Von Tamil Nadu ins Seevetal

Wenn Du rundreist kommt irgendwann der Wende-Punkt, von dem ab die Entfernung nach Hause immer kürzer wird. Darauf steuern wir, immer noch in Tamil Nadu, langsam aber sicher zu und liegen damit voll im Plan. Das ist kein Selbstgänger, weil das Wetter uns einige Kopfschmerzen bereitet. Wir setzen aber auf Risiko, vertrauen darauf, dass uns weder Monsun noch Zyklone erwischen werden und haben fast recht. Das Unwetter aus dem Golf von Bengalen macht um uns herum 15.000 Bäume platt, führt zu Überschwemmungen und lässt tausende von Fischern in Seenot geraten, aber wir kommen relativ ungeschoren davon und bleiben unserem Reiseplan treu.

Mit dem Bus geht es von Kumbakonam nach Thanjavur. Für die 75 Minuten Fahrt im grünen Expressbus bezahlen wir zusammen 100 INR, also schlappe 1,32 €, Gepäck eingeschlossen. Bequemlichkeit ist etwas anderes, aber man kann es drehn wie man will, Busfahren ist in Indien immer noch die unkomplizierteste Beförderungsart, vor allem bei Kurz- und Mittelstrecken. Einfach zum nächsten Busbahnhof fahren, dort das Ziel nennen und in aller Regel steht dann eines dieser monströsen Gefährte bereit zur Abfahrt. Wir müssen niemals mehr als 15 Minuten warten, bis es losgeht.

Tickets werden im Bus, beim Kassierer, gekauft. Man setzt sich hin, wo es gerade passt, handelt kurz aus, wo die Reisetaschen abzustellen sind. Ab geht’s. Zugegeben, meist nicht schneller als mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 – 40 km/Std. Aber Zeit ist nicht das Problem. Eher die Bedingungen während der Fahrt, als da wären Hupenlärm mit Dezibeln, die Trommelfelle zerbersten lassen, und schrille Musik aus Monsterlautsprechern.

Die Straßen sind zwar meist so gut, dass die Schlinger- und Ruckelbewegungen der ungefederten Busse erträglich sind. Doch Speed Breaker und vereinzelte Schlaglöcher sorgen dafür, dass wir niemals vergessen: Wir sind in Indien unterwegs. Wir wollen nicht klagen, aber immer, wenn wir einen Bus am Ziel verlassen,erleben wir spontane Glücksmomente. Und das alles für kleines Geld.

Wie wir Thanjavur erkunden beschreiben wir hier.

Nach einigen Tagen brechen wir auf nach Trichy, wieder per Bus. Es soll unsere vorerst letzte Busfahrt in dieser Saison sein, Entfernung knappe 50 km für 82 INR. Der Busfahrer versteht es, uns den Abschied von diesem Verkehrsmittel zu erleichtern. Der bedauernswerte Mann hat wohl über die Jahre sein Gehör eingebüßt. Er bekommt absolut nichts mit vom akustischen Terror, den er erzeugt. Aber er weiß, dass er immer freie Fahrt bekommt, wenn er einen bestimmten Schalter (nämlich die Hupe) betätigt und es freut ihn sichtlich, dass dann jeder voller Schrecken zur Seite brescht.

Trichy, wo wir uns einige Tage aufhalten, ist größer als wir uns vorstellten und präsentiert sich ein wenig anders, als die typischen Pilgerorte, die wir bisher aus Tamil Nadu kennen. Unseren Bericht findet Ihr hier.

Wir wollen von hier aus Richtung Norden, scheuen aber, die Etappe von rund 300 km mit dem Bus zu fahren. Da passt es ganz ausgezeichnet, dass Trichy nicht nur einen Bahnhof hat, sondern von Indian Railway sogar zu Zeiten angefahren wird, die uns eine Weiterreise über Schienen erlaubt.

