La Rochelle und seine Inseln

In La Rochelle und drum herum

Wollte man die perfekte Hafenstadt erfinden, dann würde wahrscheinlich genau das entstehen, was La Rochelle heute verkörpert. Die Stadt am Golf von Biskaya hatte natürlich keinen Chefplaner, wohl aber das Glück, den Zeitenwandel unbeschadet zu überstehen. Engländer, Franzosen, Katholiken, Protestanten und – zu allem Überfluss – auch deutsche Besatzer, La Rochelle wurde im Laufe seiner Geschichte begehrt, umkämpft, belagert, verteidigt, beschädigt und immer wieder auf- und ausgebaut.

So wuchs diese Stadt zu einem Handelszentrum, das nicht nur einen, sondern mehrere Häfen hat. Ein wirtschaftliches und kulturelles Schwergewicht am Atlantik, das immer noch eine bedeutende Rolle spielt, für Fischerei und Güterumschlag. Aber das interessiert uns bei der Anfahrt auf La Rochelle nur am Rande, da wir einen Weg suchen, um uns nicht in den weitläufigen, modernen Hafenanlagen zu verlieren. Wir wollen zum historischen Kern der Stadt. Zum alten Hafen im Zentrum. Dort, wo der Marans-Kanal ins Meer mündet.

Übrigens, wir haben Glück mit unserer airbnb-Unterkunft in Nieul-sur-Mer, wo sich das Wohnen anfühlt, wie in einem Vorort von La Rochelle. Die Großstadt ist gut zu erreichen, wie auch die ihr vorgelagerten Inseln Île d’Oléron und Île de Ré. Alles attraktive Ausflugsziele, die wir unbedingt besuchen wollen.

Ein kleiner Geheimtipp sind die Stelzenhäuser der Fischer, die wir ganz in der Nähe zu unserer Bleibe entdecken. Irgendwie vermittelt ihr Anblick eine recht entrückte Stimmung, wie sie fast verlassen am Ufer aufragen. Besonders bei Ebbe ein einnehmendes Motiv, nicht nur für Fotografen, auch Maler können sich hier verlieren.

La Rochelle

Von einem der zentralen Parkplätze, die mit neuer Technik aufwarten – es gibt keine Parkscheine, sondern nur noch eine digitale Registrierung – spazieren wir zu Fuß durch La Rochelle zum Marché Central. Wie immer in Frankreich hilft es, einfach zu gucken, aus welcher Richtung Menschen mit den prall gefüllten Taschen herkommen und wo sich diejenigen hinbewegen, deren Einkaufskörbe noch leer sind.

Der offene Markt und Markthallen sind eine Offenbarung. Obst und Gemüse im Überfluss, Farben, Gerüche, Lärmen und regionale Spezialitäten. Vor allem ein Riesenangebot an Fisch, Muscheln und Konsorten. Also alles, was das Meer hergibt und sich verspeisen lässt. Essen ist halt in Frankreich eine wunderbare Lebenseinstellung, vielmehr als nur Ernährung. Wir genießen den Einkaufsrummel, bedauern, nicht alles probieren zu können und lassen uns treiben.

Die Altstadt ist, wie es in Frankreich üblich ist, gut restauriert und um diese Zeit sehr belebt. Nur die attraktiv dekorierten Geschäfte machen es uns ein wenig schwer, wir müssen uns wieder disziplinieren, nicht in einen Kaufrausch zu verfallen.

Es ist nicht weit zum historischen, malerischen Hafen, mitten in der Stadt. Stattliche Wehrtürme markieren seine Einfahrt und die Architektur rund um dieses maritime Quartier ist dekorativ und sympathisch.

Die vielen originellen Restaurants, die hier platziert sind, locken mit einladenden Plakaten, die von leckeren Fischgerichten, Aperitifs, Wein und Austern erzählen. Ein Straßentheater baut seine Kulissen auf und die Clowns treiben mit den Kindern, die sich schnell einfinden, bereits ihre Späße. La Rochelle gefällt dem Besucher, mit seinem sehr südlichen Flair. Und durch seine gelassene Stimmung, die jeden in ihren Bann zieht.

