Kappadokien

Wandern wie im Märchen, Paulus – dem Reisefreak unter den Aposteln – auf der Fährte, der wie der Igel beim Rennen mit dem Hasen, immer schon vorher da war, Felsendome unter Heißluftballons, Kulturhistorisches auf Schritt und Tritt und Entspannen bei einem guten Glas regionalen Weines. Damit wäre eigentlich schon einiges genannt, was Kappadokien, das Weltwunder(land) im Zentrum Anatoliens so besonders macht. Aber natürlich gibt es noch viel mehr.

Wir waren angereist von Ankara, mit klaren Postkartenbildern im Kopf, von diesen faszinierenden Landschaften, die zu den meist fotografierten der Türkei gehören. Als Basis hatten wir Ürgüp gewählt, weil dort die logistischen Bedingungen für weitere Touren am besten gegeben waren.

Gute Unterkünfte, ein bisschen kleinstädtische Atmosphäre mit Markt, guten Einkaufsadressen, viele Restaurants. Außerdem, das ist wichtig, Agenturen, um preisgünstig ein Auto zu mieten. Für Tage, an denen wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein wollten, gab es es einen Sammelplatz für Busse, der, wenn er mal groß geworden ist, als Busbahnhof bezeichnet werden darf. Und um es nicht zu vergessen, in Ürgüp ließ es sich gut Laufen, aber das trifft eigentlich für ganz Kappadokien zu.

Wofür Kappadokien steht

Es ist die Landschaft, die den Besucher zuerst fesselt. Entstanden aus aschiger Erde, vor zig Millionen von Jahren von den Vulkanen Erciyes, Hasan und Melendiz aus dem Inneren der Welt herausgeschleudert und in vielen Schichten übereinander gelagert verhärtet, um dann durch Wind, Wetter und Wasser erodierend, bizarre Tuffsteinformationen und Feenkamine zu bilden.

Für Menschen war die Region immer schon anziehend gewesen. Bereits die Hetither siedelten hier. Kein Wunder, Natur und Klima boten ideale Bedingungen für das Wachsen von Kultur und das Einrichten gemütlicher und sicherer Refugien. Tatsächlich ist der weicheTuffstein ein idealer Werkstoff für die Konstruktion von Wohnraum. Man muss nicht Stein auf Stein erbauen, sondern höhlt Strukturen einfach nach Bedarf aus. Zu gemütlichen Wohnungen, mit steingeschnitzten Bänken und Tischen und sogar Gefäßen. Und warum eine Kapelle bauen, wenn sie sich mit Hammer und Meissel in einen Berg hineintreiben lässt. Die frühen Christen, bekehrt durch Paulus, beherrschten diese Kunst perfekt und waren nebenbei begnadete Künstler, die sakrale Werke mit wunderbaren Fresken schmücken konnten.

Kappadokien war wegen seiner zentralen Lage immer auch strategisch bedeutsam. Einfach ungeschoren neben den jeweiligen Großmächten vor sich hinzuleben war fast niemals möglich. Hellenen, Römer, Perser, Araber, Türken, dominierten die Region und waren mitunter Bedrohung für Leben und Eigentum der Menschen dort. Auch hier bot der Tuffstein den Einwohnern Chancen, das eigene Überleben zu sichern. Sie versteckten sich in Höhlen, die zum Teil tief in die Erde reichten, Anlagen, groß wie Städte, die vielen Menschen Schutz boten und sich hervorragend verteidigen ließen

Vieles davon ist in Kappadokien noch erhalten, will und darf besichtigt und bestaunt werden. Zwar ist nicht alles zugänglich, 1000 Kirchen warten noch darauf, für das Publikum geöffnet zu werden, aber das riesige Freiluftmuseum überwältigt den Besucher jetzt bereits.

Wie wir Kappadokien für uns entdecken

Wer sich, wie wir, nicht in die Hände ausgebuffter Fremdenführer begeben mag und die Abenteuer des Entdeckens auf eigene Faust managen will, braucht dafür ein Auto, Informationen aus Reiseführern, inzwischen en masse im Internet erhältlich und Straßenkarten. Für die Orientierung zwischen den Orten genügen die groben Übersichten, wie man sie in den Tourist-Informationen bekommt.

Hat man vor zu wandern, sollte man sich Wanderkarten aus Deutschland mitbringen. Eine gute Investition, denn das Wissen um die Verschlungenheit der Pfade wird nicht gerne geteilt und ist eines der Geschäftsmodelle der Tourismusbranche. Genau deswegen sind auch Wegweiser nur spärlich zu finden. Aber keine Angst, einmal unterwegs, geben die gastfreundlichen Einheimischen gerne Auskunft; dazu muss man kein türkisch beherrschen, es genügt Zielorte benennen zu können und Körpersprache zu verstehen.

