Shangri-La

But here, at Shangri–La, all was in deep calm. In a moonless sky the stars were lit to the full, and a pale blue sheen lay upon the dome of Karakal.”

James Hilton, Lost Horizon

Der mystische Ort, der weder Sorgen noch Mühsal kennt, Gesundheit beschert und ein Leben, lang wie das des Methusalems, voller Zufriedenheit und Glück. Dafür steht Shangri-La, das von James Hilton in ein abgeleges Tal des Himalaya projiziert wurde. Metapher hin, Romanvorlage her, am 17.12.2001 erhält der Kreis Zhongdian in der Provinz Yunnan den Namen dieses Sehnsuchtsortes, um attraktiver für Touristen zu werden. Man hätte auch den tibetischen Namen Gyelthang nehmen können, der geheimnisvoll klingt, aber das wäre vielleicht ein Politikum geworden.

James Hilton hat einfach versäumt, den Namen Shangri-La auf immer und ewig urheberrechtlich schützen zu lassen, nun finden wir es auf der Landkarte, fragen uns, ob es Sinn macht, dorthin zu fahren. Hat es, aus einem einfachen Grund: Eigentlich würden wir gerne Tibet bereisen, frei und ohne Zwang. Das klappt zur Zeit zwar nicht, aber im Neo-Shangri-La lässt sich das ein wenig kompensieren. Viele Tibeter leben hier, in manchen Teilen liegt ihr Anteil an der Bevölkerung sogar deutlich über den 40%, die als Durchschnittswert für die gesamte Region angegeben sind. Shangri-La ist unser diesmal real erreichbares kleines Tibet, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Zum Einzugsgebiet Shangri-La‘s gehören die fantastischen „White Water Terraces“ bei Baishuitai, Kalksteinterrassen, wie bei Pamukkale in der Türkei. Solche Sehenswürdigkeiten werden in China gehegt, gepflegt und wenn es geht, touristisch vermarktet. Das macht Sinn, denn Kalkterrassen – sich selbst überlassen – wären in kurzer Zeit hinüber. Zu fragil sind solche Gebilde, als dass sie Besucheranstürmen gewachsen wären. Wir entrichten 30 Yuan für das normale Ticket sowie 15 Yuan für den Senior und erkunden das Gelände. Im Eingangsbereich winken Weiblein an kleinen Ständen, wollen uns Walnüsse verkaufen, etwas weiter warten Pferde, für den Ritt nach oben. Wir bevorzugen zu gehen und treffen bald auf einen bequemen Holzweg, der parallel zu den Terrassen verlegt ist.

Was am Anfang enttäuscht, nämlich der Versuch, Kalkterrassen künstlich nachzuzüchten, klärt sich, erreicht man nach rund 15 Minuten den oberen Bereich. Die Becken, die wir hier bestaunen, rechtfertigen den Eintritt: Weißer Mineralstein gefüllt mit blau oder grün schimmernden Wasser.

Im Kontext mit der Landschaft, Hügeln im Vordergrund und Bergriesen in der Ferne, hat man an jeder Ecke schönste Postkartenansichten. Über Gehsteine balancieren wir durch die Bassins. Der Holzweg führt übrigens noch weiter bis zur Quelle des Naturwunders. Dort gibt es Picknickplätze unter schattigen Bäumen und ausreichend Stille, sich auszuruhen. Jedenfalls solange der Pulk chinesischer Besuchergruppe nicht eingetrudelt ist.

Die Fahrt gen Shangri La ist nie langweilig. Immer wieder türmen sich in der Ferne Formationen des Himalaya auf, die mächtig wirken, selbst wenn das noch keine 8.000er Gipfel sind. Die Straßen sind bis auf wenige Passagen so gut in Schuss, dass der Gedanke an Reisekrankheit in keiner Sekunde aufkommt. Wir passieren kleinere Ortschaften, sehen auch Markttreiben, das eigentlich Lust macht auszusteigen, aber die Wege sind endlos in dieser Region. Die Umgebung ändert sich, bald tauchen tibetische Gehöfte mit hohen Steinbauten auf, die anders proportioniert sind als die Häuser, die wir bisher gesehen haben. Beeindruckend mit geschnitzten Säulen, auf denen lange Balkone thronen. Zwischen den Anwesen erstrecken sich Weideflächen mit Yak- und Pferdeherden. Da ist nichts, was den Blick einengt, Weite und Tiefe der Landschaft passen zum großartigen Horizont.

