Kawah Ijen

Wie die Idee geboren wurde, von Bali nach Java überzusetzen um dort das Gebiet um den Vulkan Ijen zu besuchen, lässt sich im Nachhinein kaum noch rekonstruieren. Wahrscheinlich spielten einige Faktoren zusammen: Die Nähe zum westlichsten Punkt im Norden Balis, den Ort Gilimanuk, die Erinnerung an eine Dokumentation im TV über die Schwefelarbeiter im Vulkan, ausliegende Prospekte und Berichte anderer Reisender. Egal, wir wollten hin und unsere Entschlossenheit war sogar so fest, dass wir ein frühes Aufstehen um 2:45 Uhr hinnehmen würden.

Aus praktischen Gründen hatten wir den Trip als Gesamtpaket gebucht, also Abholung vom Hotel, Fährfahrt, Jeepzubringer, Eintrittsgelder und Guide all inclusive, und das war gut so, aber das konnten wir erst am Schluss wissen.

Pünktlich zur Abholung erschienen Fahrer und Jeep um uns mitsamt den Verpflegungspaketen aufzunehmen. Die Fahrt war unspektakulär, klar, es fehlten Mopeds und Roller, die sonst das Straßenbild bevölkern. Der Hafen Gilimanuk wirkte allerdings Kawah Ijen, morgens um 3.30 Uhr, Faehre von Gilimanuk nach Banjuwangi auf Javaselbst um 3:30 Uhr geschäftig, vermutlich gibt es hier einen 24\7 Betrieb zwischen den Inseln. Die Befürchtung, es könne unruhig werden auf der Balistraße erfüllte sich nicht, die Fahrt fühlte sich an, als ob der Kapitän gemächlich im Hafenbecken rangierte. Dafür war die musikalische Beschallung der Passagiere eher wuchtig. Karaoke auf allen Decks. Es gibt sogar eine kleine Bühne an Bord. Also 30 Minuten volle Dröhnung indonesischer Popmusik, die schlagartig abbrach, als wir auf der Javaseite anlegten.

Nach dem Herauslotsen aus dem Hafenbezirk wurden wir mitsamt den Verpflegungs- paketen zur nächsten Etappe übergeben. Ein Guide mit Fahrer erwartete uns bereits: Cahyo, ein drahtiger junger Mann, der uns freundlich und mit fließendem English begrüßte. Kurze Shakehands dann Weiterfahrt zum Zielgebiet.

Wir wollten zum Kawah Ijen, einem Krater der in einem mächtigen Vulkankomplex mit einem Durchmesser von rund 75 km im Osten Javas liegt. Übrigens, die meisten der jetzt folgenden Informationen haben wir von Cahyo bekommen, der es wirklich treffend versteht, Wissen weiter zu geben, ohne dabei wie ein Oberlehrer zu wirken oder jemand, der sich etwas angelesen hätte, ohne es zu verstehen.

In diesem Vulkankomplex liegt auf 2.368 Meter Höhe ein schwefelsaurer Kratersee, der eigentliche Kawah Ijen und – so heißt es – als größtes Säurefass der Welt. Allein dieser Krater erstreckt sich über einen Durchmesser von bis zu 16 km. Am Südufer dieses Sees findet sich die bedeutendste Schwefelansammlung Indonesiens und besetzt damit sicher auch global eine Spitzenposition. Die bis zu 8 Meter dicken Schwefelbänke werden manuell abgebaut. Der Prozess selbst lässt sich einfach beschreiben: Schwefeldämpfe werden durch Rohre geleitet u d treten als zähe, heiße Masse an den Entnahmestellen heraus, wo,sie nach dem Erkalten zu festen gelben Brocken von Arbeitern mit Eisengeräten gebrochen und in Körben 200 Meter hinauf zum Kraterrand geschleppt werden. Fast unvorstellbar, die Arbeiter transportieren dabei Lasten bis zu 70 kg auf ihrem Rücken, über steile Abhänge und enge Wege. Danach befördern sie ihre Lasten in Trollies über einen 3 km langen Pfad ins Tal.

Diese Höllenjobs unter gnadenlosen Bedingungen werden immer noch lausig vergütet, mit rund 1.000 indonesischen Rupien pro abgeliefertes Kilogramm Schwefel, das sind gerade mal 7 Cent! Die Arbeit ist mühsam, höchst risikoreich und fordert ihren Tribut. Gesundheitlich sind die Schwefelarbeiter nach einigen Jahren ausgebrannt und körperlich kaputt. Aber es gibt keine Alternativen aus der Tretmühle herauszukommen. Familien wollen ernährt und Kinder erzogen werden, all das ist auch in Indonesien nicht umsonst zu haben.