Unsere Tickets besorgen wir vorsorglich bereits im Bahnhof von Pondicherry als wir feststellen, dass eine Online Rservierung für den Vaigai Express keinen Sinn macht, da die Warteliste voll ist. Ein persönliches Erscheinen am Schalter gibt uns mehr Optionen. Entweder bekommen wir Vorzugskarten über das Ausländerkontigent oder einen Tipp, wie wir unsere Chancen verbessern, an unserem Wunschtag noch Sitzplätze zu erhalten. Tatsächlich hat der Beamte in Pondicherry eine Idee. Wir sollen bereits ab Madurai buchen, wo der Zug eingesetzt wird. Die Mehrkosten sind überschaubar, durch den Rabatt für Senioren sind wir ohnehin günstig dabei, mit ca 15 € für beide in der 2. Klasse AC. Am Morgen unserer Abreise bekommen wir die offizielle Bestätigung, dass die Reservierung klappt, sowie unsere Platznummern.

Unser Zug hat das Prädikat SF (= Super Fast) und soll die Strecke in 4 Stunden schaffen. Dass am Ende wegen einer Verspätung eine Fahrzeit von 5 Stunden daraus wird, stört uns nicht besonders. Von Chengalpattu fahren wir mit einem braunen Expressbus, für 36 INR, also keine 50 Ct. nach Mamallapuram, unserer letzte Station in Tamil Nadu. Natürlich gibt es auch dazu einen Bericht, der hier zu finden ist.

Unser Aufenthalt in Indien neigt sich seinem Ende zu. Wir halten das Versprechen, das wir uns selbst gegeben haben, und steigen in keinen öffentlichen Bus mehr. Von Mamallapuram nehmen wir ein Taxi zum Flughafen in Chennai. Für die 90 Minuten bezahlen wir 1.300 INR, das entspricht etwa17 €.

Mit Indigo fliegen wir bis Delhi. Nicht ganz unbeschwert, da bereits seit mehreren Wochen schwerer Smog über der Stadt liegt. Aber wir haben keine Alternative; der Rückflug nach Deutschland lässt sich nicht umbuchen.

2 Tage haben wir in der Hauptstadt Indiens, die wir nutzen, uns mit einer Freundin zu treffen, die zufällig zum gleichen Zeitpunkt dort ist, und noch einiges an Besichtigungen nachzuholen. Wie es uns in Delhi ergeht, beschreiben wir hier.

Nicht ganz unerwartet, aber früher als erwartet, treffen wir auf das schlechte Wetter, das gerade in Europa herrscht. Am Flughafen erfahren wir, dass unser Flieger von der Swiss Air wohl mit wenigstens 2 Stunden Verspätung eintreffen wird. Da wir in Zürich allerdings regulär nur ein Zeitfenster von 1,5 Stunden für das Umsteigen in den Anschlussflug nach Hamburg haben, befürchten wir Komplikationen. Schlussendlich bleiben uns die erspart. Das Buchungssystem verschiebt uns in eine Lufthansa Maschine, die bereits etwas früher startet und nach München fliegt. Am Ende sind wir, Glückes Geschick, sogar 1 Stunde früher zuhause als geplant. Ein kleines Wunder, bei der Gesellschaft mit dem Kranich, die sonst eher mit Verspätungen aufwartet. Dass wir leider nicht das gute Frühstück von Swiss Air bekommen, sondern ein liebloses Lufthansa-Billig-Gedeck, verschmerzen wir.

Auf der S-Bahn-Fahrt vom Flughafen in den Süden Hamburgs begrüßt uns das Hamburger Schmuddelwetter mit dem, was es im Dezember am besten beherrscht: Schneematsch und Temperaturen um Null Grad. Solche Konstellationen lassen die Wärme Südindiens vermissen. Egal, zunächst gilt es, den Jetlag zu überwinden und – being always on the bright side of life – wir freuen uns natürlich ungemein auf ein paar Tage Vorweihnachtszeit in Norddeutschland, mit allem, was dazu gehört.

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