Du weisst, dass Du in India bist…

Oft waren wir in Indien und wenn wir nach zurückgelegten Kilometern rechnen oder zusammenzählen, wie viele Regionen und Orte wir dort besucht haben, müssten wir uns eigentlich einbilden, dass wir dabei zu Experten mutiert sind, die Hindustan aus dem Effeff kennen wie sonst niemand. Oder etwa nicht? Tatsächlich schleicht sich die schlichte Erkenntnis ein, dass ein Land wie Indien den Aufbau eines gesicherten Erfahrungswissens gar nicht zulässt, weil nämlich erstens, es dort immer anders kommt, als man denkt und zweitens, jeder Reisende einsehen muss, dass er eigentlich gar nichts weiß.

Wer weiß, vielleicht erfüllt jeder Besuch immer nur den philosophischen Zweck, die eigenen Vorurteile abzugleichen, um sie dann auf einer höheren Ebene neu zu gruppieren.

Als kleine Orientierungshilfe für Erstbesucher Indiens und Gedächtnisstütze für alle, die schon da waren, möchten wir die Reihe unserer kleinen Breviere „Du weißt, dass Du in ….. bist“ mit diesem unglaublichen Land fortsetzen.

Du weißt also, dass Du in India bist, wenn ….

  • Du vertraute englische Worte vernimmst, sogar Sätze, die implizieren, dass Konversation stattfindet, Du aber nur Bahnhof verstehst, obwohl das gar nicht das Thema sein könnte. Ja, es scheint, dass Englisch in Indien total anders interpretiert wird, als wir es gelernt haben, dass was wir hören ein Kauderwelsch ist, bei dem Aussprache und Vokabeln nichts mit dem zu tun haben, was der Rest der Welt damit anstellt. Also, kein Grund an den eigenen Fähigkeiten zu verzweifeln oder sich als polyglotter Totalversager zu fühlen, denn sogar englische Muttersprachler kommen hier an ihre Grenzen.  

 

  • Du Männer erblickst, mit Kopfbedeckungen, die Dir den Atem stocken lassen, weil sie recht unorthodox sind und höchst kreativ. Gegenstände, die wir im Alltag ganz anders verwenden, finden auf dem Kopf des indischen Mannes Platz: Bretter, Körbe, Plastikbeutel, Handtücher, Sitzkissen, Säcke und sogar Unterhosen, letztere um nach einem Bad im heiligen Ganges auf dem Haupt getrocknet zu werden. Fremdschämen ist den Indern fremd und erlaubt ist, was gefällt. Sozialverträglich scheint das allemal, weil nur der Tourist sich wundert. Einheimische zucken beim Anblick solch abenteuerlicher Kreationen nicht mal mit der Wimper. Erlaubt doch diese Toleranz, am nächsten Tag selbst noch Verrückteres aufs Haupt zu setzen, etwa ein Huhn, frisch erworben auf dem Wochenmarkt.

  • Du im Zug zufrieden feststellst, dass es bis zur Ankunft noch 45 Minuten dauert, aber im Abteil eine seltsame Hektik aufkommt, Koffer aus der Ablage genestelt, Saris resolut geordnet, Taschen gewuchtet und Kinder aus ihren Sitzen hochzerrt werden und alles zum Ausgang strömt, um dort, wie bei einem Formel-1-Rennen, die Pole-Position zu besetzen. Erst einmal am Ende des Abteils platziert, machen indische Reisende dann jedes Durchkommen unmöglich. Wer jetzt noch zum WC will, hat den besten Zeitpunkt verpasst, die Phalanx der Aussteigewilligen ist unknackbar. Hat diese kollektive Panik vielleicht mit einem Trieb zu tun, der auch bei Lemmingen vorkommt? Auf indischen Webseiten erfahren wir mehr. Immer wieder wird Indian Railway vorgeworfen, dass Stopps zu kurz bemessen sind und – oh Schreck – weil Türen blockieren, Leute bis zur nächsten Station im Zug gefangen sind oder nicht zusteigen können. Stimmt, letzteres haben wir schon selbst erlebt.