Ob diese Fakten all den Besuchern bewusst sind, die sich aufmachen, den Ort kennenzulernen, wo die Schwefelarbeiter schuften? Wir selbst hatten ja keinen Schimmer, wie wir auf das reagieren würden, was wir sehen wollten. Und wie würden die Schwefelarbeiter mit der Situation umgehen, ist das bereits ein Menschenzoo?

Cahyo, der die Situation vor Ort hervorragend beurteilen kann, machte uns klar, dass die Arbeiter selbst ihr Los akzeptieren und das Interesse, das ihnen die Besucher entgegenbringen schätzen. So weiß die Welt, dass es sie gibt. Und jedes Foto gibt ihnen ein Gesicht, einen Namen und Bedeutung.

Wir brauchten etwa 1 Stunde mit dem Jeep, um am Ausgangspunkt unserer Exkursion anzukommen, dem 3 km Pfad der sich rund 500 Höhenmeter zum Krater schlängelt. Auch hier, noch im Halbdunkel des anbrechenden Tages zeigt sich die Schönheit der Vulkanlandschaft, die hier grün und dicht bewaldet ist. Der Weg ist ohne große Schwierigkeiten begehbar. Manchmal kommen uns von oben Arbeiter entgegen, sie, lächeln freundlich, erwiesen die Grüsse. Als einzige Erleichterung sind sie inzwischen mit Trolleys ausgerüstet, auf denen jeweils um die 100 kg Schwefel ins Tal gefahren werden.

Nach 90 Minuten Wanderung, vorbei an einem Rastplatz wo Besucher und Arbeiter auf Armlänge aneinander herankommen, erreichen wir den Krater. Sofort und ohne Vorwarnung ändert sich das Bild. Es gibt nur noch Felsen, keinerlei Pflanzenwuchs. Es riecht nach Schwefel, die Umgebung wirkt gelblich grau und fahl. Hier wimmelt es förmlich von Besuchern, viele von ihnen mit Atemschutzmasken ausgerüstet, dazwischen die Arbeiter, schleppend, lächelnd, mit langsamen Bewegungen ihrem Pfad folgend.

Wir folgen dem Weg bis kurz vor den Rand des Kraters. Hier ist der See zu erkennen, die türkisfarbige Säurebrühe leuchtet, obwohl fast ganz verdeckt durch dichte Schwefelwolken, die um die Abbaustellen aus der Erde und den Röhren herausströmen. Arbeiter sind zu erkennen, Brocken zerhackend, Körbe füllend, ohne Atemmasken dem Gestank ausgesetzt. Wer fertig ist, klettert mit gefüllten Tragekörben aus der Schlucht heraus und wuchtet sich nach oben. Ihre Körper sind gezeichnet. Schwielige Muskeln und Verformungen dort, wo die Bambusstangen, als Trageschienen auf dem Nacken liegen und ins weiche Fleisch drücken. Sie lächeln, immer noch, in die Kameras und die Gesichter ihrer Besucher. Der Wind ist kalt, die Atmosphäre ist fast surreal. Touristen schießen Bilder aus nächster Nähe der Arbeiter, die manchmal Mühe haben, sich einen Weg zu bahnen. Wir fühlen uns bedrückt.

Der Weg nach unten, zurück an den Ausgangspunkt unserer Wanderung ist gefüllt mit Gesprächen. Cahyo, die Arbeiter erkennen und grüßen ihn zum Teil herzlich, erklärt uns die sozialen Hintergründe der Menschen, die hier täglich um ihre Existenz kämpfen müssen. Gibt es so etwas wie Schuld? Ja, sicher, bei den Konzernen, die im globalen Wettbewerb stehen. Aber Länder wie Indonesien sind nicht die Haupttäter sondern Opfer.

Die Rückfahrt führt durch Wälder die mit ihrer Botanik an die Kulissen von Jurassic Park erinnern. Riesenfarne, Urwaldpflanzen, hinter jeder Kurve könnten die furchtbaren Echsen hervorbrechen. Diese Bilder sind unvergesslich, so wie die gelbgraue Schwefelwelt auf dem Berg sich auch für lange Zeit in unser Gedächtnis eingegraben hat.

Die Landschaft und die Dörfer, die wir jetzt bei Tageslicht durchfahren wirken versöhnlich und friedfertig. Auch das ist die Heimat der Schwefelarbeiter, die andere Seite der Medaille.

Cahyo liefert uns im Hafen ab, besorgt uns die Tickets für die Überfahrt nach Bali. Wir tauschen Email-Adressen aus, bedanken uns. Der Seelenverkäufer von Fähre dümpelt lange am Hafen, bevor wir anlegen können.

Wir werden bereits erwartet, vom Fahrer der uns frühmorgens hierher begleitet hat. Kurz nach 12:00 Uhr sind wir wieder im Hotel. Voller Kopf und schwere Augenlider. Was für ein Tag.