Tribal Tour

Auch im heutigen Indien gibt es noch indigene Völker, ethnische Minderheiten, die wenig berührt von der Moderne, nach eigenen Traditionen leben. So werden alleine in Odisha kulturell 62 Stämme unterschieden, von denen in den meisten Reiseführern kaum zu lesen ist. Da wir gerade die indische Ostküste für uns entdecken, beschließen wir spontan zu nutzen, dass Odisha seit den Schwierigkeiten in 2012 Ausländern (wieder) das Reisen in die Stammesgebiete erlaubt. Obwohl wir unsere Wege fast immer selbst organisieren, machen wir jetzt eine Ausnahme, da Fremde für eine Tribal Tour ein spezielles Permit brauchen und die Begleitung durch einen offiziellen Guide obligatorisch ist.

Wir ersparen uns den bürokratischen Dschungel und lassen alles durch eine Reiseagentur vorbereiten, die außerdem einen PKW sowie den orts-/sprachkundigen, chauffierenden Guide stellt. Für 5 Tage zu zweit bezahlen wir 630 €. Zugute kommt uns, dass wir vor Ort buchen, dadurch ist das Paket preisgünstiger, als in Deutschland. Ashish, der Sohn des Eigentümers der Agentur, informiert uns kompetent über Route, Ablauf und wissenswerte Details der Tour. Wir selbst nehmen uns fest vor, daraus keine Rundfahrt durch einen Menschenzoo werden zu lassen und mit den Menschen, die wir treffen, respektvoll umzugehen.

Unser Zielgebiet liegt im Südwesten Odishas, in den Distrikten Rayagada, Jeypore und Koraput. Taktisch klug beginnt die Tour am Montag und folgt dann den Terminen der Wochenmärkte der Region; den besten Gelegenheiten, Stammesbewohner zu treffen. So sind wir am Dienstag in Majhiguda, am Mittwoch in Chatikona, Donnerstag in Onkudelli und Freitag in Kunduli. Dazwischen besuchen wir Dörfer, die auf unserem Weg liegen und verbringen viele Stunden im Auto. Denn, auch wenn die Distanzen überschaubar sind, kommen wir hier nur mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h, manchmal sogar noch langsamer, voran.

Wir starten in Puri und brauchen 9 Stunden, ins Hochland zu kommen. Die Landschaften, die wir passieren, sind ausnehmend reizvoll: viel Grün, Wälder, Felder, Flüsse, Berge; mit die schönste Natur, die Odisha zu bieten hat.

Tigerreservate gibt es hier und Elefantenzonen, allerdings sichten wir weder die Raubkatzen noch die Rüsseltiere, dafür jedoch Affen, die sich hier zuhause fühlen.

Am späten Nachmittag erreichen wir die Eco Lodge in Pusangia, im Gebiet der Desia Kondh. Unser Fahrer macht uns auf die Stammesfrauen aufmerksam, die er „Tattoo-Face“ nennt.

Die Sitte, Gesichter der Mädchen zu tätowieren entstand, um sie so für die feudalen Womanizer der Rajafamilien unattraktiv zu machen. Rajas gibt es heute nicht mehr und die Tradition des Tätowierens hat sich somit erledigt. Sie ist fast nur noch an den älteren Frauen zu bestaunen.

Mehr erfahren wir am Morgen, unserer ersten Begegnung mit einem Dorf. Wir beschreiben sie ausführlicher, obwohl sie nicht exemplarisch ist, uns aber am meisten beeindruckt.

Der Tag beginnt kurz vor 6 in der Frühe. Wir brauchen Bewegung, wollen Laufen. Ein gnadenlos schöner Morgen erwartet uns. Die Laufstrecke ist ideal: frische, abgasfreie Luft, ein ebener Weg, keine Hunde und aus der Ferne tönt mystischer Hindugesang. Ein paar Einheimische sind auch schon unterwegs, sind freundlich und winken. Dann lösen sich einige Mädchen in Flipflops aus der Gruppe, um mit uns zu laufen, fröhlich halten sie Schritt. Nachher, im Dorf treffen wir sie wieder.

Über die Menschen hier wissen wir denkbar wenig. Sie verehren den Gott der Berge „Niyam Raja“ und sind bekannt für ihre Kunstfertigkeit. Die tätowierten Gesichter der Desia Kondh-Frauen, geometrisch angeordnete Linien, symbolisieren die Barthaare des Tigers.

Nach dem Frühstück wandern wir, diesmal mit unserem Guide, ins Dorf und entdecken dort auch die sportlichen Mädchen, die uns wiedererkennen. Obwohl Smalltalks über Dolmetscher schwierig sind, springt der Funke über. Die Frage, ob wir fotografieren dürfen, ergibt sich unverkrampft. Ja, es ist üblich, dafür 20 INR (= 25 Ct.) zu bezahlen. Wir erledigen das diskret, geben das Geld unserem Guide, der es der Frau zusteckt. Fotos entstehen nur einvernehmlich; wir präsentieren das Ergebnis immer sofort und erwähnen, dass wir die Bilder in Deutschland zeigen möchten. Die Frauen freut es, sie geben sich selbstbewusst und locker.