Zu den Inseln

Nicht alle Menschen, die wir kennen, sind von Inseln begeistert, wir selbst haben auch ein eher ambivalentes Verhältnis. Das liegt mit daran, dass ein Eiland nur erreichbar ist, wenn man festen Boden verlässt. Also ab in den Flieger oder aufs Boot. Diese Frage stellt sich allerdings jetzt nicht, denn sowohl Île d’Oléron als auch Île de Ré sind durch lange Brücken mit dem Festland verbunden.

Da wir etwas Besonderes erleben wollen, separieren wir Zeit für die beiden großen Inseln, die La Rochelle vorgelagert sind. Es soll ja zwischen ihnen eine gewisse Rivalität herrschen, die in der fast schon klassischen Frage kulminiert “Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?” Was das Spieglein antwortet, wissen wir nicht. Aber wir werden erkunden, was die Île d’Oléron und Île de Ré zu bieten haben. Wer weiß, vielleicht inspiriert es uns, danach zu entscheiden, welcher Insel wir den Vorzug geben würden.

Île d’Oléron

Die Festlandverbindung über das 2.862 Meter lange Viaduc d’Oléron existiert bereits seit über 50 Jahren und ist ohne Maut befahrbar. Im Prinzip gibt es auch eine regelmäßige Verbindung mit Regionalbussen, etwa nach La Rochelle. Aber die Anfahrt mit dem eigenen PKW ist für uns bequemer. Keine Frage, mit dem Fahrrad ginge es natürlich auch. Die Insel überspannt ja ein Netz an Radwegen und wem daran liegt, der kann sie gut auf dem Drahtesel erkunden. Es gibt übrigens auch Fahrradverleiher vor Ort.

Unsere Rundfahrt über die Île d’Oléron beginnen wir am südlichen Zipfel, bei Château von Oléron. Hier bekommen wir einen ersten Eindruck, von den Stränden, dem Meer und der Brandung. Waren früher Austern und Salz die wesentlichen Wirtschaftsfaktoren, scheint inzwischen ein Wandel einzutreten. Natürliche Ressourcen werden knapper und die traditionellen Produktionseinrichtungen bekommen einen musealen Charakter. Wie zum Beispiel die typischen “cabanes ostréicoles”, diese knallbunten Ansammlungen von Hütten der Austernfischer. Gut erhalten dienen viele davon inzwischen als Werkstätten für Künstler und Handwerker, die dort eigene Arbeiten ausstellen.

Authentische Fischerei lässt sich noch im Port-de-la-Cotinière an der Westküste entdecken. Hier finden sich die Fischerboote ein, die ihren Fang gleich in der Markthalle anbieten.

Auf der Küstenstraße fahren wir weiter nördlich, machen einen kurzen Stopp in Saint-Pierre-d’Oléron und haben Pech, dass gerade Mittagszeit ist.Verriegelte Türen und Fenster machen weder satt noch fröhlich.

Wir fahren durch das Zentrum der Insel. Irgendwann haben wir alle Hauptortschaften wenigstens einmal berührt.

Die ganz großen Aha-Effekte bleiben trotzdem aus, weil nicht markante Baudenkmäler diese Orte prägen, sondern unauffällige, zweckmäßige Häuser. Kleine Lichtblicke, in der Nähe von Boyardville entdecken wir im Meer die Umrisse von Fort Boyard. Richtig, das ist die Festung, die als Kulisse herhält für die Abenteuer-Spielshow mit martialischen Gnomen, einem schrumpeligen Lord und Tigern.

Ein weiteres Ziel ist die Nordwestspitze bei Chassiron. Dort streckt sich, weithin sichtbar, der Leuchtturm Phare de Chassiron in den blauen Himmel. Die Scheinwerfer in 43 Meter Höhe sollen bei klarem Wetter über 50 Km weit sichtbar sein. Vom Turm selbst hat man Aussichten über die ganze Insel und nach La Rochelle oder zur Nachbarin Île de Ré. Wer hinauf will, der Turm hat ganzjährig geöffnet. Und wer nur stilvoll verweilen will, sucht sich ein Plätzchen im Gartenbereich am Sockel dieses Kulturdenkmals und erfreut sich am Blick in die Ferne.

Die Île d’Oléron mit ihren Wäldern, Dünen und Sandstränden scheint uns ideal für Camper und Aktivtouristen. Campingplätze gibt es mehr als genug, auch Läden, die auf den Bedarf von Wohnwagentouristen eingestellt sind. Wandern lässt es sich sicher gut, entlang der Küsten und keine Frage, der Radtourist wird sich garantiert wohl fühlen.