Unser Ziel, die Altstadt ist umzingelt durch Groß-Shangri-La im pseudotibetischen Stil. Alles ist weitflächig und überdimensional. Visionär oder protzig, der Sinn 6-spuriger Stadtstraßen will sich dem Besucher jedenfalls nicht erschließen.

Die Altstadt ist schließlich erreicht, ohne dass wir hineinfahren dürfen, versenkbare Poller schließen die Zugänge. Also Gepäck selbst schleppen und irgendwie durchs Straßengewirr zum Hotel finden. Wie immer, wenn es um Orientierung auf kleinstem Raum geht, ist es eine Herausforderung, punktgenau am Ziel zu landen. Letztlich schaffen wir’s, dank freundlicher Passanten und zwei Mobilphones im Navigationsmodus.

Das alte Shangri-La im traditionellen tibetischen Stil ist eine Rekonstruktion. Neue Holzhäuser im Antik-Look bestimmen das Bild. Dazu muss man wissen, dass am 11.01.2014 ein Feuer ein Fünftel der Originalgebäude zerstört hat und man seither restauriert. Das scheint zu gelingen, stilistisch passen die neuen Häuser gut. Sie sind aufwändig mit Schnitzeren verziert, die Materialien wirken nicht billig. Aber alles ist auf Kommerz ausgerichtet. Geschäfte mit Yakfleisch, Andenken, Textilien und Restaurants. Irgendwie scheint der Wiederaufbau zu stocken, oder ist das Saisonende schuld? Es gibt viele Leerstände und Gebäude, die nicht vollständig ausgebaut sind. Die Zahl der Besucher ist übrigens recht übersichtlich. Einige der chinesischen Touristen tragen lustige Spraydosen mit reinem Sauerstoff, an denen Atemmasken baumeln, um einen Herzkasper oder Schnappatmung, ausgelöst durch die Höhe von 3.200 Metern, selbst kurieren zu können.

Shangri-La bietet als kulinarische Abwechslung gute tibetische Restaurants. Eines machen wir spontan zu unserem Stammlokal, als wir drinnen eine Gruppe tibetischer Mönche beim fröhlichen Schlemmen entdecken. Wo die Rotgewandeten speisen, kann die Küche nicht schlecht sein. Außerdem lockt der schwarze Bollerofen mit praller Gemütlichkeit. Ja, Shangri-La ist kalt in diesen Tagen. Im Hotel haben wir einen Radiator und beheizte Unterbetten und beide nutzen wir intensiv.

Die Altstadt ist relativ schnell besichtigt. Herausragt vor allem der „Guishan Tempel“, auf seinem kleinen Hügel. Dicht daneben befindet sich goldig schimmernd die wohl größte Gebetsmühle der Welt. Der Eintritt ist frei. Tafeln im Eingangsbereich erläutern, dass die Erhebung, auf der dieser Buddha gewidmete Tempel errichtet ist, Schildkrötenberg heißt, die 3-stöckige Anlage im 6. Jahr der Herrschaft von Kaiser Kangxi 1667 entstand und 1869 zerstört wurde. Es gab danach mehrere Ansätze, den Tempel zu restaurieren. Was wir heute bestaunen wurde allerdings erst 2005 fertiggestellt.

Kein Objekt der Besichtigung, aber oft gesucht ist der Geldautomat. Den gibt es auch in der Altstadt, gegenüber der weißen Stupa, verborgen in einer Nische. Schaut man genau hin, entdeckt man die Aufschrift „Bank of China“.