Über das Dorf erfahren wir jetzt mehr. Strom gibt es, Wasser aus dem Brunnen, eine ordentliche Zufahrtsstraße. Die Kinder gehen zur Schule, oder werden von den Eltern mit dem Fahrrad gebracht. Haupteinnahmequelle sind Landwirtschaft und Viehzucht. Offene Armut entdecken wir nirgends. Kulturell interessant: An einem Haus ist ein Büffelschädel befestigt, davor ein Schlachtblock. Büffel, so bedeutet man uns, sind die größten Tiere, die hier zu rituellen Anlässen immer noch geopfert werden. Freundliches Winken begleitet unseren Abschied.

So entspannt, wie bei unserem ersten Dorfbesuch, geht es nicht immer zu. In den insgesamt rund 10 Dörfern, die wir betreten, erleben das ganze Spektrum solcher Begegnungen. Oberflächliche „Besichtigungen“, bei denen wir uns unwohl fühlen, Zurückhaltung, die wir respektieren, Gleichgültigkeit, die uns nachdenklich macht, Aufdringlichkeit, wenn es um Verkaufen geht, auch anerlernte Betteleien von Kindern wie Erwachsenen und selbstsichere Souveränität, die Begegnung auf Augenhöhe erlaubt.

Tatsächlich sind die Märkte optimale Begegnungsorte. Da ist Öffentlichkeit. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen ist in so einem Umfeld natürlicher, als in der Intimität des eigenen Wohnortes. Auf dem Markt herrscht eine Win-Win-Situation. Wir erfreuen uns am Trubel, erleben Spezialitäten wie das rekordverdächtige Beladen von Jeeps mit 40 Leuten: Auf dem Dach und drunter, die Kühlerhaube besetzt mit Passagieren, so dass für den Fahrer nur ein Sehschlitz frei gelassen ist. Auf der anderen Seite bieten die Tribals Waren an oder lassen sich gegen Bares fotografieren, um Geld zu bekommen für eigene Einkäufe. Hier auf den Märkten, den sozialen Treffpunkten, finden auch die lokalen Saufgelage statt, die als (Un-)Sitte weithin berüchtigt sind.

In den Dörfern ist es anders. Dort blitzt der Alltag im Lebens des Stammes für uns zu kurz auf, als dass wir wirklich verstehen, was die Menschen bewegt. Ist es nachbarschaftliche Gemütlichkeit, weswegen die einen sich um Gassen und Häuser weniger kümmern, als die anderen oder ist es Lethargie? Arbeiten die Handwerker still vor sich hin, weil sie arm oder weil sie mehr am materiellen Erfolg interessiert sind? Warum wird in einem Dorf mehr gelacht als im anderen, oder gehört es zum guten Ton, teilnahmslos zu wirken? Wir erfahren es nicht. Auch nicht, wie die verstörende Situationen zu bewerten sind, wenn es ums Verkaufen geht, wenn alles, was Beine hat, sich auf uns zu bewegt, und wir nur noch das Wort „Money“ hören. Heftig bedrängt durch Kinder, Halbwüchsige und Erwachsene, es dann eine nur eine Frage der Zeit ist, wann wir Tribut entrichten und fliehen.

Ganz auffällig ist, dass die Mäner im Auftreten und Habitus beliebiger sind als die Frauen. Kaum ein Mann, der traditionell in Stammestracht gekleidet ist. Es gibt nur kleine Details, die etwas verraten, etwa Pfeil und Bogen unterm Arm, ein Werkzeug oder dezenter Schmuck.

Anders die Frauen, die traditioneller auftreten. Haartrachten, Kleidung, Schmuck, oder Tätowierungen lassen viel deutlicher erkennen, welcher Ethnie sie angehören. Da wir weder Hindu, geschweige denn irgendeinen Dialekt beherrschen, reduzieren sich unsere Chancen für noch präzisere Zuordnungen.

Wir notieren uns Stammesbezeichnungen, wissen, dass wir Desia Kondh, Dongarias, Parojas, Bondas und Gaddabas treffen. Wir erfahren auch, dass einige dieser Gruppen, etwa die Bondas, immer weniger werden, obwohl sie sich in ihrem Lebensraum immer noch bewusst abgrenzen und allein gelassen werden wollen. Odisha scheint das weitgehend zu respektieren und reglementiert den Besuch ihrer Gebiete, eine Maßnahme, die aus unserer Sicht wünschenswert ist.

Nach 5 Tagen endet unsere Fahrt; wir werden in der Großstadt Visakhapatnam abgesetzt. Für uns ein Kulturschock, eine gänzlich andere Welt. Es gibt viele Fragen, viele Eindrücke, Lob und Kritik. Auch im Rückblick sind wir froh, die Tribal Tour mitgemacht zu haben; schon die herrlichen Landschaften Odishas hätten wir anders kaum sehen können. Und natürlich wirken die Bilder noch lange nach. Uns gefallen die Märkte. Zweifel, richtig unterwegs zu sein, haben wir manchmal in dörflicher Umgebung, fühlen uns als Eindringlinge oder als Phantome, die niemand wahrnimmt. Und das, obwohl unsere Agentur zu denen rechnet, die nachhaltigen und verantwortungsvollen Tourismus betreiben. Vielleicht hilft unser Feedback, denn heute können noch Weichen gestellt werden, für weitere Entwicklungen, im Schlechten, aber am Liebsten wäre uns im Guten.

3 Gedanken zu „Tribal Tour

  1. Das muss ja echt eine krasse Erfahrung gewesen sein, wenn man nach so viel Idylle und Beschaulichkeit zurück in eine Großstadt kommt.
    Mich begeistern eure farbenfrohen Bilder, richtige Charakterstudien von den Tribals, habt ihr da zusammengetragen.

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