Jianshui

Einen angenehmen Zwischenstopp auf unserem Weg weiter in den Süden erhoffen wir uns in Jianshui, einer Provinzstadt, um die 200 km entfernt von Kunming, mit einem historischen Kern. Irgendwie spielt dieser Ort nicht in einer Klasse mit Dali oder Lijian, was aber nichts Schlimmes sein muss, sondern im Gegenteil Hoffnung macht. Dass die Region etwas bescheidener bewertet wird, lässt bereits das Verkehrsmittel ahnen, mit dem wir anreisen. Ein alter Zug, kein schnittiger mit Hochgeschwindigkeit, der zwar pünktlich abfährt, aber rucklig, zucklig fast 4 Stunden braucht bis zur Ankunft.

Vom außerhalb gelegenen Bahnhof gehts per Taxi zum Hotel. Auch das nichts Ungewöhnliches. Überraschend ist allerdings, was wir sehen, je näher wir der Altstadt kommen. Beiderseits der Straße prächtige, historische Fassaden, alte Wohnhäuser mit Charme und Stil, individuell und nicht wie Klone aus der Retorte. Auf einem breiten, ausgebauten Mittelstreifen reihen sich offene Pavillons aneinander, wie anderswo die Parkbänke. Da sitzt man gerade gemütlich zusammen. Nicht etwa Touristen, sondern Einheimische.

Ist das die Altstadt, die wir schon seit Wochen suchen? Authentisch, gepflegt ohne „geleckt“ zu sein, mit einem Wohlfühl-Flair, das unaufdringlich zum Bummeln einlädt, ohne den üblichen Instant-Karma-Massen-Tourismus? Jianshui entpuppt sich tatsächlich als ein Ort, der Vergangenheit aufbewahrt und pragmatisch mit der Gegenwart verknüpft hat. Eine Oase, die im harten Wettbewerb des Fremdenverkehrs existiert, ohne sich zum Lakaien des billigen Massengeschäfts zu machen und dennoch erschwinglich ist.

Jianshui hat eine Vergangenheit auf dem Buckel, die 1.200 Jahre zurückreicht und in seiner Blütezeit war es ein wichtiger Meilenstein für den Handel über die Südseidenstraße. Aus jenen Zeiten stammen die Sehenswürdigkeiten, fast alle in der Altstadt gelegen, ein lebendiges Museum ohne Eintrittsgeld.

Wer mit dem Zug oder Bus ankommt passiert auf der Fahrt in die Altstadt ein riesiges Bauwerk auf rotem Sockel, das „Chaoyang-Tor“, das wir in den nächsten Tagen näher betrachten. Seine herausragende Optik wird nachts gekonnt durch Scheinwerfer betont. Als wir näher kommen, dringen aus dem Tunnel, der durch das Gebäude führt, Orgelklänge. Wohl eine Fuge von Bach, von einem Straßenmusiker klassisch intoniert. Diese feierliche Stimmung endet auf dem großen Platz vor dem Tor, dort sorgen andere Klänge für Bewegung. Leute tanzen zu populärer Musik, zwanglos und mitreißend, modernes und folkloristisches. Der Platz ist unangefochten sozialer Mittelpunkt Jianshuis, eigentlich ist dort immer etwas los. Morgens finden sich die Vogelhändler ein, dann die Alten mit ihren Brettspielen und eigenen Fans, dazwischen Touristen, mit Kameras und Selfie-Apparaturen.

Wohl jeder wird sich auf einen Bummel über die Han Lin Road zwischen den Stadttoren einlassen; der entspannte Verkehr macht es einfach, unterwegs zu sein. Restaurants und Geschäfte zum Schauen gibt es genug, keine Stereotypen übrigens, sondern ein gewachsenes Quartier mit wenig Ramsch. Zwischen den Läden, die in dekorativen Gebäuden untergebracht, finden wir den Eingang zum Konfuzius Tempel.

Über 700 Jahre alt ist diese Anlage und drittgrößte ihrer Art in ganz China. Es braucht Rhetorik, das Personal im Kartenhäuschen davon zu überzeugen, dass auch ältere Ausländer nur ein halbes Ticket brauchen. Schließlich klappt’s, wir zahlen 40 + 20 Yuan und sind drin. Der weitläufige Park mit See und der dahinterliegende Tempelkomplex in konfuzianischer Ästhetik sind übrigens ideal, um zu entschleunigen. Vor allem, wenn man einige süße Backwaren dabei hat, draußen noch schnell beim Bäcker besorgt.

Leicht zu finden, weil zentrumsnah, sind die Gärten der Familie Zhu, eine Anlage der besonderen Art. Die einst bedeutende Familie Zhu hat hier über Generationen einen abgeschlossenen Komplex erbaut, aus Wohnhäusern, Teichen, Ahnenhallen und Ziergärten. Wer wissen möchte, wie sich herrschaftliches Leben im alten China angefühlt hat, sollte Zeit für eine Besichtigung einplanen. Auch wenn das Personal hartleibig ist und nichtchinesische Senioren ohne Rabatt mit 35 Yian zur Kasse bittet. Hinter dem Eingang tut sich eine andere Welt auf. Überall stehen außerordentlich kunstvoll gezüchtete Bonsais, die wir in dieser Qualität und Fülle noch nirgends gesehen haben.

Erspart haben wir uns die in der Neuzeit entstanden Teile der Anlage. Der Gegensatz zwischen Alt und Neu, Ästhetik und Kitsch ist so krass, dass wir die modernen Ergänzungen schneller verlassen als wir hineingefunden haben und unsere Zeit lieber dem klassischen Garten widmen.

Die Stadtbesichtigung verbinden wir mit einem kleinen Ausflug vor die Tore Jianshuis. Mit dem Taxi fahren wir zur „Doppeldrachenbrücke“, die etwa 3,5 km entfernt ist. Die Brücke mag zwar nicht zu den ältesten zählen, sie ist keine 200 Jahre alt, aber sicherlich zu den schönsten ganz Chinas.

Seltsam, dass hier noch keine Tickethäuschen stehen; die Besichtigung ist – für China sehr ungewöhnlich – umsonst. Weil das Wetter so schön ist und unsere Stimmung ebenso, spazieren wir zur Stadt zurück. Immer am kleinen idyllischen Fluss entlang, durch schmale Parkanlagen und entlang bewirtschafteter Felder.

Jianshui, so unser Fazit, ist eine sehr sympathische Stadt, die man, wenn man sie erst einmal entdeckt hat, nicht so leicht vergisst. Möge Jianshui das Schicksal der großen Tourismusstädte erspart bleiben, ist wohl das Gescheiteste, was man dem Ort wünschen kann.

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