 

  • Dir klar wird, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten nicht eine gerade Linie ist, sondern der verschlungene Weg, mit Offiziellen an jeder Ecke, die Formulare vorhalten oder abstempeln wollen. Wir haben nie verstanden, warum wir beim Kauf eines Eisenbahntickets einen Antrag ausfüllen müssen und in winzige Zeilen Unleserliches eingetragen, das wir ohnehin Buchstabe für Buchstabe noch einmal vorlesen.Eine Ahnung haben wir, wozu diese monströse Bürokratie überhaupt existiert: Ist nicht das System India eigentlich ein gigantischer Beschäftigungsplan, um zich Millionen Arbeitsplätze zu begründen und das Land sozial zu befrieden? Nicht auszudenken, was ein Kehraus der Bürokratie hinterlassen würde. Nur gut, dass im richtigen Leben immer dann, wenn gar nichts mehr gehen will, eine pragmatische Lösung auftaucht. Denn im Grunde genommen ist in India nichts unmöglich

 

  • Du ein Problem vorträgst, einen Wunsch äußerst, etwas fragst oder einfach nur eine Meinung hören möchtest, aber seltsam irritiert bist, weil dein Gegenüber unablässig mit dem Kopf wackelt. Das ist kein Nicken, wie Du es kennst oder Kopfschütteln, vielmehr eine wiegende Bewegung, vergleichbar der Schlange Kaa im Dschungelbuch. Neulinge in Indien versuchen die Botschaft des Kopfwackelns durch gezieltes Fragen auf den Punkt zu bringen mit einem „yes or no?“ was aber nicht hilft, weil die Antwort nonverbal und weiterhin ein Wackeln ist. So ist es eben, das rätselhafte Indien lässt uns nie vergessen, wo wir gerade sind.

 

  • Du ermattet vom strapaziösen Reisen anhältst, Unterkunft zu finden und das scheinbar einzige Zimmer der Herberge voller Leute, Tischen und Stühlen ist. Dich vergewissernd, dass auf dem Schild das Dich anlockte wirklich das Wort “Hotel” steht, dämmert Dir, dass nicht überall wo Hotel dran steht, auch eines drin ist.Entweder wird mit dem Begriff in diesem Land viel mehr assoziiert, als wir uns träumen lassen oder die Betreiber solcher Fakehotels nehmen sich die Freiheit, höhere Ambitionen zu verkünden. Wer wäre nicht lieber Hotelier statt Kneipenbesitzer. Wie auch immer, die Doppeldeutigkeit verwirrt, denn natürlich gibt es in India Massen von Hotels, die sich zurecht als solche anpreisen. Zum Glück, denn wir wissen nicht, ob wir im Falle eines Falles unter einer Anrichte übernachten würden.

 

  • Du als Mann feststellst, dass die unbedeckten Flächen zwischen deinen Knien und Füßen viel wichtiger sind, als der nackte Oberkörper deines Nebenmannes. Du bist gerade dabei, einen Tempel zu besichtigen, stehst, so wie es der Anstand verlangt, barfuß vor einem grimmigen Wächter, der Dir den Zutritt verwehrt, weil Du Shorts trägst. Nicht etwa Hotpants oder einen String wie Borat. Maxi-Rock tragende Männer dagegen, auch wenn sie oben ohne auftauchen, passieren den Wächter immer. Warum das so ist, fragst Du, bevor Du den Lungi, der Dir gnädigerweise geliehen wird, anlegst. Ganz simpel, die Götter des hinduistischen Olymps wollen das Herz der Gläubigen sehen. Was lehrt uns das? Zum einen, dass auch höhere Wesen nicht durch Textil schauen können, wie moderne Körperscanner, zum anderen, dass sie bei allen anatomischen Kenntnissen vergessen, dass einem Mann das Herz schon mal in die Hosen rutschen kann.