Nach unserem Aufenthalt, für den wir gerne einen ganzen Tag angesetzt haben, kommt sie uns wieder in den Sinn, die Spieglein-Frage: Was bietet eigentlich die Konkurrenz gegenüber und kann die Île de Ré überhaupt mithalten?

Île de Ré

Schon die Anfahrt unterscheidet sich. Für die Fahrt über die 2,9 km lange, hohe Festlandsbrücke wird eine Maut fällig. Ohne die kommt der Autofahrer gar nicht erst auf die Insel. 8 Euro zahlen wir, den Vorsaisontarif. Zu entrichten bei der Hinfahrt. Dafür ist die Rückfahrt umsonst. Wer es günstiger mag, kommt mit dem Bus oder per Fahrrad. Dann geht es über den separaten Radweg, an den sich auf der Insel ein gut ausgebautes Netz von 110 km Fahrradwegen anschließt.

Einst strategischer Posten vor La Rochelle, gelangte die Île de Ré in der Vergangenheit durch Salz zu Reichtum. Obwohl die traditionelle Salzgewinnung an Bedeutung verloren hat, ist das Salz noch immer überall präsent. In Säckchen, Tüten und dekorativen Gläsern wird es heute in jedem Andenkenladen angeboten. Zu Preisen, die einem manchmal suggerieren, man erwerbe eigentlich pures, weißes Gold. Egal, die Besucher der Île de Ré werden sich nicht daran stören, die Insel gilt als mondän und Treffpunkt der besser Situierten. Viel Sonne und ein angenehmes Klima machen sie zu einem begehrten Urlauberziel. Eines, das tatsächlich genau bietet, was modernen Touristen wichtig ist: Wälder, flache Sandstrände, Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze.

Die Natur auf der Insel kann sich sehen lassen, im Norden erstreckt sich ein großes Vogelschutzgebiet, einige andere Gebiete sind als Naturschutzzonen ausgewiesen. Alles gut erreichbar und leicht zu erwandern.

Unser erstes Ziel ist der Hauptort der Insel Saint-Martin-de-Ré, der übrigens als Weltkulturerbe gelistet ist. Die Stadt wird umschlossen von Befestigungsmauern, an denen entlang es sich prächtig promenieren lässt. Der eigentliche Höhepunkt für uns ist der alte, malerische Hafen. Ein gemauertes Becken, umgeben von schmucken Häusern, Restaurants Cafés und Geschäften.

Darunter einer dieser raren Tim-und-Struppi-Läden. In Sichtweite des originalen Käptn Haddock liegen im Hafen an langen Tauen kleine Boote. Die Gezeiten sind hier so krass, dass Boote, die bei Flut zu kurz angebunden werden, bei Ebbe in der Luft hängen würden. Saint-Martin hat Stil, wirkt gepflegt und sympathisch maritim. Fast südländisch ist die Atmosphäre, wie am am Mittelmeer.

Die Insel hat einige Überraschungen, die sich uns erst allmählich erschließen. Etwa die Bilder und Stoffpuppen von Eseln in karierten Hosen. Eine Herde der zottigen braunen Riesen entdecken wir auf einer Weide. Zwar ohne die Hosen, die als eine Art Insektenschutz dienen, dennoch eindrucksvoll. Waren die Poitou-Esel früher reine Arbeitstiere, die schwere Salzsäcke schleppen mussten, genießen sie heute als „L’âne en culotte“ das Eselsparadies auf Erden. Aber ein wenig tragen sie noch zum eigenen Unterhalt bei, durch die Eselsmilch. Reich an Vitamin E und zu einer speziellen Seife verarbeitet, ist das einer der Verkaufsschlager in den Souvenirläden.

Unterwegs auf der Insel suchen und finden wir eine andere Sehenswürdigkeit. Das Kloster “Abbaye des Chateliers”, abseits der Straße, zwischen Feldern, nahe beim Dorfes La Flotte. Die eindrucksvollen Mauerreste lassen nicht nur erahnen, welche Bedeutung das Kloster einst hatte, sie sind an dieser Stelle und mitten in der Insellandschaft auch ein gnadenlos tolles Fotomotiv.