Noch im Einzugsbereich der Altstadt liegt der „100 Chicken Tempel“. Zur Besichtigung braucht es Kondition, der Aufstieg über den knapp 700 Meter langen Weg führt nämlich weitere 150 Meter hoch. Wir machen uns frühmorgens auf, treffen dabei viele Einheimische mit dem gleichen Ziel. Nicht wenige keuchen laut, die dünne Luft macht sich bemerkbar. Zu allem Überfluss hängt über dem Gipfel eine Wolke ätzenden Rauches, Ergebnis des Abfackelns von Unmengen frischer Zweige und Räucherstäbchen zu Ehren Buddhas. Ob der vom Qualmspektakel angetan wäre, fragen wohl nur sensible Westler. Egal, wir umrunden den Hühner-Tempel und entdecken sogar eine Handvoll des Federviehs. Allerdings haben Schweine hier oben die Majorität, vielleicht ein Grund, den Namen des Tempels zu überdenken.

Absoluter Höhepunkt für uns ist der Besuch des Klosters „Ganden Sumtseling“. Die Anlage liegt außerhalb der Stadt. Um hinzukommen fährt man am besten per Taxi zum tibetischen Zentrum, das kostet kaum mehr als 10 Yuan. In der Eingangshalle ist der Ticketschalter. Der Eintritt beträgt 90 Yuan, Senioren zahlen 62 Yuan. Im Preis enthalten sind die Transfers mit dem Shuttlebus, die einen direkt zum Kloster bringen.

Schon von weitem ist die in den Berg gebaute Anlage gut zu sehen, sie erinnert an Bilder, die man aus Lhasa kennt. Tatsächlich ist dieses Kloster aus dem 17. Jahrhundert eines der bedeutensten der Region. Es erhebt sich malerisch neben einem See, den man unbedingt in die Besichtigung einbeziehen sollte. Hinter dem mächtigen Eingangsbereich, gelangen die Besucher über eine kurze Straße, die gesäumt ist durch Wirtschaftsgebäude, zu den Stufen, die zum eigentlichen Tempel hinaufführen.

Mönche in roten Roben sind geschäftigt unterwegs und Mütterchen mit Verpflegungskörben besetzen die strategischen Knotenpunkte der Aufstiegzone, bereit dem ermatteten Touristen Zwischenverpflegung zu reichen, natürlich gegen Bares. Recht zügig erklimmen wir die oberste Plattform mit den Hauptgebäuden und haben jede Menge Zeit für unsere Besichtigung. Dächer und Außendekorationen sind übrigens mit reinem Gold überzogen und funkeln in der Sonne, dass es eine Pracht ist. Die eigentlichen Schätze entdeckt man aber in den Innenräumen, wo immer noch kultische Zeremonien abgehalten werden. Über den ganzen Tag ist das typische Murmeln der Mönche zu hören, das solchen Orten eine besondere Stimmung verleiht. Sehenswert und leider nicht freigegeben zum Fotografieren sind die großen Fresken und Thankas mit uralten buddhistischen Motiven und natürlich die abgefahrenen Statuen von Gottheiten und Inkarnationen im Allerheiligsten der Tempel.

Nach vollendeter Besichtigung steigt man in einen Shuttlebuss und lässt sich zurück zum tibetischen Zentrum fahren, oder geht noch am See spazieren und genießt von dort aus die Sicht auf den großen Tempelkomplex, um erst bei der nächsten Station zusteigen.

Was man noch in Shangri-La tun kann: Die Markthalle, die offenbar jeden Tag auf hat in der Changcheng Road besuchen, Obst kaufen und Spezialitäten der Region oder einfach nur bummeln.

Ein guter Platz zum Pausieren und schöpfen neuer Energie ist das „Nuo Ya Ka Fei“ Café/Bistro gegenüber des Haupteingangs zur Altstadt, dicht bei der Bushaltestelle der Linien 1 und 3. Dort gibt es gemütliche Sessel, wenn nötig einen heißen Ofen, sowie Wifi, Snacks, Essen und Getränke, westlich wie chinesisch, sowie freundliches Personal.

Soweit Shangri-La. Kein Traumort und nicht die Legende, die James Hilton beschreibt. Aber eine Stadt, die einem viel von der tibetischen Lebensweise vermittelt.

Shangri-La für das man, wenn es einen in die Region verschlägt, schon 2 Tage einplanen darf, oder auch mehr, denn die Umgebung lädt zu ausgiebigen Wanderungen ein.

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