit Kultur und zwar klerikaler, im Kloster Kechrovounio in Monastiri, nördlich von Tinos City. Der Komplex, den wir besuchen, gehört zu den kulturhistorischen Denkmälern der Insel, die man gesehen haben sollte.

Aber Vorsicht, hier ticken die Uhren noch anders. Obwohl Touristen durchaus häufig aufkreuzen, gerade als wir ankommen, parkt ein großer Bus mit 50 Besuchern, tut man sich im Kloster mit der Moderne etwas schwer. Hinter der Pforte lauert eine – fast wäre man geneigt zu sagen Frau – Kontrolleuse, die jeden Mann, der es wagt, in kurzen Hosen Einlass zu begehren, mit einem „No Bermuda!“ so brutal wegzischelt, dass er lieber draußen bleibt. Während meine Frau unbehelligt das Allerheiligste betreten und bestaunen darf, warte ich zusammen mit 15 – 20 kurzbehosten Männern, auf dem Vorhof. Ich weiß, Klöster werden immer noch überschätzt und gräme mich nicht übermäßig. Immerhin ist mir seit heute klar: Der Teufel trägt kurze Hosen.

Wir fahren weiter durch die raue Landschaft ins Landesinnere, umrunden den Exomvourgo, passieren viele urgemütliche Dörfer, und staunen über die unendlich viele Kirchlein..

Der Ort Volax, den wir über die Straße erreichen, die an der flachen Seite des Exomvourgo vorbeiführt, liegt auf einem Plateau, das belegt ist mit runden Felsbrocken in jeder Größe. Obwohl die Landschaft wirkt, als habe es Riesenkiesel vom Himmel geregnet, sind die Brocken entstanden durch Erosion. Volax, das auf seltsame Art wie in einem Niemandsland liegt, scheint konserviert aus der Vergangenheit im Heute gelandet zu sein.

Alle Gebäude sind rustikal, keines gleicht dem anderen. Da gibt es zerfallene Gebäude, vollständig mit Gedichten griechischer Lyriker beschrieben, hellenische Häuser, die bewohnt sind, Boutiquen und Restaurants, adrett hergerichtet, wie aus einem Katalog. Dazwischen viel Kunsthandwerk, denn hier wird noch der Kunst des Korbflechtens nachgegangen. Obwohl man im touristischen Musterdorf auch einkehren könnte, fahren wir weiter, erneut zum Strand in Thalassa, den Tag am Meer zu genießen.

Auch ohne PKW lassen sich von Tinos City aus Strände besuchen. Am Hafen startet eine Buslinie, die tagsüber alle 30 Minuten Passagiere an die 3 bis 5 km entfernten Badestrände bringen, bezahlt wird im Bus. Nicht so überwältigend ist es dort wie im Norden bei Panormou, aber die Strände sind stadtnah und immer noch besser, als den Nachmittag an der Mole in Tinos zu verbringen.

Tinos, so unser Fazit, ist auf seine Weise durchaus attraktiv. Obwohl es in unmittelbarer Nähe zu Mykonos liegt, wurde es vom Massentourismus als Urlaubsinsel noch verschont. Hier gibt es noch wunderschöne, unberührte Dörfer, viel Kunst und Kultur, herrliche Küsten, kulinarische Köstlichkeiten.

Wir meinen, ein Abstecher mit 4 bis 5 Übernachtungen ist Tinos durchaus Wert. Die Fähre zum Festland, Anleger Rafina, braucht 4 Stunden, nach Piräus dauert es eine Stunde länger. Wer weiter in die Kykladenwelt eindringen will, findet mit Tinos ein gutes Sprungbrett für den Besuch weiterer Inseln.

 

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