Amritsar

Seit einigen Jahren, genauer gesagt, seitdem Indien und Pakistan ihre Differenzen regelmäßig zu politischen Konflikten stilisieren, gehört Amritsar nicht mehr zum Standard Anlaufpunkt für Indienreisende. Manch einer der älteren Traveller wird vielleicht noch die Zeiten erinnern, als nach langen, teils tristen Überlandfahrten, die Farbigkeit Indiens sich für ihn genau in dieser Grenzstadt zum ersten Mal präsentierte.

Heute, wo selbst Backpacker die Strecke nach Indien per Flugzeug machen und meist in Delhi oder Mumbai landen, ist Amritsar eher ein Besuchspunkt geworden, den man als Extra buchen muss. Aber, es lohnt sich allemal. Zum einen, wegen der Sikhs und zum anderen, wegen der erwähnten Grenznähe zu Pakistan. Am besten vielleicht mit einer Tour zum Tempel und zur Grenze.

Obwohl die Anhänger Sikhismus insgesamt in Indien gerade mal einen Anteil von schlappen 2% an der Gesamtbevölkerung ausmachen, werden die meisten sich eine Vorstellung machen können, wie Sikhs aussehen, zumindest die männlichen: Oft sind es kräftige Typen, mit speziellen Turbanen und eingerollten Bärten. Unterm Turban ist das Haupthaar verborgen, das – genauso wie der Bart – bei gläubigen Sikhs niemals geschnitten werden darf, so wie beim Samson des Alten Testaments.

Die Mehrzahl des Sikhs lebt im Bundesstaat Punjab, wo sich in Amritsar auch ihr größtes Heiligtum Hari Mandir, der Goldene Tempel, befindet. Diese Anlage ist für viele Indienbesucher Hauptgrund, die Stadt zu besuchen.

Der Tempelkomplex ist großflächig von Mauern und Palastgebäuden umgeben und birgt im Inneren einen See mit einer Insel, auf der ein mit Blattgold belegter Tempel steht. Das zu sehen, war unser Ziel. Und natürlich wollten wir, schon einmal dort, alle optischen Effekte, die eine auf- oder untergehende Sonne auf purem Gold erzeugt, fotografisch festhalten. Da der Tempel im Prinzip immer geöffnet ist, sollte sich das einrichten lassen.

Anders, als in vielen Tempeln anderer Religionen, öffnen die Sikhs jedem Besucher ihre heiligen Pforten, wenn man sich an gewisse Regeln hält. Der Kopf muss immer bedeckt sein. Allerdings werden Mützen nicht akzeptiert und im Zweifel entscheidet ein Tempelwächter, dass stattdessen ein Kopflappen anzulegen ist. Die liegen, unentgeltlich in großen Körben an den Eingängen. Schuhe und Socken sind abzulegen, die Füße werden vor Betreten in einem Becken gewaschen und niemand darf Genussmittel, wie Tabak oder Alkohol, mit hinein nehmen. Schuhe, Socken und Unerlaubtes können übrigens zur Aufbewahrung abgegeben werden.

Der Tempel hat eine großartige Ausstrahlung, schon deswegen, weil über Lautsprecher den ganzen Tag religiöse Gesänge zu hören sind. Die Pilger wirken ergriffen und andächtig, singen zum Teil mit, und all das trägt zu einer durchaus auch den Ungläubigen beeindruckenden Atmosphäre bei, genau wie die martialisch erscheinenden Wächter oder farbenprächtig geschmückten Pilger.

Amritsar hat einen weiteren Höhepunkt zu bieten, der allerdings etwas außerhalb der Stadt, nämlich am Grenzübergang liegt. Dorthin fahren jeden Tag am Spätnachmittag Busse und Taxis, vollbesetzt mit Schaulustigen, die sich aufmachen, die Grenzschliessung zu begleiten. Inder wie Pakistanis haben aus dieser Sache ein mächtiges Spektakel gemacht. Ja, es lohnt sich, das sollte man einmal gesehen haben. Als Ausländer bekommt man am Grenzübergang, wo auf beiden Seiten riesige Tribünen aufgebaut sind, sogar einen VIP-Platz, von dem aus man eine besonderes gute Sicht hat. Das alles hat Volksfestcharakter und bringt den heran gekarrten Schulklassen, aber auch Erwachsenen offenbar eine Menge Spaß.

Was ist zu sehen? Auf jeder Seite ihrer Grenze haben Inder und Pakistanis Elitesoldaten in prächtigen Uniformen aufgestellt. Sobald die offizielle Zeremonie begonnen hat, marschieren Inder und Pakistanis im Stechschritt und gespielter Aggressivität aufeinander zu und holen ihre Flaggen ein. Jeder Schritt, jede Bewegung ist absolut synchron und aufeinander abgestimmt. Es wäre fatal, vielleicht sogar Grund für einen neuen Krieg, würde die Flagge des einen Landes beim Einholen auch nur einen Millimeter unterhalb der des Nachbarn sein. Die Unterstützer auf beiden Seiten, übrigens deutlich mehr auf indischer Seite als gegenüber, begleiten den gesamten Ablauf wie ein Fußballspiel mit Klatschen, Jubel und lautstarker Begeisterung.

Wie schon gesagt, ein Muss für jeden Amritsar-Reisenden. Ansonsten macht es durchaus Spaß, sich die Bezirke um den Tempel herum anzuschauen, die mit Verkaufsständen, Andenkenläden und Restaurants gepflastert sind.

Zum Entschleunigen lädt der Park ein, eigentlich ein Gedenkort, der an ein Massaker erinnert, das 1913 von den damaligen englischen Kolonialherren begangen wurde und heute noch die Besucher dieses Ortes erregt.

Unser Tipp für Amritsar: Wir haben im Hotel City Heart, ganz nah am Goldenen Tempel, übernachtet!