Obwohl wir noch in der Vorsaison sind, wissen wir: Strand geht immer! Das Schlimmste was passieren kann wäre, falsch angezogen zu sein. Ansonsten ist jeder Besuch am Meer aufregend. Wir fahren zu einem der abgelegenen Strände, den Plage de la Trousse Chemise. In einem kleinen Wald parken wir und folgen den Schildern zum Strand. Und der kann sich sehen lassen. Der helle, feinkörnige Sandstrand ist mehrere Kilometer lang und alles andere als eintönig. Denn hier gibt es Dünen. Vor allem aber verrückte Kiter, die sich in den Wellen tummeln und wagemutige Kunststücke vorführen.

Wie es hier im Hochsommer aussieht, wissen wir nicht. Wir ahnen, der Strand wird dann deutlich voller sein. Aber jetzt dominiert hier eine „steife Brise“ wie man bei uns sagt und ordentlicher Wellengang. Ideal für diese Sportler und noch idealer für uns Zuschauer, weil wir auf einem kleinen Sandhügel zwischen Strandhafer eine Logenplatz finden. Hätten wir es gekannt, wir hätten es uns angehört: Das Chanson von Charles Aznavour, der genau diesen Strand besingt:

Dans le petit bois de Trousse Chemise

Quand la mer est grise et qu’on l’est un peu

Dans le petit bois de Trousse Chemise

On fait des bêtises souviens-toi nous deux

On était partis pour Trousse Chemise

Guettés par les vieill’s derrièr’ leurs volets

On était partis la fleur à l’oreille

Avec deux bouteill’s de vrai muscade”

Konkurrenz hin, Rivalität her. Dass die Île de Ré ebenso wie die Île d’Oléron einen Leuchtturm besitzt, hat sicher ganz praktische Gründe. Den 57 Meter hohen “Phare des Baleines”, der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde, finden wir in Sichtweite zu einem noch älteren Turm aus dem Jahre 1682. Der hat mit seinen 22 Metern Höhe als Orientierungspunkt allerdings keine Bedeutung mehr und dient heute nur noch als Museum.

Was den Leuchtturm zu einem besonderen Erlebnis macht, ist zum einen der Aufstieg zur Aussichtsplattform. Schon das Treppenhaus mit seinen gezählt 257 Stufen ist nicht nur ein kleiner Kraftakt, sondern ein optischer Leckerbissen. Das andere Highlight ist der grandiose Blick von oben. Dabei sieht man auch auf den Plage de la Conge herab. Der ist so attraktiv, dass er einst als Kulisse für den Film “Der längste Tag” ausgewählt wurde, obwohl der eigentlich von der Invasion in der Normandie handelt.

Schon einmal hier, machen wir einen kleinen Umweg über Les Grilleux. Der kleine Ort mit seinen typischen weißen Häusern, die liebevoll mit bunten Fensterläden und Türen dekoriert sind, hat es uns angetan und ist typisch für die Inselarchitektur. Tja, für spannende Bilder scheuen wir eben keinen Weg.

Ein Fazit, warum nicht?

Wenn wir jetzt, nach so viel Eindrücken, die Spieglein-Frage vom Anfang doch beantworten, müssen wir festhalten, beide Eilande sind idyllisch und sie bieten für Besucher nicht nur Erholung sondern viel Raum für jede Menge Aktivitäten. Sie sind ein Traum für Naturliebhaber, Sportbegeisterte. Aber auch für Leute, die einfach nur einen klassischen Strandurlaub planen und vor ihrem Wohnwagen sitzend eine gemütliche Zeit verbringen. Keine Frage, beide Inseln gefallen uns sehr gut. Für ein Ranking, wenn es denn sein soll, tendieren wir dazu, die Île de Ré auf den ersten Platz zu setzen. Sie ist gefühlt schöner, besitzt die interessanteren Sehenswürdigkeiten, und ist mit ihren Bilderbuch-Ortschaften einfach besser aufgestellt. Die Ile d’Oléron, die auch ihren Charme hat, rustikaler vielleicht, nimmt man die Dörfer dazu, wird leider nur Zweiter. Aber, das müssen wir konstatieren, sie hat dafür die größeren Strände und mehr Wälder.

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