Chidambaram

Wenn wir irgendwann eine Liste von Orten erstellen, die nur deswegen besuchenswert sind, weil sie eine Sehenswürdigkeit besitzen, dann ist Chidambaram darin enthalten. Der Ort gleicht einem dieser zigtausend Provinzorte, die Indien bedecken wie Pickel das Gesicht eines Pubertierenden, die man ungern näher in Augenschein nimmt. Bei aller Empathie für die kargen Lebensumstände, die keine aufwändige Kosmetik erlauben, fokussieren wir uns auf das herausragende Monument, dem ein Ort seine Erwähnung in den Reiseführern verdankt. Im Fall von Chidambaram ist das der Nataraja Tempel.

Gut 1.000 Jahre alt ist die Anlage in ihrer heute sichtbaren Form, umgeben von einem Ring aus Straßen, den Car Streets, die mit 18 Metern Breite groß genug sind für die mächtigen Prozessionswagen, die bei besonderen Feierlichkeiten um den Tempel gezogen werden. Welche Ausmaße so ein Wagen hat, können wir nur schätzen, da wir nur den riesigen Schuppen sehen, der am Osttor als Garage dient.

Geweiht ist der Nataraja Tempel dem tanzenden Shiva, der hier seinen legendären kosmischen Tanz zelebriert hat. Das dieses Ereignis symbolisierende Bild Shivas in einem Ring ist weltweit bekannt. Für die Anhänger Shivas ist der Tempel in Chidambaram das Heiligtum schlechthin und erstes Pilgerziel.

Nicht gar so streng wie an anderen Orten, dürfen auch Nichthindus das Tempelinnere betreten und sogar sein Allerheiligstes sehen, selbstverständlich unter strikter Beachtung des Fotografierverbotes. Wieviele Aufnahmen gleichwohl herausgetragen werden, lässt sich schwer schätzen, denn die meisten Pilger tragen unterm Lungi ihr Smartphone mit sich und viele dokumentieren gerne ihren Pilgerweg bildlich, sogar dekoriert mit ausländischen Besuchern.

Da der Tempel eintrittsfrei ist, gönnen wir uns die Begleitung durch einen Guide, versuchen uns beim Rundgang zu merken, was er uns erläutert und vertiefen das Gesehene bei einem weiteren, unbegleiteten Besuch am Nachmittag.

Auffällig sind alleine schon die Priester, Dikshitars allesamt, die zur Kaste der Brahmanen gehören; erkennbar vor allem an ihrer eigenwilligen Frisur: Teile des Kopfes sind ausrasiert, ein Restschopf bleibt asymmetrisch gebunden als Haarknoten stehen, so wie es gerade im Westen modern ist. Ist es verwegen zu behaupten, dass Indien eigentlich die Mutter aller Männerfrisuren ist? Rastalocken, wilde Mähnen, den Knoten, brave Faconschnitte, ausrasierte Muster und Glatzen. Gabs immer in Indien und lebt heute noch.

Die Struktur des Tempels, auf einer Fläche von rund 15.000 qm ist beeindruckend. Dazu tragen vor allem die 4 Tortürme, Gopurams bei, um die 40 Meter hoch, jeder mit phantastischen und abgefahrenen Figuren und Szenen verziert. Die inneren Wände sind mit dem Leitmotiv des Tempels, Darstellung der 108 Tanzszenen des klassischen, tamilischen Tanzes, dekoriert, meisterlichen Fresken und Steinmetzarbeiten.

Wir durchstreifen guterhaltene Säulengänge und das Labyrinth der Vorräume um die sakrosankten Bereiche, gemauert aus dicken Quadern, über Fliesen aus Stein, vorbei an Statuen von Göttern und religiösen Symbolen. Leider nie ganz allein, um schnell ein Bild zu schießen, ein Sadhu, ein Priester oder uns verpetzende Besucher tauchen immer wieder auf.

„Heute habt Ihr Glück,“ sagt unser Guide, „im Tempel finden zeremonielle Andachten statt, die nicht jeden Tag üblich sind“. Wo die Gläubigen sich sammeln, stellen wir uns dazu, versuchen, Blicke ins Innere zu erhaschen um Darstellungen zu entdecken, die sonst sorgsam verhüllt sind.

Dass ein nüchterner Standardreiseführer beim Thema Indien zu einem Buch mutiert, neben dem Grimm‘s gesammelte Märchen wie eine sachlicher Tatsachenbericht wirken, ist eines der Aha-Erlebnisse, die wir überrascht mitnehmen. Nicht etwa als Legende präsentiert Stefan Loose, in der 7. Auflage seines Indienführers aus 2017 zum Chidambaram den Akashalingam des Govindarja Schreins, sondern als realen Fakt, wie des Kaisers neue Kleider:

“… Hinter und links von Nataraja trennt ein aus Blättern des Bilvabaumes gefertigter, Shiva geweihter Vorhang den machtvollsten Raum ab. Darin befindet sich Akashalingam, das rahasya („Geheimnis“) von Chidambaram genannt: Der aus Äther (akasha), dem subtilsten aller Elemente, aus dem Luft, Feuer, Wasser und Erde her- vorgehen, bestehende Lingam ist unsichtbar – als Symbol für die unsichtbare Präsenz Gottes in den Herzen der Menschen…”

Mit Verlaub, Herr Loose, wir bleiben trotz dieser wortreichen, schwärmerischen Bekenntnisses zum Irrealen dabei, der Kaiser ist auch hier nackt, da ist nichts. Lieber halten wir uns an den Guide, der uns zum präzisen Zentrum des Tempels führt, die einzige Stelle, die ohne Hokuspokus den Blick auf alle 4 Gopurams eröffnet und drehen uns mit den Gläubigen einmal um die eigene Achse.

Wie karg das Pilgerleben sein kann bestätigt, unser Hotel, dass in Fußweite zum Tempel liegt. Da überflüssiger Schnickschnack, wie etwa eine auf die persönliche Wunschtemperatur justierbare Klimaanlage, in keinem hinduistischen Epos erwähnt wird, haben wir nur 2 Alternativen: Nächtigen wie in der Sauna oder so wie im Kühlschrank. Unsere Auswahl erweist sich als tückisch, der Schlaf in der Kältekammer beschert uns eine massive Erkältung. Das angeschlossene Restaurant ist übrigens Hardcore-vegan, aber so etwas kennen wir schon. Immerhin ist das Personal unserer Unterkunft ausnehmend freundlich. Das kennen wir zwar auch schon aus Tamil Nadu, erleben es trotzdem immer wieder gerne.

 

2 Gedanken zu „Chidambaram

  1. Was für eine schöne und interessante Reise! So viele tolle Eindrücke zu erleben und dabei sein. Durch eure Reise habe ich einen Einblick in diese Ecke bekommen. Ich muss gestehen, war mir bisher nicht klar. Ich finde die Art von diesen Tempeln wunderschön. Kunstvoll verziert und so schön bunt, wie im Süden des Landes. Wie schön, dass ihr einer Zeremonie beiwohnen konntet. Das finde ich immer spannend, wenn man so mitten drin ist und das alles mitansehen kann.
    Liebe Grüße, Selda.

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