Unsere Höhepunkte

Das Schöne in Kappadokien: Besichtigungen und Wanderungen lassen sich dort gut miteinander kombinieren, oder anders ausgedrückt, das eine geht manchmal gar nicht ohne das andere. Das Herausfordernde: einiges liegt verborgen, hinter verwinkelten Wegen, will gefunden werden.

Göreme

Der Ort ist unbestritten erste und meistbesuchte Anlaufstelle für Touristen aus aller Welt. Riesige Parkplätze vor dem Openair Museum machen das schon bei der Ankunft klar. Aber keine Sorge, die Besucherströme zerteilen sich, ist man erst einmal in der Anlage. Auch rund um den Ort herum, finden sich im Kirchental die schönsten und am besten erhaltenen Felsenkirchen Kappadokiens. Morgens werden von Göreme aus Heißluftballontouren über das Tal angeboten. Eine sichere Sache; die Sicherheits-Standards sind hoch und werden eingehalten. Wer nur sehen möchte, wie die bunten Bälle lautlos übers Tal schweben, fährt dazu früh vor Sonnenaufgang zum Aussichtspunkt und lässt sich verzaubern (Wegbeschreibung vom Hotel einholen). Auch Sonnenuntergänge lassen sich hier erleben, vielleicht bei einer Flasche Wein, die man zufällig mitgebracht hat. Gläser und Korkenzieher aber nicht vergessen.

Eine der besten Wandertouren beginnt in Göreme, die durch das Taubental nach Uchisar. Sie dauert, je nach Kondition zwischen 2 – 3 Stunden. Von dort kann man wieder mit dem Minibus oder Sammeltaxi zurück zum Ausgangspunkt kommen.

Uchisar

Der Burgfels sieht ein wenig aus, wie ein steingewordenes Gemälde von Breughel. Ein 60 Meter hohes Steinmassiv, ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse mit Räumen und Gängen. Über 1.000 Menschen sollen hier einst gehaust haben. Über Außen- und Innentreppen lässt sich der Uchisar erklimmen und bietet als Belohnung eine fantastische Aussicht über die Täler der Umgebung.

Hier in der Nähe ist der Zugang zu einer weiteren Wanderstrecke, dem Liebestal, gut erreichbar.

Zelve

Bis 1953 noch bewohnt, sind die Täler von Zelve heute ein großes museales Areal. Die drei zerklüfteten Täler rechnen zu den ältesten Siedlungsgebieten Kappadokiens. Kirchen, Klöster, Felsenwohnungen und Tuffstein-Säulen sind eindrucksvoll in die Landschaft verteilt. Teile der hohen brüchigen Felswände sind bereits eingestürzt, aber das tut dem Charme der Täler keinen Abbruch. Hier lässt es sich herumklettern, Spazieren gehen, erforschen. Für den guten Blick in die Höhlen sollte man eine Taschenlampe im Tagespack haben.

Pashabagi Tal

An der Verbindungsstraße zwischen Göreme und Avanos liegt das Tal mit den wohl imposantesten Feenkaminen Kappadokiens. Busse stoppen hier für ihre Fahrgäste, die Felsformationen sind nicht zu übersehen. Kurzer Ausruf Richtung Fahrer genügt und er hält an, für die Rückfahrt einfach an der Straße warten, bis der Gegenbus kommt.

Leider hat diese exponierte Lage die Ansiedlung von Souvenirläden und Restaurantbuden begünstigt, die es zunächst zu überwinden gilt. Dann heißt es Ausdauer zu bewahren, wegen seiner leichten Erreichbarkeit tummeln sich hier bis zum Sonnenuntergang die Besucher. Es lohnt sich, den Anblick mitzunehmen. Die Menschen muss man sich dann einfach wegdenken.

Ortahisar

Ein weiterer Wohnturm. Das 90 Meter hohe Tuffsteinmassiv ist schon lange nicht mehr massiv sondern durchsetzt mit Höhlen. Ortahisar ist das Zentrum des Obstanbaus in Kappadokien und praktischerweise haben sich die Bewohner die ausgezeichneten klimatischen Verhältnisse der Tuffsteinräume zunutze gemacht, die Winter wie Sommer eine Temperatur von 10 Grad Celsius aufweisen, und lagern dort Obst und Gemüse.