 

  • Du in einer Ansammlung von Baracken, Abfällen und schlechter Luft keine Minute länger bleiben möchtest, weil der ungeschminkte Anblick von Elend den Reflex auslöst, nur noch weg zu wollen. Vielleicht verharrst Du trotzdem, weil da Menschen sind, die herzlich lächeln und grüßen. Vielleicht hältst Du inne und reflektierst, wie gut es Dir geht, mit all den Privilegien Deiner Herkunft. Vielleicht dämmert es Dir, dass Du jeden Anlass hast, glücklich zu sein, wenn selbst die Menschen, denen scheinbar alles fehlt, Dir freundlich begegnen. India ist immer noch das Land der krassen Widersprüche, wo sich die brutale Realität der Armut nicht einfach übersehen lässt und oft gleich nebenan der Wohlstand tobt, mit fetten SUV und deren wohlgenährten Insassen 

 

  • Du in einer engen Gasse, hinterrücks von einem LKW angehupt wirst, der nach den Gesetzen der Physik dort gar keinen Platz finden kann und feststellst, es ist nur ein Moped mit überdimensionalem Horn.  Straßenfüllendes, trommelfellberstendes Hupen ist in India so penetrant allgegenwärtig wie ein eingefleischter Tinnitus. Niemand, der unterwegs ist, mit Ausnahme von Fußgängern, der darauf verzichten würde. Wahrscheinlich glauben Fahrer, sie könnten damit Staus zerbersten lassen, wie Josuas Trompeten die Mauern von Jericho. Und selbst, wenn freie Fahrt herrscht, taucht ein Laster vor Dir auf, mit einem Schild und dem Imperativ „Blow Horn“, auf dass niemand den Geräuschpegel sinken lässt. 

 

  • Du Dich vor einem Bahnübergang freust, dass der endlose Güterzug endlich vorbei gefahren ist und sich die Schranke gleich öffnet, der Stau vor Dir aber wie festgemauert steht. Oft erklärt sich nach wenigen erzwungenen Wartephasen das Mysterium der Langsamkeit: Stehen sich zwei Fahrzeugschlangen gegenüber, nur getrennt durch einen Bahnübergang, prescht man nach Wegfall des Hindernisses so aufeinander los, dass ein Knoten entsteht. Denn nach dem Highlander-Prinzip gibt es in India nur einen, der Vorfahrt hat und das ist niemals der andere.

 

  • Du Dir vornimmst, dort zu schlendern, wo die Städtebauer offenbar ein Reservat für das schwächste Glied im Verkehr, also den Fußgänger, bauen wollten, dort aber mehr Hindernisse aufgestellt sind, als bei einem olympischen Hürdenlauf. Gehwege sind zwar auch in India meist autofreie Zonen, was jedoch nicht bedeutet, dass dort geschütztes Flanieren möglich ist. Tatsächlich sind sie umfunktioniert zu Verkaufsständen, Lagerflächen, Mikro-Mülldeponien, Ställen, Pissoirs, Schlafstellen für Obdachlose oder Platzhalter für Wahlplakate. Orte also, auf denen sich der kollektive Ideenreichtum eines Volkes präsentiert, dem nichts heilig ist, außer seinen Göttern und Regeln soviel zählen wie der erfolgreichste Wert, den indische Mathematiker erfunden haben, nämlich Null.

 

  • Du Fahrzeuge erblickst, die mit dem Vielfachen an menschlicher oder sonstiger Fracht beladen sind, die Du einem 4-/ 3-/ oder 2-rädrige Vehikel zumuten würdest. Es ist irre, wie in India das Prinzip, mit geringstmöglichen Mitteln eine maximale Transportkapazität zu erreichen, auf die Spitze getrieben wird. 3 oder 4 Leute auf einem Moped ist Standard und Pickups, die durch ihre Last abnorm aufgebläht wirken sind die Regel. Willst Du großes Kino erleben, setz Dich an eine Straße und beobachte den Verkehr. Aber nicht erschrecken, manchmal tauchen Tiere auf, wie aus dem Zoo: Elefanten oder Kamele, die einen archaischen Wagen ziehen. Selbstredend überladen, aber das gehört hier dazu.

 

Siehe auch “seltsames Indien 1” und “seltsames Indien 2”

All dies gehört zu Incredible India und sicher noch viel mehr, das fortzuschreiben wir uns gerne vornehmen.

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