Für die Wanderer: nördlich von Ortahisar erstrecken sich eine rosafarbene Schlucht, und das Rosental. Auch auf dieser Route trifft man auf kleine Kirchen und Kapellen, oft noch mit gut erhaltenen Fresken ausgestattet, wenn die Räume nicht gerade als Taubenschlag herhalten müssen, wo die örtlichen Bauern ihren Guano-Dünger kultivieren.

Mustafapasha

Dieser Ort, südlich von Ürgüp, bietet Einblicke in das gemütliche Landleben kappadokischer Bauern. Das vor dem Bevölkerungsaustausch in 1923 vorwiegend von Griechen bewohnte Dorf ist geprägt durch die typischen Steinhäuser im griechischen Stil, die ausnahmsweise nicht in die Felsen eingegraben, sondern auf konventionelle Weise, also gemauert worden sind. Das Dorf ist liebevoll restauriert und es macht Spaß, sich im Dorfkaffee bei einem Tee auszuruhen. Gespräche mit den übrigen Gästen entstehen schnell; viele waren schon in Deutschland, haben als “Gastarbeiter” hart gearbeitet, das Verdiente gespart und sich dann hier niedergelassen.

Im Zentrum steht noch die Eleni-Kirche, die im Jahr 1729 erbaut wurde. Rund um das Dorf lassen sich kleinere Kirchen entdecken, meist ungestört vor sich hin dümpelnd, bis ein Tourist auftaucht. Dann schnellt, wie aus dem Nichts, ein Wärter aus der Landschaft, bewaffnet mit einer Rolle Eintrittskarten, und kassiert den üblichen Obolus.

Derinkuyu

Übersetzt “tiefer Brunnen” gehört Derinkuyu zu den Orten, die etwas ganz besonderes vorweisen können, nämlich eine unterirdische Stadt, die zwischen dem 6. und 10. Jh. erschaffen wurde. Was Derinkuyu an der Oberfläche nicht zu bieten hat, der Ort wirkt eher einfallslos, findet unter der Erde statt. Bis zu 8 Stockwerke tief reichen die Gänge. Bis zu 85 Meter in die Tiefe reichen die Luftschächte. In den oberen Ebenen finden sich Wohnräume, Gemeinschaftssäle, dann folgt ein Klosterkomplex und in den untersten Etagen Ställe für Tier und Lagerräume für Lebensmittel. Solche unterirdischen Städte sind technische Meisterwerke. Ausgestattet mit Belüftungssystemen und ausreichender Wasserversorgung waren sie ideale Fluchtburgen für die Menschen. Bis zu 6 Monaten konnten sie bei Gefahr hier unten leben und die Eingänge bei Entdeckung verteidigen. Es soll sogar kilometerlange unterirdische Tunnel geben, die einige dieser Städte miteinander verbinden. So eine Stadt muss man einmal gesehen haben. Keine Angst, Beklemmungsgefühle bleiben seltsamerweise aus, vielleicht, weil diese Anlagen uns nach wie vor irreal erscheinen.

Ihlara Schlucht

Der Grand Canyon der Türkei ist die 15 Kilometer lange Schlucht, die sich auch im Hochsommer trefflich durchwandern lässt, weil die hohen Wände Schatten und der hindurchfließende Fluss Kühle spenden. Im 8. Jahrhundert haben Mönche die Schlucht als Rückzugsgebiet genutzt und Wohnanlagen und Kirchen im Kappadokien-Stil, also durch Aushöhlung von Felsen, errichtet. Der Haupteingang zur Schlucht ist vom Dorf Ihlara kommend gut zu finden. Von dort führt eine Treppe hinab zum Boden des Canons. Nicht nur, dass man hier gemütlich und unter schattigen Bäumen am Fluss entlanglaufen kann, hier lässt es sich auch Baden. Die Badestellen sind gut zu finden, Becken, mit kleinen Wasserstufen, gefüllt mit eiskaltem Wasser. Um hier einen guten Tag zu erleben, die Zeit muss sich einfach nehmen, sollte man sich mit Verpflegung und Getränken im Rucksack hierher begeben und natürlich das Handtuch nicht vergessen. Dort, wo gebadet wird, ist die Schlucht übrigens so breit, dass auch die Sonne hineinstrahlen kann. Man braucht also nicht zu frieren.

Kappadokien, einmal erlebt, macht Lust auf mehr. Zu entdecken gibt es immer wieder Neues. Es ist dieser Region und ihren aufgeschlossenen Menschen zu wünschen, dass erhalten bleibt, was schon einige tausend Jahre überdauert hat.

Unser Tipp für Kappadokien: Wir haben in Ürgüp im Melis Cave Hotel übernachtet! 

IstanbulLykische Küste, Bafa See, Nemrut

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